Konservatives Judentum

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Das Konservative Judentum (englisch Conservative Judaism or Masorti Judaism) ist eine im 19. Jahrhundert entstandene Denomination des Judentums, die aus dem amerikanisch-jüdischen Reformjudentum entstand. Im deutschsprachigen Raum wird es, zusammen mit dem Reformjudentum, dem progressiven Judentum und dem rekonstruktionistischen Judentum, zum liberalen Judentum gezählt.

Der Name konservatives Judentum ist seinem Wortsinn nach irreführend. Die Bewegung, die sich zwischen dem orthodoxen und dem Reformjudentum ansiedelt, hat verschiedene Gesetze und Praktiken des als orthodox bezeichneten Judentums nach ihren Bedürfnissen geändert und an die modernen Lebensbedingungen der Juden angepasst. Das Konservative Judentum teilt die Auffassung der anderen liberalen jüdischen Strömungen, dass die Offenbarung der schriftlichen Tora (hebräisch Lehre) und der mündlichen Tora (Mischna und Talmud) nicht von Gott „am Sinai wörtlich“ gegeben, sondern über einen längeren Zeitraum von Menschen gemacht wurde. Die heiligen jüdischen religiösen Schriften werden im konservativen Judentum mit Hilfe der historisch-kritischen theologischen Forschung, die im evangelischen Christentum entstand, neu verstanden.

Begriff[Bearbeiten]

Der Begriff „Konservatives Judentum“ (Conservative Judaism) wurde in den USA für eine Bewegung innerhalb des Judentums geprägt, die sich neben dem orthodoxen aus dem Reformjudentum zu einer eigenständigen Denomination abspaltete. Im deutschen Sprachbereich werden vergleichbare jüdische Gemeinden hingegen in der Regel als „liberale Gemeinden“ bezeichnet. In Israel wird das konservative Judentum „masorti“ (hebräisch ‏מסורתי‎ traditionell) genannt. Die hebräische Bezeichnung wird auch außerhalb Israels von einzelnen konservativen jüdischen Gemeinden verwendet, besonders in Großbritannien, aber auch in Deutschland. In Ungarn werden Reformgemeinden, die dem konservativen Judentum entsprechen, seit dem 19. Jahrhundert als „neolog“ bezeichnet.[1] Die aus dem Konservativen Judentum entstandene Bewegung des Rekonstruktionismus bildet seit 1968 eine eigene Denomination.[2]

Grundsätze[Bearbeiten]

Ziel der Bewegung des konservativen Judentums ist das Bewahren eines Teils der Tradition, soweit sie mit modernen Erkenntnissen und Lebensumständen vereinbar ist. Dahinter steht die Annahme einer historisch bedingten Veränderlichkeit des Judentums mit Bindung an die Halacha, d. h. an die rechtlichen Aspekte des Judentums bezüglich Ethik und Bräuche. Die neu-konservativ ausgelegte Halacha gilt als ihre „Grundnorm“. Es können diesbezüglich im konservativen Judentum rechtliche Grundlagen gelten, die von der bis heute praktizierten traditionell bewahrten (orthodoxen) Halacha abweichen, insoweit sie eine neukonservative Basis in der jüdischen Rechtsliteratur bekommen haben.

Mitglieder der konservativen Bewegung werden angehalten, die Speisegebote (Kaschrut) und die Ruhevorschriften für den Schabbat einzuhalten, wobei einige Regelungen etwas milder als in der Orthodoxie ausgelegt werden. Konservative Gemeinden halten sich außerdem weitgehend an die traditionell bewahrte Form der Liturgie.

Es gibt weitere Unterschiede zur Orthodoxie im Geschlechterrollenverständnis: Außer den neologen Strömungen setzt sich das neue konservative Judentum für eine konsequente Gleichberechtigung von Männern und Frauen ein, das konservative Rabbinerseminar in New York lässt seit 1984 Frauen zum Rabbinerstudiengang zu.

Auch wenn bei der Observanz (Einhaltung der religiösen Vorschriften) und der Liturgie eine gewisse Nähe zur Orthodoxie besteht, werden Entscheidungen konservativer Rabbiner vom traditionellen (orthodoxen) Judentum nicht anerkannt, da die Basis nicht mehr die gleiche traditionelle Halacha ist und die Torah nicht mehr als göttlich gegeben gilt. Konservative Übertritte werden, genau wie andere liberale Übertritte zum Judentum, bisher nicht vom Oberrabbinat des Staates Israel anerkannt.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Masorti- oder Konservative Judentum hat seine Ursprünge in Deutschland, als ihr Gründer gilt Rabbiner Zacharias Frankel (1801–1875), auf den sich auch das liberale Judentum zurückführt. Frankel war der erste Direktor des 1854 eröffneten Jüdisch-theologischen Rabbinerseminars in Breslau, das dem 1886 in New York gegründeten Jewish Theological Seminary, der zentralen Institution des Konservativen Judentums, Pate gestanden hatte. Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich das Konservative Judentum in den USA zur größten jüdischen Denomination, seit Anfang des 21. Jahrhunderts nimmt es hinter dem Reformjudentum den zweiten Platz ein.

Die positiv-historische Schule[Bearbeiten]

Für Zacharias Frankel bestand eines der Hauptmerkmale des Judentums darin, dass es seine religiösen Gebote und Gebräuche kontinuierlich den Zeiten und Umständen anpasst und somit historisch geprägt ist. Als Leiter des 1854 eröffneten Jüdisch-theologischen Rabbinerseminars in Breslau versuchte er Grundlagen eines „positiv-historischen“ Judentums zu entwickeln, das die jüdische Tradition als stabiles Element des Judentums bewahren, gleichzeitig aber eine Anpassung der Auslegung des jüdischen Rechts an die veränderten Gegebenheiten ermöglichen sollte. Frankel begründeten mit seiner innerhalb des Reformjudentums konservativen Haltung jedoch keine Bewegung in Deutschland.[2]

Entwicklung in den Vereinigten Staaten[Bearbeiten]

Als Auslöser für die Gründung eines Verbunds der konservativen jüdischen Gemeinden in den USA gilt das sogenannte „treifene Banquet“ (unkoscheres Bankett) bei der Abschlussfeier am Hebrew Union College in Cincinnati im Jahr 1883.[3] Konservative Absolventen des der Reformbewegung zugehörigen Colleges, die dagegen protestiert hatten, dass ihnen nichtkoschere Speisen serviert wurden und einige Rabbiner, denen die Reformen des Reformjudentums ebenfalls zu weit gingen, gründeten einen Verbund, dem sich einige in den USA alteingesessene sephardische jüdische Gemeinden sowie neuere aschkenasische von deutschen jüdischen Einwanderern gegründete Synagogen anschlossen, ohne dass jedoch eine einheitliche religiöse Ausrichtung angestrebt wurde. Gemeinsam war den Gemeinden, dass sie eine Integration ihrer Mitglieder in die nichtjüdische Umwelt im Alltagsleben befürworteten, bei den Religionsgesetzen, der Halachah, und bei der Liturgie aber an den überlieferten Traditionen und der hebräischen Sprache für die Gebete festhielten und lediglich die wöchentliche Predigt in der Landessprache akzeptierten.[2]

1886 wurde das Jewish Theological Seminary (JTS) in New York gegründet, das sich zur wichtigsten Institution des Konservativen Judentums entwickelte. Erster Präsident des Seminars war der aus Livorno stammende Rabbiner Sabato Morais (1823–1897),[4] sein Nachfolger wurde der aus England eingewanderte Rabbiner Henry Pereira Mendes (1852–1937), beide sephardische Juden, die führend an der Gründung des Seminars beteiligt gewesen waren. Zu den Vordenkern des Konservativen Judentums wird oft auch Isaac Leeser (1806–1868), der Gründer des ersten amerikanischen Rabbinerseminars, Maimonides College in Philadelphia, gezählt.[5]

Unterstützung erhielt das mit finanziellen Sorgen kämpfende JTS zu Beginn des 20. Jahrhunderts von vermögenden liberalen amerikanischen Juden, die hofften, eine modernisierte Form des traditionellen Judentums, wie es das Konservative Judentum darstellte, würde den Nachkommen der aus Osteuropa eingewanderten orthodoxen Juden die Integration in die amerikanische Gesellschaft und den Aufstieg in die Mittelschicht erleichtern. Unter Cyrus Adler (1863–1940) wurde der in England lehrende Solomon Schechter 1902 als akademischer Leiter des JTS gewonnen, der das JTS bis zu seinem Tod 1915 leitete. Schechter wird das Verdienst zugeschrieben, das JTS zu einer Einrichtung zur Ausbildung einer ganzen Generation von Rabbinern gemacht zu haben, durch die sich das Konservative Judentum in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur größten und wichtigsten jüdischen Bewegung in Nordamerika entwickelte.[2] 1913 wurde die „United Synagogue of America“ gründete, die später in „United Synagogue of Conservative Judaism“ umbenannt wurde, in der die Konservativen Gemeinden Nordamerikas zusammengeschlossen sind. Die Vereinigung der Konservativen Rabbiner, die „Rabbinical Assembly“ wurde 1919 gegründet.[6]

Entwicklung in Israel[Bearbeiten]

Hauptartikel: Masorti

In Israel fasste das konservative Judentum in den 1970er Jahren Fuß, in erster Linie dank der Einwanderung amerikanischer Juden, besonders auch Rabbiner, die der konservativen Richtung angehörten. 1979 wurde die Masorti Foundation for Conservative Judaism in Israel gegründet, in der die über 50 Masorti-Gemeinden mit ihren rund 50.000 Mitgliedern (Stand 2012) zusammengeschlossen sind.

Entwicklung in Deutschland nach 1945[Bearbeiten]

In Deutschland ist das konservative Judentum vor allem in Berlin vertreten, aber auch in der jüdischen Gemeinde Weiden.

Weiden in der Oberpfalz

Gesa Ederberg erhielt nach ihrem Studium der evangelischen Theologie, Physik, Judaistik und nach ihrem Übertritt zum Judentum 2002 ihre Semicha. Die liberale Rabbinerin Ederberg amtierte nach 2002 zunächst in der jüdischen Gemeinde in Weiden in der Oberpfalz.

Berlin

Gesa Ederberg war von 2002 bis 2008 Geschäftsführerin des Vereins Masorti. In Berlin wurde im Jahr 2002 auch das Masorti-Lehrhaus gegründet. Der Masorti e.V. in Berlin unterhält unter anderem einen jüdischen Kindergarten und kümmert sich um die sprachliche und religiöse Integration von Einwanderern aus den GUS-Staaten.

Seit Mitte 2006 amtiert Ederberg in der jüdischen Gemeinde zu Berlin, zuerst mit einer halben Rabbiner-Stelle. Seit Mitte 2007 amtiert sie auch offiziell als Gemeinderabbinerin. Zusammen mit der Kantorin Avitall Gerstetter liest sie in der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin aus der Tora.

Hamburg

In Hamburg gründete sich 2009 die Kehilat Beit Shira - Jüdische Masorti Gemeinde Hamburg e.V., hervorgegangen aus einem seit 2008 in Hamburg existierenden Masorti-Minyan. Die Gemeinde ist seit 2010 Mitglied im „European Council of Jewish Communities (ECJC)“.

Literatur[Bearbeiten]

  • David Golinkin, Michael Panitz: Conservative Judaism. In: Michael Berenbaum, Fred Skolnik (Hrsg.): Encyclopaedia Judaica, Band 5, Macmillan Reference USA, Detroit 2007, S. 171–177 Online: Gale Virtual Reference Library

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Rela Mintz Gefen: Judaism, Conservativ, Masorti, Neolog. In: Judith Reesa Baskin (Hrsg.): The Cambridge Dictionary of Judaism and Jewish Culture. Cambridge University Press, Cambridge 2011, ISBN 978-0-521-82597-9, S. 338ff.
  2. a b c d Yaakov Ariel: Conservative Judaism. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Band 2., Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, ISBN 978-3-476-02502-9, S. 31–36
  3.  Pamela S. Nadell: Conservative Judaism. In: Lindsay Jones (Hrsg.): Encyclopedia of Religion. 2. Auflage. Band 3, Detroit 2005, S. 1957–1966 (Online: Gale Virtual Reference Library).
  4.  Jack Reimer, Michael Berenbaum: Morais, Sabato. In: Michael Berenbaum, Fred Skolnik (Hrsg.): Encyclopaedia Judaica. 2. Auflage. Band 14, Detroit 2007, S. 471 (Online: Gale Virtual Reference Library).
  5.  Abraham Karp: Leeser, Isaac. In: Lindsay Jones (Hrsg.): Encyclopedia of Religion. 2. Auflage. Band 8, Detroit 2005, S. 5390 (Online: Gale Virtual Reference Library).
  6.  J. Gordon Melton (Hrsg.): Conservative Judaism. In: Melton's Encyclopedia of American Religions. 8. Auflage. Gale, Detroit 2009, S. 902–903 (Online: Gale Virtual Reference Library).