Kopftuch

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Frauen beim Erbsenschälen, Iszák Perlmutter, 1906

Ein Kopftuch ist ein dreieckiges oder zu einem Dreieck gefaltetes Stück Stoff, mit dem der Kopf bedeckt wird. Es kann auf verschiedene Arten getragen werden, meist unter dem Kinn oder im Nacken verknotet, aber auch lose hängend oder in anderen Varianten. Für das Tragen eines Kopftuches gibt es vielfältige Gründe: Schutz vor der Witterung (Kälte, Hitze, Wind, Sonne), aus religiösen bzw. kulturellen oder hygienischen Gründen (Letzteres vor allem in Küchen und Krankenhäusern), damit die Haare bei der Arbeit nicht stören (teilweise auch als vorgeschriebener Arbeitsschutz), um diese vor Verschmutzung (durch Staub etc.) zu schützen, zur Abdeckung der Haare, als Zierde oder als modisches Accessoire. Zu vielen Frauentrachten gehört ein Kopftuch.

Meist werden Kopftücher von Frauen und Kindern getragen, aber es gibt auch Kopftücher für Männer. Besonders bei kleinen Kindern steht die Schutzfunktion eines Kopftuchs oder einer anderen Kopfbedeckung im Vordergrund.

Kopftuch und Kultur[Bearbeiten]

Es sind hauptsächlich praktische (zum Beispiel auf dem Klima beruhende), kulturelle und religiöse Hintergründe, die als Motivation für das Tragen eines Kopftuchs sprechen. Es kann aber auch als Teil der Identität der Träger und Trägerinnen gelten. Ähnliches kennt man von den männlichen Sikhs und ihrem obligatorischen Turban.

In Deutschland trugen bis vor kurzer Zeit viele Frauen das Kopftuch aus Tradition. Ein Kopftuch, schwarz, farbig, oft auch prachtvoll bestickt, gehörte zu vielen traditionellen Trachten. Kulturell unterlag die Bedeutung des Kopftuchs bzw. des Schleiers in allen Teilen der Welt einem starken Wandel. Neben dem praktischen Nutzen diente es auch der Abgrenzung zwischen Gesellschaftsschichten und der Darstellung der Lebenssituation.

Kopftücher für Frauen[Bearbeiten]

Das Tragen von Kopftüchern war in Europa vor allem in den ländlichen Gebieten bis in die 1970er und 1980er Jahre allgemein üblich, entsprach der Mode und auch den herrschenden Konventionen. In der schwäbisch-alemannischen Fastnacht gehört ein Kopftuch zur traditionellen Kostümierung vieler Narren bei den Umzügen. Besonders verbreitet war das Tragen eines Kopftuches in der Nachkriegszeit (Stichwort Trümmerfrauen), sowohl um die Haare vor Schmutz zu schützen als auch um die umständehalber oft nicht besonders gepflegten Haare zu verbergen.

Eine Renaissance erlebte das Kopftuch in vielen Filmen der 1950er- und 1960er-Jahre, vor allem mit Audrey Hepburn und Grace Kelly (unter anderem in Frühstück bei Tiffany und Über den Dächern von Nizza), deren Name heute auch mit einer bestimmten Trageweise (unter dem Kinn gekreuzt und dann im Nacken verknotet) verknüpft ist. Die derzeit weltweit wohl bekannteste Frau, die häufig ein Kopftuch trägt, dürfte Königin Elisabeth II. sein, die deswegen sogar von der britischen Vogue schon lobend erwähnt wurde.

Die Akzeptanz und damit Nutzung des Kopftuches sank zuerst in den Städten und später auch im ländlichen Raum. Es wurde von anderen Kleidungsstücken wie Hüten oder Mützen, weitgehend verdrängt, großteils ist es heute aber auch allgemein üblich, keine Kopfbedeckung zu tragen. Ingrid Loscheck stellt fest, dass „nach etwa 1960 Kopfbedeckungen bei beiden Geschlechtern außer Gebrauch kamen“. [1] Heute werden Kopftücher vorrangig aus religiösen und traditionellen, aber auch vereinzelt aus praktischen Gründen (Cabrio-Fahrerinnen, Feldarbeit) getragen. In Bereichen, in denen die Bedeckung der Haare zwingend vorgeschrieben ist (beispielsweise aus hygienischen Gründen im Lebensmittelbereich oder als Arbeitsschutz), werden Kopftücher auch heute noch regelmäßig benutzt, oft aber auch in einer Variante aus speziellem Papier, das nach einmaliger Benutzung entsorgt wird.

Üblich ist das Kopftuch auch heute noch in vielen osteuropäischen, aber auch mittel- und südeuropäischen Ländern. Dort wird es regelmäßig beim Gottesdienst, aber vielfach auch im Alltag, insbesondere von älteren Frauen benutzt.

Zum Verdrängen des Kopftuchs trug bei, dass viele Frauen aus modischen Gründen auf Kopfbedeckungen jeglicher Art, selbst bei starker Sonne oder großer Kälte, verzichteten, was durch verbesserte Möglichkeiten der Haarpflege (zunehmende Ausstattung von Wohnungen mit eigenem Badezimmer) möglich wurde. Auch wurde das Kopftuch vielfach als Zeichen von Rückständigkeit angesehen.

Religion[Bearbeiten]

Judentum[Bearbeiten]

Im orthodoxen Judentum bedecken verheiratete Frauen ihr Haar mit einem Tuch, einem Netz oder einer Perücke. Bereits der Tanach berichtet von einer Verschleierung der Frauen: So verschleiert sich Rebekka, die zukünftige Frau Isaaks.

„Rebekka blickte auf und sah Isaak. Sie ließ sich vom Kamel herunter und fragte den Knecht: Wer ist der Mann dort, der uns auf dem Feld entgegenkommt? Der Knecht erwiderte: Das ist mein Herr. Da nahm sie den Schleier und verhüllte sich.“

Bibel, Genesis 24,64-65

Christentum[Bearbeiten]

Hutterinnen bei der Arbeit

Im Christentum wird das Kopftuch heute hauptsächlich von Frauen der orthodoxen Kirchen und mennonitischer bzw. täuferischer Gemeinschaften, wie etwa den Hutterern, getragen.

Das aus der Bibel abgeleitete Gebot der Kopfbedeckung für Frauen während des Gebets und des Gottesdienstes wird in einigen Kirchen, vor allem in Ost- und Südeuropa, praktiziert. Auch in vereinzelten Brüdergemeinden, in der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche, in Pfingstgemeinden, Norweger-Gemeinden, calvinistischen Gemeinden in den Niederlanden und Schottland und in den Gemeinden der baptistischen Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion bedecken viele Frauen ihren Kopf beim Gebet und beziehen sich hierbei auf eine biblische Aussage des Apostels Paulus:

„Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen.“

Bibel, Einheitsübersetzung: 1. Korinther 11,5

Islam[Bearbeiten]

Badende junge Mädchen mit Kopftuch in Malaysia
Dieser Abschnitt behandelt die Gründe und Motive muslimischer Frauen, ein Kopftuch zu tragen; zum gesellschaftlich-politischen Streit darüber siehe Kopftuchstreit.

Die Motivation, ein Kopftuch zu tragen, ist unter muslimischen Frauen sehr vielfältig: Gepflogenheit, religiöses Selbstverständnis, religiöse Emanzipation, individueller Selbstausdruck (Kopftuch als Mode-Accessoire),[2] Vorschrift (z. B. aufgrund von Gesetzen in einigen islamischen Ländern wie dem Iran), Druck aus dem sozialen Umfeld,[3] Symbol der Gruppenzugehörigkeit, und (in seltenen Fällen) Ausdruck des Protestes.

Viele konservative oder aus traditionellen Familien stammende muslimische Frauen tragen ein Kopftuch als Teil ihrer Glaubenspraxis nicht nur beim Moscheebesuch, sondern auch im Alltag, wann immer ein Kontakt mit Männern in Frage kommt, zum Beispiel beim Verlassen des Hauses. Häufig wird als Grund für das Tragen eines Kopftuchs auf den Koran verwiesen. In Frage kommen hierbei drei Verse, die alle aus medinesischen Suren stammen. Diese werden von traditioneller Seite als die drei Koran-Stellen angeführt, die zum Tragen eines Kopftuchs anleiten sollen.

  • Die erste dieser drei Stellen ist Sure 24, 31. Sie betrifft Männer und Frauen und zielt auf Schicklichkeit. Frauen wird hierbei nahegelegt, eine Art Schal (himar) zu tragen, der ihren Schmuck verdeckt, bis auf das, was bei Wahrung der Keuschheit sichtbar sein darf. Frauen mit Schmuck wurde somit nahegelegt, ihren Schmuck mit Zurückhaltung zu tragen. Dieser Vers richtet sich gewissermaßen gegen Protzerei. Aus dieser Stelle lässt sich nicht die Verdeckung des gesamten Gesichts oder das ständige Tragen einer Verdeckung jedweder Art ableiten.
  • Die zweite dieser drei Stellen ist Sure 33, 59. Hierin wird erwähnt, dass der Prophet den Frauen („Frauen und Töchter des Propheten und Frauen eines Gläubigen“) sagen soll, dass sie ein Übergewand tragen sollen, damit sie „erkannt“ und nicht belästigt werden.[4]
  • Die dritte Stelle ist Sure 33, 53. Sie bezieht sich lediglich auf die Frauen des Propheten. Hier wird gefordert, dass Gäste im Hause des Propheten, wenn sie dessen Frauen um etwas bitten, dies hinter einer Abschirmung (higab) tun sollen. Hierunter war eine Trennwand zu verstehen und keineswegs ein Kleidungsstück. Dies wird auch an anderen Stellen im Koran im Sinne einer Trennwand erwähnt.

Zusammenfassend bietet keiner der drei in Frage kommenden Koranverse einen eindeutigen Anhaltspunkt, dass Frauen ein Kopftuch oder einen gesichtsverhüllenden Schleier tragen sollen,[5] jedoch beharren viele klassische Koraninterpreten darauf, dass es eine religiöse Pflicht für Musliminnen zum Tragen eines Kopftuches oder einer anderen Verschleierung (Hijab) gebe.[6]

Hinduismus[Bearbeiten]

Frauen aus dem indischen Raum (Hindus) tragen oft einen Sari, wobei ebenfalls die Haare mit einem langen Stück Stoff bedeckt werden.

Weltanschaulich und politisch[Bearbeiten]

Auch als Symbol wurde und wird das Kopftuch gebraucht. Neben der Anzeige einer Gruppenzugehörigkeit, die vielfach beim Kopftuch als Teil einer traditionellen Tracht zum Ausdruck kommt, kann das Kopftuch auch weltanschauliche Überzeugungen ausdrücken. Besonders bekannt wurde es durch die Benutzung durch die Madres de Plaza de Mayo, die durch das tragen weißer Kopftücher bei ihren Protestaktionen besondere Aufmerksamkeit erlangten.

Kopftücher für Männer[Bearbeiten]

In westlichen Ländern ist das Kopftuch für Männer traditionell als Kopfbedeckung von Piraten überliefert, wobei allerdings nicht abschließend gesichert ist, was daran Tatsache und was Legende ist. Heute findet sich bei Männern gelegentlich das Bandana oder Bandanna (von Hindi bandhana, dt. „binden“) als modisches Accessoire oder als Schutz vor Sonnenstrahlung, das in der Art eines Piraten-Kopftuchs getragen wird, teilweise wird damit auch eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit signalisiert. Allerdings ist das Bandana regelmäßig kleiner (meist nur 50 bis 60 Zentimeter Kantenlänge) als ein „normales“ Kopftuch.

In den USA der 1990er Jahre galt in vielen Problembezirken (beispielsweise Compton/Los Angeles) von Großstädten das farbige Bandana-Kopftuch als Identifikationsmerkmal von afroamerikanischen Straßengangs. Die wohl bekanntesten Gangs dieser Art sind die Crips (blau) und Bloods (rot) aus Los Angeles, welche ganze Straßenzüge beherrschten. Allein das Tragen eines Kopftuches der falschen Farbe konnte dazu führen, erschossen zu werden.

Eine Sonderform und kein Kopftuch im klassischen Sinn stellt der Turban dar, der vorwiegend von Sikhs getragen wird. Auch die Männer der Saharavölker wie der Tuareg, Peul, Tukulor und Mauretanier, bedecken den Kopf mit Tuch, meist in Turbanform, und tragen häufig auch Gesichtsschleier. Der Turban der Tuareg wird Schesch genannt. Er besteht aus einer rechteckigen Stoffbahn, die zwischen vier und zehn Metern lang ist. Im Gegensatz zu den Verschleierungen der Frauen mit Burka und Tschador ist in der Gesellschaft der Tuareg nur das Gesicht des Mannes bedeckt, lediglich die Augen bleiben frei. Die Kopfbedeckung schützt vor Sonne, Wind und Sand, hat jedoch auch die Funktion, den Mund, der als unreine Körperöffnung angesehen wird, zu verdecken.

Im arabischen Raum tragen Männer als übliche Kopfbedeckungen die Kufiya in rotweiß oder schwarzweiß gemusterter oder einfarbiger Art und Weise. Im Oman wird ein Tuch um den Kopf in einer besonderen Technik gewickelt, die an einen Turban erinnert.[7]

Kopftücher[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Sabine Berghahn, Alexander Nöhring; Petra Rostock (Hrsg.): Der Stoff, aus dem Konflikte sind. Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Transcript, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-89942-959-6.
  • Monika Höglinger: Verschleierte Lebenswelten, zur Bedeutung des Kopftuchs für muslimische Frauen; ethnologische Studie. Vorwort von Andre Gingrich, Nachwort von Barbara Frischmuth. 2. Auflage, Edition Roesner, Maria Enzersdorf 2003, ISBN 3-902300-03-5.
  • Peter Kühn: Das Kopftuch im Diskurs der Kulturen. Bautz, Nordhausen 2008, ISBN 978-3-88309-221-8.
  • Meral Akkent, Gaby Franger: Das Kopftuch - Basörtü. Dagyeli Verlag, Frankfurt 1996, ISBN 978-3924320614.

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Loscheck, Ingrid: Reclams Mode- und Kostümlexikon. Stuttgart 1999, S. 311 ff, 143f
  2. (Kreative Variationen zum Thema Verschleierung – Qantara),
    Baden im Burkini (Deutschlandradio),
    Kopftuchmode: Das Accessoire des Islam (FAZ),
    Integration: Die schönen Töchter Kreuzbergs (FAZ)
  3. Staat muss neutral sein, Ehrhart Körting, Berliner Morgenpost, 11. März 2004 ([1])
  4. http://islam.de/1382.php
  5. Vgl. Hartmut Bobzin: Der Koran. Eine Einführung. 5. Aufl. 2004. S. 79f und die genannten Suren.
  6. Stellungnahme des Zentralrats der Muslime
  7. How to wear a Shmagh-Youtube–Video