Landwirtschaft in der DDR

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Dieser Artikel beschreibt die Entwicklung der Landwirtschaft in der SBZ und der DDR zwischen 1945 und 1990.

Geschichte der Landwirtschaft in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR[Bearbeiten]

Die Landwirtschaft in der DDR lässt sich in drei Entwicklungsphasen einteilen. In einer ersten Phase wurde eine große Bodenreform zwangsweise durchgesetzt. Die zweite Phase ist geprägt von breit angelegten Kollektivierungsmaßnahmen und die dritte Phase von intensiven Industrialisierungsbestrebungen.

1. Phase: 1945–1949[Bearbeiten]

Briefmarke: Bodenreform in Preußisch-Sachsen 1945

In den Jahren 1945 bis 1949 wurde eine Bodenreform durchgeführt, in deren Verlauf Großgrundbesitzer, deren Betrieb mehr als 100 ha Fläche umfasste, und Besitzer, die als Kriegsverbrecher, NSDAP-Mitglieder und Gegner des Kommunismus eingestuft wurden, enteignet wurden. Die ostelbischen Gebiete waren geprägt von einem hohen Anteil an landwirtschaftlicher Fläche im Besitz weniger (oft adliger) Familien, die als Junker bezeichnet wurden. 1882 konzentrierte sich der Großgrundbesitz in den östlichen Provinzen Preußens und den beiden Provinzen von Mecklenburg. Der Anteil der Betriebe mit über 100 ha Fläche betrug in Ostelbien 44%, in Sachsen und Sachsen-Anhalt 23% und in Thüringen 12%. In allen anderen Regionen lag er unter 5% [1]. Diese Besitzverhältnisse änderten sich bis 1945 nur unwesentlich.

Jedoch wurden auch Betriebe von unter 100 Hektar enteignet. Dies waren Betriebsinhaber, die als Nationalsozialisten oder Kriegsverbrecher galten. Zudem wurden auch Landwirte denunziert, die nicht in die Verbrechen des Naziregimes verwickelt waren, dokumentiert im "Weißbuch über die 'Demokratische Bodenreform' in der SBZ"[2]. Widerstand gegen die Bodenreform kam vor allem von der CDU in der SBZ, deren Zonenvorstand sich Dezember 1945 klar gegen die entschädigungslosen Enteignungen aussprach. Der Vorsitzende der Ost-CDU, Andreas Hermes, wurde daraufhin auf Befehl der SMAD im Dezember 1945 als Vorstand abgesetzt, worauf dieser nach Bad Godesberg übersiedelte und dort der West-CDU beitrat[3].

Insgesamt wurden 7.160 Güter mit mehr als 100 ha Nutzfläche enteignet (zusammen 2,6 Mio Hektar), 4.537 kleinere Betriebe (mit zusammen 0,124 Mio Hektar) sowie ca. 0,6 Mio Fläche im öffentlichen Eigentum[4]. Unter den größten enteigneten Gütern befanden sich u.a. die Besitzungen des Fürsten Stolberg-Wernigerode (22.000 Hektar), des Herzogs von Anhalt (20.000 Hektar), des Grafen Malte zu Putbus (18.800 Hektar) sowie des Grafen von Arnim (15.800 Hektar)[5]. Die enteigneten Betriebsflächen wurden ärmeren oder landlosen Bauern sowie den Flüchtlingen und Vertriebenen zugesprochen. Erstere, also landarme Bauern, Arbeiter und Kleinpächter, erhielten insgesamt 0,5 Mio Hektar. Durchschnittlich wurden hier 1,5 Hektar an 335.000 Landarme verteilt. Zweitere, die Neubauernhöfe, erhielten insgesamt 1,7 Mio Hektar. Hier wurde Land an 200.000 Neubauern verteilt, von denen ca. 90.000 Vertriebene und Flüchtlinge aus den Gebieten jenseits der Oder-Neiße-Grenze sowie aus Osteuropa waren. Diese Neubauern erhielten jeweils eine Fläche von circa fünf Hektar, die für einen Familienbetrieb ausreichten. Auf 1,0 Mio Hektar wurden ca. 550 Staatsgüter errichtet[6].

2. Phase: 1952–1960[Bearbeiten]

Getreideernte 1952 in der DDR

Die Jahre 1952 bis 1960 waren mit einem staatlich organisierten Zusammenschluss von privaten Betrieben zu genossenschaftlichen Großbetrieben zu sogenannten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), verbunden. Offizielles Ziel war die Erhöhung der Produktivität und der Effektivität. Der Zusammenschluss erfolgte teils freiwillig, teilweise wurde jedoch auch ökonomischer und politischer Druck ausgeübt, um einen Zusammenschluss zu erzwingen. Der Zeitraum 1952 bis 1960 wird als „Kollektivierungsphase“ bezeichnet. Im sogenannten „Sozialistischen Frühling“ von März bis Mai 1960 wurden die letzten 400.000 Landwirte, von vereinzelten Ausnahmen wie dem Hof Marienhöhe abgesehen, zum Eintritt in LPGs gezwungen.[7] Siehe dazu auch Kollektivierung.

3. Phase: 1968–1989[Bearbeiten]

Eine Industrialisierung des Agrarsektors fand in den Jahren 1968 bis 1989 statt. Ziel dieser Industrialisierung war eine endgültige Beseitigung der Rückständigkeit des Dorfes gegenüber der Stadt sowie eine Gleichsetzung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Stadt- und Dorfbevölkerung. Man strebte ein hochspezialisiertes Wirkungsgefüge an: Es kam zu einer Reorganisation der Pflanzen- und Tierbetriebe, d.h. die LPGs spezialisierten sich entweder auf die Tierzucht oder auf die Pflanzenproduktion. Durch den vermehrten Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln wollte man eine Unabhängigkeit von schlechten Witterungsbedingungen gewährleisten. Durch die Einführung von geregelten Arbeits- und Urlaubszeiten und der Einbeziehung der Frauen in die Produktion wurden Dienstleistungsfunktionen an die Landwirtschaft übertragen.

Nach der Wende[Bearbeiten]

Nach der Wende erfolgte ein grundlegender Umbau der Landwirtschaft. Die LPGs wurden vielfach in Gesellschaften mit beschränkter Haftung oder in eingetragene Genossenschaften nach dem Genossenschaftsgesetz umgewandelt. Diese standen aufgrund von Altschulden und des Investitionsstaus vielfach bald vor wirtschaftlichen Problemen. Die Restitution von enteigneten Grundstücken und der Verkauf von LPG-Land gab die Basis für Wiedereinrichter.

Heute ist die Landwirtschaft in den neuen Ländern geprägt durch Betriebsgrößen, die diejenigen im Westen weit überschreiten. Diese machen sie weitaus wettbewerbsfähiger als die kleinflächige Landwirtschaft in den alten Bundesländern.

Landtechnik[Bearbeiten]

Das Kombinat Fortschritt Landmaschinen war der wesentliche Anbieter von Landmaschinen in der DDR. Da die Produktion an Landmaschinen den Bedarf nicht decken konnte, wurden in erheblichem Umfang Eigenbautraktoren eingesetzt. Ab den 1960er Jahren wurden Universalgeräteträger entwickelt, die in der BRD seit den 1950er Jahren gefertigt wurden. Diese in Serie gefertigten Kleintraktoren sollten durch modularen Aufbau unterschiedlichsten Zwecken dienen und waren daher wirtschaftlicher als bisherige Traktoren. Seit den 1980er Jahren wurden dagegen schwere Traktoren bevorzugt. Die Mechanisierung der Landwirtschaft wurde vordringlich durch die Großbetriebe vorgenommen. Um auch Kleinbauern Zugriff auf Maschinen zu ermöglichen, wurden nach der Bodenreform Maschinen-Ausleih-Station bzw. Maschinen-Traktoren-Stationen eingerichtet. Für die verlustarme Lagerung und Trocknung der Getreideernte wurden in jedem Kreis spezialisierte Agrarbetriebe gegründet. Im Bereich der Tierproduktion wurden normierte Stallanlagen als Typbauten entwickelt. Für die Erschließung brachliegender Flächen (beispielsweise im Oderbruch) wurden Spezialbetriebe für Meliorationsbau gegründet. Die ständige Ausweitung der Be- und Entwässerung der Felder und Wiesen sowie die meist unkontrollierte Überdüngung mit Gülle hatte bald Umweltschäden zur Folge.

Beschäftigte in der Landwirtschaft[Bearbeiten]

Auch in der DDR (wie in den anderen Industrieländern) fand eine Tertiärisierung, also eine Verschiebung von Beschäftigtenzahlen von der Landwirtschaft in die Industrie und von dort in die Dienstleistungsberufe statt. Für die Landwirtschaft bedeutete dies ein kontinuierliches Sinken der Beschäftigtenzahlen und des Anteils landwirtschaftlicher Produkte am Wert des Volkseinkommens. Dieser Prozess war ein Ergebnis der fortschreitenden Industrialisierung der Landwirtschaft und des technischen Fortschrittes. Jedoch fiel diese Entwicklung wesentlich geringer aus, als gleichzeitig in der Bundesrepublik.

In der DDR sank der Anteil der in der Landwirtschaft beschäftigten von 27,9 % im Jahr 1950 auf 10,8 % im Jahre 1989. In der Bundesrepublik war der Anteil in der gleichen Zeit auf 3,9 % gesunken. Dies wurde so bewertet, dass die Landwirtschaft der DDR 1989 den Produktivitätsgrad erreicht hätte, der im Westen im Jahr 1965 erreicht worden war[8]. Allerdings waren in der Landwirtschaft der DDR, insbesondere in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), eine Vielzahl an Arbeitskräften tätig, welche nicht dem unmittelbaren Produktionssektor zugerechnet wurden (Verwaltung, Hilfs- und Nebenbereiche, Versorgung, kultureller Bereich u.a.). Für Thüringen wurde z.B. angegeben, dass nur 58% der Beschäftigten der Landwirtschaft im Produktionsbereich tätig waren[9].

Als Ursache für die geringere Produktivität wird einerseits vor allem die Zerstörung der Schicht der bäuerlichen Familienunternehmen genannt. Nicht zuletzt durch die Bodenreform waren 1950 25 % der arbeitenden Bevölkerung der DDR selbstständig oder mithelfende Familienangehörige. 1989 waren es gerade noch einmal 2,1 %. In der Landwirtschaft hatte die Kollektivierung aus eigenverantwortlichen Unternehmern unselbstständige Beschäftigte gemacht[10]. Andererseits wird die schwierige Situation in der Landwirtschaft ebenso mit ihrer Einbettung in die Mangelwirtschaft der DDR erklärt. So musste die mangelnde Ausrüstung und Belieferung mit Hilfsleistungen/-stoffen von den LPG selbst kompensiert werden[11].

Organisationen[Bearbeiten]

Als politische Organisation der Landbevölkerung wurde November 1945 die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe als Massenorganisation gegründet. Bei den Landtagswahlen in der SBZ 1946 erreichte der VdgB nur 2,9 % der Stimmen. Wie die anderen Parteien wurde auch der VdgB gleichgeschaltet und in die Nationale Front eingegliedert.

Oberste Landwirtschaftsbehörde war das Ministerium für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft der DDR. Minister waren Ernst Goldenbaum, Paul Scholz, Georg Ewald, Heinz Kuhrig, Bruno Lietz, Hans Watzek und Peter Pollack.

Die Agra war eine wichtige Landwirtschaftsausstellung der DDR.

Landwirtschaft in Ideologie und Propaganda[Bearbeiten]

Propaganda-Grafik zur Produktionserhöhung in der Landwirtschaft

Die Landwirtschaft spielte eine wesentliche Rolle im Selbstverständnis der DDR. Die DDR verstand sich als Arbeiter-und-Bauern-Staat, die Landwirtschaft stand daher ebenfalls im Mittelpunkt der Propaganda von SED und DDR. Die Bauernschaft wurde als Klasse verstanden, die gemeinsam mit der Arbeiterklasse die Macht ausübte. Im Staatswappen der DDR symbolisierte der Ährenkranz, in der Flagge der Sowjetunion, dem Großen Bruder der DDR, Hammer und Sichel die Sichel die Klasse der Bauern. Nach der Gründung der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD) im April 1948 erreichte diese Blockpartei bald 80.000 Mitglieder. Die DBD war Herausgeber der Tageszeitung Bauernecho. Besonders bei der Erntezeit erlebte die DDR-Bevölkerung eine enorme Propaganda in den Medien. Um die jährlichen Ernteverluste zu minimieren wurden republikweit Sonderbrigaden mit Erntehelfern gebildet. Große Aufmerksamkeit erhielt der Landmaschinenbau in der Messeberichterstattung, so etwa über die Landwirtschaftsausstellung agra in Markkleeberg. DDR-Agrartechnik wurde beispielsweise in asiatische und afrikanische Länder, aber auch westliche Staaten wie Frankreich oder die BRD als Kompensation für Rohstoffe und Nahrungsgüter geliefert. DDR-Agrarexperten wurden als Aufbauhelfer beispielsweise in Nicaragua und Äthiopien eingesetzt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Heinz: Von Mähdreschern und Musterdörfern. Industrialisierung der DDR-Landwirtschaft und die Wandlung des ländlichen Lebens. Metropol Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-940938-90-9
  • Ulrich Kluge, Winfrid Halder, Katja Schlenker (Hg.): Zwischen Bodenreform und Kollektivierung. Vor- und Frühgeschichte der sozialistischen Landwirtschaft in der SBZ/DDR vom Kriegsende bis in die fünfziger Jahre. Stuttgart 2001
  • Klaus Schmidt (Hg.): Landwirtschaft in der DDR - VEG, LPG und Kooperationen; wie sie wurden, was sie waren, was aus ihnen geworden ist, Agrimedia GmbH & Co. KG, Clenze 2009, ISBN 978-3-86037-977-6.
  • Jens Schöne: Die Landwirtschaft der DDR 1945-1990. Erfurt 2005, ISBN 3-931426-90-4 (Digitalisat; PDF; 195 kB)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Meyers Großes Konversationslexikon, Band 8, Leipzig 1907, Seite 449-452, Stichwort: „Grundeigentum (Statistisches)“[1]
  2. Joachim von Kruse: Weißbuch über die 'Demokratische Bodenreform' in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Dokumente und Berichte. München Stamsried 1988
  3. Helmut Müller-Enbergs: Hermes, Andreas. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  4. Friedrich-Wilhelm Henning: Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Deutschland. Band 2 Paderborn 1986, Seite 232
  5. Volker Klemm: Von den bürgerlichen Agrarreformen zur sozialistischen Landwirtschaft in der DDR. Berlin 1978, Seite 154
  6. Friedrich-Wilhelm Henning: Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Deutschland. Band 2 Paderborn 1986, Seite 233
  7. "Das war ein großes Unrecht". Zwangskollektivierung vor 50 Jahren. Thüringische Landeszeitung, 26. April 2010
  8. Doris Schwarzer: Arbeitsbeziehungen im Umbruch – BRD, DDR und Neue Bundesländer im Vergleich. Stuttgart 1996, Seite 81 ff
  9. Katrin Kuester: Die ostdeutschen Landwirte und die Wende. Kassel 2002, ISBN 3-933146-96-8, Seite 78 ff
  10. Oskar Schwarzer: Sozialistische Zentralplanwirtschaft in der SBZ/DDR. 1999, ISBN 3-515-07379-5, Seite 86, 87
  11. Verband für Agrarforschung und -bildung Thüringen e.V. Jena-Zwätzen: Thüringer Landwirtschaft zwischen 2. Weltkrieg und Wiedervereinigung 1999, ISBN 3-00-005288-7, Seite 55 ff

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Landwirtschaft in der DDR – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien