Kunstreligion

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Kunstreligion ist keine theoretisch bestimmte oder praktisch ausgeübte Form von Religion, sondern ein in Philosophie, Kunstkritik und Literaturkritik verwendeter (oft negativ ironisch konnotierter) Begriff, der sich auf bestimmte Formen sakralisierender Kunst bezieht. Gemeint ist eine Haltung, die der Kunst oder dem Künstler eine religiöse oder übergesellschaftliche Rolle (Guru, Messias, Kunstgott) zuzuweisen versucht.

Abgrenzung des Begriffs[Bearbeiten]

Trotz oder gerade wegen seiner weitläufigen Verwendung in der Kunst- und Literaturkritik, Philosophie und Theologie kann der Begriff „Kunstreligion“ bis heute als theoretisch unbestimmt gelten. Er bezieht sich in der Regel nicht auf traditionelle religiöse Kunst (z. B. mittelalterliche Ikonen), deren Ziel die Vermittlung religiöser oder theologischer Inhalte ist und die diesen gegenüber eine dienende, vermittelnde Rolle einnimmt. „Kunstreligion“ meint oder kritisiert vielmehr den Anspruch, dass die Kunst ihre dienende Rolle verlässt und sich selbst an die Stelle der Religion zu setzen versucht. Stellenweise ist eine Verwendung des Begriffs als Synonym für Pseudoreligionen oder Weltanschauungen festzustellen (Kunst-Religion = künstliche Religion).

18. Jahrhundert[Bearbeiten]

Im Zuge jener Abkehr von der Aufklärung, wie sie in der Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts zum Ausdruck kommt, nimmt die Aufwertung von Kunst als Ausdruck subjektiver Empfindungen ihren Ausgangspunkt und beginnt zugleich die kultische Verehrung von Künstlern und Künstlertum. Bereits Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803) gilt seinen Zeitgenossen als „heiliger Dichter“ und wird beinahe wie der Held seines Hauptwerks, der „Messias (Klopstock)“ (1748), verehrt, der Gefangennahme, Hinrichtung, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu in poetische Verse fasst. Abschnitte des Werks sollen in Wörlitz noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Abendmahlsliturgie verwendet worden sein. Der Philosoph Friedrich Schleiermacher (1768–1834) verwendet den Begriff „Kunstreligion“ wohl zum ersten Mal, hat mit ihm aber weniger eine Aufwertung der Kunst als eine Rückbindung der Religion an die Erfahrung im Sinn. Sturm und Drang nehmen das Motiv der Heroisierung des Künstlers auf und steigern es zum Geniekult („Originalgenie“).

Romantik[Bearbeiten]

Im Zuge der Romantik setzt eine weitere Aufwertung subjektiver Erfahrung ein, mit der eine stetig anwachsende Wertschätzung von Künstlern und künstlerischer Produktion einhergeht. Gesellschaftlich kann man sie als Gegenbewegung zu der umfassenden Säkularisierung begreifen, die das 19. Jahrhundert prägt und durch Phänomene wie die Industrialisierung begleitet ist. Wilhelm Heinrich Wackenroders (1773–1798) „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ (Berlin 1797) formulieren das kunstreligiöse Credo der Romantik folgendermaßen: „Ich vergleiche den Genuß der edleren Kunstwerke dem Gebet. (…) Der… ist ein Liebling des Himmels, welcher mit demütiger Sehnsucht auf die auserwählten Stunden harrt, da der milde himmlische Strahl freiwillig zu ihm herabfährt, die Hülle irdischer Unbedeutenheit… spaltet, und sein edleres Innere auflöst… dann knieet er nieder, wendet die offene Brust in stiller Entzückung gegen den Himmelsglanz, und sättiget sie mit dem ätherischen Licht… Das ist die wahre Meinung, die ich vom Gebet hege.“ (Zit. nach gutenberg.spiegel.de)

Spätromantik[Bearbeiten]

Die zunehmende Aufwertung von Kunst und Künstlern bis hin zur „Kunstreligion“ erreicht um die Jahrhundertwende ihren Höhepunkt. Schriftsteller, Maler oder Musiker stilisieren sich selbst zu Heilsgestalten, die sakralisierende oder pseudoreligiöse Werke hervorbringen. Richard WagnersParsifal“ (1882) will keine Oper mehr sein, sondern ein Bühnenweihfestspiel, dessen Aufführung nach dem Willen des Komponisten auf einen bestimmten Ort (Bayreuth) beschränkt bleibt. Ähnliche kunstreligiöse Anschauungen manifestieren sich in den pseudofeudalen Schlössern Ludwig II. (1845–1886) (z. B. Neuschwanstein, 1869; Herrenchiemsee, 1878) , die eine Beschwörung absolutistischen Königtums mit den Mitteln historistischer Architektur versuchen. Auch die Literatur steigert ihren Bedeutungsanspruch um die Jahrhundertwende zu kunstreligiöser Höhe. Stefan George (1868–1933) versammelt im hermetischen George-Kreis wie ein Priester Adepten um sich und stilisiert sich äußerlich zum Guru. Rainer Maria Rilkes (1875–1926) lyrisch erhobene Weltdeutung in den „Duineser Elegien“ (1912–1922) trägt ebenso kunstreligiöse Züge wie Friedrich Nietzsches (1844–1900) „Also sprach Zarathustra“ (1883–1885), der implizit die Etablierung einer Art von Ersatzreligion zum Ziel hat und sich sogar sprachlich an das Deutsch der Lutherbibel anlehnt.

Jugendstil[Bearbeiten]

Der Jugendstil nimmt den von der Spätromantik formulierten kunstreligiösen Anspruch auf und setzt ihn vor allem im Bereich Architektur, Design, Kunstgewerbe und Dekoration um, sodass zeitweise von einer Veräußerlichung kunstreligiösen Denkens gesprochen werden könnte. Ziel ist eine umfassende Ästhetisierung aller (bürgerlichen) Lebensbereiche im Sinne eines die Künste integrierenden Gesamtkunstwerks. Josef Hoffmanns (1870–1956) Palais Stoclet in Brüssel (1905–1911) formuliert diesen Anspruch vielleicht am nachdrücklichsten, aber auch die Arbeiten Otto Wagners (1841–1918), Charles Rennie Mackintoshs (1868–1928) und vor allem Joseph Maria Olbrichs (1867–1908) tragen kunstreligiöse Züge (vgl. auch Wiener Secession). In der Malerei stehen Künstler wie Gustav Klimt (1862–1918) oder Max Klinger (1857–1920) für den kunstreligiösen Anspruch jener Zeit. Der Lebensreformbewegung und dem Vegetarismus nahe steht der Zeichner und Maler Fidus (1868–1948), der Pläne zu gigantischen Tempelanlagen für eine neue Natur- und Lichtreligion entwirft, in denen sich Gläubige zur Andacht versammeln sollen.

Moderne[Bearbeiten]

Die Moderne des frühen 20. Jahrhunderts versucht sich von dem kunstreligiösen Anspruch der Spätromantik und des Jugendstils zu distanzieren, erliegt aber selbst immer wieder der Versuchung, Künstler zu Helden und Erlösern zu stilisieren und der Kunst eine über den Alltag hinausgehende Wirkungsmacht zuzutrauen. So trägt selbst der umfassende gesellschaftspolitische Anspruch des Bauhauses stark kunstreligiöse Züge, und seine Lehrer (z. B. Johannes Itten, 1888–1967) setzen die romantische Tradition fort, als Guru aufzutreten. Vor allem die modernen Architekten formulieren und entwerfen kunstreligiös geprägte Modelle umfassender Weltverbesserung. Le Corbusiers (1887–1965) „Ville Contemporaine“ (Zeitgenössische Stadt für drei Millionen Einwohner, 1922) will die Menschen aus den düsteren Hinterhöfen der Gründerzeit in eine lichte Welt moderner Ordnung führen, und im Mittelpunkt von Bruno Tauts (1880–1938) „Stadtkrone“ (1919) steht ein leuchtendes „Kristallhaus“, das „ganz vom Zweck losgelöst, als reine Architektur“ (Taut) ästhetische Erlebnisse vermitteln soll. Nicht zuletzt die Anthroposophie Rudolf Steiners (1861–1925) hat in ihren künstlerischen Ausprägungen (z. B. Goetheanum in Dornach, 1914–1922) einen stark kunstreligiösen Anspruch (vgl. auch Eurythmie).

Nationalsozialismus und Faschismus[Bearbeiten]

Obwohl es naheliegt, die ästhetischen Hervorbringungen des Nationalsozialismus und italienischen Faschismus mit dem Anspruch der Kunstreligion in Verbindung zu bringen, bliebe eine solche Interpretation doch oberflächlich. Zwar tragen die pathetischen Lichtdome Albert Speers (1905–1981), die manipulativen Filme Leni Riefenstahls (1902–2003) oder die formalistischen Architekturen Giuseppe Terragnis (1904–1943) äußere Merkmale „kunstreligiöser Kunst“, aber ihre Intention richtet sich keineswegs auf die Aufwertung der Kunst an sich. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Verherrlichung einer Ideologie oder eines Diktators (Hitler, Mussolini) als vermeintlicher Heilsgestalt. Insofern ist die Rolle der Kunst hier offenbar konventionell „dienend“ und keineswegs autonom, also kunstreligiös.

Nachkriegszeit und spätes 20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Geprägt von Weltkrieg und Faschismuserfahrung sind die Nachkriegszeit und das späte 20. Jahrhundert von einer starken Distanznahme gegenüber kunstreligiösen Haltungen gekennzeichnet. Nüchternheit und Kühle bestimmen Literatur und Kunst; Pathos und Feierlichkeit sind eher verpönt und klingen höchstens gebrochen an, z. B. in der Lyrik Ingeborg Bachmanns (1926–1973). Erst ab den späten sechziger Jahren ist eine deutliche Tendenz erkennbar, Künstler erneut zu Erlösern zu stilisieren, was mit der Entwicklung neuer künstlerischer Formen (Konzeptkunst, Aktionismus) einhergeht. Neben dem Aktionskünstler Hermann Nitsch (geb. 1938) kann insbesondere Joseph Beuys (1921–1986) als Beispiel für einen kunstreligiösen Protagonisten dieser Zeit genannt werden. Die späten achtziger und frühen neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts bleiben eher frei von kunstreligiösen Ansprüchen.

Gegenwart[Bearbeiten]

In jüngster Zeit ist eine neue Tendenz innerhalb der Kulturwissenschaften und auch bei Kuratoren und Künstlern zu beobachten, Kunst wieder religiöse Bedeutung und sakrale Wirkungsmacht zuzutrauen. Diese Strömung geht einher mit dem Versuch, den Begriff „Kunstreligion“ erstmals genauer theoretisch zu bestimmen und in die Kulturgeschichte der Neuzeit einzuordnen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  • Bernd Auerochs: „Die Entstehung der Kunstreligion“. Palaestra, 2006. (Bd. 323)
  • Bernd Auerochs: „Kunstreligion. Studien zu ihrer Vorgeschichte in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts“. Jena, Univ., (Habil.-Schr.), 1999.
  • Nicole Heinkel: „Religiöse Kunst, Kunstreligion und die Überwindung der Säkularisierung. Frühromantik als Sehnsucht und Suche nach der verlorenen Religion. Dargestellt anhand der Aussagen der literarischen Frühromantik zur bildenden Kunst“. Frankfurt am Main [u. a.]: Lang, 2004.
  • Ernst Müller: „Ästhetische Religiosität und Kunstreligion in den Philosophien von der Aufklärung bis zum Ausgang des deutschen Idealismus. Berlin : Akad.-Verl., 2004.
  • Berliner Künstlerprogramm des DAAD (Hrsg.): „Der Hang zum Gesamtkunstwerk. Europäische Utopien seit 1800“. 22. Dez. 1983 bis 19. Febr. 1984, Orangerie d. Schlosses Charlottenburg; Beih. zur Ausstellung. Berlin, 1983.
  • „Tendenzen der Zwanziger Jahre.15. Europäische Kunstausstellung Berlin 1977“. (14. Aug.–16. Okt. 1977) Berlin: Reimer, 1977.
  • Ulrich Conrads: „Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts. Zusammengestellt und kommentiert von Ulrich Conrads“. Bertelsmann-Fachverlag, 1971. (Bauwelt-Fundamente 1)
  • Wolf-Daniel Hartwich: Deutsche Mythologie. Die Erfindung einer nationalen Kunstreligion. Philo Verlagsgesellschaft. Berlin, 2000. ISBN 3825700836
  • Daniel Schneller: „Der Begriff "Gesamtkunstwerk"“, in: „Richard Wagners "Parsifal" und die Erneuerung des Mysteriendramas in Bayreuth. Die Vision des Gesamtkunstwerks als Universalkultur der Zukunft.“ Bern, 1997.
  • Richard Faber, Volkhard Krech (Hrsg.): „Kunst und Religion. Studien zur Kultursoziologie und Kulturgeschichte“. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1999.
  • Wolfgang Braungart: "Ästhetischer Katholizismus. Stefan Georges Rituale der Literatur" (Communicatio. Studien zur europäischen Literatur- und Kulturgeschichte, 15) Tübingen: Niemeyer, 1997.

Weblinks[Bearbeiten]