Kunstfälschung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Unter einer Kunstfälschung versteht man die Nachahmung oder Kopie von Werken anderer Künstler in betrügerischer Absicht.

Grundlagen[Bearbeiten]

Eine Kunstfälschung entsteht durch die Nachbildung oder Veränderung eines Kunstwerkes, wenn sie in der betrügerischen Absicht geschieht, den Eindruck zu erwecken, es handle sich um ein Werk eines bestimmten Künstlers, von dem es in Wahrheit nicht stammt. Es kann sich dabei um eine Kopie eines bestehenden Werkes oder um eine Nachahmung oder Neuschöpfung in der Art und Technik des betreffenden Künstlers handeln.[1]

Solange es als Ziel der Restaurierung angesehen wurde, ein Kunstwerk in seinen ersten Originalzustand scheinbar zurückzuversetzen, war die Tätigkeit des Restaurators immer in der Nähe der Kunstfälschung angesiedelt. Aus dieser Nähe wurde sie erst erlöst, als sich das Prinzip der Neutralretusche (Tratteggio), in Rom entwickelt vom Istituto superiore per la conservazione ed il restauro unter seinem langjährigen Direktor Cesare Brandi, immer mehr durchsetzte. Heute gehört es zum Berufsethos des Restaurators, eben nicht originale Echtheit vortäuschen zu wollen.[2][3]

Im deutschen Recht wird die Kunstfälschung nicht ausdrücklich erwähnt. Für eine Verfolgung sind maßgeblich § 107 UrhG (Unzulässiges Anbringen der Urheberbezeichnung) und § 263 (Betrug) und § 267 StGB (Urkundenfälschung). Das Kopieren oder Nachahmen an sich ist rechtlich zulässig, unzulässig ist lediglich die betrügerische Absicht, die sich in der Absicht äußert, Gewinn zu erzielen. Die betrügerische Absicht unterscheidet die Fälschung von allen anderen Formen des Kopierens oder Nachahmens. Ein unwissentliches Kopieren wird vom Urheberrecht nicht als Fälschung beurteilt, wohl aber das Beharren, wenn ein Werk als Nachahmung von geistigem Eigentum erkannt wurde, als Urheberrechtsverletzung. Auch das Kopieren von einer Nachbildung statt vom Originalen wird rechtlich unter Umständen als unzulässig beurteilt.[4]

Neben der Kopie von Werken an sich fällt unter den Fälschungsbegriff auch die Kopie der Signatur eines Künstlers durch fremde Hand, unabhängig davon, ob sie auf einem tatsächlich von dem betreffenden Künstler stammenden Werk, auf einer Kopie, einer Nachahmung oder Ähnlichem angebracht ist. Diese Art der Fälschung ist besonders häufig, da sie mit geringem Aufwand verbunden ist, keine künstlerischen Fähigkeiten erfordert und eine große Zielgruppe anspricht, nämlich alle Personen, die die Preise kennen, die für den betreffenden Künstler gezahlt werden. Diese Gruppe ist erheblich größer als die Gruppe derjenigen, die Werke des betreffenden Künstlers künstlerisch beurteilen kann.

Geringen Aufwand bereitet auch das Kopieren von Druckgrafik, wenn der Fälscher im Besitz der Originalplatten ist. Die Fälschung besteht hier im Nachbearbeiten der Platten und Anbringen von handschriftlichen Bezeichnungen. Das Kopieren mit Hilfe von Fotokopierern ist noch leichter, aber auch leicht zu erkennen.[5]

Weitaus schwieriger ist die komplette Neuschaffung einer Kopie oder Nachahmung. Sie erfordert künstlerische Fähigkeiten und die Verwendung von Techniken und Materialien der betreffenden Zeit. Hier gibt es große Unterschiede in der Qualität der Fälschung.

Bekannte Fälscher[Bearbeiten]

Bekannte Fälscher der jüngeren Geschichte sind

  • der Niederländer Han van Meegeren, der nach 1945 mit Fälschungen des Malers Jan Vermeer auffiel,[6]
  • der Ungar Elmyr de Hory, der sich nach Bekanntwerden seiner Fälscherkarriere Ende der 1960er Jahre damit rühmte, Hunderte von Werken in der Manier von Derain, van Dongen, Matisse, Modigliani und vor allem Picasso geschaffen und in Umlauf gebracht zu haben, später drehte Orson Welles den Film F wie Fälschung über ihn,
  • der Deutsche Lothar Malskat, der als Restaurator in dem Schleswiger Dom und in der Lübecker Marienkirche falsche gotische Wandmalereien anbrachte,[7][8][9]
  • der Aachener Goldschmied Reinhold Vasters, der 1979 durch die Entdeckung von 1047 Vorlagenzeichnungen im Victoria & Albert Museum als Meisterfälscher von Renaissance-Kunst anzusehen ist,
  • Wolfgang Lämmle und Edgar Mrugalla, die beide 1988 mit umfangreichen Konvoluten von Grafik- und Gemäldefälschungen bekannt und später zu Bewährungsstrafen verurteilt wurden.
  • Konrad Kujau fälschte nicht nur Gemälde. Seine gefälschten Hitler-Tagebücher verkaufte er für 9,3 Millionen DM an die Zeitschrift stern, die sie im April 1983 veröffentlichte. Kujau wurde nach dem Auffliegen der Fälschung (und der Verfilmung des Stoffes im Film Schtonk!) berühmt.
  • Wolfgang Beltracchi. Der Prozess 2011 gegen ihn, seine Ehefrau und zwei weitere Personen erregte großes Aufsehen. Sie hatten von Beltracchi gefälschte Meisterwerke für etwa 16 Millionen Euro verkauft und wurden zu Gefängnisstrafen in unterschiedlicher Höhe verurteilt; Beltracchi erhielt eine sechsjährige Haftstrafe.[10] Siehe dazu Sammlung Werner Jägers.
  • 2005 tauchte eine Ausgabe von Galileo Galileis Sidereus Nuncius auf, in der bisher unbekannte Tuschezeichnungen enthalten waren. Diese von internationalen Fachexperten als echt befundene sensationelle Entdeckung erwies sich 2012 als Fälschung, die mutmaßlich von dem italienischen Antiquar Marino Massimo De Caro in den Antiquitätenhandel gebracht worden war.
  • der sogenannte "Spanische Meister," ein bislang noch nicht enttarnter Fälscher, der sich auf antike Bronzeplastiken spezialisiert hat. [11]

In Großbritannien erregten die Fälle der Fälscher Tom Keating, John Myatt und Eric Hebborn[12] großes Aufsehen, in den USA (ein bevorzugter Absatzmarkt vieler Fälscher) beispielsweise David Stein (alias Henri Haddad).

Fälschungen[Bearbeiten]

Gefälscht wird fast alles, was am Markt hohe Preise erzielt, Alte Meister ebenso wie die Klassiker der Moderne. Experten gehen davon aus, dass 40 – 60 % der im Kunsthandel angebotenen Werke gefälscht sein könnten. Spitzenreiter im Fälschungs-Ranking ist Salvador Dalí. Robert Descharnes, der letzte Sekretär Dalís, sagte, dass rund 90 Prozent aller angebotenen Dalí-Grafiken nicht vom Meister selbst stammen. Leicht gemacht hat es der Künstler potentiellen Fälschern, indem er in späten Jahren seine Signatur großzügig auch unter Blanko-Blätter setzte. Ehefrau Gala und der Privat-Sekretär Peter Moore vergrößerten die Zahl der fragwürdigen Dalí-Arbeiten durch dubiose Autorisierungen. Vorläufig letzter Akt in Sachen Dalí-Fälschungen: Nachdem der Kunsthistoriker Lutz Löpsinger in Zusammenarbeit mit dem Galeristen Ralf Michler 1984 ein kritisches Werkverzeichnis der Graphik-Arbeiten erstellte und so versuchte, die Flut der Falsifikate einzudämmen, wurde Michler 2006 verurteilt, da er Dalí-Arbeiten in Auftrag gegeben und signiert hatte.

Einen gegenteiliger Fall stellen die Bilder von Bohumil Samuel Kečíř dar: Die Gemälde als solche sind keine Fälschungen, aber wahrscheinlich hat es den Maler als Person nie gegeben. Ein ähnlich gelagerter Fall geschah bereits in den 1960er Jahren, als bekannt wurde, dass der Autor und Publizist Max Aub die Existenz des Malers Jusep Torres Campalans erfunden hatte.[13] Aub hatte sich diese Gestalt nicht nur für seinen gleichnamigen Roman ausgedacht; er malte auch viele Bilder, die dann als Werke Campalans Beachtung fanden.[14]

Das Berliner Rathgen-Forschungslabor war 2011 durch seine archäometrischen Untersuchungen maßgeblich an der Aufdeckung der sogenannten Sammlung Jägers beteiligt und konnte die ihnen von der Kriminalpolizei vorgelegten Bilder als Fälschungen identifizieren. Auch mit weniger aufwändigen Methoden lassen sich Fälschungen identifizieren: In England haben drei Sozialhilfeempfänger im großen Stil vermisste Skulpturen gefälscht. Entdeckt wurde der Betrug erst, als sie versuchten, dem British Museum in London einen assyrischen Steinfries zu verkaufen. Die Fries-Inschrift enthielt Rechtschreibfehler. Daraufhin untersuchte auch das Art Institute of Chicago einen vermeintlichen Gauguin - ebenfalls eine Fälschung aus der englischen Garagenwerkstatt.[15]

Der Prix Annette Giacometti pour le droit des œuvres et des artistes ist ein von der Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris, im Jahr 2011 gestifteter Preis in Höhe von 10.000 Euro. Er zeichnet jährlich Ausstellungen und Veröffentlichungen aus aller Welt aus, die sich der Wahrung des Urheberrechts für Kunstwerke und Künstler verschrieben haben und die gegen Kunstfälschungen gerichtet sind.[16]

Reichlich Nachschub an Falsifikaten kommt seit den 1990er Jahren aus Russland. Im Juni 2013 gelang dem BKA ein Schlag gegen einen internationalen Kunstfälscherring. Es wurden an die 1000 Gemälde russischer Avantgarde-Künstler wie Kandinsky, Malewitsch, Jawlensky und anderen sichergestellt. Die Hauptverantwortlichen waren Russen, Israelis und Deutsch-Tunesier.[17][18]

Literatur[Bearbeiten]

  • Klaus Ahrens, Günter Handlögten: Echtes Geld für falsche Kunst. Remchingen 1992, ISBN 3-929007-13-4.
  • Ausstellungskatalog: Fälschung und Forschung Hrsg.: Museum Folkwang, Essen, und Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin, ISBN 3-7759-0201-5.
  • Andreas Beck: Original - Fälschung? Bildgebende Verfahren bei der Diagnostik von Kunstwerken. Schnetztor-Verlag GmbH, Konstanz 1990, ISBN 3-87018-080-3.
  • Joachim Goll: Kunstfälscher. E.A.Seemann Verlag Leipzig, 1. Aufl. 1962 (mit Literaturverzeichnis).
  • Günther Grundmann: Lübeck In: Deutsche Kunst und Denkmalpflege Jahrgang 1955 Seite 81 ff. Deutscher Kunstverlag München/Berlin 1955.
  • Eric Hebborn: Der Kunstfälscher. DuMont, Köln 1999 (Fälschungstechniken).
  • Lord Kilbracken: Fälscher oder Meister? Der Fall van Meegeren. Zsolnay Verlag, Wien/Hamburg 1968.
  • Stefan Koldehoff, Tobias Timm: Falsche Bilder, Echtes Geld. Galiani, Berlin 2012, ISBN 978-3-86971-057-0.
  • Christian Müller-Straten: Fälschungserkennung, Bd. 1. Müller-Straten, Reihe Wunderkammer Bd. 9, München 2011, ISBN 978-3-932704-83-3.
  • Susanna Partsch: Tatort Kunst. Über Fälschungen, Betrüger und Betrogene. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60621-2.
  • Stefan Römer: Künstlerische Strategien des Fake: Kritik von Original und Fälschung. DuMont, Köln 2001, ISBN 3-7701-5532-7.
  • Malte Sprenger: Verschlungene Wege schöner Bilder. Ausgewählte Fälle zu Kunstfälschung und Beutekunst. Edition Minerva, Neu-Isenburg 2013, ISBN 978-3-943964-08-0.
  • Edward Dolnick: Der Nazi und der Kunstfälscher. Parthas, Berlin 2014, ISBN 978-3869640822.
  • Henry Keazor, Tina Öcal (Hrsg.): Der Fall Beltracchi und die Folgen. Interdisziplinäre Fälschungsforschung heute. De Gruyter, Berlin 2014, ISBN 978-3-11-031589-9.

siehe auch: Literatur im Artikel Fälschung zu allgemeinerem Kontext

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kunstfälschung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten]

  1. Henry Keazor: Fälschungen (in) der Kunstgeschichte. In: art value – positionen zum wert der kunst, 8, 2011 (Fälschung/Diebstahl/Zerstörung), S. 38 - 41.
  2. Hinnerk Scheper: Restaurieren und Berufsethos In: Deutsche Kunst und Denkmalpflege Jahrgang 1955 Seite 109 ff. Deutscher Kunstverlag München/Berlin 1955.
  3. Siehe auch: Ein Berufsbild im Wandel. Restaurieren heißt nicht wieder neu machen, Katalog herausgegeben von Ralf Buchholz und Hannes Homann, Hannover (Schäferart), 1994, 1997, Wanderausstellung 1994ff in Museen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  4. Stefan Römer: Der Begriff des Fake, Dissertation Berlin 1998. Mit Literaturangaben.(pdf-Ladezeit abwarten; 1,3 MB).
  5. E. Schöller (Hrsg.), Wa(h)re Lügen: Original und Fälschung im Dialog, Münster 2008.
  6. S. Schüller: Falsch oder echt? Der Fall van Meegeren, Bonn 1953.
  7. Ernst Roßmann: Naturwissenschaftliche Untersuchung der Wandmalereien im Chorobergaden der Marienkirche zu Lübeck, anlässlich des Lübecker Bilderfälscherprozesses In: Deutsche Kunst und Denkmalpflege Jahrgang 1955 Seite 99 ff. Deutscher Kunstverlag München/Berlin 1955.
  8. K. Wehlte: Was ging in Lübeck vor? In: Maltechnik 61/1955. S. 11.
  9. Peter Hirschmann: Was soll aus den gefälschten Wandbildern in St. Marien zu Lübeck werden? In: Deutsche Kunst und Denkmalpflege, Jahrgang 1955 Seite 106 ff. Deutscher Kunstverlag München/Berlin 1955.
  10. Kunstfälscher muss sechs Jahre in Haft. In: Spiegel Online vom 27. Oktober 2011, abgerufen am 30. November 2013.
  11. Basellandschaftliche Zeitung - Kaiserin und Göttin sollen nur antiker Schrott sein. 9. Mai 2014, abgerufen am 9. Mai 2014.
  12. Eric Hebborn: Drawn to trouble, an autobiography by Eric Hebborn, Mainstream Publishing, Edinburgh 1994, ISBN 1-85158-369-6.
  13. CULTurMAG: Literatur, Musik & Positionen, 26. Februar 2004, Max Aub: Jusep Torres Campalans - Ein exquisites Schelmenstück von Karsten Herrmann, abgerufen am 7. September 2013.
  14. Albrecht Buschmann: Der Stier im Labyrinth. Max Aub in Spanien und Mexiko., 1997. Abgerufen am 7. September 2013.
  15. Rechtschreibfehler auf antiken Friesen. In: Süddeutsche Zeitung vom 17. Mai 2010, abgerufen am 30. November 2013.
  16. Prix Annette Giacometti, lejournaldesarts.fr, abgerufen am 30. Mai 2012.
  17. Bundeskriminalamt zerschlägt Kunstfälscherring In: Zeit-online vom 13. Juni 2013.
  18. Vierhundert falsche Bilder und eine Razzia In: FAZ-online vom 16. Juni 2013.