Konrad Theodor Preuss

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Konrad Theodor Preuss (* 2. Juni 1869 in Preußisch-Eylau, heute Bagrationowsk, Russisches Kaiserreich; † 8. Juni 1938 in Berlin) war deutscher Ethnologe, der während mehrerer Reisen durch Lateinamerika, u.a. drei Monate mit dem indigenen Volk der Uitoto in Kolumbien lebte.

Werdegang[Bearbeiten]

Konrad Theodor Preuss war Sohn des evangelischen Kreissekretärs Theodor Preuss († 1869) und dessen Frau Johanna, geb. Krupinski. So lag es an der Mutter, sich um die Erziehung und Ausbildung des Sohnes zu kümmern. Preuss wurde, wie er im Lebenslauf zu seiner Dissertation erwähnt, in der evangelischen Religion erzogen. Den ersten Unterricht erhielt er an einer Privatschule (Predigerschule) seiner Heimatstadt, von wo er anschließend an das Realgymnasium auf der Burg zu Königsberg wechselte. Dort legte er zu Ostern 1887 (2. März) die Reifeprüfung ab, und arbeitete zunächst als Kaufmann: "Aus äußeren Gründen", vermerkt er in seiner Vita, "ergriff ich zunächst den Beruf eines Kaufmannes, gab ihn aber in Folge meines Verlangens zu studieren nach einem Jahr wieder auf." Am 24. September legte er am Altstädtischen Gymnasium die Ergänzungsprüfungen in Latein und Griechisch ab, um sich fortan dem Studium der Geographie und Geschichte an der Albertus-Universität Königsberg widmen zu können. Besonderen Dank hegt er für die Baronin von Hoverbeck, die durch Ihre Güte seine Entscheidung zu studieren unterstützte. Seine einflussreichsten Lehrer waren Dr. Prutz, Rühl und Erler (im Fach Geschichte - historisches Seminar), sowie Dr. Hahn (Geographie). Am 24. September 1894 promovierte er mit der Arbeit über „Die Begräbnisarten der Amerikaner und Nordostasiaten“. Hier kann man bereits seine Vorliebe für die Amerikanistik, aber auch für die vergleichende, religionswissenschaftliche Betrachtung orten. Bereits in der Einleitung weist er auf darauf hin, dass Begräbnisarten in einem Zusammenhang dargestellt werden sollen, um eine Grundlage für die Erklärung und die Ursachen anbieten zu können. Die Bestattungsarten würden sich besonders eignen, Sie (die Amerikaner und Nordostasiaten) hierin als Vertreter der gesamten Menschheit anzusehen. Von ganz besonderem Interesse erscheint die These der Zaubertheorie, wenn wer postuliert: "Die Behandlung Toter als lebend kann meistens durch den Glauben an eine Wechselwirkung zwischen Seele und Körper und die Meinung, dass noch Leben in dem Toten sei, erklärt werden; sie braucht dazu die Theorie des Animismus nicht." Zehn Jahre später wird er schreiben: "In der Tat - die verworrenen Fäden des primitiven religiösen Denkens sind durch den Animismus in keiner Weise gelöst."[1] Danach wechselte er für ein halbes Jahr an die Friedrich-Wilhelms-Universität, um weiterhin Geographie aber auch Völkerkunde zu vertiefen. Am 16. März 1895 unterzog er sich mit Erfolg der Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen. Schon gegen Ende März desselben Jahres trat er als Volontär am Museum für Ethnologie in Berlin ein. Seine ersten Aufgabengebiete waren die Abteilungen für Afrika und Ozeanien, erst später Amerika. Bereits zu dieser Zeit wurde das Interesse an "amerikanischen" Sprachen in Ihm geweckt, weil er sie als Schlüssel für das Bewusstsein und die Psyche (Seele) der indigenen Völker sah. Die weiteren Stationen seiner Laufbahn waren die Ernennung zum Direktorialassistent am Museum im Jahr 1900, zum Kustos als Nachfolger von Eduard Seler 1908 und die Amtsbezeichnung Professor 1912. Durch seinen Aufenthalt am Museum hat er einen Großteil des Aufbaues der ethnologischen Sammlung in Berlin miterlebt. Nach seiner Habilitation an der Universität Berlin hielt er ethnographische und archäologische Vorlesungen, die ganz Amerika behandelten. Zusammen mit Professor Diedrich Westermann organisierte er ein interdisziplinäres, religionswissenschaftliches Kolloquium, bei dem Forscher aller verwandten Richtungen referierten. Die Veranstaltungen fanden ein bis zweimal im Monat zuerst im Schloss, später im Orientalischen Seminar statt. Große Verdienste erwarb er sich auch in der religionswissenschaftlichen Gesellschaft in Berlin, war Ehrenmitglied einiger Akademien und erhielt 1916 den Herzog von Loubat Preis. Am 15. November 1920 wurde er mit der Leitung der nord- und mittelamerikanischen Abteilung beauftragt, noch im gleichen Jahr (23. Dezember) bekam er die Dienstbezeichnung Direktor. Dennoch wollte er seine Lehrtätigkeit nicht aufgeben und wurde 1921 Dozent an der Berliner Universität. Seinen dienstlichen Ruhestand trat er 1934 an, was aber nicht das Ende seiner wissenschaftlichen Betätigung bedeutete. Konrad Theodor Preuss starb am 8. Juni 1938 infolge eines Herzschlags in Berlin. Dazu: „Preuss hat dann von Baumann einen Brief bekommen, in dem es sich um die Göttinger Besprechung und die Vorstandswahlsitzung der Anthropologischen Gesellschaft handelte, und ist nach der Lektüre dieses Briefes einem Herzschlag erlegen. Das ist mir von Frau Preuß selbst wiederholt erzählt worden.“[2]

1905 bis 1907 unternahm er Forschungsreisen nach Mexiko zu den Cora und Huicholes der Sierra Madre Occidental. 1912 habilitierte er sich zum Professor für Ethnologie. Er hielt Vorlesungen über Ethnographie und Archäologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität, Berlin. Während eines Forschungsaufenthaltes in Kolumbien 1913 bis 1919 leitete er 1913/15 archäologische Ausgrabungen in der Nähe von San Augustín, außerdem unternahm er Feldforschungen bei den Uitoto im kolumbianischen Amazonasgebiet (1914) und bei den Kággaba (Kogi) der Sierra Nevada de Santa Marta (1915).

Das 1914 erschienene Buch „Die geistige Kultur der Naturvölker“ (Aus Natur und Geisteswelt 452) gab eine neue Sicht auf die außereuropäischen Kulturen insgesamt und stellte den grundsätzlichen Unterschied von Natur- und Kulturvölkern in Frage: „Tatsächlich enthalten aber jene scheinbar dürftigen Fortschritte bereits die Anwendung fast all der Fähigkeiten des Denkens und Fühlens, die unsere Kultur hervorgebracht hat.“[3]

Ab 1920 leitete Preuss die Nord- und Mittelamerika-Abteilung des Berliner Museums für Völkerkunde. Er war Mitglied der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, deren Vorsitz er übernehmen sollte. Am Morgen nach seiner Zusage starb er 1938 an einem Herzschlag.[4] Diaz de Arce, Norbert: "Im Grunde bin ich ein unpolitischer Mensch, der nur seiner wissenschaftlichen Tätigkeit nachgeht. Der Fall Krickeberg" (S.163-196). In Wolff (Hrsg.) "Die Berliner und Brandenburger Lateinamerikaforschung in Geschichte und Gegenwart". WVB Berlin.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • 1918: Stanislaus-Orden IV. Klasse
  • 1928: Mitglied der Königlich-Niederländischen Akademie der Wissenschaften
  • 1928: Mitglied der Finnischen Akademie der Wissenschaften, Helsinki
  • 1928: Mitglied der Academia Nacional de Historia, Quito
  • 1929: Ehrenmitglied der Anthropological Society of Washington
  • 1930: Ehrenmitglied der Societée des Américanistes de Paris
  • 1933: Ehrenprofessur des Museo Nacional de Arqueología, Historía y Etnografía, Mexico
  • 1934: Ehrenmitglied der Anthropologischen Gesellschaft Florenz
  • 1936: Komtur des Ordens von Boyacá, Kolumbien

Schriften[Bearbeiten]

  • Die Begräbnisarten der Amerikaner und Nordostasiaten. Dissertation , Königsberg 1894
  • Die Hieroglyphe des Krieges in den mexikanischen Bilderhandschriften, in: Zeitschrift für Ethnologie Jg. 1900, S. 109-145
  • Der Ursprung von Religion und Kunst. Globus; Bd. 86/87, 1904/1905
  • Unveröffentlichtes Tagebuch mit Feldnotizen. Columbien I Handgeschrieben, IAI Berlin, ca. 1913
  • Reisebrief aus Kolumbien, in: Zeitschrift für Ethnologie, Heft 11, 1914, S. 106-113
  • Die geistige Kultur der Naturvölker. Leipzig und Berlin 1914. Aus Natur und Geisteswelt 452, 2. Auflage 1923, S. 161-208.
  • Die geistige Kultur der Naturvölker, 1915
  • Religion und Mythologie der Uitoto. 2 Bände. Quelle der Religionsgeschichte. Göttingen 1921
  • Die höchste Gottheit bei den kulturarmen Völkern. Zeitschrift für Psychologie und ihre Grenzwissenschaften. Sonderabdruck aus Band II, Heft 3/4, 1922
  • Forschungsreise zu den Kagaba. Beobachtungen, Textaufnahmen und sprachliche Studien bei einem Indianerstamme in Kolumbien, Südamerika. 2 Bände, St-Gabriel-Mödling, Anthropos, 1926-1927

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Jungbluth: Konrad Theodor Preuss und seine religionsgeschichtlichen Grundanschauungen, Dissertation Bonn, 1933.
  • Fritz Rudolf Lehmann: Konrad Theodor Preuß (1869–1938). In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 71, 1938?, S. 145–150.
  • Emil Snethlage: Konrad Theodor Preuss. In Ethnologischer Anzeiger Band 4, S. 261-267. Stuttgart 1944 (Nachruf und Literaturliste).
  • Berthold Riese: Konrad Theodor Preuß, in Christian F. Feest u. Karl-Heinz Kohl (Hrsg.), Hauptwerke der Ethnologie, Kröner, Stuttgart, 2001, S. 366-371.
  • Berthold Riese: Preuss, Konrad Theodor. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 710 f. (Digitalisat).
  • Fischer, Manuela/Preuss K.Th.: Mitos Kogi, Coleccion 500 anos, Nr. 20, 1989.
  • Fischer, Manuela: Ordnungsprinzipien in den Mythen der Kagaba der Sierra Nevada von Santa Marta, Mundus Reihe Ethnologie Band 34, Holos, Bonn 1990.
  • Müller, Leopold Markus: Die Arbeiten von Konrad Theodor Preuss zu Kolumbien in einer theoriegeschlichen Analyse, Diplomarbeit Wien 2003.
  • Petersen de Pineiros, Gabriele: La lengua uitota en le obra de K.Th.Preuss: aspectos fonologicos y morfosintacticos. Bogota 1994.
  • Jauregui, Jesus/Neurath Johannes: Fiesta, literatura y magia en el Nayarit: ensayos sobre coras, huicholes y mexicanero de K. Th. Preuss. Mexico 1998.
  • Videos: ZDF 1994: Die Geister vom Fluss der Gräber: Indianermagie in Kolumbien. Serie Terra X.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. (Globus 1904, Band LXXXVI, Nr20, S.321)
  2. In: Nevermann an Generalverwaltung, 15. Mai 1947 (SBB PK HA: Dep.38, 644), in: Diaz de Arce, Norbert, "Die Berliner und Brandenburger Lateinamerikaforschung in Geschichte und Gegenwart, Gregor Wolff (Hrsg.), Berlin 2001
  3. Die geistige Kultur der Naturvölker, 1915, S. 3
  4. Norbert Díaz de Arce: Plagiatsvorwurf und Denunziation. Untersuchungen zur Geschichte der Altamerikanistik in Berlin (1900-1945), Dissertation, Berlin 2005, Kapitel 5