Kresy

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Typische Landschaftsansicht der Kresy in der westlichen Ukraine, mit weiten Grasländern und Hügeln (Sielec, Ukraine)
Polen-Litauen vor 1660
Zum Vergleich: Sprachenkarte 1937 in einer polnischen Darstellung von 1928 (Eugenjusz Romer, Powszechny Atlas Geograficzny

Als Kresy [ˈkrɛsɨ] (dt. Grenzland), bisweilen auch Ostpolen, wurden die nach dem Zerfall der Kiewer Rus 1240 zum Königreich Polen gekommenen ruthenischen Gebiete bezeichnet. Nach der Vereinigung mit dem Großfürstentum Litauen zur Königlichen Republik Polen-Litauen verstand man darunter ab 1569 die gesamten zur polnischen Krone gehörigen östlichen Landesteile, die sich bis an den Dnepr, der die Grenze zum Khanat der Krim bildete, erstreckten. Bis zu den Teilungen Polens waren damit die östlichen Grenzregionen von Polen-Litauen gemeint, die damals auch Wildes Feld (pln. Dzikie Pola) genannt wurden.[1]

In der Zeit der Zweiten Polnischen Republik zwischen 1918 und 1939 bezeichnete man mit dem Begriff die östlich der späteren Curzon-Linie gelegenen Gebiete.[2]

Im September 1939 fiel das Gebiet im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes unter sowjetische Besetzung. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist das Gebiet Teil der unabhängigen Staaten Litauen, Weißrussland und der Ukraine.

Geschichte[Bearbeiten]

Polen-Litauen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Polen-Litauen

Ein Teil der Kresy, damals auch Wilde Felder (poln. Dzikie Pola) genannt, war seit dem frühen 15. Jahrhundert Teil Polens. Mit der Bildung der Republik Polen-Litauen gelangten umfangreiche ruthenische Gebiete des Großfürstentums Litauen hinzu.

Teilungen Polens[Bearbeiten]

Hauptartikel: Teilungen Polens

Das Jahr 1772 markiert den Anfang der russischen und österreichischen Eroberungen Ostpolens, die 1795 mit der endgültigen Teilung Polens abgeschlossen wurde. Die Teilung wurde in drei Schritten vollzogen

  1. 1772 besetzte Russland ca. 92.000 km² im Osten und Österreich ca. 83.000 km² im Südosten Polens. Gleichzeitig besetzte Preußen Territorien im Westen Polens.
  2. 1793 besetzte Russland große Gebiete östlich der Druja-Pińsk-Zbrucz-Linie, die ca. 250.000 km² umfassten. Preußen drängte weiter nach Nordosten, wohingegen sich Österreich diesmal nicht beteiligte.
  3. 1795 besetzte Russland ein ca. 120.000 km² großes Gebiet östlich der Bug und der Niemirów-Grodno-Linie. Österreich und Preußen besetzten die restlichen Gebiete Polens im Süden und Westen.

Diese Periode der Geschichte Ostpolens ist geprägt von religiöser und nationaler Verfolgung, die in mehreren polnischen Aufständen gegen Russland mündete (Novemberaufstand, Januaraufstand). Nach der Niederschlagung der Aufstände wurden Verfolgung und Unterdrückung noch intensiviert. Die Annexion Ostpolens durch Russland war jedoch nicht nur in dieser Hinsicht eine nationale Katastrophe. Auch die kulturelle und soziale Entwicklung stagnierte und ging sogar teilweise auf das russische Niveau zurück. So z. B. gehörte das russisch besetzte Ostpolen zu den Regionen Europas, die am längsten von der Leibeigenschaft betroffen waren. Erst 1864 wurde sie abgeschafft (zum Vergleich: im preußisch besetzten Teil Polens und im Herzogtum Warschau wurde sie 1807 aufgehoben).

1918 bis 1939[Bearbeiten]

Polen im März 1919

Die Wiederbegründung des polnischen Staates, der nach dem Ersten Weltkrieg in Abgrenzung von der Rzeczpospolita als „Zweite Republik“ bezeichnet wurde, war in der Geschichte der Kresy eine stürmische und kriegerische Periode. Zwischen November 1918 und März 1921 führte Polen zwei Kriege um diese Region; den Polnisch-Ukrainischen Krieg (1918–1919) sowie den Polnisch-Sowjetischen Krieg (1920–1921), der mit dem Frieden von Riga endete. Polen konnte das Kriegsziel, die historischen, nach 1772 verlorenen Gebiete zurückzuerobern, nur teilweise erreichen.

1939 bis 1944[Bearbeiten]

1939 bis 1941[Bearbeiten]

Ostpolen wurde im September 1939 nicht von der Wehrmacht, sondern infolge des am 23. August 1939 in Moskau unterzeichneten Geheimprotokolls des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts von der Roten Armee besetzt, nachdem zwei sowjetische Heeresgruppen am 17. September 1939 in Ostpolen einmarschierten.[3] Die neue deutsch-sowjetische Grenze wurde am 28. September im Grenz- und Freundschaftsvertrag festgelegt und hatte bis zum Beginn des deutschen Unternehmen Barbarossa am 22. Juni 1941 Bestand.

1941 bis 1944[Bearbeiten]

Im Juni 1941 drangen die deutschen Truppen in wenigen Wochen mehrere hundert Kilometer nach Osten ein und besetzten somit für knapp drei Jahre auch die Kresy. Bis Januar 1944 konnte die Sowjetunion die Gebiete östlich der ehemaligen polnischen Ostgrenze vor dem 17. September 1939 zurückerobern und bis Juli 1944 die im Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 festgelegte Grenze erreichen, die fast genau der heutigen Ostgrenze Polens entspricht.

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Westverschiebung Polens vor und nach dem Zweiten Weltkrieg
Polnische pierogi ruskie (Piroggen ruthenische Art), das Zurückgreifen auf die alten kulinarischen Traditionen der ehemaligen polnischen Ostgebiete (Kresy)

Nach dem Krieg wurden die Gebiete ein Teil der Ukrainischen SSR, Weißrussischen SSR und Litauischen SSR und verbleiben auch nach deren Unabhängigkeitserklärung Anfang der 1990er Jahre innerhalb ihrer Grenzen.

Nach Kriegsende lebte in den Kresy eine Bevölkerungsminderheit von rund 1,8 Millionen polnischen Staatsbürgern.[4] Diese Polen wurden nach Kriegsende aufgefordert, freiwillig in den Westen zu ziehen und mussten andernfalls mit der Zwangsumsiedlung rechnen.[5] Nach 1945 siedelten sie überwiegend nach Polen um, vor allem aber in die ehemaligen Ostgebiete des Deutschen Reiches. Dennoch existiert in dem Gebiet nach wie vor eine polnische Minderheit.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kresy – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Samuel Bogumił Linde: Wörterbuch der polnischen Sprache, 1807.
  2. Krzysztof Jasiewicz: Zagłada polskich Kresów: ziemiaństwo polskie na Kresach Północno-Wschodnich Rzeczypospolitej pod okupacją sowiecką 1939–1941. Warschau 1998, ISBN 83-86857-81-1.
  3. Hain Rebas, Vor 50 Jahren und heute: Estland zwischen Deutschland und der Sowjetunion – Eine historiographisch-chronologische Einführung, in: Robert Bohn, Jürgen Elvert, Hain Rebas, Michael Salewski (Hrsg.): Neutralität und totalitäre Aggression. Nordeuropa und die Großmächte im Zweiten Weltkrieg. Steiner, Stuttgart 1991 (= HMRG, Beiheft 1), S. 32; Joachim Rohlfes, Historische Gegenwartskunde: Handbuch für den politischen Unterricht, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1970, S. 548.
  4.  Stanisław Ciesielski, Włodzimierz Borodziej: Przesiedlenie ludności polskiej z kresów wschodnich do Polski 1944–1947. Wydawnictwo Neriton, Warschau 2000, ISBN 978-83-86842-56-8.
  5. Thomas Urban: Der Verlust – Die Vertreibung der Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert. Beck, München 2006, ISBN 978-3-406-54156-8, S. 152-153.