Kriegstote des Zweiten Weltkrieges

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In der Schlacht um Cholm gefallene Soldaten der Roten Armee, 1942.
Ein im Original mit „Ukraine 1942 – Judenaktion in Iwangorod“ beschriftetes Foto, es zeigt vermutlich die Ermordung von Juden durch Einsatzgruppen.
Gefallene US-Marines nach dem Angriff auf die Marshall- und Gilbertinseln, 1943.
Nach dem Massaker von Katyn exhumierte ermordete Polen.
In Frankreich gefallener deutscher Soldat, 1944.
Leichen von Häftlingen im KZ Buchenwald, 1945.
Tote russische Zivilisten, 1943.
Gefallener britischer Soldat in St. Nazaire, 1942.

Als Kriegstote oder Menschenverluste des Zweiten Weltkrieges werden im engeren Sinn die Menschen bezeichnet, die seit dem Kriegsbeginn in Europa am 1. September 1939 bis zur Kapitulation Japans am 2. September 1945 durch Kriegshandlungen getötet wurden; im weiteren Sinn auch die, die durch Massenverbrechen im Kriegsverlauf und Kriegsfolgen ihr Leben verloren.

Ihre Gesamtzahl lässt sich nur schätzen. Die Schätzungen, die Verbrechen und Kriegsfolgen einbeziehen, reichen bis zu 80 Millionen Kriegstoten. Für die durch direkte Kriegseinwirkung Getöteten werden meist zwischen 50 und 56 Millionen angegeben.

Problematik[Bearbeiten]

In vielen an diesem Krieg beteiligten und davon betroffenen Staaten gibt es wenige gesicherte Quellen und Forschungen zu den Kriegstoten. Auch sind die Methoden der jeweiligen Schätzungen uneinheitlich, ebenso die Todesursachen, die als unmittelbare oder mittelbare Kriegseinwirkungen angesehen werden.

Die genaue Ermittlung der Opferzahlen erschwerte das für den Krieg hauptverantwortliche NS-Regime durch Geheimhaltung, Aktenvernichtung und Deklarieren von Massenmorden als Kriegsfolgen. Kriegsschäden, mangelnde Demographie und verschlossene Archive erschwerten die Nachforschungen auch nach dem Krieg.[1]

Viele der Opferzahlen waren und sind stark umstritten, da etwa Ansprüche auf Entschädigungen damit begründet werden. Nicht immer wurden Opfer von Massenverbrechen, Kriegsverbrechen und Völkermord vollständig erfasst und von sonstigen Kriegstoten unterschieden. Deshalb wird bis heute eine große Bandbreite verschiedener Zahlen überliefert. Deren wissenschaftliche Überprüfung hat besonders in Osteuropa vielfach erst seit 1990 begonnen.

Kriegstote nach Staatsangehörigkeit[Bearbeiten]

W. van Mourik führte in seiner Bilanz des Krieges von 1978 gefallene und vermisste Soldaten sowie in Kampfhandlungen getötete Zivilisten nach ihren Herkunftsländern auf:[2]

Land Soldaten Zivilisten Gesamt
Australien 30.000 30.000
Belgien 10.000 50.000 60.000
Bulgarien 10.000 10.000
Brasilien 456 456
Republik China 4.500.000 10.000.000 14.500.000
Deutschland 3.250.000 3.640.000 6.890.000
Estland 140.000 140.000
Finnland 90.000 90.000
Frankreich 250.000 270.000 520.000
Griechenland 20.000 80.000 100.000
Vereinigtes Königreich 370.000 60.000 430.000
Italien 330.000 70.000 400.000
Japan[3] 2.300.000 800.000 3.100.000
Jugoslawien 300.000 1.300.000 1.600.000
Lettland 120.000 120.000
Litauen 170.000 170.000
Neuseeland 10.000 10.000
Niederlande 23.000 112.000 135.000
Norwegen 10.000 10.000
Österreich 230.000 40.000 270.000
Polen 200.000 6.000.000 6.200.000
Rumänien 200.000 40.000 240.000
Sowjetunion 13.600.000 6.000.000 19.600.000
Tschechoslowakei 20.000 70.000 90.000
Ungarn 120.000 80.000 200.000
USA 300.000 300.000
Summen 26.173.456 29.042.000 55.215.456

Viele dieser Zahlenangaben sind methodisch unabgesicherte Schätzwerte, die durch neuere Forschungen präzisiert oder korrigiert wurden.[4]

Die Demographen Marcel Reinhard und André Armengaud führten 1961 folgende Zahlen an:[5]

  • Gesamtopfer des Zweiten Weltkriegs: ca. 50 Mio.
  • Sowjetunion: 17–25 Mio., davon 8–9 Mio. Soldaten, 9–16 Mio. Zivilisten
  • Polen: 5 Mio., davon 3,1 Mio. polnische Juden
  • Jugoslawien: 1,5 Mio., davon 1,2 Mio. Zivilisten
  • Griechenland: 500.000

Opfer deutscher Massenverbrechen im Kriegsverlauf[Bearbeiten]

Opfergruppe Helmuth Auerbach[6] Dieter Pohl[7]
Juden 6.000.000 5.700.000
Sowjetische Kriegsgefangene 3.300.000 3.000.000
Roma/Sinti 219.600 mindestens 100.000
Euthanasieopfer 250.000 270.000
Nichtjüdische Zivilisten, KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Deportierte 3.340.000 4.300.000 (mit Hungertoten)
Gesamtzahl 13.109.600 13.370.000

Besonders die Zahlen der Holocaust-Opfer wurden seit 1990 mehrfach genau überprüft und die bis dahin ungewissen Zahlen der sowjetischen und polnischen Holocaustopfer durch neue Quellen exakter bestimmt. Dabei wurden die Mindestzahl von 5,7 Millionen[8] und die wahrscheinliche Gesamtzahl von 6,3 Millionen ermordeten Juden wissenschaftlich gesichert.[9] Das Forschungsinstitut Yad Vashem hat bis 2010 die Namen von 4 Millionen Holocaust-Opfern dokumentiert.[10]

Umstrittene Zahlenangaben[Bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten]

Für Deutschland schwanken die Angaben zwischen 5,5 (Statistisches Bundesamt 1991) und 6,9 Millionen Kriegstoten (Bevölkerungs-Ploetz 1965).[11] Darunter waren nach der bisher genauesten Untersuchung von Rüdiger Overmans (1999) 5,3 von 18,2 Millionen zwischen 1939 bis 1945 eingezogenen deutschen Soldaten (28 Prozent).[12]

Michel Hubert (1998) führte die Zahlenunterschiede auf verschiedene zugrundegelegte Gebietsgrenzen und darauf zurück, ob kriegsbedingte Übersterblichkeit, Sterberaten von Vermissten, Flüchtlingen und später gestorbenen Kriegsverletzten einbezogen wurden oder nicht.[13]

Polen[Bearbeiten]

Ein staatlicher Bericht von 1947 legte die Zahl der polnischen Kriegstoten auf 6,028 Millionen fest; diese Zahl wurde bis 2009 geltend gemacht und galt als unantastbar.[10] Die rasche Ermittlung der polnischen Opferzahlen ergab sich aus der Notwendigkeit der Zahlen für die Frage von Reparationen.[10]

Das Institut für Nationales Gedenken überprüfte diese offizielle Zahl im Auftrag des nationalen Bildungsministeriums und der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung von Juni bis August 2009.[14] Es ermittelte mit einer Datenbank 5,62 bis 5,82 Millionen polnische Kriegstote. In ihnen enthalten sind 150.000 Polen, die durch die sowjetische Besetzung Ostpolens von 1939 bis 1941 starben. Außerdem sind darin etwa drei Millionen polnische Juden erfasst. [15] Als Forschungsstand gilt die Zahl 5,65 Millionen polnischer Opfer.[10]

Sowjetunion[Bearbeiten]

Im März 1946 wurde die Opferzahl der Sowjetunion von Stalin aus propagandistischen Gründen mit sieben Millionen viel zu niedrig angegeben. Seit der Entstalinisierung bis 1985 galt in der Sowjetunion die offizielle Zahl von 20 Millionen Kriegstoten.[16] Unter Michael Gorbatschow wurden seit 1985 einige der sowjetischen Archive geöffnet und eine offizielle Gesamtzahl von 27 Millionen sowjetischen Kriegstoten, davon 7 Millionen Zivilisten, genannt.[17] 1989 schätzte der russische Historiker Wladimir I. Koslow die Gesamtzahl der sowjetischen Kriegstoten auf 40 Millionen; dabei bezog er neben getöteten Soldaten, die er auf 15 bis 20 Millionen schätzte, Opfer unter Zwangsarbeitern, Repatriierten, im Holocaust ermordete sowjetische Juden und aus Kriegsgründen in stalinistische Lager Verschleppte mit ein.[18]

Eine von Verteidigungsminister Dmitri Timofejewitsch Jasow eingesetzte Kommission ermittelte von 1987 bis 1991 insgesamt 37 Millionen sowjetische Kriegstote, davon 8,6 Millionen Soldaten und 27 bis 28 Millionen Zivilisten.[19] Russische Forscher bestätigen die Zahl der gefallenen Soldaten, manche schätzen die Zahl der getöteten sowjetischen Zivilisten jedoch auf 17 Millionen.[20]

Laut Christian Hartmann war die Sowjetunion mit etwa 26,6 Millionen getöteten Menschen betroffen. Darunter 11,4 Millionen Soldaten, von denen 8,4 Millionen durch die Kampfhandlungen und drei Millionen in deutscher Kriegsgefangenschaft starben; den größten Anteil der sowjetischen Opfer bildeten aber etwa 15,2 Millionen getötete Zivilisten.[21] Laut Vladimir Tarasov liegt der Forschungsstand zu den sowjetischen Opferzahlen 2012 bei 26,9 Millionen Menschen.[10]

Tschechoslowakei[Bearbeiten]

Die genauen Opferzahlen der NS-Herrschaft in der Tschechoslowakei sind bis heute nicht geklärt: die Forschung rechnet mit 330.000 bis 360.000 Opfern, darunter rund 270.000 Juden.[22]

Ungarn[Bearbeiten]

In Ungarn, wo nach dem Zweiten Weltkrieg die Opferzahl eine stark politisierte Frage war, summieren sich die Menschenverluste nach derzeitigen Berechnungen auf 1,2 bis 1,4 Millionen.[10]

Literatur[Bearbeiten]

  • Micheal Clodfelter: Warfare and armed conflicts: a statistical reference to casualties and other figures, 1500–2000, McFarland, Jefferson, N.C., 2002 (2nd ed.) ISBN 0-7864-1204-6.
  • Martin K. Sorge: The Other Price of Hitler's War: German Military and Civilian Losses Resulting from World War II. Greenwood Publication Group, 1986, ISBN 0-313-25293-9.
  • New Encyclopedia Britannica: The World Wars, S. 1043.
  • Rüdiger Overmans: Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg, 3. Auflage, Oldenbourg, München 2004, ISBN 3-486-56531-1.
  • Rüdiger Overmans: Kriegsverluste im Kontext von Reparationsinteressen. In: Zentrum für Historische Forschung (Hrsg.): Historie. Jahrbuch des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaft, Band 1: Krieg und seine Folgen. Budrich UniPress, Leverkusen-Opladen 2008, S. 93–102.
  • Rüdiger Overmans: Vom Umgang mit den Zahlen. Zur Bewertung der personellen Verluste im Zweiten Weltkrieg durch die Wehrmachtführung. In: Ernst Otto Bräunche, Hermann Hiery (Hrsg.): Geschichte als Verantwortung. Festschrift für Hans Fenske zum 60. Geburtstag. Heinz Wolf, Karlsruhe 1996, S. 113–126.
  • Rüdiger Overmans: 55 Millionen Opfer des Zweiten Weltkrieges? Zum Stand der Forschung nach mehr als 40 Jahren. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen, 48. Jg., Nr. 2/1990, S. 103–121.
  • Rüdiger Overmans: Die Toten des Zweiten Weltkriegs in Deutschland. Bilanz der Forschung unter besonderer Berücksichtigung der Wehrmacht- und Vertreibungsverluste. In: Wolfgang Michalka (Hrsg.): Der Zweite Weltkrieg. Analysen, Grundzüge, Forschungsbilanz. Piper, München 1989, S. 858–873.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kriegstote des Zweiten Weltkrieges – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Reinhard Henkys, Jürgen Baumann: Die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen. Geschichte und Gericht. Kreuz-Verlag, Stuttgart 1964.
  2. John Preger, W. van Mourik, Eddy Bauer: Bilanz eines Weltkrieges. (1978) Lekturama, 2. Auflage 1981
  3. Der Zweite Weltkrieg – Teil 2. 1943–1945. GEO Epoche, Nr. 44, 08/10, Hamburg 2010, S. 175.
  4. Rolf-Dieter Müller, Horst Boog, Jörg Echternkamp (Hrsg: Militärgeschichtliches Forschungsamt): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg: Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945, Teil 2. Deutsche Verlags-Anstalt, 2008, ISBN 3421043388, S. 802
  5. Marcel Reinhard, André Armengaud: Histoire générale de la population mondiale. Montchrestien, 1961; rezipiert bei Michel Hubert: Deutschland im Wandel (Vierteljahrschrift Fur Sozial- Und Wirtschaftsgeschichte – B). Franz Steiner, 1998, ISBN 3515073922, S. 270
  6. Hellmuth Auerbach: Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In: Wolfgang Benz (Hg.): Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte. Dtv, Neuauflage 1992, ISBN 3-423-04666-X, S. 161 f.
  7. Dieter Pohl: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1939–1945. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003, ISBN 3-534-15158-5, S. 153.
  8. Dieter Pohl: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933–1945. S. 109.
  9. Wolfgang Benz (Hrsg.): Dimension des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Dtv, München 1996, ISBN 3-423-04690-2.
  10. a b c d e f Edina Rauschenberger: Tagungsbericht Die Einsamkeit der Opfer. Methodische, ethische und politische Aspekte der Zählung der Menschenverluste des Zweiten Weltkriegs. 09.12.2011–2010.12.2011, Budapest. In: H-Soz-u-Kult, 8. Juni 2012.
  11. Wolfgang Köllmann: Bevölkerung und Raum in Neuerer und Neuester Zeit. (= Raum und Bevölkerung in der Weltgeschichte, Bevölkerungs-Ploetz, Band 4). Ploetz-Verlag, Würzburg 1965, S. 189f.
  12. Rüdiger Overmans: Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg, Oldenbourg, München 1999, ISBN 3-486-56332-7, S. 316.
  13. Michel Hubert: Deutschland im Wandel (Vierteljahrschrift Fur Sozial- Und Wirtschaftsgeschichte – B). 1998, S. 272 und Fußnoten 3-5
  14. Knut Krohn (Sächsische Zeitung, 2. Juni 2009): Polen zählt erstmals seine Kriegsopfer.
  15. Agence France Presse, 26. August 2009: Polen korrigiert Zahl seiner Weltkriegstoten nach unten.
  16. Bernd Bonwetsch: Der ‚Große Vaterländische Krieg’: Vom öffentlichen Schweigen unter Stalin zum Heldenkult unter Breschnew. In: Babette Quinkert (Hrsg.): „Wir sind die Herren dieses Landes“. Hamburg 2002, S. 173.
  17. I. W. Kurukin: Istorija Rossii IX–XX. Ww. Učebnoje possobije dlja starščeklassnikow i abiturientow. („Geschichte Russlands vom 9. bis 20. Jahrhundert. Lehrbuch für höhere Schulklassen und Abiturienten“), Moskau 2001.
  18. Vladimir I. Kozlov: O ljudskich poterjach Sovetskogo Sojuza v Velikoj Otecestvennoj vojne 1941–1945 godov („Über die Verluste der Sowjetunion an Menschen im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945“), in: Istorija SSSR 1989/2, S. 132–139.
  19. Rianovosti, 7. Mai 2009: UdSSR hat im Zweiten Weltkrieg rund 37 Millionen Menschen verloren
  20. Richard Overy: Russlands Krieg. 1941–1945. Rowohlt, Reinbek, 2. Aufl. 2003, ISBN 3-498-05032-X, S. 435 ff.
  21. Christian Hartmann: Unternehmen Barbarossa. Der deutsche Krieg im Osten 1941–1945. C.H. Beck, München 2011, S. 115 f.
  22. Christiane Brenner: „Zwischen Ost und West“. Tschechische politische Diskurse 1945–1948. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2009, ISBN 3-486-59149-5, S. 34.