Laetoli

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Die abgedeckten Spuren 2006
Fußspuren im Vergleich: die grünen Linien verbinden Punkte gleicher Druckbelastung.
links: Australopithecus (3,6 Mio. Jahre alt)
Mitte: Homo erectus (1,5 Mio. Jahre alt)
rechts: anatomisch moderner Mensch

Laetoli ist eine bedeutende paläontologische Fundstelle von Fossilien aus dem Pliozän im Norden von Tansania. Sie befindet sich im Ostafrikanischen Graben etwa 45 Kilometer südlich der Olduvai-Schlucht und rund 200 km westlich von Arusha, im Bereich der Ngorongoro Conservation Area. Internationale Beachtung fand der Ort 1978, nachdem dort fossile Fußspuren von drei aufrecht gehenden Individuen der Hominini entdeckt worden waren. Die vulkanischen Aschen dieses Gebiets werden heute als ungefähr 3,6 Mio. Jahre alt ausgewiesen.[1]

Die Bezeichnung Laetoli ist der Lesart von Tim White zufolge eine Abwandlung von „Olaitole“, dem Namen eines nahen Wasserlaufs; laut Mary Leakey ist sie hingegen abgeleitet von dem bei den Massai üblichen Namen für die Blutblumen (Haemanthus); in den 1970er Jahren wurde die Fundstelle auch Laetolil geschrieben.[2]

Forschungsgeschichte[Bearbeiten]

Das heute als Laetoli bezeichnete Gelände ist seit den 1930er Jahren in Fachkreisen als Fossilienfundstätte bekannt, seine volle Bedeutung für die Paläoanthropologie wurde jedoch erst in den 1970er Jahren erkannt.[3]

Das Gebiet erstreckt sich links und rechts des Flusses Garusi über eine Länge von ungefähr zehn Kilometern und ist rund drei Kilometer breit. Die vorliegenden Ablagerungen in Schichten überwiegend vulkanischer Herkunft (Tuff) sind an manchen Stellen mehr als 130 Meter stark, die Fossilien treten zumeist durch Erosion an den Hängen hervor. Innerhalb der etwa 30 Quadratkilometer großen Fläche sind mehrere Dutzend verschiedene Fundplätze („localities“) definiert.[2]

Erstmals wissenschaftliche Beachtung fand die Gegend im Jahr 1935, als Louis Leakey in der Olduvai-Schlucht tätig war und von einem Einheimischen namens Sanimu auf die Fossilien von Laetoli aufmerksam gemacht wurde. Leakey und sein Team – darunter auch Mary Leakey – verbrachten daraufhin einige Tage in Laetoli und sammelten diverse Säugetier-Fossilien, darunter den Eckzahn eines Primaten, der aber erst 1981 als hominin (zu Australopithecus gehörig) beschrieben wurde[4] und bis dahin 44 Jahre unbeachtet in der Sammlung des Natural History Museum (Archivnummer BMNH M.18773) verwahrt worden war.

1938/39 besuchte dann der deutsche Forscher Ludwig Kohl-Larsen das Gelände. Dort entdeckte er 1939 unter anderem ein hominines Oberkieferfragment mit zwei Prämolaren (Garusi 1, auch: Garusi Hominid 1) und einen 3. Oberkiefer-Molar (Garusi 2), ohne aber ein neues Taxon zu vergeben. Beschrieben wurden seine Fossilien erstmals 1950 von Hans Weinert, der sie als Meganthropus africanus bezeichnete.[5] Später wurde in Larsens Sammlung noch ein Eckzahn als hominin identifiziert (Garusi 4), und alle drei Fossilien wurden schließlich als die ersten gefundenen Fossilien von Australopithecus afarensis erkannt.

1959 kehrten Louis und Mary Leakey nochmals nach Laetoli zurück und sammelten erneut Säugetier-Fossilien auf, entdeckten jedoch keine weiteren Überreste der Hominini; eine dritte Visite der beiden fand 1964 statt. Erst 1974 aber, nachdem unter der Leitung von Mary Leakey in Laetoli ein homininer Prämolar entdeckt worden war (Archivnummer L.H. 1 = Laetoli Hominid 1), wuchs das Interesse an einer gründlicheren Erkundung des Geländes, zumal schon bald mehrere gut erhaltene Unterkiefer von jugendlichen und von erwachsenen Hominini gefunden wurden. Allerdings blieb deren taxonomische Zuordnung zunächst im Unklaren, da es keine gesicherten Daten zur Altersbestimmung der Fossilien gab. 1976 konnte dann 13 weiteren Fossilienfunden aufgrund einer von Garniss H. Curtis vorgenommenen Kalium-Argon-Datierung erstmals ein Alter zugeschrieben werden: etwa 3,59 bis 3,77 Millionen Jahre.[2] Neuere Datierungen ergaben für die bis 2010 bekannt gewordenen 33 Fundstücke ein Alter von etwa 3,63 bis 3,85 Millionen Jahren.[6]

1978 beschrieb Donald Johanson gemeinsam mit Yves Coppens und Tim White erstmals die Art Australopithecus afarensis.[7] Für die wissenschaftliche Erstbeschreibung wurde als Holotypus ein 1974 vom Leakey-Team gefundener und 1976 in Nature beschriebener[2] Unterkiefer aus Laetoli LH 4 ausgewählt, als zusätzlicher Beleg bzw. Paratypus sind eigene Funde aus der Afar-Region angegeben wie AL 288-1, besser bekannt als Lucy.

Die Fußspuren[Bearbeiten]

Vergleich von Fußabdrücken:
oben: aufrecht gehender Mensch
Mitte: Schimpansen-artig mit angebeugtem Kniegelenk gehender Mensch
unten: Australopithecus

1976 entdeckte Andrew Hill, ein Professor für Paläontologie an der Yale University, während eines Besuchs in Laetoli in einem an der Erdoberfläche liegenden vulkanischen Tuff – genannt Tuff 7 – Vertiefungen, die er als die Abdrücke von aufgetroffenen fossilen Regentropfen sowie als Tierspuren von Vögeln, Säugetieren und Wirbellosen interpretierte. Hill fand die Spuren, als er sich vor einem Klumpen Elefantendung duckte, den ein Kollege nach ihm warf. 1977 wurden in Laetoli weitere Spuren entdeckt, die unter Vorbehalt als hominin interpretiert wurden. Im Juli 1978 entdeckte der Chemiker Paul Irving Abell (Mitglied des Teams von Mary Leakey) zwei parallel verlaufende Spuren von zweifelsfrei aufrecht gehenden Individuen der Hominini, die über mehr als 20 Meter hinweg erhalten geblieben waren. Die westliche Spur stammt von einem einzeln laufenden homininen Individuum und wies anfangs 22 Abdrücke auf, 1979 wurde die benachbarte östliche Spur aus 12 Abdrücken schließlich als die Fährte von zwei hintereinander in der gleichen Spur laufenden Individuen erkannt: Dies waren die bis dahin ältesten Belege für Bipedie bei frühen Hominini.[8] Später wurden weitere hominine Fußabdrücke gesichert, so dass heute rund 70 bekannt sind. Die Doppelspur wird von vielen Forschern Australopithecus afarensis zugeordnet.

Die Erzeuger der Spuren – darunter kleine Affen, Antilopen, Elefanten, Nashörner, Pferde, eine Katze, Perlhühner und ein Käfer – waren vor rund 3,6 Millionen Jahren nebeneinander über frische und von leichtem Regen angefeuchtete vulkanische Asche des 20 km entfernten Vulkans Sadiman gegangen. Die durchfeuchtete Asche härtete in der Sonne aus und wurde von weiteren Ascheschichten bedeckt.

Nach Abschluss der wissenschaftlichen Untersuchung wurden die Fußabdrücke 1979 zum Schutz vor Witterungseinflüssen abgedeckt. 1995/96 wurden die Spuren erneut freigelegt, aus Sorge, die Wurzeln der über ihnen gewachsenen Pflanzen könnten die wertvollen Funde zerstören. Bei dieser Gelegenheit wurden die Fußabdrücke erneut vermessen, fotografiert und abgezeichnet und anschließend wieder unter mehreren Schichten Sand und Erde versiegelt.

Seit 1998 leitet Terry Harrison von der New York University weitere Ausgrabungen im Gebiet von Laetoli; mehr als 10.000 Fossilien wurden gesammelt, darunter diverse Hominini-Knochen, so auch der erste Fund eines Paranthropus aethiopicus in Tansania, dessen Alter mit 2,66 Millionen Jahren angegeben wird.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • David A. Raichlen u. a. (2010): Laetoli Footprints Preserve Earliest Direct Evidence of Human-Like Bipedal Biomechanics. In: PLoS ONE 5(3): e9769. doi:10.1371/journal.pone.0009769 (frei zugängliche Volltextversion)
  • Robin H. Crompton u. a. (2011): Human-like external function of the foot, and fully upright gait, confirmed in the 3.66 million year old Laetoli hominin footprints by topographic statistics, experimental footprint-formation and computer simulation. In: Journal of the Royal Society Interface, Online-Vorabveröffentlichung vom 20. Juli 2011, doi:10.1098/rsif.2011.0258
  • David Martin: Olduvai and Laetoli. African Publishing Group (International), Harare 2002, ISBN 1-77916-048-8
  • Mary D. Leakey (Hrsg.): Laetoli: A Pliocene site in Northern Tanzania. Clarendon Press, Oxford Science Publications 1987, ISBN 0-19-854441-3

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Donald Johanson u. a.: Lucy und ihre Kinder. Elsevier, 2. aktualisierte Auflage, München 2006, S. ISBN 978-3-8274-1670-4
  2. a b c d Mary Leakey et al.: Fossil hominids from the Laetolil Beds. In: Nature, Band 262, 1976, S. 460–466, doi:10.1038/262460a0
  3. Die Darstellung der Forschungsgeschichte folgt im Wesentlichen Tim White, Gen Suwa: Hominid Footprints at Laetoli: Facts and Interpretation. In: American Journal of Physical Anthropology, Band 72, Nr. 4, 1987, S. 485–514, doi:10.1002/ajpa.1330720409
  4. Tim White: Primitive Hominid Canine from Tanzania. In: Science, Band 213, Nr. 4505, 1981, S. 348–349, doi:10.1126/science.213.4505.348
  5. Hans Weinert: Über die neuen Vor- und Frühmenschenfunde aus Afrika, Java, China und Frankreich. In: Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie, Band 42, 1950, S. 113–148
  6. Terry Harrison: Hominins from the Upper Laetolil and Upper Ndolanya Beds, Laetoli. Kapitel 7 in: Terry Harrison (Hrsg.): Paleontology and Geology of Laetoli: Human Evolution in Context. Volume 2: Fossil Hominins and the Associated Fauna, Vertebrate Paleobiology and Paleoanthropology. Springer Science + Business Media, 2011, S. 141, doi:10.1007/978-90-481-9962-4_7
  7. Donald Johanson, Tim White und Yves Coppens: A new Species of the Genus Australopithecus (Primates: Hominidae) from the Pliocene of Eastern Africa. In: Kirtlandia, Nr. 28, 1978, S. 1–14
  8. Mary Leakey, R. L. Hay: Pliocene footprints in the Laetolil Beds at Laetoli, northern Tanzania. In: Nature, Band 278, 1979, S. 317–323, doi:10.1038/278317a0

-2.9962235.3524Koordinaten: 2° 59′ 46″ S, 35° 21′ 9″ O