Koschneiderei

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Koschneiderei (polnisch: Kosznajderia) ist die umgangssprachliche Bezeichnung für ein Gebiet südöstlich der polnischen Stadt Chojnice, das bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges weitgehend von einer deutschsprachigen Bevölkerung bewohnt wurde.

Geschichte[Bearbeiten]

Ab Anfang des 14. Jahrhunderts wurden vom Deutschen Ritterorden im Rahmen der so genannten Deutschen Ostsiedlung deutsche Siedler in dieses Gebiet geholt. Es entstanden die Dörfer Frankenhagen, Osterwick, Petztin, Deutsch Cekzin, Granau, Lichnau und Schlagenthin. Als im Thorner Frieden von 1466 das Gebiet westlich der Weichsel an das Königreich Polen fiel, wurden die deutschsprachigen Einwohner dieser Dörfer zwar polnische Untertanen, unterlagen aber einem besonderen Recht. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts siedelte der Konitzer Ratsherr und spätere Bürgermeister Jacob von Osnabrück zahlreiche neue Ansiedler aus seiner Heimat, dem Fürstbistum Osnabrück, in dem Gebiet an. Auch die Einwohner der neuen Dörfer (Gersdorf, Harmsdorf, Jakobsdorf, Sternberg, Damerau, Groß Zirkwitz, Obkas, Mosnitz, Henningsdorf und Döringsdorf) wurden als Koschneider bezeichnet.

Joseph Rink: Die Koschneiderei 1926

Von 1772 bis 1918 gehörte das Gebiet zum Königreich Preußen und von 1918 bis 1920 zum Freistaat Preußen. Von 1818 bis 1920 war die Koschneiderei Teil des Landkreises Konitz im Regierungsbezirk Marienwerder in der preußischen Provinz Westpreußen.

Nach dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages am 10. Januar 1920 gehörte der Kreis Konitz als Powiat Chojnicki (Kreis Chojnice) als Teil der Wojewodschaft Pommerellen zur Republik Polen. Nach der deutschen Besetzung Polens wurde zum 26. November 1939 der Kreis Chojnice als Landkreis Konitz Teil des Regierungsbezirkes Danzig im neugebildeten Reichsgau Danzig-Westpreußen des Deutschen Reiches. Im Frühjahr 1945 wurde das Kreisgebiet durch die Rote Armee besetzt und wurde danach wieder ein Teil der Republik Polen. Heute ist der Landkreis Konitz Bestandteil der Wojewodschaft Pommern der Republik Polen.

Sprache[Bearbeiten]

Die Sprache der Koschneider war niederdeutsch, ihre Mundart gehörte zu den süd-hinterpommerschen. Sie war innerhalb des gesamten Gebietes und darüber hinaus verhältnismäßig gleichartig, jedoch wiesen die Dörfer untereinander einige Unterschiede auf. Lautmalereien und bildhafte Ausdrücke zeugten von echtem niederdeutschen Sprachgut, das sich in vielen Sprichwörtern, Redensarten, Liedern, Märchen und Sagen zeigte.[1]

Dörfer[Bearbeiten]

Zur Koschneiderei gehörten die folgenden Dörfer (deutsche Bezeichnungen; heutige polnische Bezeichnungen in Klammern dahinter):

  • Abrau (Obrowo)
  • Annafeld (Nowa Wieś)
  • Blumfelde (Niwy)
  • Damerau (Dąbrówka)
  • Deutsch Cekzin (Ciechocin)
  • Döringsdorf (Doręgowice)
  • Frankenhagen (Silno)
  • Gersdorf (Ogorzeliny)
  • Granau (Granowo)
  • Groß Zirkwitz (Duża Cerkwica)
  • Harmsdorf (Jerzmionki)
  • Henningsdorf (Angowice)
  • Jakobsdorf (Jerzmionki)
  • Lichnau (Lichnowy)
  • Mosnitz (Moszczenica)
  • Obkas (Obkas)
  • Osterwick (Ostrowite)
  • Petztin (Piastoszyn)
  • Schlagenthin (Sławęcin)

Kirchen[Bearbeiten]

In der Koschneiderei gab es fünf Pfarrkirchen - Damerau, Frankenhagen, Gersdorf, Lichnau, Osterwick und fünf Filialkirchen - Deutsch Cekzin, Schlagenthin, Obkaß, Groß Zirkwitz und Mosnitz.[2]

Etymologie[Bearbeiten]

Bis heute konnte Herkunft und Bedeutung des Begriffs „Koschneider/Koschneiderei“ nicht geklärt werden; es gibt verschiedene Deutungen dieses Namens. „Kopfschneider“ oder „Kuhschneider“ sind Beispiele solcher Interpretationen. [1]

Der Name selbst taucht 1830 zum ersten Male auf, bezieht sich jedoch auf die bis 1484 zurückliegende Zeit. Es ist der Name „Koschnäwen“ und „Koschnäwjen“; Koschnäwen für die Bevölkerung, Koschnäwjen für das Land. Ein wissenschaftlicher Beweis für die Herkunft dieses Namens fehlt bis heute. Ein Erklärungsansatz von Paul Panske[3] besagt, dass laut einer Urkunde von 1484 für die Koschneiderei der polnische Starost Koschnewski aus Tuchel zuständig war. Nach ihm sei die Bevölkerung, für die er zuständig war, als „Kosznewski-Leute“ bezeichnet worden, woraus dann der Name „Koschnäwjer“ entstanden sei. Als später dieser plattdeutsche Ausdruck gewissermaßen ins Hochdeutsche übertragen wurde, erscheint er im Jahre 1854 zum ersten Mal als Koschneider beziehungsweise Koschneiderei. [1][4]

Weitere etymologische Ansätze:

Der Begriff beruhe auf dem polnischen Wort „kosa“ = Sense und „żniwiarz“ = Schnitter, Erntearbeiter, weil ihre polnischen Nachbarn gesehen hatten, daß die Deutschen richtige Bauern waren die ganze Zeit in der Erde „gebuddelt“ hätten.[5]

Der Begriff Koschneiderei stamme vom deutschen Wort „kouzen“, welches auf polnisch „paplac“ = „plappern“ (etc) heißt. Die niederdeutschen Bevölkerung der "Koschneiderei" hatten einen von dem ihrer Mittel- oder hochdeutschen Nachbarn stark abweichenden Dialekt.[5]

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

  • Dr. Augustinus Rosentreter (* 13. Januar 1844 in Abrau; † 4. Oktober 1926 in Pelplin) - Bischof von Kulm
  • Dr. Joseph Rink (* 18. Januar 1878 Mosnitz; † 30. Juli 1945 in Küstrin) - römisch-katholische Historiker, Studienrat und Professor, Licentiat und Doktor der Theologie und Autor
  • Prof. Dr. phil. Paul Panske (* 28. Juni 1863 in Granau; † 10. Februar 1936 in Pelpin) - Domkapitular und Domherr von Peplin, Autor zahlreicher Abhandlungen über die Koschneiderei
  • Prof. Johann Schweminski (* 1812 in Lichnau; † 1874 in Posen) - Oberlehrer, Autor und Wissenschaftler

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Panske, Paul: Handfesten der Komturei Schlochau. Nebst einigen verwandten Urkunden (Quellen und Darstellungen zur Geschichte Westpreußens; Bd. 10). Kafemann Verlag, Danzig 1921.
  • Panske, Paul: Personennachweis für die Koschnaewjerdörfer von 1651-1702 (Schriftenreihe deutsche Sippenforschung in Polen/N.F.; Heft 3). Historische Gesellschaft, Posen 1938.
  • Panske, Paul: Zur Familienkunde der sogenannten Koschneiderei. 1. Die Schulzen- und Lehnmannsfamilie Stolpman (Stoltmann) zu Deutsch-Zekzin. In: Mitteilungen des Coppernicus-Vereins fuer Wissenschaft und Kunst zu Thorn, Heft 18 (1910), S. 43–57; Heft 19 (1911), S. 64–75.
  • Rink, Joseph: Koschneidersöhne (Koschneider-Bücherei; Bd. 3). Verlag Boenig, Danzig 1924.
  • Rink, Joseph: Die Seele des Koschneiders (Koschneider-Bücherei; Bd. 12). Westpreußen-Verlag, Danzig 1932.
  • Rink, Joseph: Die im Weltkriege 1914-1918 aus den Koschneiderdörfern Gefallenen (Koschneider-Bücherei; Bd. 13). Formell-Verlag, Danzig 1940.
  • Semrau, Maria: Die Mundart der Koschneiderei. In: Zeitschrift für Deutsche Mundarten, Jg. 10 (1915), Heft 2, ISSN 0932-1314 (zugl. Dissertation, Universität Breslau 1915).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c http://www.glischinski.de/roots/Koschneiderei.html
  2. http://www.muenster.de/~nelke/Nelke1.htm
  3. Panske, Paul: Deutungsversuch des Namens der Koschnewjer, Mitteilungen des Coppernicus-Vereins, 26, W. Lanbeck, Thorn 1918
  4. http://www.schweminski.de/Hamburg.htm
  5. a b http://pl.wikipedia.org/wiki/Kosznajderia