Kulturökologie

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Kulturökologie ist ein Forschungsansatz an der Schnittstelle zwischen Kultur-, Geo- und Biowissenschaften. Sie untersucht inwieweit menschliche Kulturformen durch die Auseinandersetzung mit der natürlichen Umwelt geprägt werden und inwiefern die menschlichen Kulturformen wiederum ihre natürliche Umwelt prägen. Dabei entwickelten sich verschiedene Ansätze in der Kulturanthropologie/Ethnologie und der angloamerikanischen Geographie.

Definition[Bearbeiten]

Die Definition im „Neuen Wörterbuch der Völkerkunde“ lautet:

„...wie weit menschliche Kultur- und Gesellschaftsformen durch die Art der Auseinandersetzung mit ihrer natürlichen (belebten und unbelebten) Umwelt geprägt werden und wie weit Kultur und Gesellschaft wiederum auf die natürliche Umwelt zurückwirken.“

Walter Hirschberg (Hrsg.): Neues Wörterbuch der Völkerkunde[1]

Steward definiert den Begriff knapp: „Kulturökologie ist die Erforschung der Prozesse, durch die eine Gesellschaft sich ihrer Umwelt anpaßt.“[2]

Cultural Ecology[Bearbeiten]

Der Begriff Cultural Ecology ist nicht gleich dem Begriff der Kulturökologie: Die Cultural Ecology, als Lehre innerhalb der Kulturökologie geht auf den amerikanischen Anthropologen Julian Haynes Steward zurück. Er versuchte zu erklären, warum zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten strukturell vergleichbare Formen der Umweltanpassung vorkommen.

Kooperation und Wettbewerb sind ebenso Prozesse wechselseitiger Einwirkung, so dass auch die gesellschaftliche Umwelt berücksichtigt wird. Steward unterscheidet die Gesellschaften auch intern nach verschiedenen Arten soziokultureller Systeme und Einrichtungen. Er setzt voraus, dass die Anpassung an die Umwelt ebenso von der Technik, den Bedürfnissen, der Gesellschaftsstruktur sowie der Beschaffenheit der Umwelt abhängig ist.

Steward fragt sich, ob die Anpassung bestimmte Verhaltensweisen bedingt und ob sie inflexibel ist, also nur ein bestimmtes Kulturmuster (pattern) zulässt oder aber gewisser Raum für Abweichungen vorhanden ist. Er orientiert sich bei seiner Analyse an drei Punkten, die er in dem Begriff Kulturkern (Cultural Core) zusammenfasst:

  • Umweltbedingungen / Wirtschaftsquellen (Ressourcen, Flora, Fauna, Klima, Krankheiten, Erreger)
  • Beschaffenheit der Kultur / Geräte und Wissen / potentielle Nutzbarkeit (ausbeutende und anpassende Technik, interne und externe gesellschaftliche Umgebung)
  • Sozialorganisation, die aus der Interaktion der ersten beiden Komponenten hervorgeht / Formen der Arbeitsorganisation / reale Nutzbarkeit (Landnutzungsrechte, Bevölkerungsdichte, Dauerhaftigkeit und Zusammensetzung von Agglomerationen, kulturelle Wertvorstellungen)

Er kommt zu dem Ergebnis, dass die verschiedene Anwendung

  • gleicher Technik in unabhängigen Kulturen,
  • abhängig nach deren geographischen Umweltbedingungen zu einer
  • unterschiedlichen Sozialorganisation führt. Steward gibt also die Vorstellung von der Umwelt als lediglich prohibitiv (verhindernd, abhaltend) bzw. permissiv (nachgiebig, durchlässig) auf und sieht in den kulturökologischen Anpassungsvorgängen schöpferische Prozesse.

Weitere von Steward geprägte Begriffe sind: Kulturkern, Kultur(areal)typ (culture [area] type), transkultureller Typ (cross-cultural type), Integrationsebene, Organisationsebene, Multilineare Evolution.

Steward wurde stark kritisiert. So zum Beispiel von dem Kulturmaterialisten Marvin Harris der eher den techno-ökologischen, oder techno-ökonomischen Determinismus vertritt. Er argumentierte damit, dass gleiche Techniken selbstverständlich zu ähnlich Ausprägungen in Arbeitsteilung, sozialen Strukturen und Wertsystemen führen (Kulturmaterialismus).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Walter Hirschberg (Hrsg.): Neues Wörterbuch der Völkerkunde. 1988, S. 273.
  2. zit. nach Cultural ecology: 337, in: Wolfgang Marschall: Klassiker der Kulturanthropologie. Von Montaigne bis Margaret Mead. München 1990, S. 260.