Kiptschak (Volk)

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Siedlungsgebiet, Einflusszone und Machtbereich der Kiptschaken um 1200

Das turksprachige Volk der Kiptschak stammte ursprünglich vom Fluss Irtysch. Dort bildete es einen Clan innerhalb der Stammesföderation der Kimak. In chinesischen Quellen erscheint es unter der Bezeichnung Gaogüy oder als Kao-kü.

Bedeutung des Volksnamens und Namensvarianten[Bearbeiten]

Porträt eines Kiptschaken (12. Jh., Lugansk).

Den Namen Kıpçak haben muslimische Autoren überliefert. Varianten und abweichende Transkriptionen des Namens dieser Volksgruppe sind Kiptschaken, Kyptschaken, Qiptschaq, Qibchaq-i und Qipcaq, bei den Ostslawen, so im Igorlied sind sie als Polowezer, Polowzer, Polowcer oder Polowetzer[1] bekannt und bei den Westeuropäern und Byzantinern als Kumanen oder Komanen [2]. Der Name Kıpçak bedeutet wohl „hellhäutiger Steppenbewohner“ und stammt vermutlich aus dem Türkischen oder Mitteliranischen. So steht die Vorsilbe Kıp- für die Farbe „rot“ oder „hell“ und çak bezeichnete das Volk der Saken, die auch als Skythen bekannt waren. Die Wörter Sake und Skythe waren oft eine vereinfachte Bezeichnung für jeden Steppenbewohner. Andere Erklärungsversuche deuten den Namen Kıpçak als "Weiße Saken" und Kuman als "Weiße Menschen".[3]

Sprache[Bearbeiten]

Die Kiptschak sind Namensgeber der heute als „Kiptschakisch“ (oder „Kyptschakisch“) bezeichneten Sprache. Diese ist ein früher Vertreter der heutigen kiptschakischen Sprachen.

Spärliche und ungenaue Zeugnisse der Sprache der Kiptschak finden sich im diwān lughāt at-turk des Mahmud al-Kāschgharī.[4]

Bei der heute als „Kiptschakisch“ bezeichneten Sprache handelt es sich um eine moderne Benennung einer historischen osteuropäischen Turksprache, deren Zeugnisse dem Zeitraum nach dem Untergang der Kiptschak entstammen. Die Benennung erfolgte hauptsächlich deswegen, weil bei den Muslimen das ehemalige Gebiet der Kiptschak in der osteuropäischen und westkasachischen Steppe auch unter mongolischer Herrschaft den Namen Dašt-i Qipčaq (Kiptschakensteppe) beibehielt.[5] Die Zeugnisse spiegeln nicht zusammengehörige uneinheitliche Dialekte wieder.

Wortliste im Codex Cumanicus.

Eine der Quellen der Kenntnis des Kiptschakischen ist der Codex Cumanicus, eine Handschrift, die im Zeitraum zwischen 1303 und 1362 entstanden ist. In letzterem Jahr schenkte sie der italienische Dichter Petrarca der Republik Venedig. Seitdem befindet sie sich in der Bibliothek des Markusdoms. Sie entstammt wahrscheinlich der Missionstätigkeit der Franziskaner an der unteren Wolga im Reich der Goldenen Horde. Der Codex Cumanicus enthält grammatische Paradigmen, turksprachlich-persisch-lateinische Wörterlisten, turksprachlich-deutsche Vokabellisten und Texte in einer Turksprache, die Übersetzungen religiöser Texte aus dem Lateinischen darstellen. Die Orthographie der turksprachlichen Texte im Codex Cumanicus spiegelt die italienische und deutsche Herkunft der verschiedenen Verfasser wider. Die Sprache selbst wird lateinisch als „komanisch“ bezeichnet, in den turksprachlichen Teilen aber als „tatarče“ und „tatar til“, also als tatarisch bezeichnet. Kiptschak kommt im Codex Cumanicus nur als Landesname vor.[6]

Die Herrschaft der Mamelucken in Syrien und Ägypten (1260 - 1517) führte zum Entstehen einer turksprachlichen Literatur in arabischer Schrift in diesen Gebieten, die zum einen Wörterlisten und sprachliche Abhandlungen, zum anderen auch religiöse und weltliche Werke umfasste. Die Mamelucken waren Militärsklaven türkischer und tscherkessischer Herkunft aus dem Herrschaftsbereich der Goldenen Horde. In dieser Literatur finden sich auch Einflüsse des Frühosmanischen. Das früheste Werk dieser Literatur stammt aus dem Jahr 1245, das letzte aus dem Jahr 1619. Die Sprache wird meist als „türkisch“, einmal auch als „qifǧaq“ (kiptschakisch) bezeichnet. Ein weiteres Textkorpus wird von Urkunden der armenischen Gemeinde in armenischer Schrift aus den Jahren 1559 bis 1664 in Kamenez-Podolsk gebildet, daneben finden sich vereinzelte Schriften aus dem 16. und 17. Jahrhundert in armenischer Schrift. Diese Schriften stammen von den Nachkommen von Armeniern, die seit dem Untergang des mittelalterlichen Bagratidenreichs sich zunächst auf der Krim niedergelassen hatten und dort unter Bewahrung ihres Glaubens und Beibehaltung ihrer Schrift die türkische Sprache ihrer Umgebung angenommen hatten. Teile dieser Armenier fanden ab 1280 Aufnahme in der Westukraine.[7]

Geschichte[Bearbeiten]

Kiptschakischer Maskenhelm aus dem 13. Jahrhundert. Archäologisches Museum Krakau.

Im 7. Jahrhundert wurden die Kiptschak bis auf einen kleinen Rest von den Kök-Türken aus ihren alten Stammesgebieten nach Westen abgedrängt. Um 1054 wanderten sie unter Bolus Khan in das Land an der Wolga und in die Steppengebiete der Ukraine ein. Dort verdrängten sie ihrerseits die dort ansässigen Petschenegen bis über die Donau und fielen 1071 erstmals in Ungarn ein.

Die Kiptschak führten mehrere Kriege gegen die ostslawischen Völker der Kiewer Rus und lebten überwiegend halbnomadisch. Daneben besaßen sie auch kleinere Handelsstädte. Ein Teil ihres Volkes verblieb jedoch im Osten und beteiligte sich ab Mitte des 12. Jahrhunderts an der Gründung des Choresmischen Reiches.

In Südrussland[Bearbeiten]

Die Kiptschak hatten meist mehrere Fürsten. Nach der entscheidenden Niederlage der Petschenegen werden folgende Khane verzeichnet: Altunopa, Tugorkhan, Scharukhan und Boniak (um 1091). 1093 überrrannten die Kumanen kurzzeitig Kiew. Tugorkhan fiel 1096 im Krieg gegen die siegreichen Russen. Boniak wurde nach Tugorkhans Tod offenbar für lange Zeit der ranghöchste Khan und zudem der „Held“ zahlreicher russischer Chroniken.

Nomadisierende Kiptschaken (unten) in der altrussisch-weißrussischen Radziwiłł-Chronik. Kopie aus dem 15. Jahrhundert eines Originals aus dem 13. Jahrhundert.

Scharukhan (um 1107) besaß vier der sechs Städte der Kiptschak. Sein Sohn war Otrok, der nach zwei Siegen der russischen Fürsten über die Kiptschak des Don 1111 und 1116 zu den Georgiern fliehen musste. Dort begründete er mit einer Heirat die künftige kiptschakisch-georgische Allianz. 1125, nach dem Tod des Kiewer Großfürsten Wladimir Monomach kehrte er zurück. Der Legende nach brachten ihm seine zurückgebliebenen Anhänger das Wermutkraut der heimatlichen Steppe, dessen Geruch ihn zur Rückkehr bewog. 1154 hatten die Kumanen ihre Stellung wieder zurückerlangt, Scharukan (das heutige Charkiw) entwickelte sich zum Machtzentrum.

Otroks Söhne waren Eltut und Könchek (ca. 1172–1201). Beide waren an wechselhaften Kämpfen mit den russischen Fürsten beteiligt, in denen Eltut 1180 fiel. Im Jahr 1183 wurde auch Köbek (Kobyak), ein anderer Khan der Kiptschak, geschlagen und samt seiner gesamten Familie gefangengenommen. Könchek führte mehrere Gegenschläge und hatte schließlich Erfolg. 1185 scheiterte der Feldzug des Fürsten Igor aus dem Igorlied. Könchek war aber nicht der einzige Fürst – sein (verbündeter) Rivale war der Herrscher Kza Khan.

Im Jahr 1223 waren in den südrussischen Steppen die Mongolen und die mit ihnen verbündeten Turkvölker unter den Generälen Jebe (Jelme) und Subutai aufgetaucht. Daraufhin hatte 1223 eine Delegation kumanischer Muslime beim Kalifen in Bagdad vergeblich um Hilfe ersucht. Die stattdessen hastig zustande gekommene russisch-kiptschakische Allianz wurde von den Mongolen in der Schlacht an der Kalka geschlagen, bald darauf besiegten die Mongolen den Kumanen-Khan Kuthan (Kötöny, Kotjan) erneut.

Der endgültige Untergang der Kiptschak kam mit dem Feldzug Batu Khans 1236–39, speziell der Niederlage Batschmans, der 1238 auf einer Wolgainsel getötet wurde. Ein Teil des Volkes, 40.000 Familien, floh 1239 unter Kuthan Khan (1202–1241) vor den Mongolen nach Ungarn, wo sie fortan als Söldner dienten. Als die vereinbarte Annahme des Christentums stockte (ein Teil der Kiptschak war muslimisch, der Großteil heidnisch), Rivalitäten mit dem ungarischen bzw. deutschen Adel sich verschärften und Kuthan (Kötöny) ermordet wurde, verließen die Kumanen Ungarn kurzzeitig und zogen in die Dobrudscha, wo ihnen der Bulgaren-Zar Kaliman Siedlungsgebiete anbot.[8]

Auf dem Balkan[Bearbeiten]

Ungarns König Ladislaus I. (links) im Kampf mit einem Kumanen (rechts), Darstellung des 11./12. Jahrhunderts.

Zusammen mit den Byzantinern hatten die Kumanen 1122 die Petschenegen geschlagen und weitgehend vernichtet, die Reste ihres Reiches (Walachei) fielen 1171 an die Kumanen. Seit 1186 kämpften die Kumanen an der Seite der Bulgaren gegen die Byzantiner und 1205 für die Bulgaren gegen die lateinischen Kreuzritter von Konstantinopel. Nach der Niederlage in der Schlacht an der Kalka flohen 10.000 Kumanen nach Byzanz, 1237 verdingten sie sich auch als Söldner der Lateiner gegen Bulgaren und Byzantiner.

Auf Seiten der Ungarn wurden sie 1241, auf Seiten der Bulgaren 1242 von der Goldenen Horde (Mongolen) geschlagen. 1262 wehrten Ungarn und Kumanen gemeinsam einen erneuten mongolischen Einfall ab. Ungarns König Bela IV. gewährte ihren sieben Stämmen Sonderrechte und versuchte mit Hilfe der Kumanen die ungarische Adelsopposition zu unterdrücken. Unter König Ladislaus IV. (1272–1290), „László, der Kumane“ genannt, erlangten sie großen Einfluss. 1280 bestieg mit Georg I. Terter wahrscheinlich ein Kumane den bulgarischen Zarenthron, musste sich aber 1285–1300 der Goldenen Horde unterwerfen. Seine Nachkommen (s. Haus Terter) regierten bis 1323.[8][9] Kumanen tauchten noch im 15. Jahrhundert als Garde von Ungarns König Sigismund auf.

Kumanien[Bearbeiten]

Kumanische Siedlungsgebiete im mittelalterlichen Ungarn (gelb)

Mitte des 14. Jahrhunderts waren die Kumanen christianisiert und römisch-katholisch, nach der Reformation wurde allerdings ein Teil von ihnen calvinistisch.[8] Ihr Siedlungsgebiet in Ungarn war der nördliche Teil des Alfölds einschließlich der an Körös und Maros grenzenden Gebiete.

1638 wurden in Ungarn einige, 1876 alle Sonderrechte der Kumanen abgeschafft, mit dem Ziel, alle nichtslawischen und nichtromanischen Minderheiten mit dem ungarischen „Staatsvolk“ zu verschmelzen bzw. zu magyarisieren, da die Ungarn innerhalb des Königreichs gegenüber den Slawen allmählich in die Minderheit gerieten und sich durch den wachsenden Panslawismus bedroht fühlten.

Spuren[Bearbeiten]

Fürst Igors Niederlage gegen die Kumanen/Kiptschak, Gemälde von Wiktor Wasnezow

Der Kampf der Kiptschak mit den Russen wird im Igorlied, einem altrussischen Heldenepos, beschrieben. Auch Alexander Borodins Oper Fürst Igor handelt davon. Aus ihr sind besonders die Polowetzer Tänze bekannt.

In Ungarn haben sich die Spuren der Kiptschak oder Kumanen (ungarisch: Kun) in den Gebietsnamen Nagykunság (Großkumanien, Hauptort Karcag) und Kiskunság (Kleinkumanien) und entsprechenden Ortsnamen wie Kunszentmárton, Kunszentmiklós und Kiskunfélegyháza (Hauptort von Kleinkumanien) erhalten.

Lange Zeit galten die ungarischen Petschenegen und Kumanen als Vorfahren der siebenbürgischen Szekler, die bulgarischen Petschenegen und Kumanen als Vorfahren der Gagausen.

In Russland bezeichneten sich 2003 bei der letzten Volkszählung fünf Bürger als Polowzer, was von den Behörden natürlich nicht ernst genommen wurde und im endgültigen Bericht keine Aufnahme fand.[10]

Die nordmazedonische Stadt Kumanovo ist nach dem Volk der Kumanen benannt.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Polowcer
  2. Gyula Moravcsik, Byzantinoturcica, Teil 2, Budapest, 1943, Seite 148 f.
  3. "The common ethnonym also appears by the external attributes of the ethnoses. So, in contrast to the southern, dark, haired representatives of the Türkic ethnoses, the numerous northern Sakas, otherwise called Mens, received a common ethnonym Kyusak > Kyfsak > Kypchak "White Sakas", and Kyumen > Kuman "White Mens"." (Mirfatyh Zakiev, Origin of Türks and Tatars, Part one: Origin of Türks, Moscow 2003, S. 50)
  4. Omeljan Pritsak, Das Kiptschakische in Philologiae Turcicae Fundamenta, Band 1, Wiesbaden 1959, S. 74
  5. J. A. Boyle, Dasht-i Ḳipčaḳ.Encyclopaedia of Islam, Second Edition. Brill Online , 2013 hier eingesehen am 29. Januar 20013
  6. Annemarie von Gabain, Die Sprache des Codex Cumanicus in Philologiae Turcicae Fundamenta, Band 1, Wiesbaden 1959, S. 46 ff.
  7. Omeljan Pritsak, Das Kiptschakische in Philologiae Turcicae Fundamenta, Band 1, Wiesbaden 1959, S. 74 ff.
  8. a b c Encyclopaedia of Islam X:686b bzw. X:687a, Artikel über Turks (3. The Turks of Western Eurasia and Central Europe)
  9. Encyclopaedia of Islam: Artikel über Bulgaria (I:302a)
  10. Russland aktuell vom 15. November 2003: Überraschungen bei der großen Völkerzählung

Literatur[Bearbeiten]

  • Anna Komnene: Alexias. Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Diether Roderich Reinsch. DuMont, Köln 1996, ISBN 3-7701-3492-3.
  • Jeremiah Curtin: The Mongols in Russia. Sampson, London 1908.
  • Peter B. Golden: Nomads and their neighbours in the Russian Steppe. Turks, Khazars and Qipchaqs (= Variorum collected Studies Series CS752). Ashgate, Aldershot u. a. 2003, ISBN 0-86078-885-7.
  • István Gyárfás: Jász-Kunok története. 4 Bände. Szilády, Kecskemét 1870–1885 (Nachdruck: Kiadja „A Jászságért“ Alapitvány, Budapest 1992, ISBN 963-04-2444-4).
  • György Györffy: A magyarsag keleti elemei. Gondolat, Budapest 1990, ISBN 963-282-251-X.
  • András Pálóczi Horváth: Petschenegen, Kumanen, Jassen. Steppenvölker im mittelalterlichen Ungarn. Aus dem Ungarischen von János Thimar. Sprachliche Bearbeitung von Friedrich Albrecht. Corvina, Budapest 1989, ISBN 963-13-2739-6.
  • Pál Hunfalvy: Magyarország ethnographiája. Könyvkiado-hivatala, Budapest 1876 (Deutsch: Ethnographie von Ungarn. Mit Zustimmung des Verfassers ins Deutsche übertragen von J. H. Schwicker. Franklin-Verein, Budapest 1877).
  • Kumans in Bulgarian History (Eleventh-Fourteenth Centuries). In: Hasan Celâl Güzel et al. (Hrsg.): The Turks. Volume 1: Early Ages. Part 9: Turks in East Europe. Yeni Türkiye, Ankara 2002, ISBN 975-6782-56-0, S. 680–689.
  • Lajos Ligeti: A Codex Cumanicus mai kérdései (= Keleti értekezések 1). Kőrösi Csoma Társaság, Budapest 1985, ISBN 963-01-6377-2.
  • Denis Sinor et al. (Hrsg.): The Cambridge History of Early Inner Asia. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1990, ISBN 0-521-24304-1.
  • István Vásáry: Cumans and Tatars. Oriental military in the Pre-Ottoman Balkans, 1185 – 1365. Cambridge University Press, Cambridge u.a. 2005, ISBN 0-521-83756-1.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kyptschaken – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien