Kontextfreie Sprache
In der Theoretischen Informatik ist eine kontextfreie Sprache (englisch context-free language, CFL) eine formale Sprache, die durch eine kontextfreie Grammatik beschrieben werden kann. Eine kontextfreie Grammatik erlaubt einen definierten Leseprozess (Interpretation) von Ausdrücken einer formalen Sprache. Dabei kann zum einen entschieden werden, ob ein Ausdruck den Regeln der Grammatik entspricht, und zum anderen im Verlauf der Analyse ein Syntaxbaum erstellt werden. Ein Programm, das dies leistet, heißt Parser. Parser werden insbesondere zur Verarbeitung von Programmiersprachen verwendet. Auch in der Computerlinguistik versucht man, natürliche Sprachen durch Regeln kontextfreier Grammatiken zu beschreiben.
Kontextfreie Sprachen werden auch als Typ-2-Sprachen der Chomsky-Hierarchie bezeichnet. Die Klasse aller kontextfreien Sprachen beinhaltet die regulären Sprachen (Typ-3-Sprachen) und wird von der Klasse der kontextsensitiven Sprachen (Typ-1-Sprachen) umfasst.
Man spricht deshalb von kontextfreien Sprachen, weil die Regeln der kontextfreien Grammatiken immer vom Kontext unabhängig angewendet werden. Das unterscheidet sie von kontextsensitiven Grammatiken, deren Regeln auch vom syntaktischen Kontext abhängen.
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Charakterisierung [Bearbeiten]
Die Klasse der kontextfreien Sprachen entspricht der Klasse der von nichtdeterministischen Kellerautomaten akzeptierten Sprachen. Die von deterministischen Kellerautomaten akzeptierten Sprachen werden als deterministisch kontextfreie Sprachen bezeichnet und sind identisch mit der Klasse der LR(k)-Sprachen (vgl. LR(k)-Grammatik).
Beispiele [Bearbeiten]
Besteht ein Alphabet aus den Symbolen
und
, sind folgende Sprachen Beispiele für kontextfreie Sprachen:
Die Sprache
enthält die Wörter:
,
,
usw., also immer so viele
s wie
s. Wählt man statt
und
die Symbole
und
, entspricht das der korrekt verschachtelten Klammerung: etwa
oder
.
Die Sprache
enthält die Wörter
,
,
,
usw., also alle Wörter, die in der Mitte spiegelsymmetrisch sind. Da sie von vorne und hinten gelesen das gleiche Wort ergeben, sind es Palindrome.
Die Sprache
ist kontextsensitiv, aber nicht kontextfrei.
Kontextfreie Sprachen finden in der Definition der Syntax von Programmiersprachen Anwendung, es lassen sich zum Beispiel arithmetische Ausdrücke und allgemein korrekte Klammerstrukturen festlegen. Grenzen der kontextfreien Sprachen liegen bei kontextrelevanten Eigenschaften, wie z. B. der Typüberprüfung in Programmiersprachen, die sich nur durch kontextsensitive Grammatiken darstellen lassen. In der Praxis verwendet man aber kontextfreie Parser mit zusätzlichen Funktionen und Datenstrukturen.
In der Computerlinguistik werden mit kontextfreien Grammatiken natürliche Sprachen nachgebildet. Besteht ein Alphabet aus Wörtern einer Sprache, zum Beispiel
, kann man mit wenigen Regeln einfache Nominalphrasen konstruieren: Durch die Regeln
und
sind
und
korrekte Ausdrücke in der Grammatik.
Eigenschaften [Bearbeiten]
Die Klasse der kontextfreien Sprachen ist abgeschlossen unter der
- Vereinigung
- Spiegelung
- Konkatenation (Verkettung)
- Kleene-Stern
- Anwendung von Homomorphismen
- Inverser Anwendung von inversen Homomorphismen
- Durchschnittbildung mit regulären Sprachen
Sie ist nicht abgeschlossen unter
- Durchschnitt
- Gegenbeispiel: Die Sprachen
und
sind kontextfrei. Aber
ist nicht kontextfrei.
- Gegenbeispiel: Die Sprachen
- Komplement
- Widerspruchsbeweis: Seien
kontextfrei und kontextfreie Sprachen unter Komplementbildung abgeschlossen. Dann sind auch
kontextfrei. Wegen der Abgeschlossenheit unter Vereinigung und De Morgan folgt, dass
und damit
kontextfrei ist. Widerspruch: Es wurde bereits gezeigt, dass der Durchschnitt
nicht abgeschlossen ist.
- Widerspruchsbeweis: Seien
- Anwendung von logarithmisch platzbeschränkter Reduktion
- Symmetrischer Differenz
Der Abschluss unter Vereinigung lässt sich durch Konstruktion einer neuen, wiederum kontextfreien Grammatik nachweisen: Seien
und
kontextfrei. Neues Startsymbol S und neue Produktion
.
mit 
Genauso kann man für zwei kontextfreie Sprachen die Abgeschlossenheit unter Konkatenation zeigen: Seien
und
kontextfrei. Neues Startsymbol S und neue Produktion
.
mit 
Auch die Anwendung von Kleene-* entspricht einer neuen, kontextfreien Grammatik: Sei
kontextfrei. Neues Startsymbol
und neue Produktion
.
mit 
Jede reguläre Sprache ist auch kontextfrei, da jede reguläre Grammatik auch eine kontextfreie Grammatik ist. Es existieren kontextsensitive Sprachen, die nicht kontextfrei sind. Ein solches Beispiel ist
. Pumping-Lemmas existieren jeweils in verschiedenen Varianten für reguläre und kontextfreie Sprachen. Für kontextfreie Sprachen beschreiben sie notwendige aber nicht hinreichende Eigenschaften. Der Nachweis, dass eine formale Sprachen nicht kontextfrei ist, wird in der Regel über die Verletzung dieser notwendigen Eigenschaften geführt. Oft wird die untersuchte Sprache zunächst durch den Schnitt mit einer regulären Sprache geeignet ausgedünnt. Dieses Vorgehen ist durch den oben genannten Abschluss unter Schnitt mit regulären Sprachen gerechtfertigt.
Ein seit langem offenes Problem ist die Frage, ob die Menge der primitiven Wörter kontextfrei ist.
Typische Entscheidungsprobleme [Bearbeiten]
Seien
,
und
gegebene kontextfreie Sprachen über dem Alphabet
. Dann ergeben sich folgende typische Problemstellungen:
- Wortproblem: Gehört ein Wort
zu
? - Leerheitsproblem: Ist
die leere Menge? - Endlichkeitsproblem: Besteht
aus einer endlichen Menge von Wörtern (
)?
Die oben aufgezählten Probleme sind bei kontextfreien Sprachen entscheidbar (das Wortproblem durch den Cocke-Younger-Kasami-Algorithmus). Das Äquivalenzproblem (
) ist ab einschließlich dieser Stufe der Chomsky-Hierarchie nicht mehr entscheidbar.
Weitergehende Eigenschaften [Bearbeiten]
- DLIN
DCFL
CFL
GCSL
CSL - REG
DLIN
LIN
CFL - Für jedes
gibt es Sprachen, die sich als Schnitt von
kontextfreien Sprachen darstellen lassen, aber nicht als Schnitt von
kontextfreien Sprachen.
Natürliche Sprache [Bearbeiten]
In der Linguistik werden kontextfreie Grammatiken auch zur Beschreibung der Syntax natürlicher Sprachen eingesetzt. Es wurde aber zum Beispiel für das Schweizerdeutsch nachgewiesen, dass die Sprache sich nicht vollständig mit einer solchen Grammatik beschreiben lässt.[1] Vielfach werden aber in der Computerlinguistik kontextfreie Grammatiken (oder äquivalente Formalismen) mit zusätzlichen Datenstrukturen auch für Sprachen wie Schweizerdeutsch verwendet.
Literatur [Bearbeiten]
- Uwe Schöning: Theoretische Informatik - kurzgefasst. 4. Auflage. Berlin 2003, Spektrum, ISBN 3-8274-1099-1.
- Stuart M. Shieber: Evidence against the context-freeness of natural language. In: Linguistics and Philosophy 8, 1985, 3, ISSN 0924-4662, S. 333–343.
- John E. Hopcroft, Rajeev Motwani, Jeffrey Ullman: Einführung in die Automatentheorie, Formale Sprachen und Komplexitätstheorie. 2. überarbeitete Auflage. Pearson Studium, München 2002, ISBN 3-8273-7020-5.
- Leonard Y. Liu, Peter Weiner: An Infinite Hierarchy of Intersections of Context-Free Languages. In: Mathematical Systems Theory 7, 1973, ISSN 0025-5661, S. 185–192.
Quellen [Bearbeiten]
- ↑ Stuart M. Shieber; Evidence against the context-freeness of natural language; In Linguistics and Philosophiy 8; 1985 (pdf; 6,3 MB)
Siehe auch [Bearbeiten]
- Backus-Naur-Form, eine kompakte formale Metasprache zur Darstellung kontextfreier Grammatiken
Weblinks [Bearbeiten]
- CFL. In: Complexity Zoo. (englisch)


und
sind kontextfrei. Aber
ist nicht kontextfrei.
kontextfrei und kontextfreie Sprachen unter Komplementbildung abgeschlossen. Dann sind auch
kontextfrei. Wegen der Abgeschlossenheit unter Vereinigung und
und damit
kontextfrei ist. Widerspruch: Es wurde bereits gezeigt, dass der Durchschnitt
nicht abgeschlossen ist.
zu
)?
gibt es Sprachen, die sich als Schnitt von
kontextfreien Sprachen darstellen lassen, aber nicht als Schnitt von
kontextfreien Sprachen.