Löwenmensch

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Der Löwenmensch nach der Restaurierung 2012/13

Der Löwenmensch vom Hohlenstein-Stadel im Lonetal ist eine altsteinzeitliche Skulptur aus Mammut-Elfenbein, die einen menschlichen Körper mit dem Kopf und den Gliedmaßen eines Höhlenlöwen darstellt.[1][2][3] Die 31,1 Zentimeter große Skulptur stammt aus der jungpaläolithischen Kultur des Aurignacien und gehört mit einem Alter von etwa 32 000 BP (entspricht kalibriert etwa 35 000 v. Chr.) zu den ältesten Kleinkunstwerken der Menschheit.[4]

Fundgeschichte und Rekonstruktion[Bearbeiten]

Die Bruchstücke des Löwenmenschen wurden bereits 1939 von Otto Völzing im Stadel, einer der drei Karsthöhlen des Hohlensteins bei Asselfingen (Schwäbische Alb) entdeckt. Die Grabungen leitete der Tübinger Anatom Robert Wetzel.[5] Die Bruchstücke des Löwenmenschen wurden am 25. August 1939 geborgen, kurz vor Ende der Grabung. Erst im Dezember 1969 entdeckte der Prähistoriker Joachim Hahn beim Zusammensetzen der über 200 Elfenbeinsplitter, dass es sich bei dem Objekt um ein Mischwesen aus Mensch und Großkatze (Höhlenlöwe) handelt.[6] Nicht geklärt werden konnte, ob die Figur eine männliche oder weibliche Person darstellt. So wurde die Statuette neutral als „Löwenmensch“ bezeichnet.

Weitere kleine Bruchstücke der Figur wurden 1974 und 1975 von Spaziergängern in der Höhle gefunden, ebenso wie bei der Auflösung des Arbeitszimmers von Robert Wetzel an der Universität Tübingen. Daher wurden von 1987 bis 1988 in der Restaurierungswerkstatt des Württembergischen Landesmuseums unter Anleitung der Paläontologin Elisabeth Schmid alle zusammenpassenden Teile neu zusammengesetzt.[7] Eines der neu hinzugekommenen Teile konnte an den linken Fuß angepasst werden, das zweite erwies sich als Teil der bis dahin fehlenden Schnauze mit dem tief eingekerbten Maul. Erst damit traten bei der Figur eindeutige Züge des Gesichts einer Raubkatze hervor. Die Zusammensetzung in den Werkstätten des Württembergischen Landesmuseums dauerte etwa sechs Monate.[7] Bei dieser ab 1988 präsentierten Rekonstruktion waren einzelne Bruchstücke des rechten Arms der Figur nicht angepasst. Da große Teile der rechten Schulter noch fehlten, sollte eine zu freie Interpretation vermieden werden.

Bei Grabungen des Landesamts für Denkmalpflege im Hohlenstein-Stadel konnte im Jahre 2009 die Fundstelle des Löwenmenschen wiederentdeckt werden. Von 2010 bis 2012 wurden weitere Bruchstücke vom Nacken und Rücken des Löwenmenschen geborgen.[8][9] Sie wurden zunächst virtuell angepasst, d.h. die Figur wurde mittels Röntgen-Computertomographie digitalisiert, das digitale Modell dann in die Einzelteile zerlegt und anschließend virtuell wieder zusammengesetzt.[10]

Die aktuelle Zusammenpassung aus dem Jahre 2013 zeigt den Löwenmenschen in einer Größe von 31,1 Zentimetern. Etwa 80 der neu gefundenen und noch im Museum verwahrten Teile konnten hinzugefügt werden.[11] Auffällig ist der verlängerte Hals sowie die Anpassung des bislang isolierten rechten Arms, die mithilfe von nun vorliegenden Originalteilen der rechten Schulter gelang. Die Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass das dreieckige Blättchen vor dem Schritt des Löwenmenschen „allseitig beschnitzt und vom Schambereich eindeutig abgesetzt“ ist.[11]

Bedeutung des Fundes[Bearbeiten]

Der Löwenmensch ist das älteste bekannte Kunstwerk, das möglicherweise ein Fabelwesen zeigt. Denkbar wäre auch, dass ein Schamane dargestellt ist, der das Fell eines Löwen mit Kopf und Hinterläufen als Verkleidung benutzte. Der Großteil der Kleinkunstwerke aus dem Aurignacien zeigt Tierfiguren, wobei zwei weitere mögliche Tier-Mensch-Mischwesen bekannt sind: Im Jahr 2004 wurde ein „kleiner Bruder“ (ca. 2,5 cm hoch) des Löwenmenschen im Hohlen Fels bei Schelklingen im Achtal gefunden. Auch der so genannte „Adorant“ aus dem Geißenklösterle kann ein Mischwesen aus Mensch und Großkatze darstellen.

Neben dem Löwenmenschen wurden nur in drei weiteren Höhlen der Schwäbischen Alb (Geißenklösterle und Hohler Fels bei Schelklingen, Vogelherdhöhle im Lonetal) Statuetten aus Mammut-Elfenbein gefunden, die in denselben Abschnitt des Aurignaciens zu stellen sind und – bis auf wenige Ausreißer – immer mit unkalibrierten 14C-Daten zwischen 31 000 und 33 000 BP datiert werden. Datierungen zwischen 33 000 und 36 000 BP liegen in einem Intervall, in dem 14C-Daten keine reale zeitliche Dimension abbilden. Daher kann von einem zeitlich und räumlich begrenzten Phänomen von nur ein- bis zweitausend Jahren ausgegangen werden, in dem eine spezifische Kunstform der Eiszeitjäger der Schwäbischen Alb ausgeprägt war. Alle anderen Tierfiguren wie auch die 2008 gefundene Venus vom Hohlefels sind weniger als 10 Zentimeter groß und damit wesentlich kleiner als der Löwenmensch.

Heutige Präsentation[Bearbeiten]

Im Jahre 1956 übereignete der Grabungsleiter Robert Wetzel durch Schenkung all seine Grabungsfunde aus dem Lonetal dem Ulmer Museum, wo der Löwenmensch seit der ersten Zusammensetzung in den frühen 1970er Jahren präsentiert wird. Das Original ist Teil der Dauerausstellung.

Infozentrum[Bearbeiten]

Im Mai 2007 wurde bei Lindenau – nur wenige 100 Meter vom Fundort Hohlenstein entfernt – ein neues Infozentrum „Die Höhle des Löwenmenschen“ eröffnet. Neben einem Film informieren ein Multimediaportal und mehrere Schautafeln über die Geschichte des Löwenmenschen.

Ausstellungen[Bearbeiten]

  • 2009/2010, Sonderausstellung „Der Löwenmensch - Das Experiment“, Ulmer Museum: Hier stand ein unter authentischen Bedingungen nachgeschnitzter Löwenmensch im Vordergrund. Die Kopie wurde von Archäotechniker Wulf Hein hergestellt, der beim Schnitzen mit Feuersteinwerkzeugen insgesamt 320 Arbeitsstunden benötigte. 2010 war diese Ausstellung – mit zusätzlichen paläolithischen Elfenbein-Objekten der Universität Erlangen – im Erlanger Stadtmuseum zu sehen.[12]
  • 2013/2014, Sonderausstellung Die Rückkehr des Löwenmenschen. Geschichte - Mythos - Magie, Ulmer Museum: mit der aktuellen Rekonstruktion.[13] Eine begleitende Publikation zur Ausstellung erschien zunächst in englischer Sprache.[14]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jill Cook: Ice Age Art: the Arrival of the Modern Mind. [... to accompany the exhibition of the British Museum from 7 February to 26 May 2013]. British Museum Press, London 2013, ISBN 978-0-7141-2333-2.
  • Nicole Ebinger-Rist, Claus-Joachim Kind, Sibylle Wolf, Kurt Wehrberger: Der Löwenmensch bekommt ein neues Gesicht. Auffindung und Restaurierung der Elfenbeinstatuette aus der Stadel-Höhle im Hohlenstein. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. 42. Jg. 2013, Heft 4, S. 194–200.
  • H. Müller-Beck, N. J. Conrad, W. Schürle (Hrsg.): Eiszeitkunst, Anfänge der Kunst. Theiss Verlag, ISBN 3-8062-1674-6.
  • Ulmer Museum (Hrsg.): Der Löwenmensch. Tier und Mensch in der Kunst der Eiszeit. Begleitband zur Ausstellung (1994).
  • Ulmer Museum (Hrsg.): Der Löwenmensch. Geschichte – Magie – Mythos. Ulm 2005.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Löwenmensch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Höhle des Löwenmenschen bei Lonetal.net
  2. Kurt Wehrberger: Der Löwenmensch. Die Elfenbeinstatuette aus dem Lonetal bei Ulm. In: Leif Steguweit (Hrsg.): Menschen der Eiszeit: Jäger - Handwerker - Künstler. Praehistorika, Fürth 2008, ISBN 978-3-937852-01-0, S. 45–53.
  3. Kurt Wehrberger: L’Homme-lion de la grotte du Hohlenstein-Stadel/Der Löwenmensch vom Hohlenstein-Stadel. Les chemins de l’art aurignacien en Europe/Das Aurignacien und die Anfänge der Kunst in Europa. Colloque international/Internationale Fachtagung Aurignac, 16.-18.9.2005, Éditions Musée-forum Aurignac, cahier 4, 2007, S. 331–344.
  4. Harald Floss: L’art mobilier aurignacien du Jura souabe et sa place dans l’art paléolithique/Die Kleinkunst des Aurignacien auf der Schwäbischen Alb und ihre Stellung in der paläolithischen Kunst. Les chemins de l’art aurignacien en Europe/Das Aurignacien und die Anfänge der Kunst in Europa. Colloque international/Internationale Fachtagung Aurignac, 16.-18.9.2005, Éditions Musée-forum Aurignac, cahier 4, 2007, S. 295–316.
  5. Robert Wetzel: Der Hohlestein im Lonetal. Dokumente alteuropäischer Kulturen vom Eiszeitalter bis zur Völkerwanderung. In: Mitteilungen des Vereins für Naturwissenschaft und Mathematik in Ulm (Donau). Heft 27, 1961, S. 21–75.
  6. Joachim Hahn: Die Stellung der männlichen Elfenbeinstatuette aus dem Hohlenstein-Stadel in der jungpaläolithischen Kunst. In: Germania. Band 48, 1970, S. 1–12.
  7. a b Elisabeth Schmid: Die altsteinzeitliche Elfenbeinstatuette aus der Höhle Stadel im Hohlenstein bei Asselfingen, Alb-Donau-Kreis. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg. Band 14, 1989, S. 33–118.
  8. Thomas Beutelspacher, Nicole Ebinger-Rist, Claus-Joachim Kind: Neue Funde aus der Stadelhöhle im Hohlenstein bei Asselfingen. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2010. Theiss-Verlag, Stuttgart 2011, S. 65.
  9. T. Beutelspacher, C. J. Kind: Auf der Suche nach Fragmenten des Löwenmenschen in der Stadelhöhle im Hohlenstein bei Asselfingen. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2011 (2012), S. 66–71.
  10. Hohlenstein: Löwenmensch bei Ausgrabung entdeckt. Stuttgart Journal, abgerufen am 15. April 2011.
  11. a b Löwenmensch restauriert: Zweifelsfrei männlich. Südwest-Presse Ulm, abgerufen am 15. November 2013.
  12. Sonderausstellung "Löwenmensch 2.0" 16. Mai – 31. Oktober 2010 im Stadtmuseum (Website des Instituts für Ur- und Frühgeschichte, Universität Erlangen)
  13. Löwenmensch - Trailer (Website der Stadt Ulm, abgerufen am 15. November 2013)
  14. Ulmer Museum (Hrsg.): The Return of the Lion Man. Thorbecke, 2013, ISBN 978-3-7995-0543-7.

48.5493110.17294Koordinaten: 48° 32′ 58″ N, 10° 10′ 23″ O