Kunsthaus Tacheles

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Das Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße, 2008

Das Kunsthaus Tacheles war ein Kunst- und Veranstaltungszentrum in der Oranienburger Straße im Berliner Ortsteil Mitte. Es nutzte zwischen 1990 und 2012 einen vor dem Abriss geretteten Gebäudeteil des ehemaligen Kaufhauses Wertheim.

Namensherkunft[Bearbeiten]

Rückansicht des Gebäudes, 2006
Tacheles, 1998

Die Redewendung „Tacheles reden“ (von hebräisch tachlit (תכלית) ‚Ziel‘, ‚Zweck‘; jiddische Bezeichnung für ‚Klartext‘) bedeutet: direkt die unverblümte Wahrheit sagen; jemandem ohne Zurückhaltung ungeschminkt die Meinung sagen; Klartext reden; ein heikles Thema ansprechen; offen und deutlich reden (z. B. „Jetzt red’ mal Tacheles!“). Die Künstlerinitiative Tacheles, die das Haus 1990 besetzte, gab sich aufgrund der Probleme, die die freie Meinungsäußerung zu DDR-Zeiten mit sich brachte, diesen Namen. So mussten viele Botschaften in Musik, Film und Kunst zweideutig versteckt werden. Das Durchbrechen dieser Zweideutigkeit in der Kunst war ein Ziel der Künstlergruppe.[1] Mit der Zeit ging der Name der Gruppe auf das Gebäude selbst über.

Geschichte[Bearbeiten]

Friedrichstraßenpassage[Bearbeiten]

Das Gebäude wurde unter der Leitung des kaiserlichen Baurates Franz Ahrens 1907 bis 1908 in 15 Monaten errichtet und 1909 als Kaufhaus mit dem Namen Friedrichstraßenpassage eröffnet. Der Gebäudekomplex erstreckte sich damals von der Friedrichstraße bis zur Oranienburger Straße. Die Passage hatte an beiden Straßen Eingänge. Die Friedrichstraßenpassage war damals nach der Kaiserpassage die zweitgrößte Einkaufspassage der Stadt. Die Baukosten betrugen sieben Millionen Mark (inflationsbereinigt in heutiger Währung: rund 39.414.000 Euro).

Das fünfgeschossige Gebäude war aus Stahlbeton gebaut und trug eine der ersten Kuppeln aus diesem Werkstoff. Neben einer großen überdachten Passage befanden sich zahlreiche Geschäftsräume. Das Haus kann der frühen Moderne zugeordnet werden und enthält klassische und gotische Einflüsse. Der Komplex besaß ein eigenes Beförderungs- und Rohrpostsystem.

Eine Aktiengesellschaft, bestehend aus mehreren Einzelhändlern, gab unter dem Initiator Otto Markiewicz den Bauauftrag für die Passage, um einen Marktvorteil durch den gemeinsamen Standort zu bekommen. Das Konzept sah vor, die Läden nicht strikt voneinander zu trennen, sondern ineinander überlaufen zu lassen und mittels einer zentralen Kassenstelle zu kontrollieren. Bereits im August 1908, ein halbes Jahr nach der Eröffnung, musste das Passage-Kaufhaus Konkurs anmelden. Der Komplex wurde von Wolf Wertheim angemietet, der 1909 erneut ein Kaufhaus darin eröffnete, das er bis 1914 halten konnte. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde das Gebäude zwangsversteigert.

Wie das Gebäude zwischen 1914 und 1924 genutzt wurde, ist nicht bekannt. 1924 wurde neben weiteren Umbauten ein noch heute erhaltener Tiefkeller (in einem späteren Gutachten auch „Tresorraum“ genannt) eingebaut und die Deckenhöhe der Passage mittels einer Stahl-Glas-Konstruktion auf die Höhe der Ladengeschäfte heruntergezogen, wodurch der Gesamteindruck der Halle komplett verändert wurde.

Haus der Technik[Bearbeiten]

Das Gebäude wurde ab 1928 von der AEG genutzt und fortan von der Inhaberin, der Berliner Commerz- und Privatbank, als Haus der Technik bezeichnet. Die AEG nutzte die Räumlichkeiten, um Produkte vorzustellen und Kunden zu beraten. Das vorherige Schau- und Verkaufsgebäude der AEG in der Luisenstraße 35 war am 15. September 1927 bei einem Brand zerstört worden. Die neuen Räumlichkeiten wurden mit einer Fläche von 10.500 m² und 20 Schaufenstern genutzt. Ende der 1930er Jahre fand hier die weltweit erste Fernsehübertragung statt.

Nutzung durch die Nationalsozialisten[Bearbeiten]

Anfang der 1930er Jahre wurde das Haus zunehmend von NSDAP-Mitgliedern genutzt. Mitte der 1930er Jahre zog die Deutsche Arbeitsfront mit Büros für den Gau Kurmark in das Gebäude und wurde 1941 auch Eigentümerin des Gebäudes. Zur gleichen Zeit zog auch das Zentralbodenamt der SS dort ein.

Im Jahr 1943 wurden Dachoberlichter geschlossen und die entsprechenden Dachreiter entfernt, weil französische Kriegsgefangene im Dachgeschoss untergebracht werden sollten. Während der Schlacht um Berlin wurde der zweite Tiefkeller von den Nationalsozialisten geflutet und steht noch heute unter Wasser. Während des Zweiten Weltkriegs erlitt das Gebäude starke Schäden, ein großer Teil des Komplexes blieb jedoch gut erhalten.

Nutzung in der DDR[Bearbeiten]

Das Haus wurde 1948 vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) übernommen und verwitterte im Laufe der Jahre. Vorübergehend zogen verschiedene Einzelhändler und Handwerksbetriebe, besonders auf der Seite der Friedrichstraße, in die Ruine. Das Deutsche Reisebüro nutzte den schnell und provisorisch wieder hergestellten Passagentrakt und einige obere Stockwerke. Des Weiteren waren im Gebäude unter anderem eine Artistenschule, eine Hundeschuranstalt, die Fachschule für Außenwirtschaft und Büroräume von RFT untergebracht. Die Tresorräume des Kellergeschosses nutzte die Nationale Volksarmee.

Im Torbau an der Friedrichstraße residierte zunächst das Kino Camera, konnte diese Räumlichkeiten wegen des schlechten Bauzustandes Ende der 1950er Jahre aber nicht mehr nutzen und ließ daraufhin 1958 den ehemaligen Vortragssaal der AEG ausbauen, der später unter dem Namen OTL (Oranienburger Tor Lichtspiele) wiedereröffnet wurde. Während der Umbauarbeiten wurde die Fassade teilweise verändert und ein Vorraum als Kassenbereich gebaut sowie die Decke zu Gunsten eines Treppenhauses umgebaut. Dieses bildet den heutigen Eingangsbereich. Der Kinosaal wird auch heute als Theatersaal genutzt. Nach einem weiteren Umbau des Kinos 1972 wurde es wieder in Camera umbenannt.

Teilabriss[Bearbeiten]

Haupt-Treppenhaus im Tacheles, 2007

Obwohl das Gebäude während des Zweiten Weltkriegs nur mittelmäßig beschädigt wurde, sollte es auf Grund zweier Statikgutachten aus den Jahren 1969 und 1977 abgerissen werden, da es trotz intensiver Nutzung nie zu einer Sanierung gekommen war. Eine neue Straße sollte über das Gelände verlaufen und eine Abkürzung zwischen Oranienburger Straße und Friedrichstraße bilden.

Der Abbau begann 1980. Zwei Jahre später wurden das Kino geschlossen und der noch komplett erhaltene Kuppelbau gesprengt. Der noch heute stehende Teil sollte laut Plan im April 1990 abgebaut werden.

Künstlerinitiative Tacheles[Bearbeiten]

Kurz vor der planmäßigen Sprengung wurde der noch stehengebliebene Rest des Gebäudes am 13. Februar 1990 von der Künstlerinitiative Tacheles besetzt. Durch Verhandlungen mit der Baudirektion Berlin-Mitte, die als Rechtsträger für den Komplex zuständig war, und unter Berufung auf Denkmalschutz versuchten die Besetzer, den Abriss zu verhindern. Trotzdem sollte das Haus laut Magistratsbeschluss 150/90 am 10. April 1990 gesprengt werden, worauf die Besetzer beim Berliner Runden Tisch einen Dringlichkeitsantrag stellten, der den Abriss vorläufig stoppen konnte.

Die Künstlerinitiative ließ ein neues Gutachten zur Bausubstanz und Statik erstellen. Auf Grund des positiven Ergebnisses wurde das Haus zunächst vorläufig unter Denkmalschutz gestellt, der nach einem weiteren Gutachten vom 18. Februar 1992 bestätigt werden konnte.

Tacheles, 1995

Das Gebäude wurde bunt bemalt, aus Schutt wurden verschiedene Skulpturen errichtet. Durch unterschiedliche Auffassungen der Künstler aus Ost- und Westdeutschland entstanden anfangs viele Kontroversen. Mittlerweile hatte sich der Komplex, der vom Tacheles e. V. betrieben wurde, zu einem festen und großen Kunst-, Aktions-, Veranstaltungs- und Kommunikationszentrum in Berlin entwickelt. In dem Gebäude befanden sich unter anderem rund 30 Künstlerateliers, Ausstellungsflächen und Verkaufsräume für zeitgenössische Kunst, ein Programmkino sowie die „Panorama-Bar“. Der „Blaue Salon“, ein 400 m² großer Raum, wurde hauptsächlich für Konzerte, Lesungen etc. genutzt. Der „Goldene Saal“ umfasste die gesamte erste Etage des Tacheles – hier befand sich eine Bühne, die ein wichtiger Spielort für die Off-Theaterszene und vor allem für die freie zeitgenössische Tanzszene in Berlin war. Zu den Künstlern und Institutionen, die im Goldenen Saal bislang Aufführungen gezeigt hatten, gehörten unter anderem Orphtheater, Theater zum westlichen Stadthirschen, Henry Arnold, Régine Chopinot, Rike Eckermann, Sebastian Hartmann, Howard Katz, Clint Lutes, Matthias Merkle, Tomi Paasonen, Felix Ruckert, Torsten Sense, Lars-Ole Walburg, Sasha Waltz, Christoph Winkler, wee dance company, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin und Lucky Trimmer.[2]

Die mit Graffiti bemalte östliche Wand, 2008

In den Jahren 1996 und 1997 wurde mit Politikern, Soziologen und Architekten sowie den Künstlern im Rahmen der Diskussionsrunde Metropolis Berlin, Hochgeschwindigkeitsarchitektur öffentlich über den Erhalt und die zukünftige Nutzung des Komplexes diskutiert. 1998 erwarb die Fundus-Gruppe das 1250 m² große Grundstück für 2,8 Millionen Mark (inflationsbereinigt in heutiger Währung: rund 1.795.000 Euro). Sie beauftragte den US-Amerikaner Andrés Duany mit einem Entwurf des Quartier am Johannishof mit einem Bauvolumen von geschätzten 400 Millionen Euro, für das sich bisher jedoch keine Investoren fanden.[3]

Der Tacheles e. V. handelte in der Folge einen Mietvertrag mit dem neuen Eigentümer aus, der bis zum 31. Dezember 2008 galt. Als eher symbolische Mietzahlung wurde eine Mark (umgerechnet rund 50 Cent) pro Quadratmeter je Monat vereinbart. Nach dem Auslaufen des alten Mietvertrags konnte kein neuer ausgehandelt werden. Da der Verein die geforderte Nutzungsentschädigung von 108.000 Euro nicht aufbringen konnte, meldete er Ende 2009 Insolvenz an. Ein Gläubiger der Grundpfandrechte, die HSH Nordbank, strebte im Zuge der Verwertung des Areals die Zwangsversteigerung an[4] und verfügte über einen gültigen Räumungstitel.[5] Ein Versteigerungstermin war für den 4. April 2011 angesetzt, wurde allerdings an diesem Tag kurzfristig abgesagt.[6] Am 5. April verließ die Gastronomiefraktion gegen Zahlung von einer Million Euro das Tacheles; Kino, Hinterhof und Erdgeschoss wurden geräumt. 80 Künstler verblieben mit ihren Ateliers und Metallwerkstätten im Gebäude. Eine Woche später wurde vom Zwangsverwalter der Bau einer knapp drei Meter hohen Mauer veranlasst, die den Durchgang von der Oranienburger Straße zum Hof mit den Werkstätten trennt. Über das zukünftige Konzept für das Gebäude ist noch nicht entschieden.[7]

Am 8. Dezember 2011 drangen etwa 30 Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma in die Räumlichkeiten der 5. Etage ein. Der weißrussische Künstler Alexander Rodin wurde der Räumlichkeiten verwiesen, konnte jedoch keine persönlichen Gegenstände oder seine 15 großformatigen Bilder mitnehmen. Die 5. Etage wird samt ihrer Einrichtung bislang von der Sicherheitsfirma in Beschlag gehalten. Rechtsanwalt Michael Schulz, der die Räumung für einen unbekannten Mandanten betreibt, gab an, die Räumung der 5. Etage sei rechtens gewesen, da kein Besitzer festgestellt werden konnte. Rodin selbst hatte ausgesagt, nicht Besitzer dieser Flächen zu sein. Rodin und der Tacheles e. V. bemühen sich derzeit, die Herausgabe von Rodins Eigentum aus der 5. Etage zu erwirken.[8]

Am 22. März 2012 wurde das Tacheles nach einem Räumungsversuch des Gerichtsvollziehers für Besucher gesperrt.[9] Am 26. März 2012 gab das Landgericht Berlin in einer Pressemitteilung bekannt, dass die Räumung des Kulturhauses Tacheles rechtswidrig war.[10] Das Gericht erließ eine einstweilige Verfügung an den Zwangsverwalter, die Räume des Tacheles umgehend wieder herauszugeben. Dies geschah bereits am Tag zuvor.

Das Kunsthaus Tacheles wurde am 4. September 2012 um 7 Uhr morgens endgültig geräumt, wobei es nur einen symbolisch-künstlerischen Protest gab.[11]

Einige Künstler und Programmierer haben eine interaktive Tacheles 3D online Galerie erstellt, um neue Räumlichkeiten für die Künstler zu erschaffen, und das Tacheles so digital weiterleben zu lassen.[12]

Ein Teil der Künstler ist inzwischen nach Berlin-Marzahn auf das Gelände des ehemaligen Magerviehhofs gezogen.[13]

Seitdem steht das ehemalige Kunsthaus ungenutzt leer.[14]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Andras Rost, Annette Gries: Elefanten Press, Berlin 1992, ISBN 3-88520-422-3 (Fotobuch).
  • Harald Neckelmann: Friedrichstraße Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Berlin Story Verlag Berlin, 2012, ISBN 978-3-86368-069-5
  • Ines Eck: Tacheles – Zerstörung einer Utopie. eBook, Berlin 2013. Edition Kunstlandschaft.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kunsthaus Tacheles – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tacheles-Webseite, Unterseite „history“, Abschnitt „TACHELES reden“
  2. Nordwind Festival
  3. Nina Apin: Kunsthaus vor dem Aus: Tacheles an der Oranienburger. In: taz.de. 17. Januar 2008, abgerufen am 8. Januar 2012.
  4. Alexandra Kunze: Zwangsversteigerung droht: Im Tacheles spielt man schwarzer Peter. In: taz.de. 13. Februar 2009, abgerufen am 8. Januar 2012.
  5. Tacheles-Areal soll 2010 unter den Hammer. In: Immobilien Zeitung Nr. 3, 21. Januar 2010, S. 26
  6. Keine Zwangsvollstreckung: Räumung von Kunsthaus Tacheles verschoben. In: Berliner Morgenpost. 4. April 2011, abgerufen am 8. Januar 2012.
  7. Rolf Lautenschläger, Konrad Litschko: Konflikt um Kunsthaus geht weiter: Tacheles wird eingemauert. In: taz.de. 12. April 2011, abgerufen am 8. Januar 2012.
  8. Hadija Haruna: Konflikt ums Tacheles: Räumung von oben herab. In: Tagesspiegel Online. 8. Dezember 2011, abgerufen am 8. Januar 2012.
  9.  dapd-bln: Rangeleien vor dem Kunsthaus Tacheles bei Gerichtsvollzieher-Besuch.
  10.  Landgericht Berlin: Pressemitteilung: Zwangsverwalter muss Räume im Tacheles herausgeben.
  11. Räumung des Tacheles hat begonnen – Neustart in Neukölln. In: Der Tagesspiegel, 3. September 2012
  12. 3D Kunsthaus Tacheles Berlin
  13. Abseits der Mitte. In: Berliner Zeitung, 8. August 2013
  14. Neue Runde im Monopoly. In: Berliner Zeitung, 1. Juli 2013

52.52575277777813.388838888889Koordinaten: 52° 31′ 33″ N, 13° 23′ 20″ O