Kurt von Schleicher

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Kurt von Schleicher 1932

Kurt Ferdinand Friederich Hermann von Schleicher (* 7. April 1882 in Brandenburg an der Havel; † 30. Juni 1934 in Neubabelsberg) war General der Infanterie und Reichskanzler der Weimarer Republik von Ende 1932 bis Anfang 1933.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben und Wirken

[Bearbeiten] Lebenslauf bis 1932

Schleicher als junger Leutnant (1900)

Kurt von Schleicher kam 1882 als Sohn des preußischen Offiziers Hermann Friedrich Ferdinand von Schleicher (* 3. Februar 1853 in Brodhagen; † 26. Januar 1906 in Kalau, Spreewald), und seiner Gattin, Magdalene (* 27. Dezember 1857 in Danzig; † 5. Februar 1939 in Potsdam), geborene Heyn, der Tochter einer begüterten Reedersfamilie aus Ostpreußen, zur Welt. Er hatte eine ältere Schwester, Thusnelda Luise Amalie Magdalene (1879- ), und einen jüngeren Bruder, Ludwig-Ferdinand Friedrich (1884-1923), der zeitweise als Farmer in Kanada lebte.

Von 1896 bis 1900 absolvierte er die Hauptkadettenanstalt in Lichterfelde bei Berlin. Am 22. März 1900 wurde er zum Leutnant befördert und zum 3. Garde-Regiment zu Fuß (5. Kompanie) abkommandiert. Dort lernte er u.a. Oskar von Hindenburg, den Sohn des späteren Reichspräsidenten, Kurt von Hammerstein-Equord, den späteren Chef der Heeresleitung (1930–34), und Erich von Manstein, Generalfeldmarschall im Zweiten Weltkrieg, kennen. Vom 1. November 1906 bis zum 31. Oktober 1909 diente er als Adjutant des Füsilier-Bataillons bei seinem Regiment. Nach seiner Ernennung zum Oberleutnant am 18. Oktober 1909 wurde er zur Kriegsakademie abkommandiert, nach deren Absolvierung am 24. September 1913 unmittelbar zum Großen Generalstab kommandiert, wo er auf eigenen Wunsch der Eisenbahn-Abteilung unter Oberstleutnant Wilhelm Groener zugeteilt wurde, der ihn in den folgenden knapp zwanzig Jahren unablässig förderte und maßgeblichen Anteil an der Karriere seines „Wahlsohnes“ (so Groeners Testament vom April 1934) Schleicher hatte. Hier lernte er u.a. die späteren Generäle Joachim von Stülpnagel und Bodo von Harbou kennen.

Am Dezember 1913 zum Hauptmann befördert, war Schleicher mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 im Stab des Generalquartiermeisters tätig. Während dieser Zeit lernte er seinen späteren engen Freund und Mitarbeiter Erwin Planck kennen. Erstes politisches Aufsehen erregte er, als er während der Schlacht von Verdun 1916 eine Denkschrift verfasste, in der er sich gegen die übergroßen Gewinne bestimmter Industriekreise wandte, die er als „Kriegsgewinnler” brandmarkte. Die Denkschrift kursierte in diesem Jahr in den führenden politischen Kreisen der Hauptstadt, in denen sie als Sensation galt, und gelangte unter anderem in die Hände des SPD-Vorsitzenden Friedrich Eberts, dessen nachdrückliche Zustimmung sie fand. Schleicher gelangte so in den Ruf liberaler und sogar ausgesprochen sozialer Gesinnung.[1]

Am 23. Mai 1917 verließ er für kurze Zeit den Stab und wurde als Ia (Erster Generalstabsoffizier) zur 237. Infanteriedivision versetzt. Mitte August kehrte er zum Stab des Generalquartiermeisters zurück. Die Ernennung zum Major erfolgte am 15. Juli 1918.

Bei Kriegsende 1918 unterstützte er das Bündnis zwischen Armeeführung und Sozialdemokratie. Durch den von seinem Vorgesetzten Wilhelm Groener und ihm initiierten und telefonisch abgeschlossenen Ebert-Groener-Pakt wurden z. B. Friedrich Ebert und Otto Wels aus den Händen aufständischer Matrosen gerettet. Der Pakt bedeutete einerseits eine gewisse Stabilität für die neue Republik und andererseits eine Trennung von Staat und Militär. In der Folge der Zeit entwickelte sich die Reichswehr, unter großem Zutun von Schleicher, zu einem Staat im Staate. 1919 übernahm er die Leitung des politischen Referats im Truppenamt und avancierte zum engen Mitarbeiter und Berater von General Hans von Seeckt. 1923 hatte Schleicher maßgeblichen Anteil an der Organisation der Beilegung der Staatskrise dieses Jahres – kommunistische Aufstände in Thüringen und Sachsen, Hitlerputsch in Bayern und anderes – mit Hilfe des Notstandsartikels der Weimarer Verfassung. Am 29. Januar 1929 wurde er vorzeitig zum Generalmajor befördert und am 1. Februar 1929 zum Chef des Ministeramts im Reichswehrministerium, dem politischen Stellvertreter des Ministers neben dem Chef der Heeresleitung General Wilhelm Heye, ernannt. Am 1. Oktober 1931 erfolgte seine Beförderung zum Generalleutnant.

1931 heiratete Schleicher Elisabeth von Hennigs, die geschiedene Frau seines Vetters Bogislav von Schleicher und Tochter des Generals Victor von Hennigs.

[Bearbeiten] Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Reichskanzlerschaft

Kurt von Schleicher (rechts) mit Franz von Papen als Zuschauer bei einem Pferderennen in Berlin-Karlshorst, 1932).

Im Zusammenhang mit dem Verbot der SA kam es im April 1932 zum Zerwürfnis zwischen Schleicher und Reichswehrminister Wilhelm Groener. Schleichers Konzept zur „Zähmung“ der Nationalsozialisten unter anderem durch die Einbindung der SA in eine überparteiliche Wehrorganisation scheiterte. Am 1. Juni 1932 wurde er als General der Infanterie verabschiedet, um im Kabinett von Papen als Parteiloser Reichswehrminister zu werden, nachdem er selbst Franz von Papen dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg als Nachfolger von Heinrich Brüning vorgeschlagen hatte. Zusammen mit Franz von Papen bot er im Auftrag Hindenburgs Adolf Hitler im August 1932 die Vize-Kanzlerschaft an, die Hitler aber ablehnte. Als Papen den Staatsnotstand ausrufen wollte, wurde er am 3. Dezember 1932 von Reichspräsident von Hindenburg entlassen.

Nach ergebnislosen Verhandlungen mit Adolf Hitler über eine Regierungsbeteiligung der NSDAP und trotz einer erneuten Betrauung Papens mit der Reichskanzlerschaft durch Hindenburg wurde Schleicher am 2. Dezember 1932 von Hindenburg zum Reichskanzler berufen und mit der Bildung eines neuen Präsidialkabinetts beauftragt. Franz von Papen vergaß seine Ausbootung durch Schleicher nie. Aus vormals „guten Freunden“ wurden politische Gegner.

Trotz des Versuches der Umsetzung des Querfront-Konzeptes von Hans Zehrer und des Versuches einer Spaltung der NSDAP mit Unterstützung von Gregor Strasser gelang es ihm nicht, seine Politik auf eine stabile politische Basis zu stellen. Auch die finanzielle Unterstützung (aus Geldern der Reichswehr) und der Vossischen Zeitung (Redakteur war Zehrer) brachte keine bessere Reputation bei der Bevölkerung. Einerseits wurde er aufgrund seines Querfront-Konzeptes (u.a. Einbindung der Arbeiterinteressen und deren politischen Vertretung) von der Rechten als „roter General“ verspottet, andererseits von den Linken aufgrund u. a. des Preußenschlages als reaktionäre Person betrachtet. Ein Schreiben an den Kronprinzen vom 27. Dezember 1932 gibt die politischen Spannungen und die drohende politische Entmachtung Schleichers präzise wieder: „In Berlin scheint sich eine Front zu bilden Stülpnagel – Papen – Hitler mit dem Ziel, den Kanzler über den Präsidenten zu stürzen und zwar noch vor Neuwahlen.“[2]

Der Öffentlichkeit aber entgingen diese politische Entwicklungen am Ende des Jahres 1932. Vielmehr sah man Adolf Hitler zusammen mit seinen Nationalsozialisten aus dem politischen Alltag verschwinden bzw. dem politischen Niedergang entgegen streben. So meinte der Deutschlandskorrespondent der New York Times zu dieser Zeit, dass Hitler „seine Chance wohl verpasst“ habe und nun als bayerischer Provinzpolitiker enden würde.[3] Und die politische Satirenzeitschrift Simplicissimus witzelte:

„Geht mit euren Horoskopen, denn ihr prophezeiet schlecht!
Pessimisten, Misanthropen haben leider meistens recht.
Eins nur lässt sich sicher sagen, und das freut uns rundherum:
Hitler geht es an den Kragen, dieses Führer Zeit ist um.“

Simplicissimus[4]

Kurt von Schleicher als Reichskanzler

Politische Beobachter der Zeit bemerkten aber die Dualität der Entwicklungen. Heinrich Brüning bemerkte zu der aktuellen politischen Situation: „Die Gefahren für Schleicher wuchsen, obwohl äußerlich sein Prestige nicht abnahm. Im Gegenteil: Durch seine außerordentlich geschickte Form der Konversation gelang es ihm nicht nur, mehr und mehr die gesamte Linkspresse einzufangen und Einfluss bei den Gewerkschaften zu gewinnen, sondern auch einzelne Persönlichkeiten aus dem Zentrum durch Versprechungen und Appelle an ihren Ehrgeiz für sich einzunehmen. Namentlich Imbusch und andere…“[5]

Hinter von Schleichers Rücken verhandelte Papen im Auftrag von Hindenburg mit Hitler über dessen Berufung zum Reichskanzler. Entscheidend für die Demissionierung war das „Kölner Gespräch“ am 4. Januar 1933 im Hause des Kölner Bankiers Baron von Schröder. Dort einigten sich Hitler und von Papen auf die Grundsätzlichkeiten einer gemeinsamen Regierungszusammenarbeit. Da der Journalist Hellmuth Elbrechter, ein Vertrauter Schleichers und Gregor Strassers, bereits im Vorfeld der geplanten Zusammenkunft Papens und Hitlers erfuhr, konnte er einen Photographen nach Düsseldorf schicken, dem es gelang, die Beteiligten beim Betreten von Schröders Haus abzulichten. Noch am Abend desselben Tages legte Ellbrechter Schleicher die Fotos vor.

Am 5. Januar titelte die Tägliche Rundschau: „Hitler und Papen gegen Schleicher.“[6] Zwei Tage später erschienen in derselben Zeitung weitere Artikel zu dem Treffen in Köln mit den Titeln „Der Gegenstoß der Wirtschaft“ und „Das Geheimnis um den Kölner Querschläger“. Dort wird ziemlich genau beschrieben, wer der Initiator und die treibende Kraft bei der Zusammenführung von Hitler und von Papen gewesen ist. „Der Veranlasser der Unterredung Hitler-Papen ist als die rheinisch-westfälische Industrie-Gruppe um den Stahlhelm[7] zu identifizieren.

Mehrere improvisierte Versuche Schleichers seine Position zu halten scheiterten. Versuche Hugenberg auf seine Seite zu ziehen kamen ebenso wenig zum Tragen wie eine nachträgliche Einbindung Gregorg Strassers, dessen heimliches Zusammentreffen mit Hindenburg er arrangierte, in die Regierung. Die Bitte Schleichers an Hindenburg, ihm die Vollmacht zur Auflösung des Reichstages ohne die Ausschreibung von Neuwahlen innerhalb der nächsten zwei Monate zu gestatten (wie es die Verfassung vorschrieb), und so den Druck der regierungsfeindlichen Mehrheitsverhältnisse im Parlament abzuschütteln, wurde vom Reichspräsidenten abgelehnt. Vorschläge aus Schleichers Umfeld, der sich anbahnenden Entmachtung durch den Reichspräsidenten durch einen Staatsstreich zuvorzukommen, wie sie insbesondere von Eugen Ott und Heereschef von Hammerstein („Jetzt müssen Sie die Reichswehr einsetzen, sonst gibt es für das ganze Deutschland ein Unglück“[8] befürwortet wurden, wies Schleicher von sich.[9] Mit ein Grund für Schleichers fehlende Kampfbereitschaft in dieser entscheidenden Phase soll einigen Zeitzeugen zufolge sein angeblich chronisch geschwächter Gesundheitszustand gewesen sein: So berichtet Fritz Günther von Tschirschky, dass Walter Schotte, den Herausgeber der „Preußischen Jahrbücher“, der denselben Hausarzt wie Schleicher konsultierte, von diesem Ende 1932 „unter dem Siegel der Verschwiegenheit“ erfahren habe, dass Schleicher an Anämie leide. Bereits 1930 habe der Hausarzt, so Schotte, Schleicher „eröffnen müssen“, dass er ihm „wenn er das angespannte Leben unter großer Verantwortung wie bisher weiterführe […] als Arzt nur noch sechs Jahre“ geben könne.[10] Ottmar Katz, der Biograph von Hitlers späterem Leibarzt Theodor Morell behauptete – etwas präziser werdend – von Schleicher habe an perniziöser Anämie gelitten und sei dadurch „gesundheitlich schwer beeinträchtigt“ gewesen.[11]

Schleicher erklärte am 28. Januar 1933 nach einem Gespräch mit Hindenburg den Rücktritt seiner Regierung und empfahl die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler („Machtergreifung“). Der Reichspräsident Hindenburg antwortete darauf hin dem General: „Ich danke Ihnen, Herr General, für alles, was Sie für das Vaterland getan haben. Nun wollen wir mal sehen, wie mit Gottes Hilfe der Hase weiterläuft.“ [12] Franz von Papen übernahm im offiziellen Auftrag des Reichspräsidenten Hindenburg die Regierungsverhandlungen und brachte sie am 30. Januar zu einem Abschluss.

[Bearbeiten] Leben nach der Reichskanzlerschaft (1933–1934)

Schleicher im Februar 1933 beim Auszug aus seiner Dienstwohnung im Reichswehrministerium.

Nach seiner Demission als Reichskanzler zog von Schleicher sich zunächst ins Privatleben zurück. Seine Privatwohnung im Reichswehrministerium musste er auf Drängen seines Nachfolgers als Reichswehrminister, Werner von Blomberg, bereits im Februar räumen.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau und Stieftochter, sowie seiner langjährigen Haushälterin Marie Güntel und einem Chauffeur zog er in eine Villa im Potsdamer Stadtteil Neubabelsberg. In den nächsten siebzehn Monaten widmete er sich vor allem privaten Angelegenheiten: So söhnte er sich mit seinem politischen Ziehvater Groener aus, mit dem er sich 1932 im Zusammenhang mit einem Kursstreit innerhalb der Regierung Brüning überworfen hatte, und unternahm einige Reisen mit seiner Ehefrau. Bei den neuen Machthabern fiel Schleicher durch wiederholte Missfallensbekundungen im gesellschaftlichen Kreis auf. So äußerte er sich mehrfach in negativer Weise über die politischen Ereignisse seit dem Januar 1933 und gab abfällige Einschätzungen über die maßgebenden Männer des neuen Regimes von sich. Persönliche Freunde wie der französische Botschafter[13] und der Diplomat Werner von Rheinbaben[14] ließen ihm deswegen Warnungen zukommen, in denen sie ihn zur Vorsicht mahnten. Die Bitte Eugen Otts, ihn für eine Weile in Japan zu besuchen, bis die politischen Wogen sich in Deutschland geglättet hätten, lehnte Schleicher mit der Begründung ab, dass er als „preußischer General“ nicht „landesflüchtig“ werden könne.

[Bearbeiten] Der Mordfall Schleicher

Am 30. Juni 1934 wurde Schleicher im Zuge der unter der Propagandabezeichnung „Röhm-Putsch“ bekannt gewordenen politischen Säuberungswelle ermordet. Am Vormittag dieses Tages wurde Schleicher gemeinsam mit seiner Ehefrau von einem Kommando der SS (oder der Gestapo) im Büro seiner Villa in Neubabelsberg erschossen. Die Untersuchungen der Mordkommission wurden auf Anweisung des Potsdamer Polizeipräsidenten Graf von Helldorf eingestellt, die Leichen von der Gestapo beschlagnahmt und eingeäschert. Die Urne mit Schleichers (angeblichen) Überresten wurde schließlich auf dem Parkfriedhof Lichterfelde, Thunerplatz 2-4, beigesetzt.

Die einzige Augenzeugin des Mordes, Marie Güntel, ertrank 1935 im Heiligen See in Potsdam. Die offizielle Version, dass sie sich aus Kummer über das Schicksal der Familie Schleicher selbst das Leben genommen hätte, wurde dabei von einigen Personen aus ihrem Umkreis angezweifelt.[15]

Die Täter und die Auftraggeber für den Mord an Schleicher konnten bis heute nicht identifiziert werden. Als Initiatoren der Tat werden üblicherweise Hitler, Göring, Himmler oder Heydrich oder eine Kombination von zwei oder drei von diesen oder von allen vieren zusammen angenommen. Gegen die These, dass alle vier in den Mordplan involviert waren, spricht allerdings, dass einige Stunden nach der Ermordung Schleichers ein zweites Einsatzkommando in seinem Haus erschien, um ihn zu verhaften. Hans-Otto Meissner, der Sohn von Hindenburgs Staatssekretär Otto Meissner berichtet in seinen Memoiren, dass Hitler später seinem Vater gegenüber „mit starkem Nachdruck behauptet“ habe, „er hätte mit dem bedauernswerten Unglück [der Ermordung Schleichers] absolut nichts zu tun“ gehabt.[16] Der ältere Meissner habe seinem Sohn außerdem später erzählt, wie Göring ihm, Meissner senior, nach dem Kriege, während ihrer gemeinsamen Internierung durch die Amerikaner versichert habe, es habe „nicht die Absicht bestanden, Schleicher zu verhaften oder gar zu erschießen.“ Dies hätten „andere Leute“ getan. Hitler sei über die Liquidation Schleichers schon deswegen sehr erbost gewesen, weil er die Reichswehr als „Stütze seiner Diktatur“ gebraucht habe und ihm die Erschießung daher „nicht in sein Konzept“ gepasst habe.[16]

Als Anlass für den Mord an Schleicher werden in der Forschung mehrere Motive diskutiert. Das am häufigsten vermutete Motiv ist der angebliche Wunsch der nationalsozialistischen Funktionäre, sich an ihrem Widersacher aus der „Kampfzeit“ zu rächen. Ein zweiter häufig ins Feld geführter Gedanke ist die Überlegung, dass seitens der nationalsozialistischen Machthaber die Furcht bestanden habe, dass Schleicher dem Regime noch immer gefährlich werden könnte. Für diese These spricht unter anderem die von Schleicher selbst Ende 1933 geäußerte Hoffnung, dass „man [gemeint war wahrscheinlich Hindenburg] ihn noch einmal rufen werde, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen“, nachdem die nationalsozialistischen Führer, so seine Erwartung, abgewirtschaftet haben würden. Außerdem verfügte Schleicher 1934 noch immer über eine kleine aber mächtige Anhängerschaft in der Reichswehrführung, zu der unter anderem der Generaloberst Kurt von Hammerstein zählte. Als drittes mögliches Motiv, Schleicher ins Visier zu nehmen, wird häufig die eventuelle Absicht der Urheber der Mordaktionen vom 30. Juni/ 1. Juli 1934 angenommen, durch das Töten von Vertretern oppositioneller Kreise jeder Schattierung nach „allen Richtungen abschreckend zu wirken“. Durch die Ermordung von Gegnern aus den unterschiedlichsten oppositionellen Lagern, von der publizistischen Linken über den politischen Katholizismus bis hin zur konservativen Rechten, von Beamten über Journalisten bis zum Militär, hätte das „Signal“ ausgesandt werden sollen, dass keine Gruppe vor dem Zugriff des Regimes sicher sei und dass deswegen niemand glauben sollte, es gäbe sichere „Nischen“, aus denen man Widerstand wagen könnte.

[Bearbeiten] Beurteilung durch Zeitgenossen und Nachwelt

Von 1929 bis 1932 spielte Schleicher eine der breiten Öffentlichkeit kaum sichtbare Rolle im politischen Bühnenhintergrund, die ihn in diesen Jahren zu einem der mächtigsten Männer Deutschlands machte. Die eigentliche Quelle von Schleichers Macht war dabei das Vertrauen des Reichspräsidenten von Hindenburg, der sich in den Jahren 1929 bis 1932 häufig auf die Ratsbeschlüsse seines „lieben jungen Freundes“, wie er Schleicher nannte, verließ. So gab Hindenburg dem Kanzler Brüning anlässlich von dessen Ernennung zum Regierungschef im Frühjahr 1930 die Belehrung mit auf dem Weg: „Halten Sie sich an den General von Schleicher. Das ist ein kluger Mann und versteht viel von der Politik.“[17]

Hans-Otto Meissner zufolge, der als Sohn des Staatssekretärs im Büro Hindenburgs – Otto Meissner – das Wirken Schleichers aus nächster Nähe beobachten konnte, schätze Hindenburg Schleicher „erstmals als klugen Kopf und fleißigen Offizier aus dem Großen Hauptquartier während des Krieges. Außerdem stammte der Generalfeldmarschall aus dem gleichen Friedensregiment […] [wie Schleicher] was seinerzeit viel bedeutete.“[18] In den Jahren von 1919 bis 1929 habe Schleicher sich eine vorläufig beinahe unsichtbare Machtposition als rechte Hand jedes Reichswehrministers von Noske bis Groener aufgebaut: „Weil er sich nicht in Vordergrund drängte, sondern sich mit dem Wirken aus den Kulissen zufriedengab, geriet er nie in Gefahr, wenn wieder einer der Wehrminister das Feld räumen mußte – Schleicher saß fest im Sattel.“

Im Gegensatz zu dem Vertrauen, das Hindenburg Schleicher entgegenbrachte, stand das Misstrauen, mit dem weite Teile der deutschen Öffentlichkeit Schleicher gegenüberstanden: Von der kommunistischen Linken und Teilen der Sozialdemokratie als Vertreter der „Gegenrevolution“, wurde Schleicher in konservativen Kreisen ironischerweise – insbesondere während seiner Kanzlerschaft – als „roter General“ abgelehnt. Von den Zeitgenossen und der Nachwelt immer wieder zitiert wurden Schleichers angebliche Intrigenfreudigkeit und Verschlagenheit. So galt er in der Öffentlichkeit als eine „feldgraue Eminenz“, die aus dem Zwielicht heraus die Fäden der deutschen Regierung ziehe. Der Exilant Sebastian Haffner beschrieb Schleicher 1939 in diesem Sinne als einen „intrigenfreudigen Bürogeneral“ der an der Spitze einer „sphinxhaften“ Armee gestanden habe.[19] Englischsprachige Beobachter wie John Wheeler-Bennet[20] oder Sefton Delmer[21] weisen wiederum immer wieder einmal ihre Leser genüsslich darauf hin, dass der Name Schleicher für deutsche Ohren klinge wie das englische Wort creeper für englische. Die Insinuation ist dabei stets, dass „Schleicher“ ein sprechender Name sei, der den Charakter seines Trägers auf das beste nach außen sichtbar mache.

Diesen breitgetretenen Negativbildern stehen jedoch auch einige Positivwahrnehmungen gegenüber. So meinte der Journalist Hans Zehrer in den frühen 1930er Jahren in Schleicher den „kommenden Mann“ erkennen zu können. Im Rückblick urteilte Zehrer, der General habe als einziger ein Konzept gehabt, um das Aufkommen des Nationalsozialismus zu verhindern. „Er habe auf die ultima ratio, den Kampf hingesteuert“ und das „politische Alphabet“ von vorn beginnen und eine neue Verfassung setzen wollen. Gescheitert, so Zehrer, sei Schleicher – den er als „Typus des musischen Militärs sah“ – schließlich nicht am Nationalsozialismus. Er sei gescheitert an den einzigen Dingen, die er nicht zu brechen vermochte, die gar nicht zu brechen waren, an persönlichen Dingen.[22]

In der Reichswehr selbst war er umstritten: Zwar hatte Schleicher in der Führung der Armee einige einflussreiche Sympathisanten, in der Truppe selbst stieß der "Bürogeneral", den viele Militärs als unsoldatische Erscheinung betrachteten, auf weitreichende Ablehnung. Hindenburgs Pressechef Walter Zechlin fasste dies mit den Worten zusammen: „In der Armee gilt Schleicher nichts, er ist ein Bürogeneral, den sie [die Reichswehr] ablehnt.“[23] General Wilhelm Keitel brachte die Meinung vieler seiner Offizierskollegen zum Ausdruck als er nach dem Zweiten Weltkrieg Schleicher als eine "Katze" beschrieb „die das politische Mausen“ nicht habe lassen können.[24]

Anders als die Lauterkeit seiner Absichten wurden Schleichers glänzende intellektuelle Fähigkeiten kaum bestritten: Bereits 1918 bemerkte Oberst Albrecht von Thaer über den jungen Schleicher, damals erst ein Hauptmann, dieser sei „ein Kapitel für sich […]: fabelhaft klug, vielseitig gewandt und gebildet, gerissen und mit einem Berliner Mundwerk (Schnauze) begabt“.[25] Und sogar Fritz Günther von Tschirschky, ein Mitarbeiter Papens der angab, dass Schleicher ihm „durchaus unsympathisch“ war, gestand dem General nach dem Zweiten Weltkrieg zu: „Schleicher scheiterte nicht an den Nazis. Er scheiterte an etwas, das er nicht zu berechnen vermochte, das aber auch gar nicht zu berechnen war, nämlich an sich selbst.“[26]

Die Meinungen zu Schleichers Plänen und den Hintergedanken, die er verfolgte, gehen weit auseinander. Während Günther Gereke in seinen Memoiren hervorhebt, dass es ihm „imponiert“ habe und durchaus zur Tolerierung der Republik und Verfassung bereit gewesen sei,[27] interpretierten die sozialistischen Schriftsteller Kurt Caro und Walter Oehme „Schleichers Aufstieg“ 1932 programmatisch als einen Ausdruck der „Gegenrevolution“.[28]

In der historischen Forschung lassen sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwei dominante Bewertungsstränge mit Blick auf die Person Schleichers feststellen: Der erste bewertet Schleicher im ganzen positiv und deutet ihn – wie der programmatische Titel einer Schleicher-Biografie aus den 1980er Jahren lautet – als Weimars letzte Chance gegen Hitler. Der zweite Strang erkennt im krassen Gegensatz dazu in Schleicher eine Unheilsfigur und einen der Hauptschuldigen für die Zerstörung der Weimarer Republik. Die Vertreter dieser Linie sehen in Schleicher einen jener politischen Kavaliere, die durch ihr politische Wühlarbeit die Weimarer Republik morsch gemacht und die Machtergreifung durch den Nationalsozialismus überhaupt erst in den Bereich des Möglichen gerückt hätten.

Zu den Verfechtern der ersten These gehörten unter anderem prominente ehemalige Mitarbeiter Schleichers wie Eugen Ott und Erich Marcks – die der Verteufelung Schleichers mit Aufsatzveröffentlichungen und öffentlichen Vorträgen entgegentraten – aber auch der französische Diplomat André François-Poncet, in den Schleicher-Jahren französische Botschafter in Deutschland. Dieser äußerte in seinen Memoiren: „Von Schleicher erwartete ich viel. Er war, in meinen Augen, derjenige der die Machtergreifung der Nazis hätte verhindern können. Leider war es zu spät. Er traute sich mehr zu, als er tun konnte, und war selbst ein bißchen übermütig. […] Er war ein Ehrenmann und ich bleibe seinem Andenken treu.“[29]

  • „Wie die beiden Hindenburgs war Schleicher im Grunde seines Herzen erzkonservativ und Monarchist, allerdings dank seiner Intelligenz und Flexibilität, auch wenn es die Umstände erfordern, ein Partner der demokratischen und der sozialdemokratischen Führer der maßvollen Linken.“[30]
  • „Eine seiner wichtigsten Eigenschaften hat man überhaupt nicht erwähnt, nämlich den seltsamen, den fast unerklärlichen Zauber, den Kurt von Schleicher auf Frauen ausübte.“[31]

[Bearbeiten] Zitate Schleichers

  • „Jeder Staat ist darauf angewiesen, dass man an seine Vertragstreue glaubt. Selbst über das Versailler Machwerk dürfen wir uns nicht gröblich hinwegsetzen, sonst verlieren auch vernünftige Verträge mit uns an ihrem Wert. Eines Tages werden wir Bündnisse abschließen wollen und müssen. Da muss man das absolute Vertrauen in uns haben, sonst wäre ja unsere Partnerschaft nur die Hälfte wert. Nur wenn wir jetzt ungünstige Verträge nicht brechen, wird man später, wenn es mal wieder um große Dinge geht, ein gesuchter Partner sein und können hohe Preise fordern.“[32]
  • „Ich bin nur siebzig Tage an der Regierung geblieben, und an jedem dieser siebzig Tage bin ich siebzigmal verraten worden. Man rede nicht mehr von der berühmten deutschen Treue.“[33]

[Bearbeiten] Literatur

  • Kunrat von Hammerstein-Equord: Schleicher, Hammerstein und die Machtergreifung. In: Frankfurter Hefte, 11(1956), ISSN 0015-9999, Heft XI/1, S. 11–18; XI/2, S.117–128; XI/3, S. 163–176; XI/4, S. 426–430.
  • Friedrich-Karl von Plehwe: Reichskanzler Kurt von Schleicher. Weimars letzte Chance gegen Hitler. Ullstein, Berlin 1990, ISBN 3-548-33122-X.
  • Irene Strenge: Kurt von Schleicher. Politik im Reichswehrministerium am Ende der Weimarer Republik. Duncker und Humblot, Berlin 2006, ISBN 3-428-12112-0.
  • Thilo Vogelsang: Kurt von Schleicher. Ein General als Politiker. Musterschmidt, Göttingen 1965.

[Bearbeiten] Film

  • Das Attentat – Schleicher: General der letzten Stunde. Fernsehfilm, BR Deutschland 1967 (IMDb)

[Bearbeiten] Weblinks

Commons Commons: Kurt von Schleicher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Hans-Otto Meissner: Junge Jahre im Reichspräsidentenpalais, 1987, S. 315.
  2. Akten der Reichskanzlei (ADR)- Das Kabinett Schleicher: S.222, Anm.6.
  3. Joachim Fest: Hitler, 2002, S. 356.
  4. Hans-Otto Meissner: 30. Januar 1933 – Hitlers Machtergreifung. Esslingen 1976, S. 210.
  5. Heinrich Brüning: Memoiren 1918-1934, Stuttgart 1970, S.639ff.
  6. Ebbo Demant:Hans Zehrer als politischer Publizist. Mainz 1971, S. 105.
  7. Joachim Petzhold: Franz von Papen – Ein deutsches Verhängnis, München 1995, S. 141.
  8. Giselher Wirsing: Hitlers letzter Gegenspieler. Wie kam es zum 30. Januar?, in: Christ und Welt XVI., Jg., Nr. 4 vom 25. Januar 1963, S. 6.
  9. H. S. Hegner: Die Reichskanzlei, 1933-1945. Anfang und Ende des dritten Reiches, S. 45.
  10. Fritz Günther von Tschirschky: Erinnerungen eines Hochverräters, 1972, S. 78.
  11. Ottmar Katz: Prof. Dr. Theo Morell. Hitlers Leibarzt, 1982, S. 107.
  12. Heinrich Brüning: Memoiren 1918-1934, Stuttgart 1970, S.645.
  13. Thilo Vogelsang: Ein General als Politiker.
  14. Werner von Rheinbaben: Erlebte Zeitgeschichte.
  15. Frank Starke: Die Märkische (= Wochenmagazin der Märkischen Allgemeinen), Potsdam Ostern 2007, S. 2, Artikel Mord am Griebnitzsee.
  16. a b Hans-Otto Meissner: Junge Jahre im Reichspräsidentenpalais, S. 377.
  17. Heinrich Brüning: Memoiren 1918–1934, Stuttgart 1970, S. 388.
  18. Hans-Otto Meissner: Junge Jahre im Reichspräsidentenpalais, 1987, S. 315.
  19. Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen.
  20. John Wheeler-Bennett: Wooden Titan. Hindenburg in Twenty Years of German History, 1914-1934, 1938, S. 297.
  21. Sefton Delmer: Die Deutschen und Ich, 1962, S. 170.
  22. Ebbo Demant: Von Schleicher zu Springer, S. 110f..
  23. Walter Zechlin: Pressechef bei Ebert, Hindenburg und Kopf. Erlebnisse eines Pressechefs und Diplomaten, Hannover 1956.
  24. Walter Görlitz [Hrsg.]: Generalfeldmarschall Keitel, Verbrecher oder Offizier?, 1961, S. 70.
  25. Thilo Vogelsang: Kurt von Schleicher, S. 17. Thaer nennt ihn an gleicher Stelle einen „sonderbaren Menschen“.
  26. Fritz Günther von Tschirschky: Erinnerungen eines Hochverräters.
  27. Günther Gereke: Ich war königlich-preußischer Landrat, Berlin s.a.
  28. Kurt Caro/Walter Oehme: Schleichers Aufstieg. Ein Beitrag zur Geschichte der Gegenrevolution, Berlin 1933.
  29. Friedrich-Karl von Plehwe: Reichskanzler Kurt von Schleicher, S. 300.
  30. Hans-Otto Meissner: 30. Januar 1933 – Hitlers Machtergreifung. Esslingen 1976, S. 318.
  31. Hans Otto-Meissner: 30. Januar 1933 – Hitlers Machtergreifung. Esslingen 1976.
  32. Hans Otto-Meissner: 30. Januar 1933 – Hitlers Machtergreifung. Esslingen 1976.
  33. André François-Poncet: Als Botschafter in Berlin 1931–1938. Mainz 1949.
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