Kosmismus

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Kosmismus entstand zunächst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als eine philosophische Denkrichtung aus geistes- und naturwissenschaftlichen Strömungen in Russland. Die ersten Kosmisten unter den Künstlern der russischen Avantgarde begannen sich ab 1923 zu konstituieren.

Philosophie und Kunstströmung[Bearbeiten]

Berühmte Vertreter der Philosophie des russischen Kosmismus sind der Astrophysiker Konstantin Ziolkowski sowie Wladimir Wernadski, Wladimir Sergejewitsch Solowjow, Nikolaj Fjodorow, Pawel Florenskij und Alexander Tschischewskij.

Auf Initiative von Nicholas Roerich, der Moskau 1920 besuchte, wurde in den USA eine Ausstellung junger kosmistischer Künstler organisiert, die zum Anlass für die Entstehung einer Künstler-Gruppe Amarawella diente, die sich 1927 formierte. Im Manifest dieser Gruppe stand

„Unser Werk, das hauptsächlich intuitiv ist, richtet sich auf die Entdeckung verschiedener Aspekte des Kosmos – im menschlichen Antlitz, in der Landschaft und der Wiedergabe abstrakten Typen des Innenlebens.“

Zum Leiter wurde Petr Fatejew gewählt, der einen starken Impuls von dem Buch Also sprach Zarathustra erhielt.[1] Zusammen mit Boris Smirnow-Russezki, Alexander Sardan, Sergej Schigolew und anderen schufen sie eine künstlerische Modellierung des Kosmos als einem riesigen Musikinstrument, mit dem die gesamte Erde im Einklang steht. Auch Iwan Kudrjaschow zeigte seine kosmisch-abstrakten Gemälde bei den Ausstellungen der Gesellschaft der Staffeleimaler (OST) im Spiegel des Suprematismus.

Bei der Suche nach Formen ihres Ausdrucks der schöpferischen Entwicklung des Geistes wendeten sich diese Künstler den Modellen des zukünftigen Menschen und den Vorstellungen vom Leben auf fremden Planeten zu. Himmel und Erde bilden darin eine Einheit und der Mensch fügt sich harmonisch darin ein.

Die Versuche dieser Gruppe mit futuristischen Ansätzen wurden vom stalinistischen Regime sehr früh abgebrochen. 1929 fand die letzte Ausstellung statt, und ab 1930 begannen Verhaftungen der Mitglieder, die zur Auflösung der Gruppe führten.

Kosmos in der Kunst[Bearbeiten]

Eine ganze Reihe von Künstlern hat auch weiterhin auf moderne physikalische Erkenntnisse reagiert.

Robert Delaunay malte 1912 in herrlichen Farben Simultane Kontraste: Sonne und Mond, deren Wirkung auf die Farbwahrnehmung er in den folgenden Jahren untersuchte.

Auch polyphone Bilder von Paul Klee in seiner mystisch-abstrakten Periode 1914–1919 erscheinen als eine Metapher für die „Welt als Ganzes“, also in ihrer kosmischen Dimension,[2], von Erschaffung der Sterne (1914), das ihn zu Betrachtungen über das Licht anregte, bis zum 1919 konstruierten Bild Mondaufgang und Sonnenuntergang.

Joan Miró setzte sich seit den 1930er Jahren mit dem Malen von kosmischen Objekten auseinander. Auf Constellations (1940) sieht man die Sonne, den Mond, die Sterne und Galaxien schwerelos und ohne Gewicht in der Leere schwebend, verbunden von Linien, welche „Sternbilder“ erzeugen. Die erste Skulptur des Künstlers Oiseau solaire (Sonnenvogel) entstand 1966. Einzigartig sind monumentale Keramikwände sowie die farbenfrohen Bilder Die rote Sonne (1967) und Der blaue Stern (1972).

Ein grenzenloses Universum beschäftigte auch Jackson Pollock, der in No. 18 (1948) und Number One (Lavender Mist) (1959) mit dynamisch pulsierender Textur veränderliche Galaxien zeigt. Seine im Drip-Painting Verfahren angefertigte Komposition Comet (1948) besticht durch einen figurativen Bezug eines silbrig glänzenden lang gestreckten Schweifs.

Literatur[Bearbeiten]

  • Susanne Anna (Hrsg.): Russische Avantgarde. Daco-Verlag Günter Bläse, Stuttgart 1995, ISBN 3-87135-026-5.
  • Michael Hagemeister: Die „Biokosmisten“ – Anarchismus und Maximalismus in der frühen Sowjetzeit. In: Beiträge zur ostslawischen Philologie 1. München 1983, S. 61–76.
  • Michael Hagemeister: Nikolaj Fedorov und der „russische Kosmismus“. In: Eberhard Müller / Franz Klehr (Hrsg.): Russische religiöse Philosophie. Das wiedergewonnene Erbe: Aneignung und Distanz. Stuttgart 1992, S. 159–170.
  • Michael Hagemeister: Der „russische Kosmismus“ – ein Anachronismus oder die „Philosophie der Zukunft“? In: Im Zeichen-Raum. Festschrift für Karl Eimermacher zum 60. Geburtstag. Dortmund 1998, S. 169–201.
  • Michael Hagemeister: Die Eroberung des Raums und die Beherrschung der Zeit. Utopische, apokalyptische und magisch-okkulte Elemente in den Zukunftsentwürfen der Sowjetzeit. In: Jurij Murašov / Georg Witte (Hrsg.): Musen der Macht. Medien in der sowjetischen Kultur der 20er und 30er Jahre. München 2003, S. 259–286.
  • Michael Hagemeister: „Unser Körper muss unser Werk sein.“ Beherrschung der Natur und Überwindung des Todes in russischen Projekten des frühen 20. Jahrhunderts. In: Boris Groys/ders. (Hrsg.): Die Neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 2005, S. 19–67.
  • Marie-Luise Heuser: Russischer Kosmismus und extraterrestrischer Suprematismus. In: Annette Tietenberg/ Tristan Weddigen (Hrsg.), Planetarische Perspektiven. Bilder der Raumfahrt. (Kritische Berichte Jg. 37, H. 3, 2009), Marburg 2009, S. 62-75.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. in Susanne Anna, S.12
  2. http://www.gral.de/aktuell/farbsinfonie_des_kosmos

Siehe auch[Bearbeiten]

Alleinheit