Kriegerin

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Dieser Artikel behandelt den deutschen Film aus dem Jahr 2011. Für den amerikanischen Film aus dem Jahr 1998 siehe Die Kriegerin.
Filmdaten
Originaltitel Kriegerin
Kriegerin-Logo.svg
Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 2011
Länge 103 Minuten
Altersfreigabe FSK 12
JMK 14[1]
Stab
Regie David Wnendt
Drehbuch David Wnendt
Produktion Eva-Marie Martens
Musik Johannes Repka
Kamera Jonas Schmager
Schnitt Andreas Wodraschke
Besetzung

Kriegerin ist ein deutscher Spielfilm von Regisseur David Wnendt über die Neonazi-Szene in Deutschland. Er wurde beim Filmfest München 2011 uraufgeführt. Der Kinostart in Deutschland war am 19. Januar 2012.[2]

Handlung[Bearbeiten]

Die 20-jährige Marisa ist Teil einer neonazistischen Jugendclique in einer ostdeutschen Kleinstadt im ländlichen Raum. Ihr Leben ist geprägt von Hass auf Migranten, Juden, die Polizei und eigentlich jeden, der nicht in ihr Weltbild passt. Körperliche Gewalt spielt eine zentrale Rolle im Alltag der Clique, der auch ihr Freund Sandro angehört. Nachdem die Gruppe an einem Badesee die beiden pakistanischen Asylbewerber Jamil und Rasul fremdenfeindlich beschimpft und erniedrigt, entsteht ein Streit, in dessen Folge Marisa Jamil und Rasul mit ihrem Auto rammt und Jamil schwer verletzt. Nicht zuletzt auch weil Rasul danach in dem örtlichen Supermarkt, in dem Marisa zusammen mit ihrer Mutter als Kassiererin arbeitet, auftaucht, um Essen bittet und ihr seine hilflose Lage schildert, bekommt sie Gewissensbisse und beginnt, Rasul zunächst mit Essen und einem Schlafplatz sowie später auch in dessen Vorhaben, zu seiner Familie nach Schweden zu fahren, zu unterstützen. Parallel zu Marisas allmählichem Ausstieg aus der Szene findet dagegen die 15-jährige, aus bürgerlichem Haus stammende Svenja verstärkt Anschluss zur Neonazi-Szene, lernt Marisa auf einer Neonazi-Party kennen und ist ab diesem Zeitpunkt akzeptiertes Mitglied der Clique. Marisa, die ihr von Hass und Gewalt dominiertes Umfeld und ihre patriarchal geprägte Beziehung zu ihrem Freund immer mehr in Frage stellt, bleibt schließlich nur die Wahl eines plötzlichen und radikalen Bruchs mit ihrem ehemaligen Leben.

Nachdem sie Kontakt zu einer Schleuserbande aufgenommen hat, bricht sie auf zu der Wohnung, in der sich die Neonazi-Szene des Orts sammelt. An der Haustür kommt es zu einer Konfrontation mit Marisas Mutter, die sie anfleht, sie nicht zu verlassen und schließlich schildert, wie ihr Vater sie misshandelte, als er von ihrer Schwangerschaft erfuhr. Erst als Marisa geboren war, akzeptierte der Großvater die Enkelin und indoktrinierte sie als Kind, wie sich in den späten Sequenzen des Films herausstellt, mit der Propaganda des NS-Regimes und dessen Judenfeindlichkeit. Den Juden warf er anhaltende Geschichtsverzerrung vor und betrieb damit Holocaustleugnung. Im Verlauf des Films verstirbt er.

Marisa verlässt ihr Elternhaus dennoch, schlägt ihren Freund und einen weiteren Neonazi mit einem Baseballschläger zusammen und fährt mit Svenja und Rasul zu einem Treffpunkt an der Ostsee, von wo aus Rasul mit der Schleuserbande nach Schweden gelangen soll. Zur Bezahlung dient das Geld, das Svenja ihren Eltern vor ihrer Flucht aus dem Elternhaus gestohlen hat. Es kommt zur Übergabe, und Rasul wird mit einem Boot weggebracht. Svenja hat zwischenzeitlich aber den Aufenthaltsort an Sandro verraten. Er spürt Marisa am Strand auf und schießt ihr in die Brust. Marisa verstirbt kurz darauf am Strand unter den Augen von Svenja, die erst jetzt begreift, in welche Kreise sie tatsächlich geraten ist.

Hintergrund[Bearbeiten]

Gedreht wurde der Film im August und September 2010 in Sachsen[3], Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.[4] Es ist David Wnendts Regiedebüt und sein Diplomfilm. Er studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam. Dem Film ging eine zweijährige Recherche voraus, währenddessen sich der Regisseur intensiv mit der Szene auseinandersetzte und Interviews mit Neo-Nazi-Gang-Mitgliedern führte. Marisas Charakter wurde von wahren Gegebenheiten inspiriert. Der Film entstand als Produktion der Berliner Mafilm Martens Film- und Fernsehproduktions GmbH[5] in Koproduktion mit der ZDF-Redaktion Das kleine Fernsehspiel. Der internationale Vertrieb ist EastWest Filmdistribution.[6]

Die Endsequenz des Films wurde am Strand hinter dem Seebad Prora gedreht.[7]

Während einer Party sieht sich die Gruppe im Film den Propagandafilm Der ewige Jude an. Die gewaltverherrlichenden Nazisongs für Kriegerin schrieb der Musiker Johannes Repka speziell für den Soundtrack und spielte sie mit Mitgliedern von Oi!-Punk-Bands ein. Die Musiker distanzieren sich im Abspann von den Liedern. Eine Veröffentlichung der Stücke ohne Filmbilder wurde vertraglich ausgeschlossen.[8]

Kritik[Bearbeiten]

„David F. Wnendts ‚Kriegerin‘ […] sorgte für Aufsehen. Alina Levshin […] spielt in diesem fundiert recherchierten Neonazi-Drama die hasserfüllte Supermarkt-Kassiererin Marisa, irgendwo in Ostdeutschland. Zu Liedzeilen wie ‚Holocaust Reloaded‘ bringt sie sich mit ihrer Clique in Stimmung für Gewalttaten. Doch dann löst sich die ideologische Gewissheit auf. Ein gewagter, ungeschönter Film.“

Katrin Hillgruber, Der Tagesspiegel[9]

„Dank seiner überragenden Hauptdarstellerinnen Alina Levshin als Marisa und Jella Haase als Svenja ist Regisseur Wnendt eine stimmige Milieustudie gelungen, da stören auch die manchmal etwas hölzern aufgesagten Dialoge nicht. Vor allem glückt ‚Kriegerin‘ eine gefährliche Balance: Der Film verrät seinen Gegenstand nicht, macht sich aber auch nicht mit ihm gemein.“

Thomas Winkler, fluter[10]

„Letztlich aber ist er an jenem diffusen Gefühl, hier einer allzu gemachten Geschichte bei der Durchführung zuzuschauen, immerhin äußerst respektabel gescheitert, denn ein allzu erwartetes Bild, so schreibt schon der große Robert Bresson, wird niemals richtig erscheinen. Auch dann nicht, wenn es richtig ist.“

Jochen Werner, Critic.de[11]

„David Wnendts Drama ‚Kriegerin‘ bietet keine schlüssige Antwort […], sondern variiert stattdessen bloß einige der typischen Klischees und verheddert sich auch noch beim Erzählen. […] Leider reichen die Leistungen der Hauptdarstellerinnen […] nicht aus, um auch den Rest des Films über den Durchschnitt zu hieven.“

Robert Cherkowski, filmstarts[12]

„Als das Zwickauer Terrornetzwerk aufflog, war »Die Kriegerin« bereits abgedreht. Der Film zeigt die rechte Szene so, wie die Mehrheit der Deutschen sie wohl gerne sehen will: Nazis sind saufende, prügelnde Verlierertypen mit eintätowierten Hakenkreuzen und Springerstiefeln. Die politischen Ansichten der Hauptfiguren bleiben holzschnittartig, Anknüpfungspunkte an gesellschaftlich mehrheitsfähige Diskurse werden nicht benannt. Der Blick wird auf den sogenannten Rand der Gesellschaft gelenkt, auf eine kleine Gruppe von Delinquenten mit Desintegrationserfahrungen. So kann man sich entspannt in den Kinosessel fallen lassen und Mitleidsbekundungen abgeben über die fehlgeleiteten Jugendlichen aus den kaputten Familien.“

Michael Bergmann, Jungle World[13]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Jurybegründung: „Mit einem verstörenden Gewaltausbruch beginnt „Kriegerin“ und zeichnet ab dann, bis in die letzte Faser dramaturgisch durchdacht, authentische und nuancierte Figuren. Bis zum Schluss hält der Film alles, was er verspricht. Seinem herausragenden Drehbuch setzt David Falko Wnendt als Krone eine ebenso exzellente Regie darauf. Extremer Mut, null Klischees und die jungen Schauspieler machen „Kriegerin“ in jeder Hinsicht zu einem Ereignis.“[14]
  • Förderpreis Deutscher Film 2011 für die beste Hauptdarstellerin (Alina Levshin)
Jurybegründung: „Was für ein Auftritt: Als Alina Levshin auf der Leinwand auftaucht, scheint nach fünf Minuten alles klar. Scheint ..,. denn was sich in der Rolle von Marisa und folglich im Gesicht, in der Sprache und in der Körperlichkeit dieses Mädchens entfaltet, ist buchstäblich atemberaubend. Man kann sich an Alina Levshin und dem gesamten Ensemble nicht satt sehen. Alina Levshin ist ein Versprechen für das deutsche Kino.“[14]
Aus der Jurybegründung: „ein kraftvoller, riskanter und schockierender Film, der eine noch grausamere Wirklichkeit spiegelt: Hass und Rechtsradikalität als einzig Sinn stiftendes Element einer wütenden Jugend, die keine Perspektive in unserer Gesellschaft zu haben scheint. Dabei beweist sich David Wnendt auch als hervorragender Autor, der die spürbar genaue Recherche zu einem fesselnden Drehbuch verarbeitet. Die Hauptdarsteller Alina Levshin und Gerdy Zint verkörpern ihre Figuren mit so atemloser Wucht, dass beim Zuschauen Empathie und Abscheu hautnah beieinander liegen. Ein Kinofilm, der mutig und direkt in die Abgründe unserer Gegenwart blickt.“[16]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kennzeichnung der Jugendmedienkommission.
  2. Kriegerin (Version vom 13. November 2012 im Internet Archive) beim Deutschen Verleih AscotElite Film
  3. Karin Rieck: Schlüsselszene zu brisantem Streifen „Die Kriegerin“ in Eilenburg gedreht in LVZ Online, 1. September 2010 (abgerufen am 2. September 2011)
  4. Kriegerin bei filmportal.de, abgerufen am 10. Juli 2011
  5. Kriegerin bei der Mafilm Martens Film- und Fernsehproduktions GmbH
  6. Kriegerin (Version vom 24. Oktober 2012 im Internet Archive) bei der East West Filmdistribution GmbH
  7. rfo.de
  8. Torsten Wahl: Distanzierung im Abspann, Berliner Zeitung vom 17. Januar 2012, abgerufen am 20. Januar 2012
  9. Katrin Hillgruber: Letzte Durchsagen. In: Der Tagesspiegel vom 1. Juli 2011
  10. Kriegerin In: fluter, abgerufen am 20. Januar 2012
  11. Kriegerin In: Critic.de vom 18. Dezember 2011
  12. Kriegerin In: filmstarts.de, abgerufen am 18. Januar 2012
  13. Sex unterm Hakenkreuz In: Jungle World Nr. 3, 19. Januar 2012, abgerufen am 25. Januar 2012
  14. a b Fünf Auszeichnungen für sechs Talente im Deutschen Film, abgerufen am 9. Juli 2011
  15. Kriegerin bei der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW), abgerufen am 26. August 2011
  16. First Steps 2011: Jurybegründung, abgerufen am 24. August 2011
  17. Prix Europa 2011 Awards (PDF; 56 kB), abgerufen am 20. September 2012
  18. Jornal da Mostra vom 4. November 2011
  19. Und die "Lüdia" geht an... - das sind die Preisträger, abgerufen am 13. November 2011
  20. Preis der deutschen Filmkritik 2012, abgerufen am 14. Februar 2013