Krišjānis Barons

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Krišjānis Barons (* 19. Oktoberjul./ 31. Oktober 1835greg. in Strutele, Lettland; † 8. März 1923 in Rīga) war ein lettischer Volkskundler, Schriftsteller und Philologe. In Lettland wird er als „Vater der Dainas“ (lett.: „Dainu tēvs“) verehrt.

Leben[Bearbeiten]

Krišjānis Barons, Foto aus dem Jahr 1910

Krišjānis Barons wurde als jüngstes von acht Kindern des Gutsverwalters Juris Barons (1796–1843) und seiner Frau Eņģele Barone (geb. Brikšķe, 1793–1884) in Strutele (deutsch: Strutteln) in Kurland geboren. Als er sieben Jahre alt war, starb sein Vater. Krišjānis wuchs bei seiner älteren Schwester Kristīne auf, deren Ehemann ebenfalls Gutsverwalter war, zunächst in Dundaga (deutsch: Dondangen, Gut Dundagas Vecmuiža), danach im benachbarten Valpene (Gut Valpenes mazā muiža). In der Volksschule in Kubele bei Dundaga war der Dichter Ernests Dinsbergs (1816–1902) sein Lehrer, der später ein wichtiger Mit-Sammler und Gewährsmann wurde, als Barons die Dainas zusammenzutragen begann.[1]

Nach der Mittelschule in Ventspils (1848–1851) und dem Gymnasium in Jelgava (1852–1855) studierte Barons von 1856 bis 1860 Mathematik und Astronomie an der Universität Dorpat. In Dorpat lernte er Krišjānis Valdemārs kennen und schloss sich der Bewegung der Jungletten (lett.: jaunlatvieši) an. Vor dem Examen musste Barons sein Studium abbrechen, da er die Vorlesungsgebühren nicht mehr zu bezahlen und seinen Lebensunterhalt nicht mehr zu fristen vermochte.[2] Von Dorpat wanderte Barons nach Dundaga; diese Erfahrung floss in das Buch ein, mit dem er auf sich aufmerksam machte: Mūsu tēvzemes aprakstīšana (Beschreibung unseres Vaterlandes),[3] von Barons als „Schul- und Hausbuch“ (lett.: grāmatiņa priekš skolām un mājām) bezeichnet.

Ab 1862 arbeitete Barons auf Empfehlung von Juris Alunāns als Redakteur der in St. Petersburg erscheinenden lettischen Zeitung Pēterburgas Avīzes, bis zum Verbot der Zeitung durch die russische Zensur im Jahre 1865.[4] Im selben Jahr heiratete er Dārta Rudzīte (1838–1914); ihnen wurde ein Sohn geboren, Kārlis (1865–1944). Von 1867 bis 1880 verdingte sich Barons als Hauslehrer der Familie Stankewitsch, die die Sommer auf ihren Gütern im Gouvernement Woronesch verbrachte, die Winter in Moskau.[5] Von 1880 bis zu seiner Heimkehr nach Lettland (Riga) im Jahre 1893 war Barons Deutschlehrer an einem Gymnasium in Moskau.

1878 begann Barons, lettische Volkslieder und Gedichte, insbesondere Dainas, zu sammeln und die überlieferten Texte zu systematisieren. Er archivierte die Zettel, auf denen er je eine Daina notierte, in einem von ihm selbst für diesen Zweck entworfenen und von einem deutschen Schreiner in Moskau gefertigten Schrank.[6] Dieser Schrank der Volkslieder (lett.: Dainu skapis) gilt den Letten bis heute als ein „Nationalheiligtum“; im Jahre 2001 zeichnete die UNESCO ihn als Weltdokumentenerbe aus.[7] 1894 publizierte Barons in Jelgava den ersten Band seines Opus magnum: Latvju dainas (in damaliger Schreibweise: Latwju dainas, deutsch: Lettische Volkslieder). Bis 1915 erschienen sechs Bände (in acht Teilbänden) mit insgesamt 217.996 Dainas, davon rund 36.000 „Grundlieder“ und rund 182.000 Varianten.[8] Seine Sammlung stellt „aufgrund ihres riesigen Materials und der exakten Angabe über die Herkunft der einzelnen Lieder ein Jahrhundertwerk der lettischen Volksliedforschung von unschätzbarem Wert da“.[9]

In seinen letzten Jahren erforschte Barons vor allem die Poetik und die Sprache der Dainas, bereitete auf Anregung des Bildungsministeriums der jungen Republik Lettland eine Auslese der lettischen Volkslieder (lett.: Latvju dainu izlase) vor und schrieb, unterstützt von seiner Schwiegertochter Līna Barona (1872–1932), an seinen Lebenserinnerungen (lett.: Atmiņas), die im Jahr nach seinem Tode veröffentlicht wurden.

Nachleben und Ehrungen[Bearbeiten]

Krišjānis-Barons-Denkmal im Wöhrmannschen Garten in Riga
Krišjānis Barons auf der von 1992 bis 2013 umlaufenden 100-Lats-Note
  • Die Straße, in der Barons von 1919 bis zu seinem Tode seine letzte Wohnung in Riga nahm, heißt heute Krišjāņa Barona iela (Krišjānis-Barons-Straße; bis 1917: Suworow-Straße).
  • In seiner einstigen Wohnung in Riga (Krišjāņa Barona iela 3, Wohnung Nr. 5) wurde 1985, anlässlich seines 150. Geburtstages, das Krišjānis-Barons-Museum eingerichtet. Es dokumentiert sein Leben und seine volkskundliche und literarische Leistung.
  • Im Wöhrmannschen Garten („Vērmanes dārzs“) im Zentrum Rigas erinnert ein Denkmal an Barons.
  • Ein weiteres bekanntes Denkmal befindet sich auf dem „Volksliederberg“ (lett.: Dainu kalns) in Sigulda.[10]
  • Die 100-Lats-Note der Latvijas Banka zeigte Krišjānis Barons, und zwar als einzige Persönlichkeit, die nach der Wiederherstellung der lettischen Unabhängigkeit 1990/1991 auf einer Banknote abgebildet wurde. Zudem war er auf einer silbernen Gedenkmünze der Serie „Menschen“ dargestellt.[11]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kārlis Arājs: Krišjānis Barons. Zinātne, Rīga 1984.
  • Kārlis Arājs: Krišjānis Barons un „Latvju dainas“. Zinātne, Rīga 1985.
  • Arturs Baumanis: Krišjanis Barons. Biografija. Augsburg 1946.
  • Boriss Infantjevs: Die Beziehungen von Krišjānis Barons zu den wissenschaftlichen Gesellschaften in Moskau und Petersburg. In: Baiba Metuzāle-Kangere u.a. (Hg.): Symposium Balticum. Festschrift to honour professor Velta Rūķe-Draviņa. Buske, Hamburg 1990. ISBN 3-87118-940-5. S. 155–159.
  • Ojars Kratins: An unsung hero. Krišjānis Barons and his lifework in Latvian folk songs. University of California Press, Berkeley 1961.
  • Saulcerīte Viece: Krišjānis Barons. The man and his work. Raduga, Moskau 1985.
  • Vaira Vīķe-Freiberga (Hg.): Linguistics and poetics of Latvian folk songs. Essays in honour of the sesquicentennial of the birth of Kr. Barons. McGill-Queen's University Press, Kingston 1989. ISBN 0-7735-0661-6.
  • Peter Zālīte: Krišjānis Barons. In: Acta Universitatis Latviensis, Jg. 5 (1923), S. 227–231.

Film[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Krišjāņa Barona piemiņas vietas (Orte der Erinnerung an Krišjānis Barons), abgerufen am 22. April 2014 (lettisch).
  2. Friedrich Scholz: Die Literaturen des Baltikums. Ihre Entstehung und Entwicklung. (= Abhandlungen der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 80). Westdeutscher Verlag, Opladen 1990. ISBN 3-531-05097-4. S. 164.
  3. Gemeint sind die beiden damals noch unter russischer Herrschaft stehenden Ostseegouvernements Estland, Livland und Kurland.
  4. Friedrich Scholz: Die Literaturen des Baltikums. Opladen 1990. S. 127f.
  5. Friedrich Scholz: Die Literaturen des Baltikums. Opladen 1990. S. 164.
  6. Daten zum Leben von Krišjānis Barons auf der Website des Krišjānis-Barons-Museum in Riga, abgerufen am 22. April 2014.
  7. Krišjāņa Barona Dainu skapis (Krišjānis Barons' Daina-Schrank), abgerufen am 22. April 2014 (lettisch).
  8. Friedrich Scholz: Die Literaturen des Baltikums. Opladen 1990. S. 165.
  9. Friedrich Scholz: Die Literaturen des Baltikums. Opladen 1990. S. 166.
  10. Georg Juris Thars: Die lettischen Volkslieder und der „Volksweisenpark“ (Dainu Parks) zu Ehren Krisjanis Barons. Artilett, Stockholm 1988.
  11. George S. Čuhaj (Hg.): 2012 standard catalog of world coins. 2001 to date. Krause Publications, Iola (Wisconsin) 2011. ISBN 978-1-4402-1575-9. S. 435.
  12. Lutz D. Schmadel: Dictionary of minor planet names. Springer, Berlin, 5., überarbeitete und erweiterte Aufl. 2003. ISBN 3-540-00238-3. S. 270.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Krišjānis Barons – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien