Kroaten in Bosnien und Herzegowina

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Wappen der Kroaten in Bosnien und Herzegowina (Verwendung de facto)

Die Kroaten in Bosnien und Herzegowina, seit dem Bosnienkrieg häufig vereinfacht auch als Bosnische Kroaten bezeichnet, bilden eines der drei konstitutiven Völker des Staates Bosnien und Herzegowina.

Heute leben etwa rund 600.000 Kroaten in Bosnien-Herzegowina, die damit 14,3 % der Gesamtbevölkerung von Bosnien und Herzegowina ausmachen (Stand: 2000).[1]

Demografie[Bearbeiten]

Offizielle Bevölkerungszahlen liegen seit 1991 nicht mehr vor, das UNHCR veröffentlichte im Jahr 1996 lediglich einen inoffiziellen Zensus.

Geografische Verteilung[Bearbeiten]

Vereinfachte Darstellung der ethnischen Verhältnisse vor dem Bosnienkrieg (1991)

Aufgrund der Kriegseinwirkungen und den damit verbundenen ethnischen Säuberungen im Bosnienkrieg, lebt heute der Großteil der Kroaten auf dem Gebiet der Föderation Bosnien und Herzegowina (sogenannte „Bosniakisch-Kroatische Föderation“), einer der beiden Entitäten des Staates Bosnien und Herzegowina.

Der Hauptort der bosnischen Kroaten ist Mostar, die Stadt mit den meisten kroatischen Einwohnern in Bosnien und Herzegowina und gleichzeitig das politische und kulturelle Zentrum der Herzegowina. Seit dem Bosnienkrieg leben mehr Kroaten in der Herzegowina als in Bosnien.

In den folgenden Gemeinden Bosnien-Herzegowinas bilden die Kroaten die relative Bevölkerungsmehrheit: Livno, Tomislavgrad, Kupres, Posušje, Ljubuški, Široki Brijeg, Grude, Čapljina, Čitluk, Mostar, Neum, Prozor-Rama, Ravno, Stolac, Domaljevac-Šamac, Odžak, Orašje, Dobretići, Kiseljak, Kreševo, Vitez, Usora und Žepče.

Geschichte[Bearbeiten]

Zur Zeit der osmanischen Herrschaft verließ ein Teil der katholischen Einwohner Bosnien-Herzegowina und siedelte sich in den zu Österreich-Ungarn und der Republik Venedig gehörenden Gebieten Kroatien-Slawoniens und Dalmatiens an.

Während des Zweiten Jugoslawien (1945-1991) sank die Zahl der Kroaten im Land um etwa ein Viertel. Bei der der Volkszählung von 1991 zählten sich noch 17,3 % der Bevölkerung zu den Kroaten. Die meisten Kroaten leb(t)en in den Regionen der westlichen Herzegowina, Westbosniens, Zentralbosniens und in der Posavina.

Zwischen 150.000 bis 200.000 Kroaten (je nach Quellenangabe) sind während des Bosnienkrieges (1992–1995) nach Kroatien geflohen oder übergesiedelt. Nach dem Bosnienkrieg kehrten viele kroatischen Vertriebenen nicht in ihre Heimatorte zurück, besonders in der Posavina. Ortschaften in diesem Gebiet wurden geplündert und niedergebrannt, der Wiederaufbau geht nur schleppend voran. Entschädigungszahlungen wurden bisher nicht geleistet.

Kultur[Bearbeiten]

Altes Gymnasium (West-Mostar)

Sprache[Bearbeiten]

Die meisten Kroaten in Bosnien und Herzegowina verwenden als Standard die kroatische Sprache. Gesprochen wird sowohl der ijekavische als auch der ikavische Dialekt der Štokavischen Dialektgruppe. Kroatische Schulkinder haben einen Anspruch auf Schulunterricht in Kroatisch. Es existiert allerdings kein eigenes Fernsehprogramm in kroatischer Sprache.

Institutionen[Bearbeiten]

Eine der bedeutendsten kulturellen Institutionen für die Kroaten in Bosnien und Herzegowina ist die Kroatische Kulturgemeinschaft Napredak.

Die Universität Mostar ist das einzige Bildungsinstitut in Bosnien und Herzegowina, in dem Vorlesungen in kroatischer Sprache gehalten werden. Viele Kroaten des Landes besuchen jedoch Universitäten in Kroatien, wobei die Universität Zagreb die begehrteste ist.

Gegenwärtig gibt es zwei kroatische Musikfestivals im Land: Das Ethnofest Neum und Melodije Mostara. Bei diesen Festivals treten regelmäßig die besten kroatischen Künstler des Landes auf.

Religion[Bearbeiten]

Römisch-katholische Kathedrale von Sarajevo

Die überwiegende Mehrheit der Kroaten gehört der Römisch-katholische Kirche in Bosnien und Herzegowina an. Diese ist in das Erzbistum Vrhbosna mit dem Bistum Banja Luka, dem Bistum Mostar-Duvno, dem Bistum Trebinje-Mrkan und dem Bistum Skopje gegliedert.

In Međugorje befindet sich ein bedeutender Wallfahrtsort der Marienerscheinung, der jährlich von über einer Million Pilger aus aller Welt besucht wird.

Die Franziskaner in Bosnien bildeten über Jahrhunderte hinweg die religiöse Grundstütze der Katholiken in Bosnien und Herzegowina und trugen durch das Eintreten für die Katholiken, vor allem unter der osmanischen Herrschaft zum Fortbestand der Katholischen Kirche und zur Identitätsfindung der Kroaten in diesen Gebieten bei.

Tätowierungen[Bearbeiten]

Kroatin aus Bosnien mit Tätowierungen

Unter den katholischen Kroaten vor allem in Bosnien und seltener auch in der Herzegowina waren bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts blaue Tätowierungen auf den Händen, den Vorderarmen, der Brust und seltener auch auf der Stirn verbreitet. Die Motive bestanden vor allem aus christlichen Symbolen und Stećak-Ornamenten,[2] die meist das Kreuz als zentrales Motiv darstellten.[3]

Die Tradition ist auf die Eroberung Bosniens durch die Osmanen im Jahr 1463 zurückzuführen. Mit den Tätowierungen sollte einer Konversion zum Islam und dem Missbrauch der Frauen durch eingewanderte Türken vorgebeugt werden, beziehungsweise deren Identität im Falle einer Zwangskonversion bewahrt bleiben. Auch Kindern wurden vor ihrem zehnten Lebensjahr entsprechende Tätowierungen gestochen, um Verschleppungen in die Türkei zu verhindern. Dabei wurden dem Kind in der Regel auch die Initialen seines Namens tätowiert. Gestochen wurden die Motive mit einfachen Nadeln und Farbe, bestehend aus einer Mischung aus Holzkohle, Ruß, Honig und Muttermilch von Frauen, die einen Sohn geboren hatten.

Mit dem geringeren Bedeutung der Religion im späteren sozialistischen Jugoslawien verlor auch die Tradition der Tätowierungen an Bedeutung.[4]

Politik[Bearbeiten]

Die bedeutendsten Parteien der Kroaten in Bosnien und Herzegowina sind die Kroatische Demokratische Union in Bosnien und Herzegowina, die Kroatische Demokratische Union 1990 und die Kroatische Partei des Rechts in Bosnien und Herzegowina.

Die Kroaten stellen ein Präsidiumsmitglied auf Staatsebene. Seit der Wahl im Oktober 2006 hat dieses Amt der Vertreter der multiethnischen SDP Željko Komšić inne. Vertreter der bei der Wahl unterlegenen nationalkroatischen Parteien zweifeln die Rechtmäßigkeit der Wahl an, da der bekennende Atheist Komšić hauptsächlich von der bosniakischen Mehrheitsbevölkerung in der Föderation Bosnien und Herzegowinas direkt, und somit nicht durch die konstitutive kroatische Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas gewählt worden sei.[5][6]

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Denkmal für Ivo Andrić in Belgrad (Serbien)

Zahlreiche bekannte kroatische Persönlichkeiten wurden in Bosnien und Herzegowina geboren. Einige der bedeutendsten sind:

Galerie[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Noel Malcolm: Geschichte Bosniens. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-10-029202-2.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. CIA World Factbook: Bosnia and Herzegovina. Abgerufen am 17. Januar 2013.
  2. Ćiro Truhelka: Die Tätowirung bei den Katholiken Bosniens und der Hercegovina, Carl Gerold's Sohn, 1896 - 16 Seiten
  3. Tattooing of Croatian Women In Bosnia-Herzegovina, abgerufen am 30. März 2013
  4. Der kroatische Tattoo-Oma Kult, Vice, abgerufen am 30. März 2013
  5. ORF: Kroaten weiter gegen Wahlergebnis. Abgerufen am 19. Januar 2013.
  6. ORF: Kroaten für Verfassungsreform in BiH. Abgerufen am 19. Januar 2013.