Krupp-Prozess

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Krupp-Prozess war der zehnte der zwölf Nachfolgeprozesse gegen Verantwortliche des Deutschen Reichs zur Zeit des Nationalsozialismus. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach und alle noch lebenden Mitglieder des Direktoriums der Firma Krupp wurden angeklagt und verurteilt. Der Prozess war einer von drei Prozessen, die einen wirtschaftsstrafrechtlichen Hintergrund hatten (Flick-Prozess, I.G.-Farben-Prozess).

Chefankläger Telford Taylor eröffnete den Krupp-Prozess

Die Anklagepunkte[Bearbeiten]

Der Nürnberger Chefankläger Robert H. Jackson betrachtete Krupp als einen zentralen Fall von Verbrechen von Industriellen im Verbund mit dem Nationalsozialismus:

“Four generations of the Krupp family have owned and operated the great armament and munitions plants which have been the chief source of Germany’s war supplies. For over 130 years this family has been the focus, the symbol, and the beneficiary of the most sinister forces engaged in menacing the peace of Europe.”[1]

Die weit zurückgreifende Perspektive stützte sich unter anderem auf die kritische Darstellung der Unternehmensgeschichte durch Bernhard Menne,[2] die kurz nach ihrem Erscheinen in der Schweiz auch international Beachtung fand.[3] Bis 1947 bereitete man den Fall Krupp als dritten Industriellen-Prozess vor.

Die Anklageschrift vom 1. Juli 1947 gegen die Unternehmensverantwortlichen aus den Ebenen Eigentümer, Spitzenmanager, Werks- und Abteilungsleiter und leitenden Angestellten umfasste die vier Anklagepunkte Vorbereitung und Führung eines Angriffskrieges (I), Plünderung (II), Zwangsarbeit (III) und Verschwörung (IV).[4] Die ersten drei Anklagepunkte entsprechen in etwa den heute im Völkerstrafrecht etablierten Verbrechen der Aggression durch einen Angriffskrieg, der Kriegsverbrechen durch Plünderung und Raub in den besetzten Gebieten und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch Verschleppung, Ausbeutung und Missbrauch zur Sklavenarbeit und rechtswidrigen Einsatz von Kriegsgefangenen zur Rüstungsproduktion. Der vierte Anklagepunkt der Verschwörung zur Begehung der drei anderen Verbrechen ist heute nicht im Völkerstrafrecht kodifiziert. Gleichwohl lag das Hauptinteresse der Anklage im Krupp-Prozess auf dem „Doppelthema Angriffskrieg-Verschwörung“,[5] so dass die Ausführungen der Anklage bis weit ins 19. Jahrhundert zurückgriffen.

Die Richter[Bearbeiten]

Prozess[Bearbeiten]

Die Eröffnungsrede hielt Anklagevertreter Telford Taylor am 8. Dezember 1947. Bereits nach kurzer Prozessdauer verkündete das Gericht im April 1948 den Freispruch von der Anklage des Angriffskrieges und der Verschwörung (Anklagepunkte I und IV), deren Begründung durch die Ankläger unhaltbar schien. Vorangegangen war Kritik amerikanischer Rüstungsunternehmen und der Protest amerikanischer Kongressabgeordneter, die von „kommunistisch-inspirierten Schauprozessen“ sprachen, was schließlich zu einer Empfehlung des Kriegsministeriums führte, auf diese Anklagepunkte zu verzichten.[6] Die Verurteilungen wegen „Plünderung“ und „Sklavenarbeit“ wurden am 31. Juli 1948 verkündet.[7]

Urteile[Bearbeiten]

Auf der Anklagebank: Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, Ewald Löser, Eduard Houdremont, Erich Müller, Friedrich Janssen, Karl Pfirsch, Karl Eberhardt und Heinrich Korschan (von links)

Die zwölf Angeklagten im Prozess „Vereinigte Staaten vs. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach et al.“ waren, und ihre Urteile vom 31. Juli 1948 lauteten im Einzelnen:

Sechs der Angeklagten wurden für schuldig befunden, sich am Raub und der Plünderung fremder Vermögenswerte (Anklagepunkt II) beteiligt zu haben. Alle bis auf den Angeklagten Karl Pfirsch wurden wegen der Beteiligung am Zwangsarbeiterprogramm mit zehntausenden von Ostarbeitern (Anklagepunkt III) verurteilt. Auch der enge Zusammenhang zwischen Vernichtungspolitik und KZ-Häftlingseinsatz in einem nahe Auschwitz gelegenen Werk wurde von den Richtern benannt: „Millionen von Gefangenen wurden in KZs zusammengetrieben und dann in Fabriken und Gruben oder auch auf raschere Weise in Gaskammern in den Tod getrieben“.[8]

Alfried Krupp von Bohlen und Halbach wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstößen gegen das Kriegsrecht zu einer Gefängnisstrafe von zwölf Jahren und Einziehung seines gesamten Vermögens verurteilt. In der Urteilsbegründung wurde auf die Verbrechen gegen die Zwangsarbeiter, auf die Vorbereitung des Krieges sowie auf seine aktive Rolle bei der Ausplünderung und Deindustrialisierung der von Deutschland besetzten Länder Bezug genommen.

Folgen[Bearbeiten]

Die Beschlagnahmung des Vermögens von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach wurde in den westlichen Besatzungszonen nicht umgesetzt. In der sowjetischen Besatzungszone wurde damit jedoch die Enteignung einiger Krupp-Betriebe, die faktisch längst schon stattgefunden hatte, nachträglich juristisch legitimiert. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach verbüßte einen kleinen Teil seiner Strafe im Militärgefängnis in Landsberg am Lech, bis er am 31. Januar 1951 amnestiert und vorzeitig aus der Haft entlassen wurde. Auch der Teil des Urteils, der die Beschlagnahme des Krupp-Vermögens verfügt hatte, wurde aufgehoben.[9]

Dies war nicht zuletzt Folge einer PR-Offensive, mit der Handelskammern, Unternehmerverbände, konservative Medien und sogar die Verteidiger des Krupp-Prozesses versuchten, Krupp und die deutsche Industrie insgesamt von allen Vorwürfen zu entlasten, sowie die firmeneigene Version der Unternehmensgeschichte wiederherzustellen und die Rolle der deutschen Industrie im Nationalsozialismus insgesamt zu beschönigen. Die Schrift „Warum wurde Krupp verurteilt?“ ging schon 1950 kaum über die Inhalte der Verteidigungsreden hinaus, übte sich jedoch zudem in anti-alliierter Rhetorik, indem sie Bombenangriffe, Nürnberger Prozesse und die wirtschaftliche Entflechtungspolitik der Besatzungsmächte zum „Vernichtungskrieg“ gegen die deutsche Wirtschaft erklärten.[10] Zu diesen apologetischen Schriften werden heute unter anderem gezählt:[11]

  • Tilo von Wilmowsky: Warum wurde Krupp verurteilt? Legende und Justizirrtum. Vorwerk, Stuttgart 1950.
  • Hermann M. Maschke: Das Krupp-Urteil und das Problem der „Plünderung“. Musterschmidt, Göttingen 1951.
  • Gert von Klass: Die drei Ringe. Lebensgeschichte eines Industrieunternehmens. Wunderlich, Tübingen 1953, zum Krupp-Prozess besonders S. 441–464.
  • Gert von Klass: Schutt und Asche. Krupp nach fünf Menschenaltern. Tübingen 1961.
  • Tilo von Wilmowsky: Rückblickend möchte ich sagen … An der Schwelle des 150jährigen Krupp-Jubiläums. Oldenburg/Hamburg 1961.

Literatur[Bearbeiten]

  • Werner Abelshauser: Rüstungsschmiede der Nation? Der Kruppkonzern im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit 1933 bis 1951. In: Lothar Gall (Hrsg.): Krupp im 20. Jahrhundert. Die Geschichte des Unternehmens vom Ersten Weltkrieg bis zur Gründung der Stiftung. Siedler, Berlin 2002, ISBN 3-88680-742-8, S. 464–472.
  • Kim Christian Priemel: Der Sonderweg vor Gericht. Angewandte Geschichte im Nürnberger Krupp-Prozess. In: Historische Zeitschrift 294, 2012, Nr. 2, S. 391–426.
  • Annette Weinke: Die Nürnberger Prozesse. Beck, München 2006, ISBN 3-406-53604-2 (Beck’sche Reihe Wissen 2404).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Answer for the United States to the Motion Filed in Behalf of Krupp von Bohlen, 12.11.1945. In: Nazi Conspiracy and Aggression. Bd. 1. Washington 1946, S. 86–91; zitiert nach Kim Christian Priemel: Der Sonderweg vor Gericht. Angewandte Geschichte im Nürnberger Krupp-Prozess. In: Historische Zeitschrift 294, 2012, Nr. 2, S. 391–426, hier S. 403.
  2. Bernhard Menne: Krupp. Deutschlands Kanonenkönige. Zürich 1937.
  3. US-amerikanische Ausgabe: Bernhard Menne: Blood and Steel. The Rise of the House of Krupp. New York 1938.
  4. Kim Christian Priemel: Der Sonderweg vor Gericht. Angewandte Geschichte im Nürnberger Krupp-Prozess. In: Historische Zeitschrift 294, 2012, Nr. 2, S. 408.
  5. Kim Christian Priemel: Der Sonderweg vor Gericht. Angewandte Geschichte im Nürnberger Krupp-Prozess. In: Historische Zeitschrift 294, 2012, Nr. 2, S. 414.
  6. Weinke, 2006, S. 89.
  7. Abelshauser, 2002, S. 468.
  8. Weinke, 2006, S. 91.
  9. Thomas A. Schwartz: Die Begnadigung deutscher Kriegsverbrecher. John J. McCloy und die Häftlinge von Landsberg. In: VfZ 38 (1990), S. 375–414.
  10. Kim Christian Priemel: Der Sonderweg vor Gericht. Angewandte Geschichte im Nürnberger Krupp-Prozess. In: Historische Zeitschrift 294, 2012, Nr. 2, S. 422.
  11. Vgl. Kim Christian Priemel: Der Sonderweg vor Gericht. Angewandte Geschichte im Nürnberger Krupp-Prozess. In: Historische Zeitschrift 294, 2012, Nr. 2, S. 422f.