Kugelgürteltiere

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Kugelgürteltiere
Südliches Kugelgürteltier (Tolypeutes matacus)

Südliches Kugelgürteltier (Tolypeutes matacus)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Nebengelenktiere (Xenarthra)
Ordnung: Gepanzerte Nebengelenktiere (Cingulata)
Familie: Gürteltiere (Dasypodidae)
Gattung: Kugelgürteltiere
Wissenschaftlicher Name
Tolypeutes
Illiger, 1811
Arten

Die Kugelgürteltiere (Tolypeutes), auch als Dreibinden-Gürteltiere bezeichnet, sind eine Gattung aus der Familie der Gürteltiere (Dasypodidae) mit zwei Arten. Sie leben in trockenen sowie offenen bis baumbestandenen Landschaften in Südamerika und ernähren sich hauptsächlich von Insekten und teils von pflanzlichen Material. Als einzige Vertreter der Gürteltiere können sie sich im Bedrohungsfall zu einer Kugel zusammenrollen. Beide Arten gelten als im unterschiedlichen Maße gefährdet.

Beschreibung[Bearbeiten]

Nördliches Kugelgürteltier (Tolypeutes tricinctus)

Kugelgürteltiere erreichen eine Kopf-Rumpf-Länge von 21 bis 31 cm, der kurze, kräftige und eher dreieckig geformte Schwanz wird 5 bis 8 cm lang. Das Gewicht liegt bei 1 bis 2 kg, sie sind also eher kleine Gürteltiere. Der Kopf besitzt eine charakteristisch dreieckige, an den Seitenrändern abgerundete Stirnplatte aus kleinen Knochenschildchen. Das Gebiss weist einen für Säugetiere untypischen Zahnbau auf mit einwurzeligen und zahnschmelzlosen Zähnen. In den Oberkieferhälften befinden sich 8 oder 9, in denen des Unterkiefers jeweils 9 derartige Zähne, insgesamt also 34 bis 36. Der markante Rückenpanzer ist sehr hart und hoch sowie deutlich gerundet. Er besteht aus einem festen Schulter- und Beckenbereich, beide getrennt durch 1 bis 4, typischerweise aber 3 bewegliche Bänder. Der gesamte Panzer ist ebenfalls aus kleinen üblicherweise fünf- bis sechseckigen Knochenschildchen aufgebaut, ebenso die Panzerung des Schwanzes. Die Grundfarbe der Tiere ist dunkelbraun. Sie sind in der Regel bis auf eine leichte, borstenartige Behaarung am Bauch ohne Fellkleid. Die kurzen Gliedmaßen tragen an den Hinterfüßen jeweils fünf Zehen, die in bogenartigen Grabkrallen enden. Während das Südliche Kugeltier nur drei bis vier Zehen mit besonders langen Krallen an den Vorderfüßen trägt, sind es bei dem Nördlichen Kugelgürteltier insgesamt fünf.[1][2]

Verbreitung[Bearbeiten]

Die Heimat der Kugelgürteltiere ist das mittlere Südamerika, sie leben in Brasilien, Bolivien, Paraguay und dem nördlichen Argentinien. Hier bewohnen sie offene Landschaften und eher trockene Wälder, die auf kalkhaltigen Böden wachsen, vor allem im Gran Chaco und in den Dornenbuschsavannen der Caatinga- und Cerrado-Regionen.[1]

Lebensweise[Bearbeiten]

Territorialverhalten[Bearbeiten]

Stehendes und eingerolltes Kugelgürteltier

Kugelgürteltiere leben normalerweise als Einzelgänger und sind nachtaktiv, können aber bei Bedarf auch tagsüber erscheinen. Beim Laufen setzen sie die Vorderfüße mit den Krallenspitzen auf, die Hinterfüße jedoch mit der ganzen Sohle. Sie graben in der Regel keine eigenen Bauten, sondern verwenden verlassene Unterschlupfe anderer Tiere oder ziehen sich zum Schlafen in dichte Vegetation zurück. Manchmal findet man jedoch mehrere Tiere im selben Versteck untergeschlüpft. Bei Bedrohung flüchten Kugelgürteltiere meistens oder rollen sich komplett zu einer Kugel zusammen, wozu nur Vertreter dieser Gattung befähigt sind. Zu diesem Zweck verbergen sie die Beine im Inneren und die harte Oberseite des Kopf und des Schwanzes bilden den Verschluss. Dabei verursacht ein Tier ein schnaubendes bis zischendes Geräusch, was auf eine starke Ausatmung zurückzuführen ist. Anfänglich bleibt noch ein kleiner Spalt offen, erst bei Berührung schnappt die Kugel zu. In dieser Position kann es von Fressfeinden kaum erbeutet werden.[1][2]

Nahrung[Bearbeiten]

Die Nahrung der Kugelgürteltiere besteht hauptsächlich aus Insekten und deren Larven, vorrangig Ameisen und Termiten. Dabei wird die Nahrung opportunistisch vom Boden aufgenommen, nur sehr selten reißen sie mit ihren kräftigen Krallen Ameisen- oder Termitenbauten auf. Teilweise verzehren die Tiere auch Samen und verteilen diese mit ihrem Kot in der Landschaft, womit sie einen wichtigen ökologischer Faktor in ihren jeweiligen Habitaten darstellen. Da häufig intakte Chitinpanzer an Verdauungsrückständen der Kugelgürteltiere gefunden wurden, scheinen diese ihre Nahrung nicht zu zerkauen.[1][2]

Fortpflanzung[Bearbeiten]

Nach rund 120-tägiger Tragzeit kommt meist zwischen Oktober und Januar ein einzelnes Jungtier zur Welt, dass etwa 70 bis 100 g wiegt. Nach rund zwei bis drei Monaten werden sie entwöhnt und erreichen die Geschlechtsreife im Alter von neun bis zwölf Monaten. Die Lebenserwartung liegt bei zwölf bis 15 Jahren, in Gefangenschaft können sie bis zu 30 Jahre erreichen.[1][3]

Systematik[Bearbeiten]

Innere Systematik der rezenten Gürteltiere nach Delsuc et al. 2003[4] und Möller-Krull et al. 2007[5]
 Dasypodidae 


 Dasypodinae


     
 Tolypeutinae 

 Tolypeutes


     

 Priodontes


     

 Cabassous




     

 Chlamyphorinae 


 Euphractinae 

 Zaedyus


     

 Chaetophractus


     

 Euphractus








Die Kugelgürteltiere (Tolypeutes) sind eine Gattung innerhalb der Familie der Gürteltiere (Dasypodidae) und der Ordnung der Gepanzerten Nebengelenktiere (Cingulata). Sie bilden zusammen mit den Nacktschwanzgürteltieren (Cabassous) und dem Riesengürteltier (Priodontes) die Unterfamilie Tolypeutinae. Weiterhin gehört ihr die fossile Gattung Kuntinaru aus dem Oligozän an.[6] Innerhalb der Unterfamilie sind Cabassous und Priodontes dabei wesentlich enger verwandt und formen die Tribus der Priodontini. Tolypeutes gehört demgegenüber der Tribus Tolypeutini an.[2] Als nächstverwandte Gruppe werden die Chlamyphorinae angesehen. Diese wiederum schließen den Gürtelmull (Chlamyphorus truncatus) und den Burmeister-Gürtelmull (Calyptophractus retusus) ein, weiter außerhalb stehen die Euphractinae mit unter anderem dem Sechsbinden-Gürteltier (Euphractus sexcinctus).[4][5] Molekulargenetische Untersuchungen ergaben, dass sich die Euphractinae und Tolypeutinae im Oligozän vor 33 Millionen Jahren trennten und sich letztere im Unteren Miozän stärker diversifizierten. Dabei erfolgte die Aufspaltung in die beiden Triben wohl vor wenigstens 20 Millionen Jahren.[7]

Der Gattung Tolypeutes werden zwei heute lebende Arten zugewiesen:[2][8]

Als fossile Art wird weiterhin unterschieden:

Vertreter der Gattung der Kugelgürteltiere wurden erstmals 1605 in Europa bekannt, als der niederländische Gelehrte Clusius ein Exemplar beschrieb und abbildete. Es handelte sich dabei um das Nördliche Kugelgürteltier, das Südliche wurde aber nahezu zeitgleich entdeckt. Von Johann Karl Wilhelm Illiger stammt die Gattungsbezeichnung Tolypeutes aus dem Jahr 1811. Teilweise wurde im Deutschen im 19. Jahrhundert das südliche Kugel- vom nördlichen „Rollgürteltier“ unterschieden.[9]

Stammesgeschichte[Bearbeiten]

Die Gepanzerten Nebengelenktiere stellen die ältesten bekannten Vertreter der Nebengelenktiere (Xenarthra) dar und sind schon aus dem Paläogen des heutigen Brasilien nachgewiesen. Die ältesten Nachweise der Tolypeutinae stammen aus dem Oligozän vor rund 26 Millionen Jahren und wurden in den Salla Beds in Bolivien entdeckt, einer extrem reichen Fossillagerstätte.[6] Überreste von Kugelgürteltieren reichen aber nur bis in das Pliozän zurück, sie sind allgemein ein eher seltenes Faunenelement. Es handelt sich um die Reste der fossilen Art Tolypeutes pampaeus, die überwiegend in der Pamparegion des heutigen Argentinien nachgewiesen ist und noch bis zum Beginn des Mittelpleistozäns vor rund 700.000 Jahren auftrat.[10] Einige Forscher sehen in dieser Art aber Übereinstimmungen mit dem Südlichen Kugelgürteltier.[11] Überreste der rezenten Arten sind meist nur aus dem Holozän überliefert, so unter anderem von der archäologischen Fundstelle Alfar in der argentinischen Provinz Buenos Aires, welche in den Zeitraum von etwa 6000 bis 5000 BP datiert wird.[12]

Bedrohung[Bearbeiten]

Südliches Kugelgürteltiert im Zoo von Cincinnati

Dank ihrer effektiven Verteidigungsmethode haben Kugelgürteltiere außer dem Menschen wenig natürliche Feinde. Die Menschen jagen diese Tiere vorwiegend wegen ihres Fleisches, das als schmackhaft gilt. Aufgrund ihrer Eigenschaft, sich bei Gefahr einzurollen, sind sie gegen Fressfeinde gut geschützt, können aber so sehr leicht von Menschen aufgesammelt und mitgenommen werden. Darüber hinaus wird ihr Lebensraum immer weiter eingeschränkt. Das Nördliche Kugelgürteltier gilt als gefährdet, das Südliche gilt als gering gefährdet.[8]

Sonstiges[Bearbeiten]

Das Maskottchen der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien ist ein Kugelgürteltier, genauer das in Brasilien vorkommende Nördliche Kugelgürteltier, und trägt den Name „Fuleco“.[13]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tolypeutes – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Mariella Superina: Biologie und Haltung von Gürteltieren (Dasypodidae). Universität Zürich, 2000, S. 1–248
  2. a b c d e Paul Smith: The Xenarthra famalies Myrmecophagidae and Dasypodidae. Fauna Paraguay Handbook of the Mammals of Paraguay 2012, S. 1–35
  3. Mariella Superina und W. J. Loughry: Life on the Half-Shell: Consequences of a Carapace in the Evolution of Armadillos (Xenarthra: Cingulata). Journal of Mammal Evolution 19, 2012, S. 217–224
  4. a b Frédéric Delsuc, Michael J. Stanhope und Emmanuel J.P. Douzery: Molecular systematics of armadillos (Xenarthra, Dasypodidae): contribution of maximum likelihood and Bayesian analyses of mitochondrial and nuclear genes. Molecular Phylogenetics and Evolution 28, 2003, S. 261–275
  5. a b Maren Möller-Krull, Frédéric Delsuc, Gennady Churakov, Claudia Marker, Mariella Superina, Jürgen Brosius, Emmanuel J. P. Douzery und Jürgen Schmitz: Retroposed Elements and Their Flanking Regions Resolve the Evolutionary History of Xenarthran Mammals (Armadillos, Anteaters and Sloths). Molecular Biology and Evolution 24, 2007, S.2573–2582
  6. a b Guillaume Billet, Lionel Hautier, Christian de Muizon und Xavier Valentin: Oldest cingulate skulls provide congruence between morphological and molecular scenarios of armadillo evolution. Proceedings of the Royal Society B 278, 2011, S. 2791–2797
  7. Frédéric Delsuc, Sergio F Vizcaíno und Emmanuel J. P. Douzery: Influence of Tertiary paleoenvironmental changes on the diversification of South American mammals: a relaxed molecular clock study within xenarthrans. BMC Evolutionary Biology 4 (11), 2004, S. 1–13
  8. a b Agustín Manuel Abba und Mariella Superina: The The 2009/2010 Armadillo Red List Assessment. Edentata 11 (2), 2010, S. 96–114
  9. Leopold Joseph Fitzinger:: Die natürliche Familie der Gürtelthiere (Dasypodes). Sitzungsberichte der Methematisch-Naturwissenschaftlichen Klasse der Akademie der Wissenschaften, Wien, Abteilung 1 64, 1871, S. 209–276 und 329–390
  10. Paulina E. Nabel, Alberto Cione und Eduardo P. Tonni: Environmental changes in the Pampean area of Argentina at the Matuyama–Brunhes (C1r–C1n) Chrons boundary. Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 162, 2000, S. 403–412
  11. Esteban Soibelzon, Ángel Ramón Miño-Boilini, Alfredo Eduardo Zurita und Cecilia Mariana Krmpotic: Los Xenarthra (Mammalia) del Ensenadense (Pleistoceno inferior a medio) de la Región Pampeana (Argentina). Revista Mexicana de Ciencias Geológicas 27 (3), 2010, S. 449–469
  12. Mariano Bonomo, Diego Catriel Leon, Margarita Osterrieth, Pamela Steffan und Natalia Borrelli: Paleoenvironmental studies of Alfar archaeological site (mid-Holocene;Southeastern Pampas of Argentina): Silicophytoliths, gastropods and archaeofauna. Quaternary International 287, 2013, S. 34–46
  13. FIFA