Konsumgesellschaft

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Schaufenster eines Elektrohaushaltswarengeschäfts in St. Gallen, Schweiz.

Der Begriff Konsumgesellschaft bezeichnet in den Humanwissenschaften Gesellschaften, in denen die Befriedigung möglichst vieler Bedürfnisse nur durch Konsum gegen entsprechende Bezahlung möglich ist.[1]

Diese neutrale Begriffsbestimmung wird von einer bewertenden – konsumkritischen – Verwendung flankiert. Dabei umschreibt der Begriff verschiedene Aspekte moderner Lebensstile in industrialisierten Staaten, meist in kritischer oder pejorativer Absicht. Ähnlich verwendet werden die Begriffe Überflussgesellschaft, Wohlstandsgesellschaft oder auch Wegwerfgesellschaft. Gemeint ist damit meist eine Gesellschaft, die durch die industrielle Massenproduktion von kurzlebigen Wegwerfprodukten und einer auf das Image gerichteten Werbung geprägt ist.

Verschiedene weltanschauliche und fachliche Standpunkte vertreten konsumkritische Sichtweisen:

  • sozialistische Kreise (Schlagworte: Warenfetischismus und Entfremdung, Konsumkapitalismus)
  • Lager der Ökologiebewegung (Schlagworte: Ressourcenverschwendung, Umweltverschmutzung und mangelnde Nachhaltigkeit)
  • unterschiedlichste religiöse Richtungen (Schlagwort z. B.: „Tanz um das goldene Kalb“)
  • Psychologen und Soziologen melden Hinweise, dass übermäßiger Konsum zu Psycho- und Sozialpathologien führen kann. Unter anderem die Suizidrate, aber auch die Verbreitung von Süchten – stoffgebundenen (z. B. Alkoholsucht) sowie stoffungebundenen (z. B. Kaufsucht) – seien demnach Indikatoren einer folgend konsumkritischen Sichtweise.
  • Der indigene US-amerikanische Historiker Jack Forbes vergleicht den Konsum mit dem Kannibalismus: Der Konsument würde sich ganz ähnlich zum Kannibalen verhalten, indem er „die Dinge verzehrt", um sich ihre „Macht" einzuverleiben. Im Gegensatz zum Kannibalismus gleiche der moderne Konsument jedoch einem Süchtigen, dessen Habgier, Lüsternheit und Materialismus keinen Unterschied mehr mache, was er verzehrt. Er konsumiere demnach nicht nur Dinge, sondern im weitesten Sinne auch Mitmensch und Umwelt.[2] Forbes´ Interpretation der Konsumgesellschaft hat deutlichen Einfluss auf die moderne Kulturkritik.[3]

Der Medien- und Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz vertritt dagegen die Ansicht, dass eine globale Konsumgesellschaft die Welt befrieden könne.

Merkmale einer Konsumgesellschaft[Bearbeiten]

  1. Rapide Vermehrung der für Geld erhältlichen Güter durch Anstieg der Arbeitsproduktivität bei gleichzeitiger Standardisierung der Produkte und zunehmender Einflussnahme der Verbraucher auf Art und Menge der produzierten Güter (Konsumnachfrage).
  2. Zunehmende Konsumorientierung in der Gesamtgesellschaft, differenziert nach Art und Menge der konsumierten Güter (schichtenspezifische Konsumstandards).
  3. Tendenzielle Lenkung des Konsums durch große marktbeherrschende Unternehmen: Nach J. K. Galbraith ist die Konsumentensouveränität durch Macht eingeschränkt.
  4. Die Integration der Konsumenten durch die Weckung und Überformung von Bedürfnissen („Verführung“ durch Werbung, Vance Packard; „Konsumterror“, Herbert Marcuse) und durch marktmäßige Befriedigungsformen.
  5. Durch Werbung werden Marken generiert und Markenprodukte angeboten, deren Erscheinungsbild nichts mehr mit der Herstellung und dem Gebrauch zu tun hat.
  6. Produkte dienen als Sinnvermittler und Geschmackssphäre, sozial-demonstrativer Konsum wird zum Statussymbol.
  7. Die Betonung von Freizeit gegenüber der Arbeit. Die Aufmerksamkeit liegt mehr auf dem Konsumenten, weniger auf dem Produzenten.
  8. Gelegentlich wird auch der ausgeweitete Sozialkonsum als Folge des steigenden Sicherheitsbedürfnisses und als Merkmal der Konsumgesellschaft gesehen.
  9. Mit steigender Bildung und Einkommen zunehmende Markttransparenz (z.B. durch Warentests, Verbraucherverbände), Resistenzbildung gegen Werbung und Entstehung von Käufermärkten.
  10. So gilt auch eine ambivalente Einstellung gegenüber dem Konsum, Konsumkritik bzw. die Ablehnung übermäßigen Konsums als Merkmal einer Konsumgesellschaft.[4]

Trickle-down-Effekt[Bearbeiten]

Unter "Trickle-down-Effekt" versteht man die Durchsickerungsprozesse, bei denen sich im Falle der Konsumgesellschaft ehemalige Luxusprodukte und höherwertige Konsumgüter von den oberen auf die unteren Gesellschaftsschichten verbreiten und so zu einer allgemeinen Verbesserung der Konsum- und Lebensverhältnisse beitragen.[5] Ein Beispiel hierfür ist die Verbreitung von Baumwollkleidung in Deutschland. Diese wurde zunächst im Ausland angebaut und verarbeitet. Sie musste unter hohen Aufwand und Kosten importiert werden, sodass sie für niedere Gesellschaftsschichten nicht erhältlich waren. Erst durch den technologischen Fortschritt der Industrialisierung konnte im größeren Maße und kosteneffizienter produziert werden, was zur Verbreitung von Baumwollkleidung führte.

Engel'sche Gesetz[Bearbeiten]

Ernst Engel (1821-1896) war ab 1860 Direktor des Königlich Preußischen Statistischen Büros und beschäftigte sich vor allem mit Statistiken zum Konsum und zur Demographie. Das von ihm aufgestellte Gesetz beschreibt eine Gesetzmäßigkeit, wonach der Anteil des Einkommens, den ein Privathaushalt für die Ernährung ausgibt, mit steigendem Einkommen sinkt.[6] Dieses überschüssige Einkommen steht dann zum Konsum und damit zur Befriedigung von über die Grundbedürfnisse hinausgehende Bedürfnisse zur Verfügung.

Konsumgesellschaft in der Kunst[Bearbeiten]

In der Kunst spiegelte sich die Konsumgesellschaft u. a. in der Pop-Art wider, die die Erscheinungen der alltäglichen Konsumwelt thematisiert und abbildet bzw. mit vorgefundenen fertigen Objekten (etwa als Readymades) arbeitet. Sie kritisiert die Erscheinungen der bunten Warenwelt nicht notgedrungen – zum Teil ist zunächst uneindeutig, ob sie das ironisiert, kritisiert oder ob Arbeiten der Pop-Art sogar affirmativ wirken. Künstler wie Andy Warhol kritisierten die Konsumgesellschaft nicht, sie bejahten hemmungslos, teils grotesk:

„Als ich mal viel Geld hatte, bin ich sofort losgeschossen und habe meinen ersten Farbfernseher gekauft. Die Werbung für den ‚strahlenden Möbelglanz’ in schwarzweiß machte mich verrückt. Ich dachte, wenn ich die Werbung in Farbe sähe, würde vielleicht alles neu aussehen und ich bekäme wieder mehr Lust zum Einkaufen.“

Andy Warhol: Die Philosophie des Andy Warhol von A bis B und zurück

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

  • Manuel Schramm: Konsumgeschichte, Version: 2.0, in: [Docupedia Zeitgeschichte], 22. Oktober 2012

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dieter Haller (Text), Bernd Rodekohr (Illustrationen): Dtv-Atlas Ethnologie. 2. Auflage. dtv, München 2010, S. 157
  2. Jack D. Forbes: Die Wétiko-Seuche. Eine indianische Philosophie von Aggression und Gewalt Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1981.
  3. „In memoriam Jack D. Forbes (1934–2011)“ Artikel im Aktionsgruppe Indianer und Menschenrechte#Publikationen|COYOTE Nr. 91 / Herbst 2011
  4. John Brewer: Was können wir aus der Geschichte der frühen Neuzeit für die moderne Konsumgeschichte lernen? In: Hannes Siegrist u.a. (Hrsg.): Europäische Konsumgeschichte. Zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Konsums (18. bis 20. Jahrhundert). Frankfurt am Main, New York 1997, ISBN 3-593-35754-2, S. 51-74.
  5. Christian Kleinschmidt: Konsumgesellschaft: Grundkurs. UTB, Stuttgart 2008, S. 20.
  6. Christian Kleinschmidt: Konsumgesellschaft: Grundkurs. UTB, Stuttgart 2008, S. 22.

Siehe auch[Bearbeiten]