Lüsse (Bad Belzig)

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Feldsteinkirche Lüsse, 13. Jahrhundert

Das Dorf Lüsse ist ein Ortsteil der Kreisstadt Bad Belzig im Brandenburger Landkreis Potsdam-Mittelmark. Der Ort liegt im Naturpark Hoher Fläming. Seine Fläche beträgt sieben Quadratkilometer, auf denen 136 Einwohner (Stand 1. Januar 2011) leben.

Das Dorf verfügt über eine der eindrucksvollsten mittelalterlichen Feldsteinkirchen im Hohen Fläming. Das Bauwerk mit eingezogenem Chor und Apsis stammt aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist zudem der Segelflugplatz Lüsse, der sich aufgrund seiner hervorragenden Thermik in den letzten Jahren zu einem der beliebtesten Plätze des Segelflugsports entwickelt hat und im Jahr 2008 Schauplatz der Weltmeisterschaft in dieser Sportart war.

Lage und Naturraum[Bearbeiten]

Baitzer Bach am Ortsrand
Wiese bei Lüsse

Lüsse liegt im Belziger Vorfläming rund vier Kilometer östlich von Bad Belzig an der Bundesstraße 246. Drei Kilometer westlich folgt an derselben Straße das Nachbardorf Neschholz, das wie der südliche Nachbar Kuhlowitz gleichfalls zu Bad Belzig gehört. Auf der Gemarkung Kuhlowitz, die gut zwei Kilometer entfernt ist, entspringt der Baitzer Bach, der vorbei an Lüsse talabwärts zum nördlichen Nachbardorf Baitz und bei den Belziger Landschaftswiesen in das Baruther Urstromtal fließt. Im Urstromtal mündet das naturnahe und abschnittsweise naturbelassene Fließ in den Belziger/Fredersdorfer Bach, der sein Wasser wiederum über die Plane und Havel der Elbe zuführt.

Noch im Mittelalter stellte der Baitzer Bach eine versumpfte Niederung dar, die heute allerdings trockengelegt ist. Das Dorf beginnt am östlichen Bachufer unterhalb des waldreichen Heidebergs (96 m), an dessen Osthang ein Waldweg von Lüsse nach Baitz führt. Auf halber Strecke des kieferngesäumten Weges befand sich die Wüstung Wiesenau, an deren Namen das ehemalige und heute privatisierte Forsthaus Wiesenau erinnert. Die Wüstung gehörte zur Gemarkung Baitz.

Geschichte, Name[Bearbeiten]

Wassermühle

Der Name des Dorfes erinnert möglicherweise an die ehemalige sumpfige und seenreiche Umgebung. Denn der ursprüngliche slawische Name Luzov könnte eine Stelle, wo Pfützen oder Lachen sind bezeichnen. Möglich ist auch die Herkunft von Luza = Seedorf. Reinhard E. Fischer hält allerdings eine etymologische Ableitung vom Personennamen Lusov für wahrscheinlicher.[1] Die erste schriftliche Erwähnung findet sich in einer Urkunde aus dem Jahr 1251, in der ein Wilhelmus de Lusowe als Zeuge in Belzig angeführt ist. Ein ebenfalls indirekter Beleg von 1251 verzeichnet einen Hynricus plebanus in Lusowe.

1387 erhielt Frau von Thümen das Dorf Lüsse mit allen Rechten als Besitz. Die Familie Von Thümen war eine der einflussreichsten mittelalterlichen Familien in der Region. Sie saß hauptsächlich im Dreieck zwischen Nuthe, Nieplitz und dem Dorf Gröben, dem von Fontane sogenannten Thümenschen Winkel. Zwar ging das Dorf 1426 an die Vogtei Belzig und später zum Amt Raben, doch behielt die Familie bis 1822 anteilige Einnahmen aus Lüsse, zuletzt die Hebungen von einem Hof. Wie Lüsse und die Belziger Region war auch der Thümensche Winkel bis zum Wiener Kongress 1815 sächsisch. Neben den von Thümens standen der Familie von Oppen Bezüge aus Lüsse zu. Diese alte märkische Adelsfamilie war im Belziger Raum über Jahrhunderte ansässig und unterhielt seit 1719 das repräsentative Herrenhaus von Oppen in Fredersdorf.

Kirchturm

Aufzeichnungen aus dem Jahr 1591 nennen für das Dorf 24 Hufen inklusive Pfarrhufe. Dazu kamen sechs Hufen aus dem wüst gefallenen Dorf Seedoche[1].

Eingemeindung[Bearbeiten]

Lüsse wurde am 31. Dezember 2002 nach (Bad) Belzig eingemeindet.[2]

Feldsteinkirche Lüsse[Bearbeiten]

Der spätromanische Feldsteinbau steht auf einem leicht erhöhten Platz am Nordrand des Dorfes. Um die evangelische Kirche gruppieren sich die Gräber des Friedhofs und ein alter, hoher Baumbestand. Eine Feldsteinmauer umfasst einen großen Teil des Platzes. Die Kirche hat einen vierteiligen Grundriss mit Turm, Schiff, eingezogenem Chor und Apsis. Außergewöhnlich ist der Turm, der als Westquerturm in voller Schiffsbreite angelegt ist und mit seinem eingesprungenen, fast quadratischen oberen Glockenteil wie der Turm einer Burg anmutet.

Während die Grundanlage von Apsis, Chor und östlichem Schiff aus einer ersten Bauphase der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammen, folgte der Ausbau des Schiffes und die Hochmauerung in einer zweiten Phase wahrscheinlich gleich im Anschluss. Der wuchtige Turm ist ein späterer Anbau aus dem 15. Jahrhundert, sein Oberteil datiert aus dem beginnenden 16. Jahrhundert. 1819 brannte der Turm nach einem Blitzschlag ab und wurde 1821/22 wieder aufgebaut – die Windfahne trägt entsprechend die Jahreszahl 1821. Größere Renovierungen erfolgten 1905, bei der unter anderem das Turmportal die eindrucksvolle Einfassung mit Rüdersdorfer Kalksteinen erhielt. 1973 bekam der obere Turmaufsatz seine heutige glatte Verkleidung, da der Fachwerkaufsatz von 1821/22 ersetzt werden musste.[1]

Die großen Fenster auf den beiden Seiten des Kirchenschiffs sind segmentbogig und rundbogig. Die drei Fenster der Apsis sind gleichfalls rundbogig und laut Engeser/Stehr noch ursprünglich. Ein Halbkegeldach mit Biberschwanzziegeln deckt die Apsis, während der Abschluss von Chor und Schiff durch Satteldächer mit Doppelfalzziegeln erfolgte – alle drei Dachauflagen stammen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ziegel decken auch das Zeltdach des Turms.

Der innere Triumphbogen und der Apsisbogen sind rundbogig. Der Chor besitzt ein rippenloses gotisches Sterngewölbe. Die reiche und ornamentale Ausmalung des Innenraums erfolgte bei der Renovierung 1905 und ist im Jugendstil gehalten; sie wurde zwischen 1983 und 1986 erneuert. Dichte pflanzliche Ornamente schmücken die Emporenfelder, während die Brüstungen der Empore und die Wände des Schiffs in einem lichten Grünblau gehalten sind. Ein warmes Rot ziert die Pfeiler der Emporen, das sich in den Tragebalken der flachen Decke fortsetzt. Ein rotes Mäanderband verläuft unter der Schiffsdecke. (Ibbeken 1999 [1]) Die Empore trägt im Mittelteil eine weiße Schleifladenorgel, die 1905 von der Potsdamer Orgelbaufirma Alexander Schuke kam (Mehlhorn 1977, Pfannenstiel 1991 [1]). Der hölzerne Altaraufsatz stammt vom Ende des 17. Jahrhunderts und zeigt im Altarblatt zwischen den Säulen ein Gemälde mit dem Abendmahl, das 1877 restauriert wurde. Die Taufschale aus Zinn stammt aus dem Jahr 1712. Bemerkenswert ist ein gemaltes Holzepitaph mit einem Bildnis des 1728 verstorbenen Pastors Wilhelm Francken[1].

Sonderlandeplatz Lüsse (EDOJ)[Bearbeiten]

Südöstlich des Dorfes liegt der Sonderlandeplatz Lüsse, der in erster Linie dem Segelflugbetrieb dient. Hervorragende thermische Flugbedingungen haben verschiedene große Flüge und sogar einige Flüge über 1.000 Kilometer ermöglicht[3]. Die rund 1100 Meter langen Start-/Landebahnen auf Gras erstrecken sich von Kuhlowitz bis zum Südwesten von Neschholz.

Geschichte und Thermik[Bearbeiten]

Segelflugplatz, im Hintergrund der Kirchturm Lüsse
Startendes Segelflugzeug

Der Platz nahm nach der Deutschen Wiedervereinigung einen enormen Aufschwung. Nach europäischer (2000) und deutscher Meisterschaft (2005) ging hier im Jahr 2008 die Elite des Segelflugs zur Weltmeisterschaft an den Start. Ausrichter der Meisterschaften ist der Flugsportclub Charlottenburg Berlin e.V. (FCC Berlin e.V.), der den Ausbau des Flugplatzes vorangetrieben hat und das Segelflug-Leistungszentrum Lüsse (Segelflugausbildung, Leistungssegelflug, Segelflugwettbewerbe) unterhält[4]. Auf der Suche nach einem geeigneten Gelände entdeckte der FCC Berlin den Platz nach der Wende auf einer englischen Fliegerkarte und machte ihn zu seinem Hausflugplatz. 1991 wurde zudem der Märkische Flugsportverein Lüsse e.V. (MFL) mit Sitz in Lüsse gegründet. Nach dem Aufbau und Ausbau fand die feierliche Wiederbelebung des Platzes unter Zustimmung aller Behörden mit dem ersten Start am 25. April 1992 statt.[4]

Die besonders günstige Thermik des Fläming beschrieb der Segelflieger Dirk Ginzel bei den deutschen Meisterschaften 2005; Kerstin Henseke gibt seine Aussage wie folgt wieder: [...] schwärmt der Westfale von den unvergleichlichen Thermikbedingungen des Wärme speichernden märkischen Sandes. Über der glazial geprägten Landschaft seien 30 bis 40 Prozent längere Strecken möglich als im Westen. Außerdem gebe es hier große zusammenhängende Ackerflächen. Wie geschaffen für Außenlandungen, falls die Thermik doch ausbleibt, [...]. [3] Die mächtigen Schmelzwassersande des benachbarten tafelflachen Baruther Urstromtals wirken als riesige Wärmespeicher und das unberührte Naturschutzgebiet Belziger Landschaftswiesen in der Talung ist ideal für außerplanmäßige Landungen. Nach anfänglichen Irritationen haben sich Anwohner und Naturschützer mit den Fliegern angefreundet. Laut Website des FCC Berlin hat sich eine hervorragende Zusammenarbeit der Segelflieger mit der Naturschutzstation der Landschaftswiesen herausgebildet.

Der Flugplatz steht in einer großen fliegerischen Tradition der Region, denn nur wenige Kilometer östlich in der Zauche-Stadt Borkheide hatte der erste deutsche Motorflieger Hans Grade 1910 eine Flugzeugfabrik und die erste deutsche Flugschule gegründet. Das Borkheider Hans-Grade-Museum erinnert an den Flugpionier.

Segelflug-Weltmeisterschaft 2008[Bearbeiten]

Im August 2008 fand auf dem Segelflugplatz Lüsse die Segelflugweltmeisterschaft der FAI Klassen 15 m-, 18 m- sowie in der Offenen Klasse statt. Lüsse hat bereits durch viele Deutsche Meisterschaften sowie 2000 durch die Europameisterschaft bewiesen, dass sowohl der Flugplatz als auch die Thermische Gegend um den Fläming, die Dübener Heide und Umgebung sehr gut für Internationale Segelflugmeisterschaften geeignet sind und alle Beteiligten die Atmosphäre Lüsses sehr zu schätzen wissen. Beeindruckend ist, dass die hohe Professionalität hauptsächlich durch Ehrenamtliche mit Hilfe einiger Sponsoren erreicht wird. So konnte Lüsse für die WM 2008 die Lufthansa[5] als Partner gewinnen.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. a b c d e f Theo Engeser und Konstanze Stehr, Ev. Dorfkirche Lüsse online Der Abschnitt „Feldsteinkirche Lüsse“ beruht komplett auf den Informationen von Engeser/Stehr; auch die Angaben von Mehlhorn 1977, Pfannenstiel 1991 und Ibbeken 1999 sind hier entnommen.
  2. StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 2002
  3. a b Kerstin Henseke, Lautlos von Wolke zu Wolke, MaerkischeAllgemeine.de vom 10. August 2005 online
  4. a b Segelfliegen im Leistungszentrum Lüsse, FCC Berlin e.V. homepage
  5. Lufthansa Segelflugseiten

Literatur[Bearbeiten]

  • Reinhard E. Fischer, Brandenburgisches Namensbuch. Teil 2. Die Ortsnamen des Kreises Belzig, Böhlau Verlag 1970, zitiert nach Engerser/Stehr S. 2
  • Theodor Fontane, Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Teil 4. Spreeland. Nach der Ausgabe Ullstein Verlag 1998, Frankfurt/M, Berlin. ISBN 3-548-24381-9 Zum „Thümenschen Winkel“ siehe Einleitung zum Kapitel „Blankensee“, in der genannten Ausgabe Seite 456

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Lüsse – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

52.14949166666712.655638888889Koordinaten: 52° 9′ N, 12° 39′ O