Kulturelles Kapital

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Kulturelles Kapital ist ein Begriff, der vom französischen Soziologen Pierre Bourdieu eingeführt wurde. Bourdieu benutzt den Terminus Bildungskapital für die Teilform des inkorporierten Kulturkapitals (vgl. 1.1). Durch die Prägung dieser Begrifflichkeiten vermittelt Bourdieu die Erkenntnis, dass materieller Besitz (ökonomisches Kapital) nicht nur in Geld umgewandelt (konvertiert) werden kann und nicht das einzige Kriterium für soziale Ungleichheit darstellt.

Die Aufteilung der Gesellschaft in Klassen wird von Bourdieu an die unterschiedliche Verfügung über die vier Kapitalsorten ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital und symbolisches Kapital sowie an Unterschiede in Geschmack und Lebensstil gebunden.

Definition[Bearbeiten]

Das kulturelle Kapital umfasst die Bildung, welche einen Nutzen im sozialen Beziehungsgeflecht mit sich bringt. Dieses Segment des kulturellen Kapitals ist körpergebunden und wird in der Familie, die über unterschiedlich viel kulturelles Kapital verfügt, an die Kinder weitergegeben. Hinzu kommen die Übertragung und der Besitz kultureller Güter sowie die Machtausübung durch den Erwerb von Titeln und Stellen.

Kulturelles Kapital ist bedingt transformier- bzw. konvertierbar in ökonomisches Kapital, zum Beispiel die Ausgabe von Geld für einen Kursus oder - umgekehrt - eine Gehaltserhöhung nach einer erfolgreichen Weiterbildung. Auch in der Weitergabe können die Kapitalformen transformiert werden, etwa wenn Eltern besonders viel Geld in die Ausbildung ihrer Kinder investieren.

Bourdieu knüpft bei der Bestimmung des kulturellen Kapitals, wie auch der anderen Kapitalsorten, an Max Webers Unterscheidung von „Klassenlage“ (ökonomisch definiert nach „Marktchancen“) und „Klassenstand“ (die „Stellung“ in der Hierarchie von Ehre und Prestige) an. Als „ständische Lage“ bezeichnet Weber „jede typische Komponente des Lebensschicksals, welche durch eine spezifische, positive oder negative, soziale Einschätzung der Ehre bedingt ist, die sich an irgendeine gemeinsame Eigenschaft knüpft.“ (Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft). Diese ständische Ehre zeigt sich in seiner/ihrer „Lebensführung“, die bestimmte Handlungen zulässt oder sanktioniert.

Neben den ökonomischen Unterschieden spielen hier auch symbolische Unterscheidungen eine Rolle, bei denen es nicht ausschließlich um den Besitz von Gütern geht, sondern um die Art, sie zu verwenden und als Mittel der Distinktion einzusetzen.

Bourdieu unterscheidet drei Formen des kulturellen Kapitals:

Inkorporiertes Kulturkapital[Bearbeiten]

Verinnerlichtes Kulturkapital präsentiert sich in Form von dauerhaften Dispositionen des Organismus. Die meisten Eigenschaften des kulturellen Kapitals lassen sich auf diese Körpergebundenheit zurückführen. Die erworbene Bildung, also die Akkumulation von Kultur durch die familiäre Primärerziehung sowie die anschließende Sekundärerziehung, wird als inkorporiertes Kapital demnach Bestandteil der Person. Diese Art von Kapital kann daher nicht durch Geschenk, Vererbung, Kauf oder Tausch kurzfristig weitergegeben werden.

In Bezug auf dieses Kapital ist für Bourdieu der Faktor Zeit erheblich. Er differenziert gewonnene Zeit für Kinder des Bildungsbürgertums und doppelt verlorene Zeit für Kinder der Arbeiterklasse. Zur Korrektur der negativen Folgen muss abermals Zeit eingesetzt werden (vgl. Bourdieu 1983a, Z. 220).

Einen besonderen Wert erhält diese Kapitalform durch Seltenheit, beispielsweise würde der einzige Lesende unter Analphabeten einen Extraprofit schöpfen. Daher ist auch diese Kapitalform durch die Ungleichheit gekennzeichnet, d.h., dass nicht alle Familien in die Bildung der Kinder gleich viel an Kapital „investieren“ können. Die Gewinner dieses Prozesses setzen ihre Spielregeln durch und legen fest, welche Kultur eine legitime ist und welche nicht.

Das inkorporierte kulturelle Kapital ist die undurchsichtigste aller Kapitalsorten. Die darauf beruhenden Aspekte sozialer Ungleichheit werden verschleiert, da sie natürlich erscheinen. Die Sozialisationsinstanz Familie vermittelt legitime, d.h. hegemoniale oder nichtlegitime Kultur, wobei zwischen den Extremen die Position der Individuen und Klassen zu bestimmen ist.

Objektiviertes Kulturkapital[Bearbeiten]

Objektiviertes Kulturkapital existiert laut Bourdieu „in Form von kulturellen Gütern, Bildern, Büchern, Lexika, Instrumenten oder Maschinen, in denen bestimmte Theorien und deren Kritiken, Problematiken usw. Spuren hinterlassen oder sich verwirklicht haben“.

Diese Kapitalformen sind materiell übertragbar. Ein Bild lässt sich zum Beispiel verkaufen. Damit wird jedoch nur der juristische Eigentumstitel des Bildes übertragen. Der Kauf setzt ökonomisches Kapital voraus. Um dennoch den „eigentlichen Sinn“ des Bildes schätzen zu können, muss der Käufer auch über verinnerlichtes kulturelles Kapital verfügen.

Institutionalisiertes Kulturkapital[Bearbeiten]

Institutionalisiertes Kulturkapital existiert in Form von legitimen Titeln und Stellen wie zum Beispiel Schul- oder Universitätsabschlüssen. Titel haben die Eigenschaft, eine Grenze zu ziehen, zum Beispiel zwischen „Autodidakten“, deren kulturelles Kapital unter permanentem Beweiszwang steht, und dem kulturellen Kapital der formal Gebildeten, die über Zeugnisse und andere Abschlüsse sowie kulturelle Kompetenz verfügen und mit „kollektiver Magie“ ausgestattet sind.

Der Erwerb eines Titels bedeutet eine Art Wechselkurssteigerung zwischen kulturellem und ökonomischem Kapital. In den "Feinen Unterschieden" untersucht Bourdieu die Strategien der Herrschenden, Bildungstitel, die sich durch offeneren Hochschulzugang „entwerten“, mittels subtiler Ausschließung von Menschen aus beherrschten Klassen zu ersetzen.

Eine der häufigsten Methoden, ein großes kulturelles Kapital zu akkumulieren, besteht darin, den Eintritt in den Arbeitsmarkt zu verzögern, um mittels schulischer Bildung und Ausbildung legitime Titel zu erhalten sowie Wissen zu inkorporieren. Das in der Familie verfügbare ökonomische Kapital spielt dabei eine sehr große Rolle. Die Umwandlung von diesem ökonomischen in kulturelles Kapital setzt einen Aufwand an Zeit voraus, der durch die Verfügung über ökonomisches Kapital ermöglicht wird. Später zahlt sich diese Strategie durch höheres Einkommen und andere Privilegien aus. Es findet somit eine Rückverwandlung des kulturellen Kapitals in ökonomisches Kapital in der Form eines Profits statt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital - Kulturelles Kapital - Soziales Kapital. In: ders. (1992): Die verborgenen Mechanismen der Macht, S. 49-80.
  • Bourdieu, Pierre (1983a). Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: R. Kreckel (Hg.). Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt, Sonderband 2: 183-198
  • Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. (französ. 1979), Frankfurt a.M. 1982. ISBN 3-51828-258-1
  • Rössel, Jörg und Claudia Beckert-Zieglschmid: Die Reproduktion kulturellen Kapitals. in: Zeitschrift für Soziologie 31 (2002), 497 - 513.

Weblinks[Bearbeiten]