Lāčplēsis

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Lāčplēsis
Spīdala

Lāčplēsis ist ein episches Gedicht des lettischen Dichters Andrejs Pumpurs und gilt als lettisches Nationalepos. Er verfasste den Text zwischen 1872 und 1887 auf der Grundlage lettischer Mythen und Legenden. 1888 wurde das Werk unter dem Titel Lāčplēsis. Latvju tautas varonis. Tautas epuss. Pec tautas teikām sacerējis Pumpurs (Der Bärentöter. Ein Held des lettischen Volkes. Volksepos. Nach Volkssagen zusammengestellt von Pumpurs) veröffentlicht.

Inhalt des Gedichts[Bearbeiten]

Das Gedicht erzählt das Leben des legendären Helden Lāčplēsis. Er wurde von den Göttern auserwählt, der Held seines Volkes zu sein. Sein Name ist im Deutschen als Bärentöter (genauer: Bärenreißer) bekannt. Als junger Mann, Adoptivsohn des Herrn von Lielvārde, tötet er einen Bären, indem er ihm mit bloßen Händen den Unterkiefer abreisst. Auf der Burg von Fürst Aizkraukli spionierte er die Hexe Spīdala, die mit dem Teufel im Bunde steht, und Kangars aus, der die lettischen Naturgötter durch den christlichen Glauben ersetzen will. Spīdala versucht, Lāčplēsis zu ertränken, indem sie ihn in den Staburags-Strudel der Daugava stößt. Lāčplēsis wird jedoch von der Zauberin Staburadze gerettet, die ihn in ihre Unterwasser-Kristallburg bringt. Dort trifft Lāčplēsis das Mädchen Laimdota ("von Laima Gegebene") und verliebt sich sofort in sie. Kurze Zeit später freundet er sich auch mit dem Helden Koknesis ("Baumträger") an und studiert mit ihm an der Burg von Burtnieks (Laimdotas Vater).

Kangars provoziert einen Krieg mit den Esten und Lāčplēsis kämpft gegen den Riesen Kalapuisis, um Laimdotas Hand zu gewinnen. Er bezwingt den Riesen und schließt mit ihm Frieden. Fortan kämpfen beide nun gegen den gemeinsamen Feind: die deutschen Missionare, angeführt durch den Priester Dietrich (Dītrihs). Die nächste Heldentat vollbringt Lāčplēsis damit, eine Nacht im versunkenen Schloss zu verbringen. So bricht er den Fluch, der auf dem Schloss lastet und dieses steigt wieder in die Lüfte. Laimdota und Lāčplēsis verloben sich. In den folgenden Episoden liest Laimdota in alten Büchern über die Schöpfung und die alten lettischen Lehren.

Laimdota und Koknesis werden nach Deutschland entführt und inhaftiert. Spīdala überzeugt Lāčplēsis davon, dass seine zwei Freunde einander lieben. Lāčplēsis kehrt zurück in seine Heimat Lielvārde, und macht sich von dort aus mit dem Schiff auf nach Deutschland. Sein Schiff geht jedoch in der Nordsee verloren, wo er die Tochter des Nordwinds kennenlernt. Während dessen treffen sich Dietrich und der livische Prinz Kaupa von Turaida mit dem Papst in Rom, um die Christianisierung Lettlands zu planen. Lāčplēsis beginnt seine gefährliche Heimreise über das Nordmeer. Er kämpft gegen Ungeheuer mit drei, sechs und neun Köpfen um die verzauberte Insel. Schließlich begegnet er Spīdala auf der Insel und heilt sie von ihrer Besessenheit. Danach trifft er Laimdota und Koknesis wieder, die aus Deutschland entkommen konnten, aber auf der verzauberten Insel in eine Falle geraten sind. Koknesis verliebt sich in Spīdala und die vier Freunde kehren zurück nach Lettland.

Zu Hause angekommen, feiern sie eine große Doppelhochzeit am Jāņi-Tag. Bald darauf brechen Lāčplēsis und Koknesis wieder auf, die deutschen Kreuzritter zu bekämpfen. Nach mehreren Schlachten können sie die Deutschen zurückdrängen. Doch deren Führer, Bischof Albert, holt Verstärkung aus Deutschland. Einer der Kreuzfahrer ist der Schwarze Ritter. Auf Befehl Dietrichs hin verrät Kangars das Geheimnis von Lāčplēsis' übermenschlicher Stärke: Lāčplēsis' Mutter war eine Bärin und seine übermenschlichen Kräfte rühren von seinen Bärenohren her. Daraufhin kommen die deutschen Ritter nach Lielvārde und bieten Lāčplēsis Frieden an. Lāčplēsis empfängt die Gäste und bewirtet sie in der Burg. Ein Turnier wird abgehalten, bei dem sich Lāčplēsis auf ein Duell mit dem Schwarzen Ritter einlässt, der ihm im Kampf beide Ohren abhaut und so seiner Kräfte beraubt. Dennoch stürzen beide Kontrahenten schließlich in die Daugava und versinken. Wenn Lāčplēsis dereinst wieder aus den Fluten ersteht, dann wird das lettische Volk frei sein.

Gliederung[Bearbeiten]

Die Handlungsplätze des Epos Lāčplēsis heißen: Aizkraukle (Ascheraden), Burtnieki (Burtneck), Ikšķīle (Üxküll), Koknese (Kokenhusen), Lielvārde (Lennewarden), Piebalga (Pebalg / Kangarberge), Rīga (Riga), Staburags (Pfahl-Horn/Kliff), Turaida (Traiden). (Ausschnitt aus der Karte Lettisches Sprachgebiet 1884 nach Bielenstein.jpg)
  • Canto I: Der Rat der Götter - Lāčplēsis' Schicksal wird enthüllt.
  • Canto II: Lāčplēsis' erste Heldentat - Lāčplēsis macht sich auf zur Burtnieki-Burg - Treffen mit Spīdala - Im Teufelsschacht - In Staburadzes Palast - Rückkehr und Treffen mit Koknesis.
  • Canto III: Die Verschwörung Kangars und Spīdalas - Krieg mit den Esten - Das versunkene Schloss - Die Schöpfung - Die Letten werden von den Christen getäuscht.
  • Canto IV: Kaupa in Rom - Koknesis und Laimdota in Deutschland - Lāčplēsis im Nordmeer - Lāčplēsis' Rückkehr.
  • Canto V: Auf der verzauberten Insel - Treffen mit Spīdala - Heimkehr - Lāčplēsis, Laimdota und Koknesis sind wieder vereint.
  • Canto VI: Jāņi - Die Schlacht beginnt - Lāčplēsis' Hochzeit - Tod des Lāčplēsis.

Weitere Verarbeitungen[Bearbeiten]

  • Der lettische Dramatiker und Schriftsteller Rainis verarbeitete die Motive des Epos in seinem Drama "Uguns un Nakts" (Feuer und Nacht) von 1905. Im Mittelpunkt steht hierbei jedoch nicht der Held Lāčplēsis selbst, sondern Spīdala (bei Rainis: Spīdola).
  • Fallijs (d.i. Konrāds Bullāns) (1877 - 1914): Lāčplēsis (Drama, 1908 - 1912)
  • Dzintars Sodums (1922-): Lāčplēsis trimdā un varoņu konference (1960, Romanfragment; Lāčplēsis im Exil und Heldenkonferenz)
  • Jānis Turbads (d.i. Valdis Zeps) (1932 - 1996): Ķēves dēls Kurbads (1970, Satire; Der Stutensohn Kurbads)
  • Baņuta Nora Rubesa (1956-) Varoņdarbi (Heldenarbeit 1979, Singspiel nach Ķēves dēls Kurbads)
  • 1988 entstand anlässlich des 100. Jahrestages des Erscheinens des Epos eine Adaption als Rockoper. Das Libretto schrieb Māra Zālīte, die Musik stammt von Zigmars Liepiņš. Die Uraufführung fand am 23. August 1988 statt - nicht zufällig dem 49. Jahrestag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts.

Verfilmung[Bearbeiten]

Lāčplēsis wurde 1930 von Akeksandrs Rusteiķis verfilmt. Die Handlung spielt in den mythischen Zeiten und im frühen 20. Jahrhundert mit der Russische Revolution 1905, dem ersten Weltkrieg und dem lettischen Unabhängigkeitskrieg.

Erweiterte Bedeutungen der Protagonisten[Bearbeiten]

Die Personen des Epos sind in Lettland sehr populär. Ihre Namen treten an vielen Stellen im lettischen Alltag wieder auf. (Die Verwendung zum Zweck von Werbung und Verkauf wird hier nicht aufgeführt).

  • Kalapuisis (abgeleitet vom estnischen Kalapoiss) finden wir wieder im estnische Nationalepos Kalevipoeg.
  • Kangars ist eine zwiespältige Figur. Das führte zu dem neuen Wort Kangarismus (kangarisms)[1]
  • Kaupa (Kaupo) war eine historische Person, ein Livenfürst, der Ende des 12. Jahrhunderts christianisiert wurde. In Turaida hat er ein Denkmal.
  • Lāčplēsis
    • Die Stadt Lielvārde mit dem Lāčplēša parks war Austragungsort der Lāčplēsis-Tage 1988 (Lāčplēša dienas).
    • Lāčplēša gulta (Bett des Lāčplēsis) ist ein riesiger Stein in Lielvārde
    • Bärentöterorden (Lāčplēša Kara ordenis) war der höchste militärische Orden der unabhängigen Republik Lettland, verliehen von 1920 bis 1928
    • Lāčplēša iela ist ein Straßenname in Riga
    • Lāčausis (Bärenohr) ist eine Figur aus lettischen Märchen und wurde von Pumpurs als Beiname des Lāčplēsis verwendet[2].
  • Laimdota ist seit dem Schauspiel von Rainis ein beliebter Mädchenname[3]
  • Spīdala/Spīdola
    • Das Schiff SS Arvonian, Baujahr 1905 heißt seit 1928 Spīdola.
    • Spīdola ist ein lettisches Unterseeboot, Baujahr 1926, später erobert von der Sowjetunion.
    • Das erste in Massenproduktion hergestellte Transistorradio in der Sowjetunion (seit 1961 von Firma VEF in Riga) wurde bekannt als Спидола. Das Wort wurde zum Synonym für "Transistorradio".
    • Spīdolas balva ist ein Preis, seit 1993 vergeben durch den lettischen Kulturfonds für besondere Leistungen in humanitären Wissenschaften und Kunst.
  • Staburadze ist die Personifikation eines Felsens bei Staburags[4], damals hoch über der Düna, heute wegen der Staustufe 16 Meter näher am Wasser.

Lāčplēsis-Tag[Bearbeiten]

Am Lāčplēsis-Tag (lettisch: Lāčplēša diena), dem 11. November, gedenken die Letten nicht des Endes des Ersten Weltkrieges 1918 (wie in vielen anderen Ländern), sondern des Sieges über die Bermondt-Armee bei der Schlacht von Riga im Jahr 1919.

Literatur[Bearbeiten]

  • Andrejs Pumpurs: Lāčplēsis. Latvju Tautas Varonis. Tautas eposs pēc tautas teikām sacerēts. Rīga 1995.
  • Andrejs Pumpurs: Lāčplēsis (Der Bärentöter) Ein Held des lettischen Volkes. Volksepos. Interlinearübersetzung aus dem Lettischen von Gunārs Cīrulis. Schriftstellerverband der lettischen SSR, Zentrum für Übersetzung lettischer Literatur, Riga 1988.
  • Friedrich Scholz: Die Literaturen des Baltikums. Ihre Entstehung und Entwicklung. Opladen 1990. ISBN 3-531-05097-4
  • Aija Priedīte: Die Wandlungen des lettischen Nationalhelden Lāčplēsis zwischen 1888 und 1988. in der Zeitschrift Baltica, Hamburg 1989, Hefte 3 und 4
  • Ināra Strašulāne(Hg.): Latviešu rakstniecība biogrāfijās. Verlag Zinātne, Riga 2003. ISBN 9984-698-48-3

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nachweis des Begriffs kangarisms
  2. Siehe Scholz Seite 280
  3. Laut Aija Priedīte
  4. Siehe Scholz, Seite 281