Kreisfrequenz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Physikalische Größe
Name Kreisfrequenz, Winkelfrequenz
Formelzeichen der Größe \omega
Abgeleitet von Frequenz
Größen- und
Einheitensystem
Einheit Dimension
SI s−1 [1] T−1

Die Kreisfrequenz oder Winkelfrequenz[2] ist eine physikalische Größe der Schwingungslehre. Als Formelzeichen wird der griechische Kleinbuchstabe Omega \omega verwendet. Sie ist ein Maß dafür, wie schnell eine Schwingung abläuft. Im Gegensatz zur Frequenz f gibt sie aber nicht die Anzahl der Schwingungsperioden bezogen auf eine Zeitspanne an, sondern den überstrichenen Phasenwinkel der Schwingung pro Zeitspanne. Da eine Schwingungsperiode einem Phasenwinkel von 2\pi entspricht, unterscheidet sich die Kreisfrequenz von der Frequenz durch einen Faktor 2\pi:

\omega = 2\pi f = \frac{2\pi}T ,

wobei T die Periodendauer der Schwingung ist. Die Einheit der Kreisfrequenz ist 1/\mathrm s. Anders als bei der Frequenz wird diese Einheit bei der Kreisfrequenz nicht als „Hertz“ bezeichnet.

Zeigermodell[Bearbeiten]

Zeigerdarstellung einer harmonischen Schwingung in der komplexen Ebene (am Beispiel einer Wechselspannung \underline{u}) mit dem zeitabhängigen Argument \varphi=\omega t + \varphi_0.

Harmonische Schwingungen lassen sich durch die Rotation eines Zeigers darstellen, dessen Länge der Amplitude der Schwingung entspricht. Die Momentanauslenkung ist dabei die Projektion des Zeigers auf eine der Koordinatenachsen. Wenn man für die Darstellung des Zeigers die komplexe Zahlenebene verwendet, entspricht – je nach Definition – entweder der Realteil oder der Imaginärteil der Momentanauslenkung.

Die Kreisfrequenz \omega ist die Änderungsrate des Phasenwinkels \varphi des rotierenden Zeigers (siehe nebenstehendes Bild).[3] In Anpassung an die Einheit der Kreisfrequenz sollte der Winkel hierbei in Bogenmaß angegeben werden.

\omega = \frac{\text{d}\varphi}{\text{d}t}

Das Zeigermodell ist auf alle Arten von Schwingungen (mechanisch, elektrisch, etc.) und Signalen anwendbar. Da eine Schwingungsperiode einer vollen Umdrehung des Zeigers entspricht und der Vollwinkel 2\pi beträgt, ist die Kreisfrequenz einer harmonischen Schwingung immer das 2\pi-fache ihrer Frequenz. Häufig wird die Angabe der Kreisfrequenz gegenüber der Frequenz bevorzugt, da viele Formeln der Schwingungslehre sich aufgrund des Auftretens trigonometrischer Funktionen, deren Periode per Definition 2\pi ist, mit Hilfe der Kreisfrequenz kompakter darstellen lassen: z. B. bei einer einfachen Cosinus-Schwingung: y=\hat y\cdot\cos(\omega t) statt y=\hat y \cdot\cos(2\pi f\, t).

Im Falle zeitlich nicht konstanter Kreisfrequenzen wird auch der Begriff momentane Kreisfrequenz verwendet.

Verwendung in der Schwingungslehre[Bearbeiten]

Eine harmonische Schwingung lässt sich allgemein als Funktion der Kreisfrequenz \omega beschreiben:

x(t) = x_0 \, \sin \left(\omega t + \varphi_0 \right)

Sie kann, wie in der Elektrotechnik üblich, durch den Real- und Imaginärteil eines mit konstanter Winkelgeschwindigkeit rotierenden komplexen Zeigers \underline x in der gaußschen Zahlenebene als Funktion der Kreisfrequenz und der Zeit dargestellt werden.[4] Der zeitabhängige Winkel \varphi(t) = \omega t + \varphi_0 des komplexen Zeigers wird dabei als Phasenwinkel bezeichnet.

\underline x(t) = x_0 \, e^{i (\omega t + \varphi_0)} = x_0 \, (\cos(\omega t + \varphi_0) + i \sin(\omega t + \varphi_0))

Der Zusammenhang mit Sinus und Kosinus ergibt sich aus der Eulerschen Formel.

Kennkreisfrequenz und Eigenkreisfrequenz[Bearbeiten]

Schwingfähige Systeme werden durch die Kennkreisfrequenz und die Eigenkreisfrequenz beschrieben. Ein ungedämpftes frei schwingendes System schwingt mit seiner Kennkreisfrequenz \omega_0, ein gedämpftes System ohne äußere Anregung schwingt mit seiner Eigenkreisfrequenz \omega_d. Die Eigenkreisfrequenz eines gedämpften Systems ist stets kleiner als die Kennkreisfrequenz. Die Kennkreisfrequenz wird in der Mechanik auch als ungedämpfte Eigenkreisfrequenz bezeichnet.

Für das Beispiel eines elektrischen Schwingkreises gilt mit dem Widerstand R, der Induktivität L und der Kapazität C für die Kennkreisfrequenz:

\omega_0 = \frac{1}{\sqrt{LC}}

Für ein Federpendel mit der Federsteifigkeit c, der Masse m und der Dämpfungskonstanten d gilt für die Kennkreisfrequenz:

\omega_0 = \sqrt {\frac{c}{m}}

und mit der Abklingkonstante \delta = R /{(2L)} bzw. \delta = d /{(2m)} für die Eigenkreisfrequenz:

\omega_d = \sqrt{\omega_0^2 - \delta^2}.

Weitere Beispiele siehe Torsionspendel, Wasserpendel, Fadenpendel.

Komplexe Kreisfrequenz[Bearbeiten]

Aus der komplexen Zeigerdarstellung einer harmonischen Schwingung

\underline{x}(t) = x_0 \, e^{\mathrm{i} \omega t}

ergibt sich mit dem üblichen Ansatz

\underline{x}(t) = x_0 \, e^{s t}

die Verallgemeinerung zur komplexen Kreisfrequenz s = \sigma + \mathrm{i}\omega mit dem Realteil \sigma und der Kreisfrequenz \omega. Durch die komplexe Kreisfrequenz s kann nicht nur eine konstante harmonische Schwingung mit \sigma = 0 dargestellt werden, sondern auch eine gedämpfte Schwingung mit \sigma < 0 und eine angeregte Schwingung mit \sigma > 0.[5] Eine klassische Anwendung der komplexen Kreisfrequenz ist die erweiterte symbolische Methode der Wechselstromtechnik.

Eine gedämpfte Schwingung kann wie folgt mit der konstanten komplexen Kreisfrequenz s als komplexer Zeiger dargestellt werden:

\underline{x}(t) = x_0 \, e^{s t}
= x_0 \, e^{(\sigma + \mathrm{i}\omega_d)t}
= x_0 \, e^{\sigma t} e^{\mathrm{i}\omega_d t}
= x_0 \, e^{\sigma t}(cos(\omega_d t) + \mathrm{i} \sin(\omega_d t))

Dabei ist \omega_d die Eigenkreisfrequenz des schwingfähigen Systems und \sigma ist gleich dem negativen Wert der Abklingkonstante: \sigma = - \delta (siehe dazu den vorhergehenden Abschnitt).

Bei der Laplacetransformation hat die komplexe Kreisfrequenz s = \sigma + \mathrm{i}\omega eine allgemeinere Bedeutung als Variable im Bildbereich der Transformation F(s) zur Darstellung beliebiger Zeitfunktionen und Übertragungsfunktionen in der komplexen Frequenzebene („s-Ebene“).

Beziehung zur Winkelgeschwindigkeit[Bearbeiten]

Häufig wird der Begriff „Kreisfrequenz“ durch eine mechanische Analogie eingeführt: Wenn man einen Punkt eines rotierenden Körpers (oder einen rotierenden Vektor) senkrecht zur Drehachse auf eine Ebene projiziert, erhält man die Abbildung einer harmonischen (sinusförmigen) Schwingung. Die Kreisfrequenz der Schwingung, die sich aus dieser Projektion ergibt, hat dabei denselben Zahlenwert wie die Winkelgeschwindigkeit des rotierenden Körpers.[6] Diese Projektion ist jedoch lediglich die mechanische Veranschaulichung eines abstrakten Konzepts: Harmonische (d. h. sinusförmige) Schwingungen werden in der komplexen Ebene durch die Rotation eines komplexen Zeigers dargestellt. Durch diese Abstraktion ist der Begriff Kreisfrequenz auf Schwingungen jeder Art (elektrisch, mechanisch, etc.) anwendbar und hat keinen direkten Bezug zu rotierenden Körpern. Die Kreisfrequenz beschreibt die abstrakte Änderungsrate des Phasenwinkels in der komplexen Ebene, während die Winkelgeschwindigkeit die Änderung eines physikalischen Winkels an einem physikalischen Körper pro Änderung der Zeit beschreibt.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. DIN 1301-2 Einheiten, Allgemein angewendete Teile und Vielfache
  2.  Detlef Kamke, Wilhelm Walcher: Physik Für Mediziner. Springer DE, 1994, ISBN 3322801446, S. 43. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
     Klaus Federn: Auswuchttechnik Band 1. Springer DE, 2011, ISBN 3642172377, S. 104. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  3.  Eberhard Brommundt, Delf Sachau: Schwingungslehre: mit Maschinendynamik. Springer, 2007 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. Die harmonische Schwingung, mathe online
  5.  Wolf-Ewald Büttner: Grundlagen der Elektrotechnik, Band 2. 2. Auflage. Oldenbourg, 2009, ISBN 978-3-486-58981-8, S. 215 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6.  Manfred Precht, Karl Voit, Roland Kraft: Mathematik 2 für Nichtmathematiker. Oldenbourg Verlag, 2005, ISBN 3486577751, S. 69 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
     Douglas C. Giancoli: Physik: Gymnasiale Oberstufe. Pearson Deutschland GmbH, 2010, ISBN 3868949038, S. 170 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
     Jürgen Eichler: Physik: für das Ingenieurstudium - prägnant mit knapp 300 Beispielaufgaben. Springer DE, 2011, ISBN 3834899429, S. 112 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).