Kuznets-Kurve

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Die Kuznets-Kurve ist die grafische Darstellung des von Simon Smith Kuznets entdeckten empirischen Zusammenhangs zwischen Wirtschaftswachstum und Ungleichheit in der Einkommensverteilung.[1][2] Sie besagt, dass ökonomische Ungleichheit während der Entwicklung eines Landes zunächst ansteigt und danach abfällt.

theoretische Kuznets-Kurve

Erklärungen[Bearbeiten]

Die von Kuznets selbst vorgebrachte Erklärung basiert auf einer Ökonomie, die sich von landwirtschaftlicher Prägung hin zur Industriegesellschaft entwickelt. Zu Beginn sind alle Arbeiter in der Landwirtschaft beschäftigt und haben ungefähr gleiche Einkommen. Mit Beginn der Industrialisierung ziehen Arbeiter in die Städte und erhalten dort höhere Löhne, sodass die Einkommensverteilung der Bevölkerung insgesamt ungleicher wird. Im Laufe der Industrialisierung arbeiten immer mehr Menschen in Fabriken, sodass die Löhne sich dort stabilisieren oder sogar fallen. Gleichzeitig verknappt sich das Arbeitsangebot in der Landwirtschaft, sodass das Einkommen dort eher steigt. Dadurch wird die Einkommensverteilung insgesamt wieder gleicher. Über die Zeit gesehen, ergibt sich ein Verlauf der Ungleichheit in Form eines umgedrehten U.

Kritik[Bearbeiten]

Bis in die 1970er Jahre war die Kuznets-Kurve ein relativ unumstrittener Zusammenhang. In den 1980er und 1990er Jahren stieg die Ungleichheit in den OECD-Staaten jedoch wieder an. [3]

Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten widerlegen den von Kuznets aufgestellten Zusammenhang seitdem. [4] [5] [6]

Umwelt-Kuznets-Kurve[Bearbeiten]

Die Umwelt-Kuznets-Kurve (oft auch englisch Environmental Kuznets Curve, kurz EKC) ist eine Hypothese aus der Umweltökonomik über den Zusammenhang zwischen Pro-Kopf-Einkommen eines Landes und Grad der Umweltverschmutzung. Sie besagt, dass die Emissionen verschiedener Umweltschadstoffe in einer sich entwickelnden Volkswirtschaft zunächst bis zu einem Gipfel zunehmen und danach mit weiter zunehmendem Pro-Kopf-Einkommen wieder abnehmen. Ähnlich der eigentlichen Kuznets-Kurve hat die EKC also auch die Form eines umgekehrten U.[7]

Als mögliche Erklärungen werden vor allem vorgebracht:

  • zunehmendes Einkommen verschiebe die Präferenzen von Menschen hin zu nichtökonomischen Aspekten, wie etwa einer saubereren Umwelt;[7]
  • die Entwicklung eines Landes aus einer relativ sauberen Agrarökonomie über eine stark verschmutzende Industriegesellschaft hin zu einer wieder relativ umweltfreundlichen Dienstleistungsgesellschaft; umweltökonomisch gesprochen überlagern die Technologieeffekte einer Dienstleistungsgesellschaft die Skaleneffekte einer Take-Off-Gesellschaft[7]
  • Wirkungen internationalen Handels, so etwa die Verlagerung umweltbelastender Industrien in weniger entwickelte Länder,[7]
  • die Einrichtung neuer Märkte für natürliche Ressourcen in höher entwickelten Ländern und eine damit einhergehende Bepreisung natürlicher Ressourcen,[7]
  • eine mit Wirtschaftswachstum einhergehende effektivere Regulierung,[7]
  • neuere Überlegungen suchen nach ganzheitlichen Ansätzen, die alle Bereiche einer gesellschaftlichen Entwicklung abdecken: Erhöhte finanzielle Spielräume des Staates im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung führen zur Erhöhung umweltpolitischer Kapazitäten, d.h. die Schaffung von umweltrelevanten Institutionen, die sowohl das gesellschaftliche Bewusstsein für Umweltfragen als auch ein wirtschaftliches Umwelt fördern, die umweltfreundliche Technologien hervorbringen.[8]

Zahlreiche Studien haben das Vorhandensein einer EKC für verschiedene Schadstoffe und Länder untersucht. Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich und bestätigen nur teilweise den vermuteten Kurvenverlauf. So wurde die EKC für einige Luftschadstoffe, die direkt die Gesundheit beeinträchtigen, bestätigt, nicht jedoch für Treibhausgasemissionen. Ähnliche Ergebnisse gibt es für weitere Umweltindikatoren, zum Beispiel Abfallmengen, Zugang zu Sanitäreinrichtungen oder Energieverbrauch: Die EKC findet sich eher, wenn Emissionen unmittelbar gesundheitsschädlich sind, nicht jedoch, wenn vor allem externalisierte Schäden auftreten. Für einzelne wasserverunreinigende Stoffe hatte die Umweltbelastung einen N-förmigen Verlauf: Nachdem sie einen Tiefpunkt erreicht hatte, nahm sie mit weiter steigendem Pro-Kopf-Einkommen wieder zu.[7] Es gibt auch Hinweise, dass einige Entwicklungsländer Umweltstandards schneller annehmen als Industrieländer und sie sogar übertreffen.[9]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Simon Kuznets: Quantitative Aspects of the Economic Growth of Nations - Economic Development and Cultural change, 1963
  2.  Simon Kuznets: Economic Growth and Income Inequality. In: The American Economic Review. 45, Nr. 1, März 1955, S. 1-28 (PDF).
  3. OECD Employment Outlook, 1993, S. 61-62.
  4. K. Deiniger, L. Squire: New Ways of Looking at Old Issues: Inequality and Growth. In: Journal of Development Economics. Volume 57, Issue 2, S. 259-287.
  5. G. Fields: Distribution and Development, A New Look at the Developing World. - Russel Sage Foundation, New York und MIT Press, Cambridge, Massachusetts und London, 2001.
  6. Thomas Pogge: Globale Armut als institutionelle Menschenrechtsverletzung. in: Frankfurter Hefte, 12/2012; http://www.frankfurter-hefte.de/Aktuelle-Ausgabe/
  7. a b c d e f g  Soumyananda Dinda: Environmental Kuznets Curve Hypothesis: A Survey. In: Ecological Economics. Nr. 49, 2004, S. 431–455, doi:10.1016/j.ecolecon.2004.02.011 (PDF).
  8. Paul Kowitz: Capacity Building und die Environmental Kuznets Curve: Makroquantitative und qualitative Analyse des Entwicklungs-Umwelt-Verhältnisses unter besonderer Berücksichtigung des umweltpolitischen Kapazitätsaufbaus. Shaker Verlag, Saarbrücken 2012.
  9.  David I. Stern: The Rise and Fall of the Environmental Kuznets Curve. In: World Development. 32, Nr. 8, 2004, S. 1419–1439, doi:10.1016/j.worlddev.2004.03.004.