Kreidler Florett RS

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Kreidler Florett RS (1970)
Kreidler Florett RS (1974)
Kreidler Florett RS (1977)
Kreidler Florett RS (1978)
Schnittmotor B 15/20

Die Kreidler Florett RS war ein Kleinkraftrad der Kreidler’s Metall- und Drahtwerke G.m.b.H. in Kornwestheim, das von 1967 bis 1981 in über 125.000 Exemplaren gebaut wurde.[1] Die Modellreihe Florett RS war die schnellste von Kreidler und – neben der Hercules K 50 und der Zündapp KS 50 watercooled – eines der beliebtesten Kleinkrafträder seiner Zeit.

Die Kleinkrafträder mit Zweitaktmotor und 50 cm³ Hubraum waren steuer- und zulassungsfrei und durften seit 1960 mit der Fahrerlaubnis der Klasse 4 (Mindestalter 16 Jahre) gefahren werden. Um dem zunehmenden Leistungswettlauf vorzubeugen, entschlossen sich 1970 die drei marktführenden Hersteller Kreidler, Hercules und Zündapp zu einer freiwilligen Leistungsbegrenzung der „offenen“ 50-cm³–Klasse auf 6,25 PS und einem Getriebe mit maximal 5 Stufen.[2]

Technik[Bearbeiten]

Motor[Bearbeiten]

Die Florett RS der Baujahre 1967 bis 1970 hatte erstmals den für Kreidler typischen liegenden fahrtwindgekühlten Einzylinder-Zweitaktmotor mit 1:25-Mischungsschmierung des Typs B 15/6 mit 6–Volt–Magnetzündung, mit einer Bohrung von 40 mm und einem Hub von 39,7 mm.[Anm. 1] Dieser Motor erreichte mit einem 18-mm-Bing-Vergaser 5,3 PS bei einer Drehzahl von 7250 min−1, was mit klauengeschaltetem Fünfgang-Getriebe eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h ergab.[3][4]

1970 erschien der B 15/7-Motor mit 6,25 PS bei einer Drehzahl von 8500 min−1 und einer vom Werk angegebenen Höchstgeschwindigkeit von 85 km/h. Durch das „Stillhalteabkommen“ wurde für spätere RS stets nur dieser Wert genannt. Das Fahrgeräusch erreichte mit 79 dB(A) Schalldruckpegel den höchsten Wert aller Kreidler-Motoren.[5][Anm. 2]

1972 wurde der nikasilbeschichtete B 15/20-Motor mit Bosch 6–Volt-MHK-Zündung, 20-mm-Bing-Rundschiebervergaser und vordefinierter Leistung (6,25 PS bei 8500 min−1, Verdichtung von 11,3 : 1)[Anm. 3] vorgestellt; der Motor wurde bis 1979 unverändert produziert.[6] Ab 1977 empfahl Kreidler das Mischungsverhältnis von 1:50.[7][Anm. 4] Auf dem Leistungsprüfstand erreichte 2008 ein original aufgebauter B 15/20-Motor 7,3 PS bei einer Drehzahl von 8100 min−1.[2]

1979, mit dem B 15/40-Motor, gab Kreidler die Leistung mit 6,8 PS bei einer Drehzahl von 8500 min−1 an.[8]

Fahrwerk[Bearbeiten]

Alle Florett RS hatten einen Pressstahlrahmen, eine hydraulisch gedämpfte Teleskopgabel vorne und eine Hinterradschwinge mit zwei hydraulisch gedämpften Federbeinen, einen Federweg von 110 mm vorne und 95 mm hinten.[9] 1972 erschien das überarbeitete RS-Fahrwerk (1215 mm Radstand statt 1205 mm) mit 17-Zoll-Reifen (statt 21 Zoll) in der Dimension 2.75 sowie vergrößerte Bremstrommeln von 160 mm (statt 150 mm). 1976 wurde eine Scheibenbremse mit 208 mm am Vorderrad eingebaut (Modell RS-S). Das Leergewicht betrug je nach Modell zwischen 83–86 kg, das zulässige Gesamtgewicht 245 kg. Die Sitzhöhe lag bei 78 cm; die hinteren Fußrasten der zweisitzigen Florett RS waren an der Schwinge angebracht. Der Tankinhalt betrug 12,5 Liter. Der Verbrauch wurde mit 2,4 Liter auf 100 km angegeben[10], was eine erhebliche Reichweite ermöglichte. Die Modelle Florett RSH wurden mit Hochlenker ausgeliefert.

Ausstattung[Bearbeiten]

Während der Motor nahezu ein Jahrzehnt unverändert gebaut wurde, kamen Mitte der 1970er-Jahre Ausstattungsdetails sowie Farbkombinationen hinzu. 1974 wurde eine Blinkanlage eingebaut (Modell RS-B), 1976 das Zündschloss ins Cockpit verlegt, 1977 wurden Leichtmetallfelgen (Modell RS-G) und 1979 Rechteckscheinwerfer verwendet. Original Florett RS wurden anfangs in Vulkanrot ausgeliefert, 1970 kam Orange hinzu, 1974 wurde Signalgelb, 1976 Golfgrün und 1979 Metallicsilber die Standardfarbe, wobei der Tank stets in Chrom gehalten wurde.

Rennkit für die Kreidler Florett RS (1969)
Drehschiebermotor (1974)
Kreidler Florett 80 (1981)

Tuning[Bearbeiten]

Die Führerscheinklasse 4, die nur eine Hubraum- und keine Leistungs- oder Höchstgeschwindigkeitsbegrenzung vorsah, schloss Tuningmaßnahmen grundsätzlich nicht aus. Da Kreidler selbst ab Werk bereits einen Rennsatz anbot, blieb die Zubehörindustrie nicht tatenlos.[Anm. 5]

„Bis zum Ende der Kleinkraftrad-Ära wurde getunt, umgebaut, verbessert und veredelt – oder zu Tode verbastelt.“

Frank O. Hrachowy[11]

Der Werksrennsatz von 1969, für den Preis von 299,70 DM für Privatrennfahrer erhältlich, beinhaltete einen geänderten Zylinder und Zylinderkopf sowie Schmiedekolben; einen Dell’Orto-Rennvergaser mit 25 mm Öffnungsquerschnitt, Rennkerzen, geänderte Auspuffanlage sowie ein Kettenritzel mit 14 statt 13 Zähnen. Dadurch wurde die Leistung auf 9,5 PS bei einer Drehzahl von 12.800 min−1 und die Höchstgeschwindigkeit, je nach Fahrergröße, auf über 120 km/h angehoben.[12] Kreidler-Fahrer ohne Rennlizenz nutzten zur Leistungssteigerung einen 20-mm-Dell’Orto-Vergaser sowie Rizinusöl statt Zweitaktmischung.[13][Anm. 6]

1974 lieferte Kreidler einen Rennsatz für 1.265 DM, der einen wassergekühlten Komplettmotor mit Drehschiebersteuerung beinhaltete. Damit soll die Leistung auf 15 PS bei 13.500 min−1 angestiegen sein. Als illegaler Straßenumbau war der Motor jedoch gänzlich ungeeignet.[14]

Da Kreidler in den 1970er-Jahren zu der Florett RS optisch identische Mokick-Modelle (bis 40 km/h Höchstgeschwindigkeit) auslieferte, war Tuning dieser Mokicks mittels Originalteilen der Florett RS nicht problematisch. Die Kreidler Mokick-Modelle RM-Florett oder RMC hatten zum Beispiel den baugleichen Motor, der über einen 14-mm-Bing-Vergaser auf 2,9 PS bei einer Drehzahl von 5250 min−1 gedrosselt wurde und mit einem 4-Gang-Getriebe offiziell 40 km/h Höchstgeschwindigkeit zuließ.

Aufschwung und Niedergang[Bearbeiten]

Kreidler setzte in der Werbung auf Rennsport-Image: Der Weltrekord von 1965 mit einem 50-cm³-Motor von 210 km/h, ebenso der Gewinn der Motorrad-Weltmeisterschaft 1971 und spätere Titel in der 50-cm³-Klasse wurde in der Werbung hervorgehoben. „Mehr als andere Hersteller positionierte sich Kreidler als Hersteller hochwertiger Rennmaschinen.“[15] Die ab 1972 gebauten Versionen nahmen dieses Image mit; weg vom biederen Moped mit 21–Zoll–Reifen, hin zum Straßenrennsport, was bereits die Modellbezeichnung (RS = Rennsport) ausdrückte.

Das Ende der „offenen“ Kleinkrafträder und der Florett RS wurde letztlich durch die angesprochenen Kunden verursacht.

„Die Kundschaft war jung, die Kundschaft fuhr wild – von drei Kleinkraftradpiloten war einer pro Jahr in einen Unfall verwickelt. Die Versicherungsprämien stiegen ins Unbezahlbare.“

Andy Schwietzer[16]

[Anm. 7]

Die Reduzierung der Unfallzahlen und der Lautstärke für Kleinkrafträder war der Grund für die Einführung der ab 1. April 1980 geltenden Fahrerlaubnisklasse 1 b. Mit vorgeschriebener Fahrprüfung und der neu eingeführten 80-cm³-Leichtkraftrad-Klasse mit einer Drehzahlbegrenzung der Motoren auf 6000 min−1 und einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h reagierte der Gesetzgeber. Kreidler bot zwar noch eine völlig neu entwickelte 80er Florett an; für den Preis von 4.150 DM bot die Maschine zu wenig, um gegen die erheblich preiswerteren Honda MT-8 und Yamaha RD 80 MX bestehen zu können.[Anm. 8] Am 20. Februar 1981 meldete Kreidler Vergleich an,[17] und am 12. März 1982 wurde von der Auffanggesellschaft Konkurs angemeldet.[18] Mit der Begrenzung der 50-cm³–Kleinkrafträder ab 1. April 1980 auf 40 km/h Höchstgeschwindigkeit war die Zeit der offenen Florett RS endgültig vorbei.[Anm. 9][Anm. 10]

Neben dem ideellen Wert werden unverbastelte und sehr gut erhaltene oder restaurierte Florett RS der Baujahre 1972 bis 1979 für einen Preis von über 3.500 Euro gehandelt (Stand April 2014); Tendenz steigend.[19][20]

Rezeption[Bearbeiten]

„Kreidler war auch Ausdruck jugendlichen Lebensgefühls. Die Flucht aus der bürgerlichen Enge des elterlichen Wohnzimmers […] gelang vielen Jugendlichen mit ihren Zweirädern, allen voran der Kreidler Florett aus Kornwestheim.“

Sonderausstellung Kreidler[21]

Der Motorrad-Redakteur Andy Schwietzer wertet die Kreidler als:

„Die wohl schnellste Methode, dem Muff […] zu entkommen. […] Zwei Räder, ein schrill kreischendes Zweitakttriebwerk – die 50er Kreidler Florett aus dem Stuttgarter Vorort Kornwestheim ist, sagen wir: der familien- und entwicklungstherapeutisch bedeutendste Beitrag des deutschen Maschinenbaus zugunsten der Jugend in diesen Jahre [sic] gewesen.“

Andy Schwietzer[16]

Der Fernsehfilm Schluchtenflitzer (1979) von Rüdiger Nüchtern thematisiert den Freiheitswillen cineastisch. Der Hauptdarsteller Andy muss in einer Filmszene seine orangefarbene Kreidler Florett RS, die eine Hauptrolle spielt, von einem Baum holen.[22][23]

Verweise[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Frank O. Hrachowy: Kreidler. Geschichte-Typen-Technik. Verlag Johann Kleine Vennekate, Lemgo, 1. Auflage 2009, ISBN 978-3-935517-45-4.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Kreidler blieb bei diesem Bohrung/Hubverhältnis während des gesamten Produktionszeitraums.
  2. Aktuell liegen die Grenzwerte für Pkw bei 74 dB(A).
  3. Die 6,25 PS waren als Mindestleistung zu verstehen. Vgl. MOTORRAD 6/1975, S. 13
  4. Getrenntschmierung wäre technisch möglich gewesen; siehe Suzuki (1972). Der „Firmenpatriarch“ Alfred Kreidler vermied jedoch Investitionen.
  5. Dierk Filmer (DIFI) in Varel lieferte zum Beispiel 14er-Kettenritzel (6,90 DM), Sportlenker (30 DM), Dell’Orto-22-mm-Rennvergaser (56 DM) plus Ansaugstutzen (14,50 DM) und Rennbirne (38 DM) frei Haus. Vgl. Preisliste Dierk Filmer, 2930 Varel, 1972.
  6. Die Serienübersetzung der RS ergab bei Nenndrehzahl (8500 min−1) 85 km/h und bei Maximaldrehzahl (10.500 min−1) 100 km/h. Beim Victoria-FM-38-Motor wurde durch die Verwendung von Rizinus eine Leistungsminderung verzeichnet. Vgl. Thomas Reinwald: Victoria. S. 76.
  7. Für 1977 gab die Statistik der Kraftfahrtversicherer 198 Schadenfälle je 1000 bestehender Versicherungen aus. Vgl. Deutscher Bundestag. 8. Wahlperiode, Drucksache 8/3548, S. 13.
    1978 betrug die Versicherungsprämie einschließlich Teilkasko etwa 1.000 DM. Vgl. MOTORRAD 12/1978, S. 38.
  8. Honda MT-8: 2.550 DM (1981); Yahama RD 80: 2.895 DM (1981). Vgl. MOTORRAD 20/1981, S. 48–52.
  9. Bis zum 31. Dezember 1983 zugelassene Kleinkrafträder über 40 km/h Höchstgeschwindigkeit fallen unter die Kategorie Leichtkraftrad. Vgl. § 76 (6)a FeV. Dies vor dem Hintergrund, dass Hercules die Ultra LC 50 bis 1983 baute.
  10. Der niederländische Kreidler-Händler John Bos lieferte 1997 eine Kleinserie aus Ersatzteilbeständen. Vgl. [1].

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Frank O. Hrachowy: Kreidler. S. 147–150 (nach den fortlaufenden Fahrzeug-Ident-Nr.)
  2. a b Waldemar Schwarz: motorradonline.de vom 6. Juni 2008 Leistungswettlauf (abgerufen am 20. April 2014)
  3. kreidler-museum.de RS 1967 (abgerufen am 20. April 2014)
  4. kreidler-museum.de RS 1969 (abgerufen am 20. April 2014)
  5. kreidler-museum.de RS 1970 (abgerufen am 20. April 2014)
  6. kreidler-museum.de RS 1972 (abgerufen am 20. April 2014)
  7. kreidler-museum.de RS 1977 (abgerufen am 22. April 2014)
  8. kreidler-museum.de RS 1980 (abgerufen am 20. April 2014)
  9. MOTORRAD Classic 1/2012: Kreidler Florett RS, S. 22
  10. Motorrad Katalog Ausgabe 1972/73, S. 24
  11. Frank O. Hrachowy: Kreidler. S. 66
  12. kreidler-museum.de Rennsatz (abgerufen am 20. April 2014)
  13. Werner Koch: motorradonline.de Impression Kreidler Florett RS (abgerufen am 21. April 2014)
  14. Frank O. Hrachowy: Kreidler., S. 88
  15. Frank O. Hrachowy: Kreidler. S. 33
  16. a b Andy Schwietzer: welt.de Kreidler? Ach, schluchz! (abgerufen am 20. April 2014)
  17. Der Spiegel 11/1981 (abgerufen am 23. April 2014)
  18. Frank O. Hrachowy: Kreidler., S. 125
  19. Oldtimer Markt: Motorrad-Spezial Nr. 8, 2014, S. 160–161
  20. Der Neupreis betrug für das 1972er-Modell 1.730 DM und für das 1979-Modell 3.550 DM.
  21. Beiblatt zur Sonderausstellung Kreidler. 1. März bis 1. Dezember 2014 im Auto- und Technikmuseum Sinsheim.
  22. kreidler-museum.de Der (Kreidler-) Film (abgerufen am 24. April 2014)
  23. Ausschnitt aus Schluchtenflitzer auf YouTube