Kunstmärchen

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Adelbert von ChamissoPeter Schlemihls wundersame Geschichte; Radierung von G. Cruikshank, 1827

Kunstmärchen sind eine spezielle Ausprägung der Literaturgattung des Märchens.

Gattungsmerkmale[Bearbeiten]

Im Gegensatz zu den Volksmärchen sind Kunstmärchen die Schöpfung eines bestimmten Dichters oder Schriftstellers. Sie übernehmen häufig Stil, Themen und Elemente der Volksmärchen, weisen aber weder deren eindimensionale Erzählform auf noch erschöpfen sie sich in stereotyper Abstraktion von Ort, Zeit und handelnden Personen. Anders als in Märchen werden die Figuren und deren Probleme psychologisiert, d. h. das Schema Schwarz-Weiß durchbrochen, was eine Moral im eigentlichen Sinne nicht erkennbar werden lässt. Kunstmärchen haben oft eine verschachtelte Form (Märchen im Märchen), unterscheiden sich also auch in dieser Hinsicht stark von den einfachen Volksmärchen.

Kunstmärchen sind in der Regel also umfangreicher und literarisch anspruchsvoller als Volksmärchen konzipiert, arbeiten insbesondere häufiger mit Metaphern und liefern detaillierte Beschreibungen von Personen und Ereignissen. Anders als Volksmärchen enden sie auch nicht zwangsläufig glücklich (vgl. Andersens „Die kleine Meerjungfrau“). Ein weiteres Hauptmerkmal von Kunstmärchen ist, dass sie nicht ausschließlich für Kinder bestimmt sind, was sich schon an dem zuweilen hohen sprachlichen Niveau erkennen lässt. Im Vorwort zu dem märchenartigen Roman Der kleine Prinz wird deutlich hervorgehoben, dass sich das Buch sowohl an Kinder als auch an Erwachsene richtet.

Geschichte[Bearbeiten]

Kunstmärchen sind seit der Antike verbreitet (Apuleius: „Amor und Psyche“, 2. Jh. n. Chr.). Zu den ersten neuzeitlichen Kunstmärchen gehören die französischen Feengeschichten des Rokoko, deren Stil in Deutschland zur Zeit der Weimarer Klassik insbesondere durch Christoph Martin Wieland in der Sammlung Dschinnistan aufgegriffen worden ist. Wielands „Lulu oder die Zauberflöte“ inspirierte Emanuel Schikaneder zum Libretto von Mozarts Oper Die Zauberflöte. Von Johann Wolfgang Goethe stammen drei Kunstmärchen: Das Märchen (in Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten), „Der neue Paris“ (in Dichtung und Wahrheit) und „Die neue Melusine“ (in Wilhelm Meisters Wanderjahre).

Die meisten Autoren der deutschen Romantik schrieben Kunstmärchen, so Ludwig Tieck („Der blonde Eckbert“ 1797), Novalis (die Märchenerzählungen in der Erzählung Die Lehrlinge zu Sais von 1798-1799 und im Romanfragment Heinrich von Ofterdingen von 1800: In den Lehrlingen Hyacinth und Rosenblüthe und im Ofterdingen das Atlantis-Märchen und Klingsohrs Märchen), Friedrich de la Motte Fouqué („Undine“ 1811), E. T. A. Hoffmann, der das Oppositionsverhältnis zwischen poetischer Märchen- und prosaischer Alltagswirklichkeit thematisierte („Der goldene Topf“ 1811 und 1814), Adelbert von Chamisso („Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ 1813) und Clemens Brentano („Gockel, Hinkel und Gackeleia“ 1838). Auch die phantasievollen Märchen des französischen Romantikers Charles Nodier zeigen kontrastreiche Momente zwischen Bizarrem und Wunderbarem.

Die Literatur der Restaurationsepoche (1815-48) ist reich an Kunstmärchen. Viele von ihnen erreichten die Popularität von Volksmärchen, so im biedermeierlichen Deutschland Wilhelm HauffsDie Geschichte von Kalif Storch“, „Der Zwerg Nase“, „Die Geschichte von dem kleinen Muck“ und Eduard Mörikes „Historie von der schönen Lau“. In Dänemark schrieb Hans Christian Andersen eine große Zahl von Kunstmärchen, die inzwischen zur Weltliteratur gehören („Des Kaisers neue Kleider“, „Die kleine Meerjungfrau“, „Das hässliche Entlein“).

Auch Dichter, die zum Realismus gerechnet werden, schrieben Kunstmärchen, so im deutschen Sprachraum Theodor Storm („Die Regentrude“) und Gottfried Keller („Spiegel, das Kätzchen“). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in der Epoche der Neuromantik, entstanden in England die Märchendichtungen Oscar Wildes (Der glückliche Prinz und andere Märchen und Ein Granatapfelhaus).

Im 20. Jahrhundert wurde Manfred Kyber durch seine Tiermärchen bekannt, auch Richard Hughes' phantasievollen und grotesken Märchen sind bemerkenswert (z. B. Gertrude und das Meermädchen illustriert von Nicole de Claveloux [1] und die Märchen aus Hughes' Sammlung Der Wunderhund [2]). Hermann Hesse schrieb oft satirische Märchen. Auch J. R. R. Tolkien verfasste mehrere humorvolle Märchen (z. B. Bauer Giles von Ham). Die Entwicklungslinie reicht bis zu den „aufgeklärten Märchen“ von Peter Rühmkorf (Der Hüter des Misthaufens).

Die scheinbare Ausblendung der äußeren Wirklichkeit im Kunstmärchen ermöglicht es, sozialkritische Inhalte zu transportieren, z. B. in Goethes Märchen (1795) die symbolisch vermittelte Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen im nachrevolutionären Frankreich und in Gerhart Hauptmanns Märchen (1941) an nationalsozialistischer Rassenhygiene und sogenannter Euthanasie.

Das Kunstmärchen kann sich zum Märchenroman, zum Märchendrama oder zur Märchenoper auswachsen. Diese längeren Formen haben sich seit der Popularisierung der Fantasyliteratur zu einem verbreiteten Genre entwickelt. Die folgende chronologische Liste zeigt die vielfältigen Möglichkeiten der Erscheinung, Adaption und Erweiterung der Gattung der Kunstmärchens.

Beispiele für Übergangsformen und Adaptionen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Friedmar Apel: Die Zaubergärten der Phantasie. Zur Theorie und Geschichte des Kunstmärchens. Carl Winter, Heidelberg 1987, ISBN 3-533-02748-1 (Reihe Siegen 13).
  • Volker Klotz: Das europäische Kunstmärchen. Fünfundzwanzig Kapitel seiner Geschichte von der Renaissance bis zur Moderne. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1987, ISBN 3-423-04467-5 (dtv 4467).
  • Mathias Mayer, Jens Tismar: Kunstmärchen. 4. Auflage. Metzler, Stuttgart u. a. 2003, ISBN 3-476-14155-1, (Sammlung Metzler. Gattungen 155).
  • Wührl, Paul-Wolfgang: "Das deutsche Kunstmärchen." 3. Auflage. Schneider Verlag, Hohengehren 2012, ISBN 978-3-834-01061-2.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Richard Hughes: Gertrude und das Meermädchen. Middelhauve, Köln 1971, ISBN 3-7876-9330-0.
  2. Richard Hughes: Der Wunderhund. Diogenes, Zürich 1981, ISBN 3-257-00618-7.