Kreditderivat

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Kreditderivate sind eine Unterart der Derivate und handelsfähige Finanzinstrumente, die Darlehen, Kredite, Anleihen oder vergleichbare Aktiva als Basiswert („underlying“) zum Inhalt haben und das darin liegende potenzielle Ausfallrisiko beim Sicherungsnehmer absichern und beim Sicherungsgeber erhöhen. Daneben gibt es auch die rein spekulative Variante der ungedeckten („naked“) Kreditderivate ohne zugrunde liegenden Basiswert.

Entstehung[Bearbeiten]

Kreditderivate sind ein relativ junges Finanzinstrument. Es wurde 1991 durch die Investmentbank Bankers Trust entwickelt.[1] Der internationale Markt für Kreditderivate hatte im Jahre 1996 erstmals eine für alle Marktteilnehmer interessante Volumensschwelle erreicht.[2] Eine Erhebung der Deutschen Bundesbank unter den 10 aktivsten deutschen Banken auf dem Kreditderivatemarkt ergab im Jahre 2004, dass diese Institute mit etwa € 220 Mrd. als protection seller und € 210 Mrd. als protection buyer bei „Single Name CDS“ auftraten.[3] Die Deutsche Bundesbank hatte hierzu aus regulatorischer Sicht festgestellt, dass die CDS-Märkte „durch die schnellere Verarbeitung neuer Marktinformationen gegenüber den Anleihemärkten eine Preisführerschaft aufweisen und einen deutlichen Vorlaufcharakter vor Kreditwürdigkeits-Herabstufungen durch Ratingagenturen haben“.[4] Erst mit Beginn der Asienkrise im August 1997 war das weltweite Interesse an einem Risikotransfer in Form des Kreditderivats gestiegen, und nach der Russlandkrise im August 1998 war schließlich der Marktanteil stark angewachsen.[5]

Rechtsfragen[Bearbeiten]

Beim Kreditderivat gibt es den Sicherungsnehmer (Käufer; „Protection buyer“), den Sicherungsgeber (Verkäufer; „Protection seller“) und das abzusichernde Grundgeschäft (Basiswert, „underlying“), also das in einem Darlehen, Kredit oder einer Anleihe liegende Kreditrisiko gegenüber dem Referenzschuldner. Der Gläubiger dieses Kreditrisikos kann ein Interesse daran haben, sein Kreditrisiko als Sicherungsnehmer durch ein Kreditderivat abzusichern. Dabei bleibt ihm sein Kreditrisiko erhalten; es wird durch das Kreditderivat abgesichert. Die ursprüngliche Kreditbeziehung des Sicherungsnehmers mit dem Referenzschuldner wird also weder verändert noch neu begründet. Kreditrisiko und Kreditderivat existieren mithin beim Sicherungsnehmer parallel nebeneinander. Das ist beim Sicherungsgeber anders. Er tritt als Vertragspartner lediglich beim Kreditderivat auf, ohne bisher einen Bezug zum Referenzschuldner besitzen zu müssen. Erst in seiner Funktion als Sicherungsgeber erwirbt er ein Kredit- und Zahlungsrisiko, bei Eintritt eines Kreditereignisses an den Sicherungsnehmer zahlen zu müssen.

Nach der Legaldefinition des § 2 Abs. 2 Nr. 4 WpHG sind Kreditderivate „alle als Kauf, Tausch oder anderweitig ausgestaltete Festgeschäfte oder Optionsgeschäfte, die zeitlich verzögert zu erfüllen sind und dem Transfer von Kreditrisiken dienen“. In § 1 Abs. 11 Satz 3 Nr. 4 KWG ist eine mit dem WpHG übereinstimmende Legaldefinition enthalten.

Credit Default Swaps, Total Return Swaps oder Credit Linked Notes sind nach § 165 SolvV Kreditderivate, die aufsichtsrechtlich als Sicherheit beim Sicherungsnehmer anerkannt werden, wenn eines der in § 165 Nr. 1 SolvV definierten Kreditereignisse eingetreten ist und die Feststellung des Ereignisses nicht ausschließlich in die Zuständigkeit des Sicherungsgebers fällt. Neben der (nicht abschließenden) Aufzählung kommt es der SolvV insbesondere darauf an, dass die Feststellung, wonach ein solches Ereignis als eingetreten gilt, nicht alleine dem Sicherungsgeber obliegen darf. Sofern die Rahmenverträge der ISDA („ISDA Master Agreements“) zur Anwendung kommen, ist dies sichergestellt, da die Feststellung eines Kreditereignisses den Vertragsparteien entzogen ist und ausschließlich dem ISDA Determinations Committee obliegt. Die SolvV zählt konkret folgende Kreditereignisse auf:

  • nach Ablauf einer Karenzzeit hat der Schuldner der gewährleisteten Position die fälligen Zahlungen nicht geleistet,
  • über das Vermögen des Schuldners der gewährleisteten Position wurde ein Insolvenzverfahren eröffnet,
  • der Schuldner der gewährleisteten Position ist zahlungsunfähig oder hat seinen Schuldendienst allgemein eingestellt,
  • der Schuldner der gewährleisteten Position hat schriftlich sein Unvermögen erklärt, seinen Schuldendienst allgemein zu erbringen,
  • oder vergleichbare Ereignisse sind eingetreten.

Liegen die Voraussetzungen des § 165 SolvV vor, so darf der Sicherungsnehmer sein Kreditrisiko als mit Garantie gesichert anrechnen mit der Folge, dass eine geringere Unterlegung mit Eigenmitteln erforderlich ist.[6] Kreditderivate sind deshalb ein geeignetes Instrument beim Risikomanagement, weil gegen Zahlung einer Prämie ein vorhandenes Kreditrisiko vom Sicherungsgeber getragen wird.[7]

Formen von Kreditrisiken[Bearbeiten]

In der Risikoanalyse teilt man Risiken meist ein in die beiden Hauptgruppen

Bei den Adressrisiken werden reine Ausfallrisiken (Default) und die Bonitätsrisiken (Spread-Risiken) unterschieden. Bei den sogenannten Ausfallrisiken ist stets eine nicht erbrachte Kreditleistung das auslösende Kreditereignis, während bei den Bonitätsrisiken eine Ausweitung des Risikoaufschlages (Spread zum risikofreien Zins) und damit der Barwertverfall der Anlage als Grundlage dient. Insofern lassen sich Kreditderivate auch in ausfallbezogene und ratingbezogene Kreditderivate unterteilen.

Einteilung[Bearbeiten]

Generell wird zwischen ereignisbezogenen und marktpreisbezogenen Kreditderivaten unterschieden.

  • Bei ereignisbezogenen Kreditderivaten werden bei Eintritt eines beim zugrunde liegenden Referenzschuldner definierten Kreditereignisses vom Sicherungsgeber Zahlungen an den Sicherungsnehmer geleistet. Da die Zahlungspflicht aus dem Kreditderivat direkt vom Eintritt des Kreditereignisses abhängt, sind eine eindeutige Definition und eine unabhängige Überprüfbarkeit dieses Ereignisses von entscheidender Bedeutung.
  • Bei marktpreisbezogenen Kreditderivaten beruhen die Zahlungen zwischen den beteiligten Parteien auf der Kursentwicklung eines bestimmten Finanzinstruments oder dessen relativer Kursentwicklung zum relevanten Gesamtmarkt. Verschlechterungen in der Bonität eines Referenzschuldners wirken sich negativ auf die Kursentwicklung eines von ihm emittierten Finanzinstruments aus. Bei marktpreisbezogenen Kreditderivaten werden im Fall einer positiven Kursentwicklung Zahlungen vom Käufer an den Verkäufer des Kreditderivates und umgekehrt geleistet.

Arten[Bearbeiten]

Durch die Innovationskraft des Kreditwesens insbesondere im Derivatebereich[8] nimmt die Artenvielfalt ständig zu. Hier sollen die wichtigsten erwähnt werden.

  • Credit Default Swap und Credit Default Option ähneln von ihrer Wirkungsweise einer Garantie. Beide Credit-Default-Varianten können insbesondere danach unterschieden werden, ob der Erwerb eines Basiswerts („Physical settlement“) oder ein Barausgleich („Cash settlement“) vereinbart wurde. Ist ein „Physical settlement“ vereinbart, so muss der Sicherungsnehmer tatsächlich im Besitz des zugrunde liegenden Basiswerts sein, um ihn im Fall eines Kreditereignisses dem Sicherungsgeber liefern zu können (Credit Default Swap). Wurde jedoch ein „Cash settlement“ vereinbart, so ist der Besitz des Basiswerts nicht notwendig, weil es zu einem Barausgleich kommt (Credit Default Option). Neben dem klassischen Credit Default Swap gibt es auch den „naked“ (ungedeckten) CDS (Credit Default Swaps ohne zugrunde liegenden Basiswert), der rein spekulativen Zwecken dient und nicht die Absicherung eines Kreditrisikos zum Inhalt hat. Der „naked CDS“ auf Staatsrisiken wird durch die EU ab November 2012 generell untersagt,[9] um die Spekulation auf einen drohenden Staatsbankrott zu unterbinden. Nur wer Anleihe- und Kreditbestände gegenüber Staaten besitzt, kann CDS erwerben und damit sein Ausfallrisiko absichern. Weiter erlaubt bleibt demnach der „naked CDS“ gegenüber nichtstaatlichen Referenzschuldnern.
  • Eine Credit Linked Note ist eine strukturierte Schuldverschreibung, die als derivative Komponente eine Credit Default Option – mit Barausgleich - enthält. Hierbei ist der Verkäufer der Schuldverschreibung der Begünstigte aus dem darin enthaltenen Derivat.
  • Beim Total Return Swap wird der Ertrag des zugrunde liegenden Basiswerts gegen einen anderen Ertrag getauscht. Der Equity Swap ist ein Total Return Swap, bei dem der zugrunde liegende Basiswert eine Aktie ist. Es erfolgt somit ein Tausch der Erträge einer Aktie gegen einen sonstigen Ertrag.
  • Die Credit Spread Option ist eine Option auf den Spread zwischen zwei Basiswerten, von denen mindestens einer ein Kreditrisiko darstellt. Credit Spread Options sind in verschiedenen Varianten möglich. Ihr zugrunde liegender Basiswert kann sowohl ein Rendite- als auch ein Preisunterschied sein, sie können sich auf Zins- und Dividendentitel beziehen, und sie können verschiedenste Auszahlungsprofile und -bedingungen aufweisen.
  • Der Credit Spread Forward ist ein Termingeschäft auf den Spread zwischen zwei Basiswerten, von denen mindestens einer ein Kreditrisiko ist. Auch Credit Spread Forwards sind in verschiedenen Ausprägungen denkbar. Analog zur Credit Spread Option kann ihr zugrunde liegender Basiswert ein Preis- oder Renditespread sein, wobei sie sich auf Zins- oder Dividendentitel beziehen können.

Standardisierung[Bearbeiten]

Seit 1998 steht von der International Swaps and Derivatives Association (ISDA) eine Standarddokumentation für Credit Default Swaps zur Verfügung, die den beteiligten Parteien eine Auswahl aus den vorgegebenen Alternativen ermöglicht.[10] Die ISDA-Master Agreements erleichtern den Vertragsparteien die Verhandlungen, da Grundfragen nicht mehr geklärt werden müssen.

Bilanzierung[Bearbeiten]

Kreditderivate sind zweiseitig verpflichtende Verträge, deren gegenseitige Ansprüche am Bilanzstichtag als nicht vollständig erfüllt gelten. Sie zählen deshalb zur Kategorie der schwebenden Geschäfte. Diese gehören nach § 19 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 und 4 KWG zum außerbilanziellen Geschäft der Kreditinstitute und sind deshalb „unter der Bilanz“ („unterm Strich“) zu vermerken. Für Bilanzierungszwecke dürfen Derivate nicht gegeneinander aufgerechnet werden, auch wenn mit der Vertragspartei („counterparty“) Nettingvereinbarungen bestehen. Die hierin vorgesehene Aufrechnung knüpft an das Eintreten bestimmter Ereignisse und erfüllt nicht die Regel IAS 32.42, die eine Saldierung ermöglicht, wenn ein gegenwärtiger und durchsetzbarer Anspruch auf Saldierung besteht. Daher ist hier das generelle Saldierungsverbot nach IAS 1.32 zu beachten.[11] Kreditderivate sind allgemein nach IAS 39 und IAS 37 als derivative Finanzinstrumente zu bilanzieren. Außerdem gilt nach deutschem Recht das Saldierungsverbot nach § 246 Abs. 2 HGB, sodass das „unterm Strich“ ausgewiesene Volumen die Brutto-Verhältnisse wiedergibt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Neben den genannten Typen von Kreditderivaten gibt es auch komplexe hybride Produkte:

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sybille Gerold, Kreditderivate in der Praxis, 2003, S. 14 f. (PDF; 1,5 MB)
  2. British Bankers’ Association, Credit Derivatives Report 2006, S. 4. „Single-Name-CDS“ dominierten 2006 demnach mit einem – abnehmenden - Anteil von 32,9 % den gesamten Markt der Kreditderivate.
  3. Monatsbericht Deutsche Bundesbank, April 2004, „Instrumente zum Kreditrisikotransfer: Einsatz bei deutschen Banken und Aspekte der Finanzstabilität“, S. 27 ff.
  4. Monatsbericht Deutsche Bundesbank, Dezember 2004, „Credit Default Swaps – Funktionen, Bedeutung und Informationsgehalt“, S. 43 ff.
  5. Sybille Gerold, a.a.O., S. 15
  6. Garantie und Kreditderivat werden in § 166 Nr. 4a SolvV gleichgestellt
  7. Sebastian Oberhäuser, Risikomanagement mit Kreditderivaten, 2008, S. 3
  8. Sebastian Oberhäuser, a.a.O., S. 4
  9. Der Spiegel online vom 19. Oktober 2010, EU will Finanzwetten auf Staatspleiten stoppen
  10. Sebastian Oberhäuser, a.a.O., S. 6
  11. Michael Luschhüter/Andreas Striegel, Internationale Rechnungslegung, IFRS-Kommentar, 2011, S. 843