LANSA-Flug 508

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LANSA-Flug 508
PSA Electra, circa 1960s.jpg

Eine baugleiche Electra der US-amerikanischen PSA

Unfall-Zusammenfassung
Unfallart Strukturelles Auseinanderbrechen infolge schwerer Turbulenzen und Blitzschlags
Ort In der Nähe von Puerto Inca, Huánuco, Peru
Datum 24. Dezember 1971, ca. 12:40 Uhr OZ[1]
Todesopfer 91
Verletzte 1
Überlebende 1
Luftfahrzeug
Luftfahrzeugtyp Lockheed L-188 Electra
Betreiber Líneas Aéreas Nacionales S. A. (LANSA)
Kennzeichen OB-R-941
Abflughafen Lima, Peru
Stopover Pucallpa, Peru
Zielflughafen Iquitos, Peru
Passagiere 86
Besatzung 6
Liste von Katastrophen der Luftfahrt

LANSA-Flug 508 war ein Linienflug der peruanischen Fluggesellschaft Líneas Aéreas Nacionales S. A. (LANSA), der am 24. Dezember 1971 stattfand. Die eingesetzte Maschine von Typ Lockheed L-188 Electra (Luftfahrzeugkennzeichen: OB-R-941) brach während eines Gewitters mit schweren Turbulenzen und Blitzschlag auf der Strecke von Lima nach Pucallpa in der Luft auseinander, wobei 91 der 92 Insassen ums Leben kamen. Bis heute handelt es sich um das viertschwerste Unglück in der peruanischen Luftfahrtgeschichte.

Einzige Überlebende des Flugzeugabsturzes war die 17-jährige deutsche Passagierin Juliane Koepcke, die erst nach einem mehrtägigen Fußmarsch durch den peruanischen Regenwald aufgefunden wurde. Koepckes Schicksal war Gegenstand mehrerer Bücher und Filme.

Hintergrund[Bearbeiten]

Die 1963 gegründete peruanische Fluggesellschaft LANSA war in der Vergangenheit in zwei schwere Flugunfälle verwickelt gewesen, bei denen insgesamt 150 Menschen ums Leben gekommen waren.[2] Der letzte zurückliegende Absturz Anfang August 1970 in Cusco, ebenfalls mit einer L-188 Electra (Kennzeichen: OB-R-939), war mit 101 Toten das schwerste Unglück in der peruanischen Luftfahrtgeschichte gewesen.[3] Unter den Toten waren die Tochter des Bürgermeisters von Lima und eine Gruppe von 48 US-amerikanischen Studenten gewesen, die an einem Austauschprogramm in Peru teilgenommen hatte.[4][5] Kurz nach dem Start war es zu einem Triebwerksausfall gekommen.[6] Daraufhin war LANSA von der peruanischen Regierung mit einem Flugverbot von 90 Tagen belegt worden. Der Motor hätte dem peruanischen Transport- und Verkehrsminister zufolge die reguläre Zahl an Flugstunden gemäß den Vorschriften überschritten. Überprüfungen sollten ergeben, ob die Flotte von LANSA den behördlichen Betriebsverordnungen entsprach und die Besatzungen über genügend Ausbildung verfügte.[5] Der Flugbetrieb wurde später wieder aufgenommen.

Flugverlauf[Bearbeiten]

Die Unglücksroute der OB-R-941 (diese Karte entspricht nicht der genauen Flugroute)

Flugzeug und Route[Bearbeiten]

Flug 508 war ein am Freitag, den 24. Dezember 1971, stattfindender Inlandsflug von Lima nach Iquitos mit einer geplanten Zwischenlandung in Pucallpa. Die Strecke in das nordöstliche Regenwaldgebiet Perus wurde regelmäßig von der Líneas Aéreas Nacionales S. A. (LANSA) bedient, die nur noch über ein einziges flugtüchtiges Gerät verfügte – eine viermotorige Turboprop-Maschine vom Typ Lockheed L-188 Electra (Kennzeichen: OB-R-941). Das Flugzeug hatte vom US-amerikanischen Hersteller Lockheed die Konstruktionsnummer 1106 erhalten und seinen Erstflug im Jahr 1959 absolviert.[7] In den Diensten von LANSA trug die Maschine den Beinamen „Mateo Pumacahua“, benannt nach dem gleichnamigen peruanischen Revolutionär (1740–1815).[8]

Routinemäßig hätte die Maschine an diesem Tag zuerst von Lima nach Cusco fliegen sollen. Aufgrund schlechten Wetters im Andenhochland fielen aber alle Flüge zu diesem Ziel aus. Nachdem das Wetter nicht aufgeklart hatte, stornierte LANSA den Flug und wich mit Flugnummer 508 auf die Route Lima–Pucallpa–Iquitos mit anschließendem Rückflug aus.[9]

Wetterberichte im Anden- und Regenwaldraum von Peru wurden zu dieser Zeit – wie in ganz Südamerika – nicht regelmäßig herausgegeben und waren auch nicht sehr detailliert. Die peruanische Flughafenbehörde CORPAC (Corporación Peruana de Aeropuertos y Aviación Comercial) verließ sich auf Berichte von Landeplätzen und Piloten.[9]

Insassen[Bearbeiten]

Auf ihrem letzten Flug beförderte die OB-R-941 sechs Besatzungsmitglieder und 86 Passagiere. Unter den Passagieren, die die Maschine auf dem Aeropuerto Internacional Jorge Chávez in Lima bestiegen, befanden sich auch drei deutsche Staatsangehörige, die ihren Wohnsitz in Peru hatten. Dies waren neben einem 33-Jährigen Zahnarzt aus Berlin die bekannte Ornithologin Maria Koepcke, die am Naturhistorischen Museum der Universität San Marcos arbeitete, und ihre Tochter Juliane (gelegentlich auch „Köpcke“ geschrieben[10][11]).[10] Die Koepckes hatten ursprünglich geplant, einen Tag früher nach Pucallpa zu fliegen, um dort den Vater Hans-Wilhelm Koepcke zum gemeinsamen Weihnachtsfest zu treffen. Die 17-Jährige hatte aber vor kurzem ihr Abitur am Humboldt-Gymnasium in Lima gemacht und nicht auf den Abschlussball ihrer Schule verzichten wollen. Daraufhin buchten Mutter und Tochter auf den letztmöglichen Flug 508 der LANSA um, obwohl beiden der schlechte Ruf der Gesellschaft bekannt war.[12] Ebenfalls auf dem Weg nach Pucallpa waren fünf Kinder von christlichen Missionaren aus den Vereinigten Staaten, die auch die Schule in Lima besuchten und die Weihnachtsferien bei ihren Eltern verbringen sollten.[13]

Start und Absturz[Bearbeiten]

Die Lockheed L-188 Electra startete um 11:38 Uhr Ortszeit vom Flughafen in Lima[9] (anderen Angaben zufolge kurz nach 12:00 Uhr[8]). Für die Strecke nach Pucallpa waren etwas mehr als eine Stunde Flugzeit vorgesehen. 31 Minuten nach dem Start gab die Besatzung eine letzte Routinemeldung über Oyón, in den Zentral-Anden, ab. Das Flugzeug befand sich zu diesem Zeitpunkt 30 Meilen (ca. 48 km) westlich von Cerro de Pasco.[9] Etwa zur gleichen Zeit[14] flog die OB-R-941 in ein Gewitter ein. In den Cumulonimbus-Anhäufungen traf die Besatzung auf schwere Turbulenzen und Blitze. Die Flughöhe der Electra betrug nur 22.000 Fuß (ca. 6705 Meter), während einige Minuten zuvor eine strahlgetriebene BAC 1-11 der peruanischen Fluggesellschaft Faucett das Gewitter in 31.000 Fuß Höhe (ca. 9449 Meter) überflogen hatte.[9]

Juliane Koepcke, die über einen Fensterplatz im hinteren rechten Teil der Maschine (Reihe 19, Platz F) verfügte, gab später an, dass ein Blitzschlag die rechte Tragfläche getroffen hätte, woraufhin ein Motor in Brand geraten sein soll.[12] Auch sei die Maschine laut Koepcke in einen Sturzflug übergegangen.[15] In einer Flughöhe von ca. 6400 Metern über dem Meeresspiegel und 3000 Metern über dem Grund trat plötzlich ein katastrophaler struktureller Schaden bei der Electra ein. Die gesamte rechte und ein Teil der linken Tragfläche rissen ab, der Rumpf brach in mehrere Teile auseinander. Brennende Trümmerstücke wurden auf einer Strecke von 15 Kilometern über die gebirgige Regenwaldlandschaft verstreut.[1]

Beim Auseinanderbrechen der Maschine war Koepcke von der neben ihr sitzenden Mutter getrennt worden. Angeschnallt wurde das Mädchen allein mit ihrer Dreiersitzreihe aus dem Flugzeug geschleudert und stürzte kopfüber – eigenen Angaben zufolge mit der Sitzbank wie eine Art Hubschrauber[14] oder Fallschirm[15] – dem Boden entgegen. Der Aufprall sei laut Koepcke vom dichten Blattwerk des Regenwalds und Lianen gedämpft worden.[14][16] Danach verlor sie das Bewusstsein.

Erfolglose Suchaktion und Auffinden Juliane Koepckes[Bearbeiten]

Die geschätzte Ankunftszeit für Flug 508 in Pucallpa war 12:47 Uhr. Als das Flugzeug den Zwischenlandeplatz aber nicht erreichte und die Besatzung der OB-R-941 auf keine Funksprüche der Flughafenkontrollzentren von Pucallpa, Iquitos oder Lima reagierte, wurde die Verkehrsmaschine als vermisst gemeldet. Daraufhin begann die peruanische Luftwaffe mit einer offiziellen Suchaktion, an der sich auch zivile Verkehrsflugzeuge von Faucett, Leichtflugzeuge des Linguistischen Sommerinstituts (Instituto Lingüístico de Verano ILV bzw. Summer Institute of Linguistics SIL) und der OFASA-Mission in der Pucallpa-Region beteiligten. Mit Maschinen vom Typ Lockheed C-130 flog die Luftwaffe zwei Helikopter in das Suchgebiet. Dieses umfasste mehrere tausend Quadratkilometer zwischen den Zentral-Anden und einem nordöstlichen Gürtel nahe der brasilianischen Grenze. Über Pucallpa hinaus wurde das Suchgebiet über den Río Ucayali nach Osten ausgeweitet, falls die Maschine durch starke Winde vom Kurs abgekommen war. Viele Piloten nahmen allerdings an, dass die Electra noch im Unwetter über den Zentral-Anden abgestürzt war, bevor sie die Regenwaldausläufer westlich von Pucallpa erreicht hatte.[9] Die Suche wurde nach zehn Tagen eingestellt, ohne dass das Flugzeug im peruanischen Regenwaldgebiet gefunden werden konnte.[17]

Juliane Koepcke erlangte erst Stunden nach dem Absturz das Bewusstsein wieder. Resultierend aus dem Aufschlag hatte sie neben zwei offenen Wunden am Oberarm und am Bein eine Gehirnerschütterung, einen Bruch des Schlüsselbeins und einen Kreuzbandriss des linken Kniegelenks davongetragen.[12][18] Der erlittene Schock führte dazu, dass die Wunden kaum bluteten und sie auch die Verletzung am Kreuzband nicht bemerkte. Das kurzsichtige Mädchen, das nur mit einem kurzen Sommerkleid und einer einzelnen Sandale am Fuß bekleidet war, hatte beim Absturz auch seine Brille verloren. Koepcke suchte erfolglos nach dem Flugzeugwrack und Überlebenden, insbesondere ihrer Mutter. Auch konnte sie im dichten Regenwald nicht die Suchflugzeuge auf sich aufmerksam machen.[19]

Koepcke hatte ihre Mutter und ihren Vater, der an ganzheitlicher Ökologie interessiert war,[19] bereits als Kind bei der Arbeit im peruanischen Regenwald begleitet. Auch hatte sie in der Forschungsstation der Eltern in der Nähe von Pucallpa („Panguana“ genannt) gelebt. Daher war Koepcke mit den möglichen Gefahren im Dschungel vertraut. Tatsächlich lag der Absturzort nur 50 Kilometer von der Forschungsstation „Panguana“ entfernt.[20] Koepcke entdeckte in der Nähe eine Wasserquelle und folgte dem Wasserlauf. Ihr Vater hatte ihr beigebracht, dass so die Wahrscheinlichkeit größer wäre, auf menschliche Siedlungen zu treffen, sollte sie sich einmal im Dschungel verlaufen.[19] Das Flugzeug war nahe dem Río Shebonya, einem Zufluss des Río Pachitea, abgestürzt. Koepcke ernährte sich anfangs von Bonbons, die aber nur ein paar Tage reichten. Danach hungerte sie, da zur Zeit des Absturzes Regenzeit herrschte und es kaum Früchte in dem Gebiet gab.[21][22][23] Koepcke durchquerte mehrfach Sümpfe und schwamm,[24] traf auf Spinnen, Ameisen und andere Insekten, aber keine Schlangen.[25] Sie folgte dem Ruf des an Flüssen beheimateten Hoatzins,[24] ehe sie den Río Pachitea erreichte. In diesem ließ sie sich flussabwärts treiben (Berichte, Koepcke hätte ein Floß gebaut, entsprechen nicht der Wahrheit). Am Abend des 2. Januar 1972, zehn Tage nach dem Flugzeugabsturz, entdeckte sie an einem Flussufer ein Boot und einen kleinen Unterstand,[26] wo sie die Nacht verbrachte. Einen Tag später wurde Koepcke dort entkräftet von Waldarbeitern aufgefunden, denen sie auf Spanisch von ihrem Schicksal berichtete.[27][12]

Die Männer erstversorgten Koepckes Wunden mit Benzin, da sich in ihnen Maden von Stechfliegen eingenistet hatten und benachrichtigten ein nahe gelegenes Forstarbeiterlager des Landwirtschaftsministeriums. Daraufhin wurde das Mädchen mit dem Boot zu einer Krankenstation nach Tournavista gebracht. Von dort aus wurde Koepcke mit einem Sportflugzeug der bekannten US-amerikanischen Pilotin Jerrie Cobb ausgeflogen[10], die sich zuvor selbst an der erfolglosen Suche nach dem Flugzeugwrack beteiligt hatte. Koepcke wurde nach Yarinacocha, in der Nähe von Pucallpa, gebracht. Dort wurde sie in einer Krankenstation des Linguistischen Sommerinstituts aufgenommen,[28] ein Sprachinstitut, das von US-amerikanischen Missionaren geführt wurde. Dort traf Koepcke auch ihren Vater wieder.[23]

Entdeckung des Flugzeugwracks und Absturzursache[Bearbeiten]

Die Nachricht, dass eine Passagierin den Absturz von Flug 508 überlebt hatte, wurde in der Nacht zum 5. Januar 1972 öffentlich gemacht. Am 4. Januar hatte man bereits der Fluggesellschaft LANSA die Lizenz entzogen. Angehörige der Flugzeuginsassen, die sich zu einem Krankenhaus begaben, um Auskünfte zu weiteren Überlebenden zu erhalten, mussten von der Polizei an der Stürmung des Gebäudes gehindert werden.[10] Für Journalisten hatte man zuvor als Ablenkungsadresse das nahe Pucallpa gelegene Hospital Amazonico Albert Schweitzer genannt.[29]

Am 5. Januar begann eine erneute Suchaktion, die bis dahin größte in der Geschichte Perus. Es wurden Flugzeuge der peruanischen Luftwaffe, von Fluggesellschaften und Privatleuten eingesetzt. Auch beteiligte sich eine Maschine der United States Air Force vom Typ Lockheed C-130, die mit Foto- und Metallsuchgeräten ausgerüstet war.[10] Mit Hilfe der Angaben von Juliane Koepcke[30] wurde noch am selben Tag das Flugzeugwrack von einer Douglas DC-3 der peruanischen Luftwaffe und einem Kleinflugzeug der römisch-katholischen Mission entdeckt. Ein US-amerikanischer Pilot der Mission sprang mit dem Fallschirm an der Unglücksstelle ab, konnte aber keine Überlebenden vermelden[23] und galt selbst zwei Tage als verschollen.[31]

Am 6. Januar 1972 landete eine fünfköpfige Helikopterbesatzung der peruanischen Luftwaffe an der Absturzstelle, die den Fund von zwei großen Rumpfteilen, aber keine Überlebenden vermelden konnte. Ebenfalls wurde von der Besatzung ein provisorischer Hubschrauberlandeplatz eingerichtet. Zur gleichen Zeit arbeitete sich eine Mannschaft von zwölf Soldaten aufgrund starker Regenfälle nur langsam an das Wrack heran und musste dabei teilweise von einer Hubschrauberbesatzung geführt werden.[32] Neben den Suchmannschaften machten sich auch Angehörige von Passagieren auf den Weg zum Wrack, vor allem arme Bauern und Holzfäller, die nach der Meldung über Juliane Koepcke auf weitere Überlebende hofften.[33]

Am 13. Januar 1972 gab die peruanische Luftwaffe bekannt, die Leichen von allen 91 Vermissten gefunden zu haben. Zu diesem Zeitpunkt waren 56 davon identifiziert worden, darunter auch Juliane Koepckes Mutter Maria.[34] In einem später erschienenen Buch gab Juliane Koepcke an, dass ihr Vater Zweifel am von den peruanischen Behörden identifizierten Leichnam seiner Frau hegte, den er nur anhand eines Fußes sowie ihres gefundenen Eherings und eines Schuhs identifiziert hatte. Er ließ den Leichnam später für weitere pathologische Untersuchungen nach Deutschland überführen, wo dieser aber nur unvollständig angekommen sei. Maria Koepckes mutmaßlicher Leichnam wurde daraufhin in Deutschland beigesetzt, ohne dass die vom Witwer gewünschten Untersuchungen in vollem Umfang durchgeführt werden konnten. Eine von Hans-Wilhelm Koepcke geforderte Exhumierung fand nie statt.[35]

Als Grund für den Verlust der rechten Tragfläche wurde die aerodynamische Belastung durch die Turbulenzen und Kräfte angeführt, die die Piloten bei dem Versuch freigesetzt hatten, den Horizontalflug zu halten oder wiederherzustellen. Der überlebte Sturz von Juliane Koepcke aus ca. 3000 Metern Höhe wurde dadurch erklärt, dass ihr Fall durch einen gewaltigen Aufwind gedämpft worden war. Anzeichen sprachen dafür, dass bis zu 14 weitere Insassen das Auseinanderbrechen in der Luft und den Aufschlag auf den Regenwaldboden überlebt hatten. Im Gegensatz zu Koepcke waren diese aber nicht in der Lage, sich um Hilfe zu bemühen. Sie starben, während sie auf Rettung warteten.[36][8]

Obwohl es Juliane Koepcke Jahrzehnte später mit Hilfe des Filmemachers Werner Herzog möglich war, die Absturzstelle wieder aufzusuchen, gibt es zu deren genauer Position keine gesicherten Angaben. Der Unfallbericht in der Datenbank Aviation Safety Network enthält lediglich eine grobe Angabe zum Absturzort.[7] In der Los Angeles Times wurden zum Absturzort seinerzeit die Angaben gemacht, er befinde sich 10 Meilen (16 km) vom östlichen Flussufer des Río Pachitea und 5 Meilen (8 km) vom Forstarbeiterlager von Puerto Inca entfernt, sowie 20 Meilen (32 km) südlich der Farmsiedlung von Tournavista.[37][23] Diese Angaben widersprechen sich jedoch zum Teil. Einen Hinweis liefert Juliane Koepcke in ihrem Buch Als ich vom Himmel fiel mit der Angabe, dem Bach Quebrada Raya bis zu dessen Mündung in den Río Shebonya gefolgt zu sein.

Aviation Safety Network weist den Absturz im Jahr 1971 als seinerzeit drittschwersten Flugunfall in Peru aus, nach dem vorherigen LANSA-Absturz 1970 und dem Verlust einer Boeing 707 der brasilianischen Fluggesellschaft VARIG 1962 in der Nähe von Lima (97 Tote).[38] LANSA-Flug 508 ist bis heute das viertschwerste Unglück in der peruanischen Luftfahrtgeschichte. Das bislang schwerste auf peruanischen Territorium ereignete sich am 29. Februar 1996, als eine Boeing 737 der Fluggesellschaft Faucett Perú beim Landeanflug auf Arequipa abstürze. Keiner der 123 Insassen überlebte das Unglück.[39]

Nachwirken[Bearbeiten]

Der Flugzeugabsturz erfuhr aufgrund von Juliane Koepckes ungewöhnlichem Überleben – den Sturz aus ca. 3000 Metern Höhe und den mehrtägigen Fußmarsch durch den Regenwald – weltweit mediale Beachtung. Neben peruanischen und deutschen Zeitungen berichteten auch viele englischsprachige Medien vom Flugzeugabsturz und Koepcke, darunter die New York Times, Los Angeles Times, Washington Post, die britische The Times oder das US-amerikanische Magazin Life.[40] Koepckes Aufenthalt in der Missionsstation von Yarinacocha dauerte vier Wochen an. Ende Januar 1972 konnte sie mit ihrem Vater in die elterliche Forschungsstation „Panguana“ reisen.[41] Koepckes Gesundheit war im März 1972 vollständig wiederhergestellt und sie kehrte mit ihrem Vater nach Lima zurück, um ihre Schulausbildung fortzusetzen.[42] Die Exklusivrechte an der Geschichte vergab Hans-Wilhelm Koepcke an das deutsche Magazin Stern sowie den ihm bekannten Journalisten Nicholas Asheshov der Andean Air Mail & Peruvian Times[25], damit „wieder Ruhe einkehrte“, so Juliane Koepcke.[21] Laut eigenen Angaben kam sie zu dieser Zeit kaum mit dem plötzlichen Ruhm zurecht, während die Medien oft falsch oder tendenziös über sie berichtet hätten.[27][19]

Juliane Koepckes Schicksal war in den folgenden Jahrzehnten Gegenstand mehrerer Bücher, Comics und auch Filme. 1973 ließ sich Heinz Günther Konsalik von den Geschehnissen zu seinem Roman Eine Urwaldgöttin darf nicht weinen inspirieren. Monica C. Vincent veröffentlichte 1978 mit Girl Against the Jungle ein Schulbuch für den Englischunterricht, [26] die US-Amerikaner Jenny Tripp und John Burgoyne 1980 mit One was left alive ein Jugendbuch. 1974 entstand unter dem Titel Ein Mädchen kämpft sich durch die grüne Hölle unter der Regie von Giuseppe Maria Scotese ein US-amerikanisch-italienischer Spielfilm. An den Originalschauplätzen abgedreht, schlüpfte die britische Schauspielerin Susan Penhaligon in die Rolle von Juliane Koepcke, während ihre Eltern von Graziella Galvani und Paul Müller dargestellt wurden. Die zeitgenössische Kritik des bundesdeutschen film-diensts lobte Ein Mädchen kämpft sich durch die grüne Hölle für seine einfache, fast dokumentarisch wirkende Form und den Verzicht von „reißerischsensationelle als auch sentimentale oder heroische Effekte“.[43] Juliane Koepcke selbst nannte den Film, hinter dem die Zeitschrift Stern stand, „einen kitschigen Film“, der „ziemlich weit von der Realität entfernt“ gewesen sei.[21]

Tür des abgestürzten Flugzeugs in einer Siedlung

Im Frühjahr 2000 wurde der Dokumentarfilm Julianes Sturz in den Dschungel von Werner Herzog im deutschen Fernsehen veröffentlicht. Herzog hatte sich am 24. Dezember 1971 wie die Koepckes auf dem Flughafen von Lima befunden und es trotz großer Mühen nicht geschafft, für sich und sein Drehteam ebenfalls Plätze auf diesem Flug zu bekommen. Er bereitete in Peru seinen Abenteuerfilm Aguirre, der Zorn Gottes (1972) mit Klaus Kinski vor und der ursprünglich auf den Vortag gebuchte Flug war wetterbedingt gestrichen worden.[44] Für Julianes Sturz in den Dschungel kehrte Koepcke das erste Mal an den Absturzort zurück, wo das Filmteam noch auf verstreut liegende Wrackteile der Lockheed L-188 Electra traf. Laut der Kritik des Hamburger Abendblattes suche Herzog „nicht das Dramatische in Köpckes Schilderungen, er wollte ein bewegendes Psychogramm schaffen, einen Menschen beim Prozess des Erinnerns und bei der Rückkehr in den Vorhof des Todes beobachten“.[11] Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kritisierte, dass Herzogs Film nicht von der Erfahrung des Absturzes handle, sondern Koepckes „Kampf durch und gegen den Dschungel“ in den Vordergrund trete. „Es gibt nicht viele Menschen, die zehn Tage auf sich allein gestellt im Urwald überlebt haben. Doch es gibt noch viel weniger Menschen, die einen Sturz aus mehreren tausend Meter Höhe überlebt haben.“, so die Frankfurter Allgemeine.[45]

2011 veröffentlichte Juliane Koepcke fast vierzig Jahre nach dem Flugzeugabsturz mit Als ich vom Himmel fiel. Wie mir der Dschungel mein Leben zurückgab eine Autobiografie, die auch ins Englische übersetzt wurde. Koepckes Buch wurde im selben Jahr bei der Verleihung des deutschen Literaturpreises Corine mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

Siehe auch[Bearbeiten]

Filme[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Autobiografie:

  • Koepcke, Juliane: Als ich vom Himmel fiel : wie mir der Dschungel mein Leben zurückgab. München : Malik, 2011. – ISBN 978-3-8902-9389-9.

Weitere Bücher:

  • Hummerstone, Robert G.: The ordeal of Juliane Koepcke. In: Discoveries. Glenview, Ill. : Scott Foresman, 1972. – ISBN 9780673045119.
  • Konsalik, Heinz G.: Eine Urwaldgöttin darf nicht weinen. München : Heyne, 1973. – ISBN 3-453-00407-8.
  • Vincent, Monica C.: Girl Against the Jungle. London : Longman, 1978. – ISBN 9780582537293.
  • Tripp, Jenny; Burgoyne, John: One was left alive. Milwaukee : Raintree Publishers, 1980. – ISBN 9780817215552.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Gero, David: Luftfahrtkatastrophen : Unfälle mit Passagierflugzeugen seit 1950. Stuttgart : Motorbuch-Verl., 1994. – ISBN 3-613-01580-3. S. 101–102.
  2. Profil von LANSA bei aviation-safety.net (englisch; abgerufen am 21. Januar 2012).
  3. Unfallbeschreibung bei aviation-safety.net (englisch; abgerufen am 21. Januar 2012).
  4. Maidenberg, H. J.: 99 on Airliner die in Crash in Peru. In: New York Times, 10. August 1970, S. 1.
  5. a b Transport Notes: T.W.U. Seeks Role. In: The New York Times, 4. September 1970, S. 32.
  6. Gero, David: Luftfahrtkatastrophen : Unfälle mit Passagierflugzeugen seit 1950. Stuttgart : Motorbuch-Verl., 1994. – ISBN 3-613-01580-3. S. 94.
  7. a b Unfallbeschreibung bei aviation-safety.net (englisch; abgerufen am 19. März 2014).
  8. a b c Mondout, Patrick: The Survivor. In: Newsweek. 17. Januar 1972, S. 39 (abgerufen am 21. Januar 2012 via super70s.com).
  9. a b c d e f Lansa’s Three Big Crashes in Five Years. In: Andean Air Mail & Peruvian Times, 31. Dezember 1971, S. 2.
  10. a b c d e Siebzehnjährige im Urwald zweimal dem Tod entronnen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Januar 1972, S. 7.
  11. a b Tittelbach, Rainer: Rückkehr in den Vorhof des Todes. In: Hamburger Abendblatt, 1. Februar 2000 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft).
  12. a b c d Weneit, Saskia: Absturz im Urwald. In: Der Tagesspiegel, 5. Juli 2009, Nr. 20310, S. 32.
  13. Missionaries in Peru Seek Giants. In: The Washington Post, 5. Februar 1972, S. B11.
  14. a b c Pleitgen, Frederik: Survivor still haunted by 1971 air crash bei cnn.com, 2. Juli 2009 (abgerufen am 21. Januar 2012).
  15. a b Rienhardt, Joachim: Was macht eigentlich Juliane Köpcke?. In: Stern, 7. April 2011, S. 162.
  16. Koepcke, Juliane: Als ich vom Himmel fiel : wie mir der Dschungel mein Leben zurückgab. München : Malik, 2011. – ISBN 978-3-8902-9389-9. S. 95.
  17. Wigg, Richard: Girl's ordeal starts a jungle search. In: The Times, 6. Januar 1972, Nr. 58368, S. 5.
  18. Koepcke, Juliane: Als ich vom Himmel fiel : wie mir der Dschungel mein Leben zurückgab. München : Malik, 2011. – ISBN 978-3-8902-9389-9. S. 159.
  19. a b c d Gropp, Martin: Abgestürzt in den Sinn des Lebens. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. März 2011, Nr. 73, S. 11.
  20. Terheyden, Pia: Zweimal dem Tod entronnen. In: Rheinische Post, 9. April 2011 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft).
  21. a b c „Das wird man nie los”. In: Süddeutsche Zeitung, 2. Juli 2009, S. 10.
  22. Girl Tells Of Ordeal in Peru Crash. In: Washington Post, 5. Januar 1972, S. A3.
  23. a b c d Jungle Trek : Survivor of Crash Tells of Struggle. In: Los Angeles Times, 6. Januar 1972, S. A11.
  24. a b Weddeling, Britta: Schicksal: Das Zigeunerhuhn weist den Weg bei focus.de, 4. Juni 2008 (abgerufen am 23. Januar 2012).
  25. a b Asheshov, Nicholas: Juliana Koepcke – My Nine Days Alone in the Jungle. In: Andean Air Mail & Peruvian Times, 14. Januar 1972, S. 5-6.
  26. a b Vom Himmel gefallen. In: Die Presse, 10. Juli 2011 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft).
  27. a b Juliane Koepcke discusses her new book, "When I Fell From the Sky," detailing being the only survivor of a plane crash. In: NBC News Transcripts, 28. Oktober 2011, Today Show, 7:00 AM EST NBC, Reporter: Tamron Hall (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft).
  28. Koepcke, Juliane: Als ich vom Himmel fiel : wie mir der Dschungel mein Leben zurückgab. München : Malik, 2011. – ISBN 978-3-8902-9389-9. S. 157 ff.
  29. Koepcke, Juliane: Als ich vom Himmel fiel : wie mir der Dschungel mein Leben zurückgab. München : Malik, 2011. – ISBN 978-3-8902-9389-9. S. 160.
  30. Airliner Wreckage Is Sighted in Peru. In: New York Times, 6. Januar 1972, S. 14.
  31. Graves, Ralph: A jungle search that ends in mystery. In: Life 72 (28. Januar 1972), Nr. 3, S. 1.
  32. Searchers reach Peru Crash Site. In: New York Times, 7. Januar 1972, S. 4.
  33. Kein Lebenszeichen zu entdecken. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Januar 1972, S. 8.
  34. All 91 Bodies Recovered in Peru Air Crash. In: Los Angeles Times, 14. Januar 1972, S. A24.
  35. Koepcke, Juliane: Als ich vom Himmel fiel: Wie mir der Dschungel mein Leben zurückgab. Piper, München 2011, ISBN 978-3-492-27493-7, S. 177 ff.
  36. Gero, David: Luftfahrtkatastrophen : Unfälle mit Passagierflugzeugen seit 1950. Stuttgart : Motorbuch-Verl., 1994. – ISBN 3-613-01580-3. S. 102.
  37. Survivor of Air Crash, 10-Day Trek Rests in Jungle Hospital. In: Los Angeles Times, 5. Januar 1972, S. 2A.
  38. Profil von Peru bei aviation-safety.net (englisch; abgerufen am 25. Januar 2012).
  39. Unfallbeschreibung bei aviation-safety.net (englisch; abgerufen am 25. Januar 2012).
  40. Hummerstone, Robert G.: She lived and 91 others died. In: Life 72 (28. Januar 1972), Nr. 3, S. 38–40.
  41. Koepcke, Juliane: Als ich vom Himmel fiel : wie mir der Dschungel mein Leben zurückgab. München : Malik, 2011. – ISBN 978-3-8902-9389-9. S. 192 ff.
  42. Parrott, Jennings: The Newsmakers. In: Los Angeles Times, 20. März 1972, S. A2.
  43. Ein Mädchen kämpft sich durch die grüne Hölle. In: film-dienst 17/1974 (abgerufen via Munzinger Online).
  44. Koepcke, Juliane: Als ich vom Himmel fiel: Wie mir der Dschungel mein Leben zurückgab. Piper, München 2011, ISBN 978-3-492-27493-7, S. 83.
  45. Beier, Lars-Olav: Tagebuch : Mein grünster Feind. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Februar 2000, Nr. 28, S. 58.