Konsonantenschrift

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Unter Konsonantenschriften versteht man Schriftsysteme, in denen nur oder primär Zeichen für Konsonanten verwendet werden.

Verbreitung[Bearbeiten]

Konsonantenschriften werden vor allem in Sprachen benutzt, deren Grundstruktur auf die Bezeichnung von Vokalen verzichten kann, ohne allzu große Verständnisschwierigkeiten oder Mehrdeutigkeiten zu verursachen. Die ist vor allem in den semitischen Sprachen der Fall, deren konsonantisch basierte Morphologie und Lexik der Ausbildung reiner Konsonantenschriften entgegenkam.

Terminologie[Bearbeiten]

Seit einem Aufsatz von Peter T. Daniels aus dem Jahr 1990 ist für Konsonantenalphabete bzw. Konsonantenschriften auch der Begriff Abdschad gebräuchlich geworden. Der Ausdruck ist analog zu Alphabet gebildet. Er stammt von ‏ابجد‎ abdschad, DMG abǧad, der arabischen Aussprache der ersten vier Buchstaben der alten nordwestsemitischen Alphabete (Ugaritisch, Phönizisch, Aramäisch etc.) und ursprünglich auch des arabischen Alphabets. Da der Begriff „Abdschad“ damit aber zugleich für eine der frühen Hauptsortierfolgen semitischer Alphabetschriftsysteme überhaupt steht, hat die zusätzliche Verwendung für einen Alphabetschrifttyp (in Abgrenzung zu Alphabet und Abugida) in den letzten 15 Jahren zu terminologischer Unklarheit in der Forschungsliteratur geführt, und die Terminologie von Daniels ist nicht ohne Kritik geblieben.[1] „Abdschad“ in Abgrenzung zu „Alphabet“ könnte auch dahingehend falsch verstanden werden, dass Konsonantenalphabete defizitär seien, weil ihnen Vokalzeichen fehlten. Dies ist jedoch unter Berücksichtigung der Struktur der semitischen Sprachen und der Lesetraditionen in den (nord-)semitischen Sprachen des 1. Jahrtausends v. Chr. eindeutig nicht der Fall.

Geschichte[Bearbeiten]

Die so genannten Konsonantenschriften entwickelten sich wahrscheinlich aus denjenigen ägyptischen Hieroglyphen, die jeweils nur eine Silbe bezeichneten, die einen einzigen Konsonanten enthielt. Die Anfänge der Konsonantenschrift reichen bis in die erste Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends zurück. Die proto-sinaitische Schrift und die Wadi-el-Hol-Schrift sind die ältesten erhaltenen Beispiele von Konsonantenschriften.

Alle bekannten Konsonantenalphabete gehören zur Familie der semitischen Schriftsysteme. Wenn diese Schriften später zum Schreiben nicht-semitischer Schriften angepasst wurden, sind die Vokale ergänzt worden und – nach Daniels'scher Terminologie – das Abdschad somit zum Alphabet geworden; das bekannteste Beispiel ist die Entwicklung des griechischen Alphabets aus dem phönizischen Alphabet. Tatsächlich wird aber bspw. auch die arabische Schrift etwa für Urdu alphabetisch verwendet, sodass konsonantisch immer nur Eigenschaft eines sprachabhängigen Schriftsystems sein kann und nicht auf das Skript an sich bezogen werden sollte.

Funktionsweise[Bearbeiten]

Charakteristisch für Konsonantenschriften ist, dass nur Konsonanten dargestellt werden. Jedoch entwickelte sich früh die Tradition, lange Vokale, die aus Diphthongen (vokalische Doppellaute) hervorgegangen waren, durch die jeweiligen zugrundeliegenden so genannten Halbkonsonanten zu bezeichnen. Auch so genannte Laryngale (von Larynx „Kehle“), die später schwanden, wurden zur Bezeichnung langer Vokale genutzt; desgleichen der Konsonant H, vor allem am Ende eines Wortes.

Die korrekte Aussprache von Wörtern zu erkennen, die in einer Konsonantenschrift geschrieben sind, kann schwierig oder gar unmöglich sein, wenn mehrere Möglichkeiten in Frage kommen, die Vokale zu ergänzen. Um solche Uneindeutigkeiten bei Bedarf auflösen zu können oder um Lernende zu unterstützen, können hebräische und arabische Texte mittels diakritischer Zeichen vokalisiert werden (siehe Taschkil).

Auch in der Stenografie wird mit dieser Verkürzung gearbeitet – besonders in der höchsten Stufe, der Redeschrift.

Beispiele[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Harald Haarmann: Universalgeschichte der Schrift. Campus, Frankfurt / New York 1991, ISBN 3-88059-955-6.
  •  Peter T. Daniels: Fundamentals of Grammatology. In: Journal of the American Oriental Society. Nr. 110, 1990, S. 727-731.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Reinhard G. Lehmann: "27-30-22-26. How Many Letters Needs an Alphabet? The Case of Semitic", in: The idea of writing: Writing across borders / edited by Alex de Voogt and Joachim Friedrich Quack, Leiden: Brill 2012, p. 11-52, bes. S. 22-27