Konrad Heiden

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Konrad Heiden
Konrad Heiden

Konrad Heiden (Pseudonym: Klaus Bredow; * 7. August 1901 in München; † 18. Juni 1966 in New York City) war ein deutscher Journalist und Schriftsteller.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben und Werk

In der Zeit der Weimarer Republik war er SPD-Mitglied und einer der frühesten publizistischen Beobachter der NS-Bewegung. In den 30er Jahren schrieb er die erste bedeutende Biographie Adolf Hitlers.

Als Journalist beobachtete er seit Beginn der 20er Jahre die politische Szene Münchens und erlebte so Hitlers frühe Anfänge ab 1921 mit. Die Weltanschauung der Nationalsozialisten brachte er auf die Formel: „Marsch ohne Ziel, Taumel ohne Rausch, Glauben ohne Gott.“

Heidens 1936 im Zürcher Exil veröffentlichtes Werk Adolf Hitler. Das Leben eines Diktators - Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit nennt der Historiker John Lukacs die „erste substanzielle Studie über Hitler“. Er bescheinigt Heiden, Hitler über viele Jahre mit intensivem Interesse nachgeforscht zu haben: „Seine Darstellung von Hitlers Leben und Laufbahn war voller Details und oft bemerkenswert exakt.“ Unter den zahlreichen Hitler-Biographien von heute gibt es kaum eine, die nicht auf den authentischen Beschreibungen dieses Werks aufbaut, obwohl der Autor selbst weitgehend vergessen ist. Es gibt keine Biographie über Konrad Heiden und keine Neuauflagen seiner Bücher.

[Bearbeiten] Jugend, Ausbildung und Werdegang

Konrad Heiden wurde am 7. August 1901 in München geboren. Sein Vater war Arbeitersekretär und SPD-Stadtverordneter in Frankfurt am Main. Seine Mutter, Jüdin, starb 1906, der Vater 1916. Von September 1901 bis März 1920 lebte er in Frankfurt am Main. Die Eltern wurden 1905 geschieden. Von 1908 bis 1910 besuchte Heiden die Mittelschule in Frankfurt am Main. Von 1911 bis 1919 besuchte er das Gymnasium, ebenfalls in Frankfurt am Main. Von 1920 bis 1923 studierte er Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in München. 1922 wurde er Vorsitzender der Republikanischen Studentenunion. Heiden lebte bis 1929 in München. 1923 bis 1930 war er Korrespondent und Redakteur der Frankfurter Zeitung in München und Mitarbeiter der Vossischen Zeitung. 1930 organisierte Heiden in Berlin einen Pressedienst, der sich mit der Nazi-Propaganda auseinandersetzte. 1930 bis 1932 war er Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung in Berlin, ab 1932 freier Journalist und Schriftsteller. 1932 erschien sein erstes Buch Geschichte des Nationalsozialismus - Die Karriere einer Idee, erschienen bei Rowohlt, Berlin, in 5000 Exemplaren.

[Bearbeiten] Zeit des Nationalsozialismus, Exil und schriftstellerische Tätigkeit

1933 ging Heiden ins Exil und hielt sich illegal im Saarland auf. Von Juni bis Dezember 1933 war er in Zürich, bis Januar 1935 in Saarbrücken. Unter dem Pseudonym Klaus Bredow verfasste er zwei getarnte Kampfschriften zur Beeinflussung der Volksabstimmung über das Saarland: Hitler rast - Die Bluttragödie des 30. Juni 1934 und Sind die Nazis Sozialisten? Heiden war Mitredakteur der Zeitschrift Deutsche Freiheit in Saarbrücken. Nach der Saarabstimmung am 13. Januar 1935 floh Heiden nach Frankreich. 1933 bis 1936 war Konrad Heiden neben rund 20 Emigranten und nichtdeutschen Helfern, wie Albert Einstein, Heinrich und Thomas Mann, Romain Rolland und Wickham Steed Mitglied im „Freundeskreis Carl von Ossietzky“. Sie richteten Appelle an das NS-Regime, in denen sie die Entlassung Ossietzkys aus der KZ-Haft verlangten und reichten beim norwegischen Nobelpreiskomitee den Vorschlag ein, Ossietzky den Friedensnobelpreis zu verleihen. Im Rahmen dieser Kampagne entstand eine kleine Broschüre, in denen Prominente unterstützende Beiträge schrieben. Konrad Heiden steuerte den Beitrag Friedenspreis - Charakterpreis bei. 1934 erschien sein zweites Buch Geburt des Dritten Reiches, erschienen bei Oprecht in Zürich. 1936 bis 1937 erschien im Europa-Verlag in Zürich eine zweibändige Hitlerbiographie, zugleich mit englischen, amerikanischen und französischen Ausgaben (Erster Band: Adolf Hitler - Das Leben eines Diktators - Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit, verbreitet in 31000 Exemplaren, zweiter Band: Adolf Hitler - Eine Biographie - Ein Mann gegen Europa, verbreitet in 15500 Exemplaren). Von Januar 1935 bis Mai 1940 hielt sich Heiden in Paris auf. Er war Chefredakteur der bedeutenden Exilzeitschrift Das neue Tagebuch, herausgegeben von Leopold Schwarzschild. 1937 erschien sein Buch Europäisches Schicksal beim Querido-Verlag in Amsterdam. Im Januar 1937 wurde Konrad Heiden aus Deutschland ausgebürgert; sein Vermögen wurde beschlagnahmt und ihm wurde die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. 1939 erschien bei Starling Press, New York, sein Buch The new Inquisition; gleichzeitig erschienen in Paris unter dem Titel Les Vepres Hitleriensis. Heiden beschreibt darin den Judenpogrom vom 8./9. November 1938. Dieses Buch ist bisher nicht in deutscher Sprache erschienen. Ein deutschsprachiger Typoskript mit dem Arbeitstitel Nächtlicher Eid befindet sich in der Zentralbibliothek Zürich. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde Heiden in Frankreich interniert. Als die Deutschen im Frühsommer 1940 die französische Armee überrannten, ließ man ihn frei, und es gelang ihm, nach den Vereinigten Staaten zu fliehen. Er war einer der mehr als 2200 Menschen, denen Varian Fry die Flucht über Lissabon ermöglichte. Mit Hilfe des „International Rescue Committee“ erhielt er einen falschen tschechoslowakischen Pass auf den Namen David Silberman. In Lissabon bekam er ein amerikanisches Visum. Seit Oktober 1940 lebte Heiden in den USA. Bis März 1941 hielt er sich in New York City auf, Juni bis Dezember 1941 lebte er in San Francisco, dann wieder in New York. Am 19. Februar 1942 erhielt er die „Alien Registration Cards pink and yellow“ mit Foto und auf den eigenen Namen. 1944 erschien sein Buch Der Führer - Hitler's Rise to Power, erschienen bei Haughton Mifflin. Es fand große Verbreitung über den Book-of-the-Month-Club in den USA und über den Left-Book-Club in Großbritannien - 57000 Mitglieder (bisher nicht in deutscher Sprache erschienen). Dies war sein am meisten beachtetes und verbreitetes Buch.

[Bearbeiten] Nach dem Zweiten Weltkrieg

Vom Dezember 1951 bis zum Mai 1952 bereiste er per Flug Deutschland, das erste Mal nach dem Krieg. 1952 bis 1961 schrieb Heiden wöchentliche Beiträge für den Süddeutschen Rundfunk Stuttgart für die Viertelstundensendung „Streiflichter aus Amerika“ sowie Beiträge für Radio Bremen. Ab 1954 verfasste Heiden für den Süddeutschen Rundfunk monatliche Hörberichte unter dem Titel „Vier Wochen Amerika“ und Publikationen in amerikanischen Zeitschriften, u. a. im Life Magazine.

[Bearbeiten] Krankheit und Tod

In dieser Zeit verschlimmerte sich seine Parkinson-Erkrankung, was seine Arbeit beeinträchtigte. Heiden erhielt die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er lebte jetzt die meiste Zeit in Orleans, Massachusetts. Konrad Heiden war zwar nicht verheiratet, hatte aber eine Lebensgefährtin, Margaret A. Van Weert, die im April 1961 starb. 1962 wurde Heiden nach zwei Operationen am Kopf ein Pflegefall. Zu eigenen Arbeiten war er kaum noch in der Lage. Am 18. Juni 1966 starb Konrad Heiden im „Beth Abraham Hospital“ in der Bronx, New York.

[Bearbeiten] Texte von Konrad Heiden

[Bearbeiten] Aus dem Vorwort zu „Der Führer - Hitler's Rise to Power“

„Es ist jetzt 23 Jahre her, dass ich zum ersten Mal eine Veranstaltung der Nationalsozialisten besuchte, Herrn Hitler aus nächster Nähe sah (ohne große Freude), und die Flut von Unsinn hörte - oder es erschien mir wenigstens damals so - die er von sich gab ... 1923 versuchte ich als Vorsitzender einer kleinen, demokratischen Studentenorganisation an der Universität München mit allem Ernst der Jugend und ohne jeglichen Erfolg Hitler mit den Mitteln von Protestmärschen, Massenveranstaltungen und riesigen Plakaten unwirksam zu machen. Und deshalb bin ich berechtigt, mich selbst als den ältesten - oder einen der ältesten - Anti-Nazis in den USA zu nennen, denn es können nicht viele in diesem Lande sein, die zu so einem frühen Zeitpunkt in Konflikt mit Adolf Hitler und seiner Handvoll Mitstreiter kamen.“

„1920 und in den folgenden Jahren haben meine Freunde und ich unsere Boxkämpfe und anderen Auseinandersetzungen mit den Nationalsozialisten sicherlich nicht als Versuch verstanden, der Karriere des modernen Dschingis Khan ein frühzeitiges Ende zu setzen, und ich hätte jeden ausgelacht, der damals prophezeit hätte, dass dies der Anfang einer neuen weltgeschichtlichen Epoche war.“

[Bearbeiten] „Das Leben Adolf Hitlers“ - Porträtskizze

Am 7. Juni 1952 erschien unter dem Titel „Das Leben Adolf Hitlers - Porträtskizze von Konrad Heiden“ folgender Beitrag in der (FAZ ):

Konrad Heiden hatte in jungen Jahren in München Gelegenheit, die Entstehung der nationalsozialistischen Bewegung in der Nähe mitzuerleben. Schon in den ersten Anfängen Hitlers im Jahre 1921 wohnte er seinen Versammlungen bei. Seitdem kämpfte er unablässig gegen den Nationalsozialismus. Er kann mit Recht von sich sagen, dass er einer der ältesten Antinazis ist. Nach der „Machtergreifung“ musste er Deutschland verlassen. Er lebt jetzt in Kalifornien.
Heiden ist der Historiker des Nationalsozialismus geworden. Er veröffentlichte u. a. folgende Bücher: „Die Geburt des Dritten Reiches“, „Adolf Hitler - Ein Mann gegen Europa“ und „Der Führer“.
Ein Berg von Trümmern und Toten, und inmitten, in einem verschütteten Loch, eine zerfetzte Leiche - das blieb von Adolf Hitler. Ganz Deutschland ist sein verwüstetes Grab.
Er kam aus dem Nichts, und er verschwand im Nichts. Das Nichts, aus dem er kam, war ein Obdachlosenasyl in Wien; das Nichts, in dem er verschwand, heißt heute Deutschland, eine Ruine von Volk und Land, seine letzte, gräßlichste und echteste Schöpfung.
Er war ein Genie des Hasses. Er haßte alles und alle, beginnend mit sich selbst. Er verachtete alle Menschen, weil er sich selbst kannte, und nur sich. Aus fast blinder Beschränktheit entsprang seine fürchterliche Kraft, die Mit- und Nachwelt ihm nicht abstreiten werden.
Bis zum fünfundzwanzigsten Jahr lebte er, erst in Wien, dann in München, als meist arbeitsloser und stets arbeitsscheuer Vagabund, entweder in Asylen oder als unterstützter Gast bei zufälligen Freunden. Seine wirklichen Gaben sollen hier nicht verkleinert werden - die des gleichmäßigen Fleißes war nicht unter ihnen. Die der künstlerischen Schöpfung auch nicht, obwohl er es geglaubt hat.
Dann hatte er das Glück, dass der erste Weltkrieg ausbrach, wie für ihn bestellt. Hitler wurde vom deutschen Heer aufgenommen In diesem Heer fand er auch sein Brot. Der Krieg gab ihm zum erstenmal eine Heimat. Von dieser Heimat kam er nie wieder los - zum Unheil für Deutschland, zum Unheil für die ganze Welt.
Auch hier soll nicht bestritten werden, dass er ein tapferer Soldat war; doch war es eine blinde, gewissermaßen untüchtige Tapferkeit. Nicht einmal zum Unteroffizier war er brauchbar.
Nach dem Kriege verdiente er sein Brot als politischer Spitzel der Reichswehr. Er rühmte sich selbst, politische Gegner ans Messer geliefert zu haben. Mit Hilfe einiger einflußreicher Offiziere gründete und organisierte er dann die nationalsozialistische Partei - nicht „allein und unbekannt“ oder „nur mit sieben Mann“, wie er behauptet hat. Mit Hilfe der Reichswehr erwarb er die Mittel den „Völkischen Beobachter“ zu kaufen und seine Sturmabteilungen aufzubauen. Seinen wichtigsten Helfer bei diesem Geschäft, den damaligen Reichswehrhauptmann Ernst Röhm, hat er zum Dank später ermordet.
Als Mensch mit Privatleben und Beruf war er in normalen Zeiten gescheitert; als Politiker und Agitator wuchs er im anfänglichen Zerfall Deutschlands nach dem ersten Weltkrieg erstaunlich rasch. Seine Beredsamkeit des Hasses und der Menschenverachtung machte in jenen Zeiten der Zersetzung und der Mutlosigkeit auf viele Eindruck; er lehrte sie wenigstens hassen, wenn sie nicht mehr zu hoffen wagten. Fast am überzeugendsten vermochte er seine Lehre des Rassenhasses vorzutragen.
Mit der sogenannten jüdischen Frage haben sich viele Menschen in und außer Deutschland beschäftigt. Aber die krankhafte Ausweitung des Problems zu jenen schmutzigen Phantasien von Blutvergiftung und Rassenschande, die dann später in Deutschland sogar Gesetz wurden, stammt von Adolf Hitler.
Was er nach dem ersten Weltkrieg am meisten fürchtete, war ein rasches Wiedererstarken Deutschlands; die Wiederherstellung friedlicher Beziehungen zu den ehemaligen Kriegsgegnern erfüllte ihn mit Schrecken. Er sagte wörtlich: „Das größte Unglück wäre ein sogenanntes Wohlergehen. Wir würden aufhören, Frankreich zu hassen.“
Hitlers Münchener Putsch scheiterte im Jahre 1923 an der Vernunft von Volk und Regierung. Die deutsche Inflation endete, große Anleihen strömten nach Deutschland, eine Zeit der wirtschaftlichen Blüte begann. Die nationalsozialistische Bewegung Hitlers zerfiel folgerichtig noch rascher, als sie aufgestiegen war. Fünf Jahre lang war das Häuflein der Hitlerianer ein Gespött in Deutschland.
Seit 1929 begann unter dem Druck einer noch furchtbareren, weltweiten Wirtschaftskrise sich das ganze öffentliche Leben Deutschlands aufs neue zu zersetzen. Und Hitlers Bewegung schwoll wieder mächtig an. Abermals sprach er die Hoffnung aus, dass es den damaligen Regierungen nicht gelingen möge, die Krise zu meistern. Als dies gegen Ende 1932 doch zu gelingen schien, stürzte Hitlers Anhängerschaft jäh zusammen, an manchen Stellen fast auf die Hälfte. Darauf begann Hitler, systematisch die Katastrophe herbeizuführen. Er provozierte die Kommunisten zu schärferem Auftreten; gelegentlich ermunterte und unterstützte er sie sogar, wie beim Streik der Berliner Verkehrsarbeiter im November 1932. So erzeugte er absichtlich das Schreckbild eines drohenden kommunistischen Aufstandes und sagte dann: Nur er könne Deutschland retten. So kam er zur Macht, als seine Bewegung schon im Abstieg war. Die Lüge des angeblich von Kommunisten und Sozialdemokraten verursachten Reichstagsbrandes krönte diese Politik.
Es muß gesagt werden, dass Hitler seit 1930 beständig beteuerte, dass er den Frieden wolle; als Kanzler sagte er es noch lauter und leidenschaftlicher. Das deutsche Volk glaubte ihm seine Friedensreden; weite Kreise des Auslandes glaubten sie auch. Er fand im Ausland einen guten Willen, eine Bereitschaft zur Verständigung wie keiner seiner Vorgänger. Dies änderte sich auch nicht, als er zu rüsten, ein Heer aufzubauen und allmählich wieder zu drohen begann.
Er erfand ein System, die Nachbarländer von innen her zu unterwühlen, sie bisweilen durch offene Gewalttaten zu terrorisieren oder vor sogenannte vollzogene Tatsachen zu stellen. Es wurde ihm nachgesehen; er fand sogar Verteidiger, selbst Bewunderer. Vor der Geschichte kann Adolf Hitler nicht behaupten, dass ihm nicht ein erstaunliches Maß an gutem Willen entgegengebracht worden wäre.
Er hatte auch das Glück, dass ungefähr zur Zeit seines Regierungsantritts in der ganzen Welt die Wirtschaftskrise einer neuen Wirtschaftsblüte wich. Überall kehrten Arbeitslose zur Arbeit zurück und in Deutschland noch mehr als anderswo; denn hier wurde mit künstlichen und kostspieligen Mitteln, unter Verpulverung des Volksvermögens, eine gewaltige Rüstungsindustrie aufgebaut, die nur ein überaus erfolgreicher Krieg hätte bezahlen können. Die Fachleute warnten vergeblich.
Diesem Anfang und dieser Mitte ist jetzt das unvermeidliche Ende gefolgt. Im letzten, fürchterlichsten Zusammenbruch hat Adolf Hitler das deutsche Volk ganz unnütz seiner Eitelkeit geopfert.
Das Ende wäre, politisch und militärisch, kein Haarbreit anders ausgefallen, wenn er drei Monate früher nachgegeben hätte. Nur mit dem Unterschied: Deutschland stünde noch, seine Städte lägen nicht in Trümmern.
Es war vermutlich ungerecht, zu sagen: Er kämpfte unnütz weiter, um die eigene armselige Haut drei Monate länger zu retten. So sahen seine Beweggründe im allgemeinen nicht aus. Aber er hatte nicht die Seelenkraft, zu rechter Zeit sich selber zuzugeben, dass er verspielt hatte. Den Mut, zu sagen: Ich habe euch falsch geführt, brachte er nicht auf. Lieber ließ er Deutschland zugrunde gehen.
Nein, er liebte sein Volk nicht. Er verachtete, benützte und schlachtete es zuletzt - für nichts. Als nichts anderes mehr übrigblieb, arrangierte er seinen Heldentod unter den Trümmern von Berlin. Es wäre heldenhafter gewesen, davonzulaufen, solange noch etwas von Berlin stand.
Ein entseeltes Land sank zusammen und begrub ihn unter sich. Um den Kyffhäuser aus Schutt, unter dem er verschwand, kreisen jetzt die Raben und Hyänen, die er rief.
Das Leben, das Deutschland nun führen muß, ist entsetzlich. Aber nicht minder entsetzlich ist die moralische Öde und Ausgestoßenheit, in der das deutsche Volk sich heute befindet, abgesondert, gehaßt und verachtet von den anderen Nationen. Der verlorene Tote unter den Trümmern von Berlin war es, der sein Volk in diese Wildnis hinausstieß.
„Scheintot im Massengrab“ war eine grausig-burschikose Bezeichnung für das Entsetzlichste, was einem Menschen zustoßen könne. Wie viele Menschen in Deutschland haben davon gehört, dass bei den Henkerorgien der SS der scheußliche Witz mehr als einmal zur Wahrheit geworden ist, dass in versiegelten Güterwagen bei Dachau ganze Zugladungen von Menschen mitten im Bahnhofsgelände mehrere Tage hindurch zu Tode hungerten, unter den entsetzlichsten Durstqualen starben, dass aus den Haufen verwesender Leichen Menschen herausgezogen wurden, die noch atmeten, dass dieselbe, wohl fürchterlichste Art des Massenmordes in den Baracken von Buchenwald, Nordhausen, Belsen und anderswo stattfand, dass Menschen lebend in einem Schuppen verbrannt wurden, dass der Massenmord durch Giftgas in eigens hergerichteten Todessälen daneben fast noch menschlich anmutet.
Ja, auch das deutsche Volk hat in diesem Krieg Grauenhaftes ertragen müssen. Das von Monat zu Monat sich steigernde Bombardement der deutschen Städte, wie immer es militärisch gerechtfertigt werden mochte, war geeignet, unter den Getroffenen auch Gutwillige vielleicht aus dem moralischen Gleichgewicht zu werfen. Trotzdem: Nichts, gar nichts kann den vorbedachten, in grausamster Form vollzogenen Mord an wehrlosen Gefangenen rechtfertigen; Morde in einer Zahl, an die zu glauben das Gefühl sich noch immer sträubt. Das waren keine Rache- und Vergeltungsakte, die auch an sich noch immer Verbrechen an Unschuldigen gewesen wären. Nein, das war kaltblütig geplante und vorbedachte Schlächterei, das absolut Furchtbarste, von dem die ganze Weltgeschichte meldet - und die Geschichte ist, weiß Gott, nicht zimperlich.
Und der diese Schlächterei ausgedacht und befohlen hat, war der Tote von Berlin. Die sie ausführten, waren seine Besten, Edelsten und Treuesten, die er durch zwei Jahrzehnte zu diesem Blutwerk geschult und herangezogen hat.
Jetzt werden unter der unvermeidlichen Vergeltung Schuldige und Unschuldige zu leiden haben. Das ist das harte Los des Krieges, das harte Gesetz der Niederlage. Den Völkern der Welt erscheint keineswegs als erwiesen, was den meisten Deutschen vermutlich als selbstverständlich gilt, dass diese Massenmorde ohne ihr Wissen und sicher gegen ihren Willen stattgefunden haben. Die Völker, die die Opfer dieser Greuel waren, antworten heute - und bestenfalls - fast einstimmig: Wenn ihr das Grauenhafte nicht gewollt habt, so habt ihr es jedenfalls zugelassen. Es ist, in der Erregung eben überstandener Qual, fast unmöglich, sie dahin zu bringen, dass sie den Unterschied zwischen politischer Verantwortung für ein Regime und moralischer Mitschuld an seinen Taten sehen.
Künftige Geschichtsschreibung wird die Gründe dafür angeben, warum Deutschland dieses Regime angenommen und so lange bis zur Selbstzerstörung ertragen hat. Sie mag diese Gründe sogar verstehen lernen. Die Gegenwart blickt nicht so weit und tief.
Auch in Russland, Polen, England, Frankreich liegen zahlreiche Städte in Asche und Trümmern, und mit diesen Städten fing es an, nicht mit den deutschen.
Unter den Opfern der nationalsozialistischen Todesfabriken sind auch Tausende von Deutschen gewesen; deutsche Antinazis, Antifaschisten. Die Welt ist heute nicht geneigt, viel Notiz von ihnen zu nehmen. In der Politik gilt der Erfolg, und diese deutschen Antinazis haben das Grauen, das sie zuletzt selbst verschlang, nicht verhindern können. Spätere Zeiten werden gerecht urteilen.
Argumente, Rechtfertigungen und Entschuldigungen liegen an sich nahe. Aber kein Erklären, kein Verständlichmachen mit Worten wird heute Deutschland viel helfen. Zu versöhnenden Taten mag noch lange die Gelegenheit fehlen. Das Beste, was Deutschland heute tun kann, ist, sich klarzumachen, wo es steht - in der Meinung der Welt steht.
Der moralisch Hauptschuldige ist durch Tod weiterer Strafe entzogen. Sage heute niemand: Er und seine Werke waren eben Abnormalität und Irrsinn; dergleichen steht jenseits menschlicher Zurechnungsfähigkeit. Nein, Hitler war nicht unzurechnungsfähig. Für das, was er wollte und plante, war er hochbegabt, wie ein Mensch überhaupt sein kann; das sittliche Vakuum, das er in sich trug, gehörte auch zu diesen Gaben. Aber wäre er noch ein geschickterer, wäre er selbst ein moralisch zehnmal besserer, ja, ein wirklich guter Mensch gewesen - zum Verhängnis hätte er auf dem Platze, auf dem er stand, dennoch werden müssen: sich, seinem Volke, der Welt. Denn kein Mensch ist groß, edel und vertrauenswürdig genug, einen solchen Platz auszufüllen, und kein Mensch mit sittlichem Verantwortungsgefühl hätte ihn angestrebt. Daß Hitler diesen Platz verlangte, hätte ihn allein schon richten sollen. Zum mindesten vor 1933 gab es genug Deutsche, die das auch erkannten. Wenn sie jetzt von neuem lernen und nie wieder vergessen, dann mag selbst die heutige, entsetzliche Katastrophe der deutschen Geschichte in späterer Zukunft noch irgendeinen Segen stiften.

[Bearbeiten] Werke

  • Geschichte des Nationalsozialismus - Die Karriere einer Idee erschienen bei Rowohlt, Berlin, 1932, 296 S. in 5 000 Exemplaren.
  • Geburt des Dritten Reiches - Die Geschichte des Nationalsozialismus bis 1933 erschienen beim Europa-Verlag, Zürich, 1934, 272 S.
  • Unter Pseudonym Klaus Bredow Verfasser zweier getarnter Kampfschriften zur Beeinflussung der Saarabstimmung:
    • Hitler rast - Die Bluttragödie des 30. Juni 1934, 1934, 72 S.
    • Sind die Nazis Sozialisten?, 1934.
  • Zweibändige Hitlerbiographie erschienen im Europa Verlag in Zürich, 1936-1937.
    • Erster Band: Adolf Hitler - Das Leben eines Diktators - Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit, Europa-Verlag, Zürich, 1936, 447 S., verbreitet in 31 000 Exemplaren. (Zugleich mit englischen, amerikanischen und französischen Ausgaben erschienen.)
    • Zweiter Band: Adolf Hitler - Eine Biographie - Ein Mann gegen Europa, Europa-Verlag. Zürich, 1937, 390 S., 15 500 Exemplare.
  • Europäisches Schicksal, Querido Verlag, Amsterdam, 1937, 247 S.
  • The new Inquisition, erschienen bei Starling Press, New York, 1939, translated by Heinz Norden, 188 S.. Gleichzeitig erschienen in Paris unter dem Titel Les Vepres Hitleriensis (bisher nicht in deutscher Sprache erschienen).
  • Der Fuehrer - Hitler's Rise to Power, erschienen bei Haughton Mifflin, Boston, 1944, translated von Ralph Manheim, 788 S. Das Buch fand große Verbreitung über den Book-of-the-Months-Club in USA und über den Left Book Club in England - 57.000 Mitglieder (bisher nicht in deutscher Sprache erschienen).

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Quellen

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