Langes s

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ſ

Das lange s „ſ“ ist eine grafische Variante des Buchstabens „s“ oder, sprachwissenschaftlich, eine stellungsbedingte allographische Variante des Graphems „s“. Es wird in den heute üblichen „runden“ Schriften (Antiqua-Schriften) normalerweise nicht mehr verwendet.

In gebrochenen Schriften ist die Verwendung des „ſ“ parallel zum runden s nach historisch gewachsenen Regeln konventionalisiert. Dabei wird das „ſ“ im Deutschen für das s-Graphem im Anlaut oder Inlaut einer Silbe geschrieben, während im Auslaut einer Silbe das runde s oder Auslaut-s gebraucht wird. Früher kam das lange s in allen romanischen ebenso wie den deutschen, englischen, niederländischen, westslawischen und den skandinavischen Schriftformen vor.

Das „ſ“ bildet auch den ersten Bestandteil der beiden Ligaturen „ſʒ“ („ſz“) und „ſs“, die als Ursprung des deutschen Buchstabens „ß“ angenommen werden.

Entstehung des Minuskel-s[Bearbeiten]

Entstehung des langen ſ und runden s aus der römischen Kapitalschrift
9.–12. Jahrhundert
15. Jahrhundert

Mit der Halbunzial-Schrift (5. Jh. – 8. Jh.) entstand eine Schriftart, in der gegenüber der Römischen Capitalis-Schriften einzelne Buchstaben erstmals Ober- und Unterlängen ausbildeten. Sie vermittelt, ohne selbst schon ausgesprochen eine Minuskelschrift zu sein, den endgültigen Übergang vom zweilinigen zum vierlinigen Schriftsystem. Diese selbstständige Schriftart vermengt Elemente sowohl der Kapitale wie der Unziale und der jüngeren römischen Kursive zu etwas Neuem, sie stellt den Beginn der Weiterentwicklung der antiken, lateinischen Großbuchstaben- (Majuskel-) Schrift zu einer Kleinbuchstaben- (Minuskel-) Schrift dar. Der Buchstabe s wird nun sowohl in der zweilinigen Majuskelform wie auch in der dreilinigen Minuskelform des langen ſ verwendet.

Die Karolingische Minuskel-Schrift (9. Jh. – 12. Jh.) lehnt sich an die Nebenformen der Halbunzialen an und wandelt sich unter insularer, italischer und westgotischer Einwirkung zu der sie kennzeichnenden Form. Aufgrund der kulturpolitischen Anstrengungen zu einer Normierung im Fränkischen Reich nimmt sie für den Gesamtablauf der abendländischen Schriftentwicklung eine epochale Stellung ein. Sie ist die Schrift, aus der sich mittelbar die Antiqua und die gebrochenen Schriften (einschließlich der deutschen Kurrentschrift) entwickelt haben.

Im Einzelnen sind die Buchstaben dieser Schrift dem Vierliniensystem voll angepasst. Der Charakter der Minuskelschrift ist damit vorherrschend. Das Ideal der Karolingischen Minuskel liegt in einem Alphabet ohne Doppelformen. In einigen Schreibschulen kommt das „s“ daher ausschließlich als langes s mit Oberlänge vor.

Das runde „s“ für das Wortende kommt allerdings schon im 9. Jahrhundert in einigen Schreibschulen wieder dazu. Es breitet sich in der Folgezeit weiter aus, zunächst gerne hochgestellt, während sein Auftreten in der Wortmitte auf das 12. Jahrhundert verweist.[1]

Verschwinden des langen s im Antiquasatz[Bearbeiten]

Langes s im Antiquasatz
Vergleichende s-Schreibung, Hamburger Rechtsamt 1955. Abweichend wird in der modernen lateinischen Handschrift auch ß verwendet. Und bei Namen muss eine ſs-Kombination nicht immer von einem ß kommen.

Die Differenzierung zwischen langem und rundem s verlor seit dem 18. Jahrhundert im Antiquasatz international an Bedeutung. Das lange s wurde in französischen Texten fast schlagartig mit der Revolution unüblich. Das Pariser astronomische Jahrbuch Connaissance des temps beispielsweise benutzte „ſ“ bis zum Erscheinungsjahr 1792, ab 1793 aber „s“, gleichzeitig änderte sich die Jahreszählung auf dem Revolutionskalender und die Widmung der Buchreihe.

Um 1800 wurde zum ersten Mal auch deutschsprachiger Text in größeren Mengen in Antiqua gesetzt (vgl. Antiqua-Fraktur-Streit). Anfangs wurde das lange s uneinheitlich verwendet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete sich ein gewisser Konsens heraus. Grundsätzlich wurde im Antiquasatz kein langes s verwendet. Die einzige Ausnahme war, dass in Antiqua ſs geschrieben wurde, wo im deutschen Fraktursatz sz (Eszett, ß) geschrieben wurde. So wurde „Wasser“ im Fraktursatz mit zwei langen s geschrieben, im Antiquasatz mit zwei runden. Dagegen wurde „Fluss“ im damaligen Fraktursatz mit ß geschrieben, aber im Antiquasatz als „Fluſs“. Die Schreibweise „Fluß“ war aber auch im Antiquasatz zulässig. Der Duden von 1880 fasste die Regel so zusammen:

Regeln zum langen s im Duden, 1880

Mit der Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung von 1901 wurde statt dieser Zwischenlösung die Verwendung eines ß-Zeichens auch im Antiquasatz vorgeschrieben. Dank einer Initiative[2] der Buchdruckerei- und Schriftgießereibesitzer von 1903 verfügten die meisten Druckereien ab 1904 über geeignete Lettern.

Seitdem entsprach die Verwendung eines langen s im Antiquasatz nicht mehr der gültigen Rechtschreibung. Der in Fraktur gesetzte Duden stellte 1915 klar, dass „die mehrfach versuchte Anwendung eines langen ſ in lateinischer Schrift für das ſ in der deutschen Schrift unzulässig ist.“[3] Die Schreibweise ſs anstelle von ß in der Antiqua war nur noch als Notbehelf zugelassen, wenn kein ß vorhanden war.[4]

Die 12. Auflage des Duden von 1941 war die letzte in Fraktursatz, nach dem Normalschrifterlass wurden die Nachdrucke ab 1942 auf Antiqua umgestellt. Als Hilfestellung für Schreiber der gebrochenen Schrift wurde das Schluss-s jeweils unterstrichen, jedoch nicht bei „vokabelartigen Stichwörtern und Fügungen, da Fremdsprachen in der Regel in runden Schriften gesetzt werden.“[5] (beispielsweise: Dresden, Dualismus, aber nolens volens, Regens chori) Dies wurde auch bei der gemeinsamen 13. Ausgabe 1947 so gehandhabt. Die BRD-Ausgaben lassen dies ab der 14. Auflage 1954 weg. Die 14. DDR-Ausgabe von 1951 ist hingegen in Antiqua mit korrekt gesetztem langem s (und ß) gehalten. In der 15. (1957) und der 16. Auflage (1967) wird wieder das System der Unterstreichung angewendet, welches erst mit der 17. Auflage (1975) verschwindet.

Die 1909 erschienene Ehmcke-Antiqua und die ein Jahr später erschienene Ehmcke-Kursiv von Fritz Helmuth Ehmcke sind wahrscheinlich die einzigen Schriften mit Versal-ſ. Sie haben ebenso versale Formen für ß, ch und ck. Über den Umweg einer Bleisatz-Version bei Stephenson Blake in England und eine davon gefertigte Letraset-Version ist sie heute als Computerschrift unter dem Namen Carlton erhältlich.[6]

Langes s und rundes s[Bearbeiten]

Verschiedene Ausführungen des langen ſ und des runden s in verschiedenen Schriften
„Kurz iſt das Leben“ Lang-s (hier als ſt-Ligatur, die aus der bis ins 18. Jahrhundert gebräuchlichen, aufwärts geschriebenen Form des Lang-s und einem oben daran angeschlossenem T gebildet wurde) und Schluss-s in Kurrentschrift des frühen 19. Jahrhunderts

Synonyme für Lang-s: Anlaut-s, Inlaut-s, Silbenanfang-s, Schaft-s, Kleines Lang-s, Langes s.

  • In anderen Sprachen:
Englisch: Medial s, Descending s, Long s (Unicode-Bezeichnung: Latin Small Letter Long s).
Französisch: s long
Italienisch: s lunga
Spanisch: s larga

Synonyme für Rund-s: Schluss-s, Auslaut-s, Kurz-s, kurzes s, rundes s, Minuskel-s, Kleinbuchstaben-s.

  • In anderen Sprachen
Englisch: Terminal s, Short s, Final s, Lowercase s, Latin small letter s.
Französisch: s rond, notre s (unser s)

Verwendung heute[Bearbeiten]

Wachs-tube und Wach-stube

In der Antiqua ist die Verwendung des langen s heute selten, bei gebrochenen Schriften ist sie uneinheitlich.

Als Folge der Orthographischen Konferenzen sah die geltende Rechtschreibung ab Anfang des 20. Jahrhunderts eine Trennung der Anwendungsregeln des langen s für lateinische Schrift und gebrochene Schrift vor. Während in der Antiqua kein langes s mehr zu verwenden war, blieb die Unterscheidung zwischen langem und rundem s in gebrochenen Schriften erhalten.

Als Vorteil der Unterscheidung zwischen langem und rundem s in der deutschen Sprache wird angeführt, dass bei zusammengesetzten Wörtern, die im Deutschen fast immer zusammengeschrieben werden, die Wortfuge in vielen Fällen klarer erkennbar sei. Denn das (runde) s ist einerseits, weil es bei den meisten maskulinen und neutralen Substantiven den Genitiv kennzeichnet und als Fugenlaut dient, sehr oft der letzte Buchstabe des vorangehenden Wortteils; andererseits ist das (lange) s (auch in den Verbindungen sch, sp, st) einer der häufigsten Anfangsbuchstaben und damit oft der erste Buchstabe des nachfolgenden Wortteils. Wörter wie Haustür, Häschen oder desselben werden dadurch leichter lesbar, und es ermöglicht die Unterscheidung von Wörtern wie Wachſtube (Wach-Stube) und Wachstube (Wachs-Tube), Kreiſchen (Krei-schen, für Schreien) und Kreischen (Kreis-chen, für kleiner Kreis), Verſendung (Ver-sendung) und Versendung (Vers-Endung), Röschenhof (Rös-chen-hof, von kleine Rose[7]) und Röſchenhof (Rö-schen-hof, vom Eigennamen Rösch). Dies wurde im Antiqua-Fraktur-Streit als Argument benutzt, um die Überlegenheit der gebrochenen Schriften für den Satz deutscher Texte zu demonstrieren.

Demgegenüber kann angeführt werden, dass das lange s leicht mit dem Buchstaben f zu verwechseln ist, insbesondere nachdem das lange s heute aus verkehrsüblichen Texten nahezu verschwunden und nicht mehr Teil der Schulausbildung ist. Zur besseren Unterscheidung von ſ und f sprach Gustav Michaelis bereits 1876 die Bitte aus, die deutschen Buchdrucker mögen gemeinsam beschließen, den „durchaus unschönen und störenden Hacken“ am ſ wegfallen zu lassen; es würden dadurch sicher zahllose Korrekturen entfallen.[8]

Uneinheitliche Verwendung des langen s bei Gaststättenschildern. Im oberen Bild wäre nach den traditionellen Regeln ein langes s richtig.
Unübliche Verwendung des langen s. Hier wäre ein rundes s richtig.

Die Regeln zur traditionellen Verwendung des langen und runden s sind heute vielfach unbekannt und ihre Unterscheidung ist mit Computerschriften und Computerprogrammen technisch nicht ohne weiteres realisierbar. In der Folge erscheinen gebrochene Schriften immer häufiger nach Antiqua-Satzregeln und verwenden ausschließlich das runde s. Da in manchen Computerschriften anstelle des runden s ein langes s abgelegt ist, kann auch der umgekehrte Fall eintreten und es wird durchgängig ein langes s verwendet. Dies ist jedoch weder durch die aktuellen Antiqua-Satzregeln noch durch die traditionellen Fraktursatzregeln gerechtfertigt.

Eine Reihe von Firmen haben, soweit sie für ihre Produkte Bezeichnungen in gebrochenen Schriften verwenden, das lange s in den vergangenen Jahren durch ein rundes s ersetzt, etwa Gilden-Kölsch, Ostfriesentee oder Warsteiner. Beibehalten wurde das lange s etwa von Jägermeister, wobei es beim Waidmannsspruch am Etikettenrand im Jahr 2005 ebenfalls entfernt wurde.

Der Typograf Friedrich Forssman bezeichnet die Anwendung des langen s bei gebrochenen Schriften als unverzichtbar, nennt jedoch eine Ausnahme: „In gotischen Schriften kann auch generell das runde s verwendet werden, vor allem in fremdsprachigen Anwendungen oder bei Verwechslungsgefahr in Beschriftungen.“[9] Forssman leitet dies nach eigenen Angaben aus der früheren Praxis ab. Für eine Untergruppe andere Regeln zu verwenden als für die restlichen gebrochenen Schriftstile, ist jedoch nicht unumstritten.

Die Stiftung Buchkunst zeichnete 2012 das in Schwabacher gesetzt Buch Morgue und andere Gedichte aus, das auf die Verwendung eines langen s verzichtet. In der Urteilsbegründung[10] heißt es: „Eine Marginalie für die Dogmatiker unter den Schriftsetzern: Der Verzicht auf das lange Binnen-S der gebrochenen Schriften ist für unsere heutigen Lesegewohnheiten kein Fehler”.

Regeln zur Verwendung von langem und rundem s[Bearbeiten]

Deutsch[Bearbeiten]

Die amtliche deutsche Rechtschreibung macht in ihrer aktuellen Fassung keine Vorgaben mehr zur Verwendung des langen s und erwähnt auch keine Sonderregeln für bestimmte Schriftstile wie etwa die gebrochenen Schriften. Demnach ist also ein genereller Verzicht auf das lange s als regelkonform anzusehen. Sollen dagegen gebrochene Schriften heute mit einer Unterscheidung von langem und rundem s gesetzt werden, erfolgt dies zumeist nach den traditionellen Regeln, wie sie sich bis in das 20. Jahrhundert entwickelt haben. Der Duden schlägt davon leicht abgewandelte Regeln vor, die im Einklang mit der neuen Rechtschreibung gewählt wurden.[11]

Lübecker Straßenschild aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts mit rundem und langem s
Traditionelle Regeln[Bearbeiten]
Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung: Der Abschnitt ist unbelegt und Aussagen sind falsch bzw. muß "traditionell" definiert werden. Beispielsweise erwähnen Duden-Auflage 3 und 5 neben der Trennung "Waſ- ſer" auch "Was- ſer". Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung.
Das runde s[Bearbeiten]

Das runde „s“ kann nur im Silbenauslaut stehen (zumeist nur direkt am Silbenende als Wort- oder Teilwortschluss-s), niemals am Anfang eines kleingeschriebenen Wortes, Teilwortes oder am Silbenanfang:

  • als Wortschluss-s:
    z. B. das Haus, der Kosmos, des Bundes, das Pils (aber: im Hauſe, die Häuſer, das Pilſener)
  • am Ende von Vorsilben, als Fugen-s und in Zusammensetzungen und Komposita am Ende des ersten Teilwortes, auch dann, wenn das folgende Teilwort mit einem langen ſ beginnt:
    z. B. Liebes-brief, Arbeits-amt, Donners-tag, Unterſuchungs-ergebnis, Haus-tür, Dis-poſition, dis-harmoniſch, das-ſelbe, Wirts-ſtube, Aus-ſicht.
  • in Ableitungen mit Wortbildungssuffixen, die mit einem Mitlaut beginnen, wie -lein, -chen, -bar u. Ä. (nicht vor Flexionsendungen aus t und ggf. Schwa [ə]):
    z. B. Wachs-tum, Weis-heit, Häus-lein, Mäus-chen, Bis-tum, nachweis-bar, wohlweis-lich, bos-haft (aber: er lieſt, das ſechſte, vgl. unten zur Verbindung ſt).
  • als Silbenauslaut-s, ohne dass ein [Teil]wortschluss vorliegen muss (häufig auch in Eigennamen):
    z. B. kos-miſch, brüs-kieren, brüsk, Realis-mus, les-biſch, Mes-ner; Os-wald, Dres-den, Schles-wig, Os-nabrück.
    Hiervon gibt es Ausnahmen: siehe Lang-s weiter unten!
Das lange s[Bearbeiten]
Grabstein der Familie Mendelssohn mit rundem und langem s

Das lange s steht immer dann, wenn das kurze s nicht verwendet wird:

  • immer im Silbenanlaut (gemeint sind Sprechsilben), also am Silbenanfang und vor dem Selbstlaut in der Silbenmitte:
    z. B. ſauſen, einſpielen, ausſpielen, erſtaunen, ſkandalös, Pſyche, Gſtaad, Mi-ſanthrop (Sprechsilben: Mi-san-throp)
    Genauso im Anlaut der Nachsilben -ſel, -ſal, -ſam: z. B. Rätſel, Labſal, ſeltſam.
    Dies gilt auch, wenn der gesprochene s-Anlaut einer Silbe (durch Assimilation) entstandenes Doppel-s ist: z. B. aſſimiliert, Aſſonanz.
  • in den Lautverbindungen ſp, ſt und ſz, (nicht wenn sie durch Fugen-s oder Komposition entstehen) auch in gebeugten Wortformen vor Endungen auf -t und ggf. Schwa [ə] und selbst dann, wenn ſ dabei im Silbenauslaut steht:
    z. B. Weſpe, Knoſpe, faſten, faſzinierend, Oſzillograph; Haſt, Luſt, einſt, meiſtens, beſte, lieſt, paſſte [neue Rechtschr.], ſechſte.
  • in Digraphen, also Buchstabenverbindungen, die einen Laut darstellen (auch beim doppelt dargestellten Mitlaut ſſ/ſs, selbst dann, wenn ſ dabei im Silbenauslaut steht):
    z. B. Wunſch, wünſchen, Flaſh, Waſſer, Biſſen, Zeugniſſe, Faſs [neue Rechtschr.], auch bei assimilierten Vorsilben: aſ-ſimiliert, Aſ-ſeſſor.
  • in den Lautverbindungen ſl, ſn und ſr, wenn ein Schwa ausgefallen ist (selbst dann, wenn ſ dabei im Silbenauslaut steht):
    z. B. unſre, Pilſner.
  • wenn durch Silbentrennung „ſ“ am Silbenende steht, bleibt es unverändert:
    z. B. Weſpe – Weſ-pe, Waſ-ſer, unſ-re.
  • im Silbenauslaut anstelle von s, wenn es in der ersten Position der Verbindungen ſſ/ſs, ſt und ſp (und seit 1901 auch in ſz) steht, dann unabhängig von der Silbenstruktur:
    z. B. Waſſer, Faſs [neue Rechtschr.], Aſt, du ſtehſt, paſſte [neue Rechtschr.], beſte, knuſpern, Faſzination.
    Dasselbe gilt auch für ſch, ſz (und andere Buchstabenkombinationen aus anderen Sprachen: ſh usw.), aber nur wenn sie als jeweils ein Laut gesprochen werden (also Digraphen sind; so lässt sich auch der Gebrauch von ſ in der Ligatur ſz in gebrochenen Schriften [für Antiqua-ß] erklären: Fuſz = Fuß, [alte Rechtschr.:] Faſz = Faß); und für ſ vor l, n, r, aber nur wenn dazwischen ein „e“ ausgefallen ist:
    z. B. Buſch, Eſche, Flaſh; Pilſner, unſre, aber: Eschatologie; Zuchthäusler, Oslo, Osnabrück.

In allen anderen Fällen wird fast immer rundes s gebraucht (vgl. oben).

Siehe auch: Deutsche Rechtschreibung im 19. Jahrhundert

Niederländisch[Bearbeiten]

Die niederländische Sprache verwendete das lange s ebenso wie die deutsche Sprache nach Wortbestandteilen, z. B. rechtsgeleerden, godsdienſten, misverſtand.

Englisch[Bearbeiten]

Langes s in Fraktur und Antiqua,
Protestant Tutor von Benjamin Harris
Englischer Text in der Kathedrale von Exeter mit langem und rundem s

Die englische Sprache verwendet das lange s eher nach graphischen als nach semantischen Gesichtspunkten. Es gelten folgende Regeln:

  • Am Ende eines Wortes und vor einem Apostroph wird rundes s gebraucht: is.
  • Vor und nach einem f wird rundes s gebraucht, z. B. offset, satisfaction.
  • Vor einem Bindestrich am Zeilenende steht immer langes ſ, z. B. Shaftſ-bury.
  • Im 17. Jh. wurde s vor k und b zu rundem s, z. B. ask, husband; im 18. Jh. hingegen schrieb man aſk und huſband.
  • Sonst wird langes ſ verwendet, z. B. ſong, ſubſtitute.
  • ss im Inneren eines Wortes wird in kursivem Text zu ſs, z. B. aſsure, Bleſsings, aber: aſſure.

Siehe auch: Fraktursatz

Französisch[Bearbeiten]

Auch hier ist der Gebrauch von langem und rundem s graphisch bestimmt:

  • Am Ende eines Wortes, vor einem Apostroph oder Bindestrich sowie vor einem der Buchstaben f, b und h steht rundes s: ſans, hommes, s’est, presbyter, ſatisfaction, déshonneur. Sonst steht langes ſ.

Italienisch[Bearbeiten]

Das runde s steht

  • vor Vokalen mit Akzent, z. B. sì, paſsò
  • nach einem langen ſ vor einem i: illuſtriſsimo
  • vor einem Apostroph: s'informaſſero
  • vor b und f
  • am Wortende.

Sonst steht langes ſ.

Spanisch[Bearbeiten]

Lateinischer Text in der Kathedrale von Exeter: Die Wahl der Wortanfänge („statua“, „ſpectatorem“) könnte graphisch bedingt sein. Das unterschiedliche s-t-r im Wortinneren („illuſtris“, „Apostrophe“) ist für das zweite Wort aus seiner Zerlegung „apo-strophe“ nachvollziehbar.

Das runde s steht in folgenden Fällen:

  • vor einem Vokal mit Akzent: sí, sì
  • vor b, f und h
  • am Wortende.

Sonst steht langes ſ.

Latein[Bearbeiten]

Ab dem Mittellateinischen wird unabhängig von Wortbestandteilen in der Mitte des Wortes ein langes ſ verwendet, z. B. nobiſcum, am Ende eines Wortes hingegen s: properas.

Finnisch[Bearbeiten]

In der finnischen Sprache werden die s-Formen rein phonetisch verwendet, wobei das s am Silbenende steht, das ſ am Silbenanlaut und -inlaut: Hämeesſä, tilustan, oſakſi

Lateinisches Alphabet der udischen Sprache aus einem Buch von 1934, mit einer Versalform des Lang-s (vorletzter Eintrag der 3. Spalte)

Verwendung in Schriftreformen[Bearbeiten]

Verschiedene lateinische Alphabete, die in den 1920er Jahren in der Sowjetunion in Schriftreformen für kaukasische Sprachen eingeführt wurden, verwendeten das Lang-s für spezifische Phoneme.[12] (Diese Alphabete wurden um 1938 durch kyrillische Alphabete abgelöst.[13]) Dabei wurden auch Versalformen entwickelt, die überwiegend einer geglätteten Variante des Unicode-Zeichens U+0295 latin letter pharyngeal voiced fricative (ʕ) ähneln.

Mathematik[Bearbeiten]

Das Integralzeichen, von Gottfried Wilhelm Leibniz eingeführt, leitet sich ebenfalls aus dem langen s für lateinisch ſumma (summa) ab.

Darstellung in Computersystemen und Ersetzung[Bearbeiten]

Kodierung[Bearbeiten]

Im internationalen Zeichenkodierungssystem Unicode ist ſ im Unicode-Block Lateinisch, erweitert-A zu finden und liegt auf Position U+017F ›Latin small letter long s‹ (Lateinischer Kleinbuchstabe langes s). Im ASCII-Zeichensatz und in den Zeichensätzen der Normenfamilie ISO 8859 ist das Zeichen nicht enthalten,[14] weshalb viele ältere Computersysteme es nicht darstellen konnten.

Im Internet-Dokumentenformat HTML wird das Zeichen folgendermaßen kodiert:

  • ſ (hexadezimal) und
  • ſ (dezimal).

Anbieter von gebrochenen Schriften für PCs haben als Übergangslösung das lange s an anderen Stellen kodiert. Da unterschiedliche Kodierungen verwendet werden, sind die Hilfsprogramme und Tastaturtreiber der einzelnen Anbieter untereinander nicht kompatibel.

Tastatur[Bearbeiten]

Auf Tastaturen mit der Belegung T2 gemäß der neu gefassten deutschen Norm DIN 2137:2012-06 wird das Lang-s mit der Tastenfolge Gruppenumschaltung gefolgt von ü eingegeben. Diese Anordnung basiert auf der durch die internationale Norm ISO/IEC 9995-3:2010 vorgegebene Tastenposition für Zeichen der sekundären Gruppe.

Auf der Neo-Tastaturbelegung kann es über <Mod3> + ß erreicht werden.

In Microsoft Windows kann man das ſ in einigen Programmen mit Festhalten der linken Alt-Taste und Eintippen von 383 auf dem Ziffernblock eingeben.

Die nach Unicode korrekte Darstellung kann auf X11-basierten Systemen (wie Linux oder Unix-Systemen mit graphischer Oberfläche) wie folgt erreicht werden:

# xmodmap -e "keycode 39 = s S U017F section U017F section"

danach kann man mit Alt Gr + S das ſ schreiben. Damit verschwindet das eigentlich doppelt belegte ß. Um es stattdessen auf Alt Gr + Umschalt + S zu legen, tauscht man einfach „U017F“ mit „section“. Durch einen Eintrag in der ~/.xmodmaprc wird die Einstellung beim Systemstart eingeladen.

Ersetzung[Bearbeiten]

Kann das Zeichen nicht dargestellt werden, weil es in der verwendeten Schriftart oder dem Zeichensatz fehlt, so sollte es durch das normale Schluss-s „s“ ersetzt werden.

Da allerdings praktisch alle modernen Computersysteme und -schriften auf Unicode basieren, kann das Zeichen heutzutage problemlos weltweit dargestellt, verarbeitet, übertragen und archiviert werden. Eine Ersetzung aus technischen Gründen ist deshalb kaum noch nötig. Auch wenn die verwendete Tastatur das Zeichen nicht aufweist, kann es praktisch immer über eine entsprechende Funktion des Betriebssystems oder des jeweiligen Texteditors eingefügt werden.

Schriftsatz[Bearbeiten]

Schriftsatz mit langem s ist vergleichsweise komfortabel möglich mit LaTeX sowie mit XeTeX sowie mit vielen Programmen, die OpenType- und AAT-Schriften unterstützen.

Anwendungsbeispiele[Bearbeiten]

ſs[Bearbeiten]

Beispiele für fehlerhafte Verwendung des Rund-s und des Lang-s[Bearbeiten]

Zeitungsnamen mit langem s[Bearbeiten]

Beispiele für Zeitungsköpfe in gebrochenen Schriften, die das lange s entsprechend den Regeln des Fraktursatzes anwenden:

Altes Redaktionsgebäude von Adresseavisen in Norwegen
Fünf lange s

Produktnamen mit langem s[Bearbeiten]

Logos in gebrochenen Schriften, fehlerhaft durch Abweichungen von den Regeln zur Verwendung des langen s:

Fürsteneck – Schwarzwälder Kirschwasser (Fürsteneck mit richtigem Lang-s, Kirschwasser mit falschem Rund-s)
  • Dingslebener Brauerei (mit falschem langem statt rundem s an Silbenende, da sich für eine Wortzusammensetzung „Ding-Sleben“ (bei der das Lang-s richtig wäre) keine Anhaltspunkte finden)
  • Fürsteneck Schwarzwälder Kirschwasser (Fürsteneck mit richtigem Lang-s, Kirschwasser mit drei falschen Rund-s; siehe Bild rechts)

Logos in gebrochenen Schriften, in denen die Regeln zur Verwendung des langen s nicht mehr angewendet werden:

  • Fürstenberg Brauerei (auf Rund-s umgestellt)
  • Gilden Kölsch (auf Rund-s umgestellt)
  • Warsteiner Brauerei (auf Rund-s umgestellt)

Logos in gebrochenen Schriften mit regelkonformer Verwendung des langen S:

Hasseröder-Logo mit regelkonformer Verwendung des langen s

Ein langes s findet sich ferner in gebrochenen Schriften auf Etiketten von:

Das Berliner Kabarett Die Distel verwendet in seinem Logo ein langes s.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Langes s – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
  • BabelStone: The Rules for Long S – Ein englischsprachiger Artikel über die historisch korrekte Verwendung des langen s in verschiedenen Sprachen
  • Pfeffer Simpelgotisch – Eine gebrochene OpenType-Schriftart, die ſ und s selbständig setzt
  • S-Regeln des BfdS – Eine übersichtliche Zusammenfassung der S-Regeln, erstellt vom Bund für deutsche Schrift und Sprache e.V. (pdf-Datei; 365 kB)

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Herbert E. Brekle: Versuch einer linguistisch begründeten Fassung der Gebrauchsregeln für das lange ſ und das runde s. In: Beiträge zur Geschichte der Sprachwissenschaft, 6 (1996)
  2. Zeitschrift für Deutschlands Buchdrucker, Steindrucker und verwandte Gewerbe. Leipzig, 9. Juli 1903. Nr. 27, XV. Jahrgang. Faksimile in: Mark Jamra: The Eszett (ohne Datum) [1] (Abgerufen 17. April 2008)
  3. J. E. Wülfing, A. C. Schmidt (Hrsg.): Duden, Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter nach den für Deutschland, Österreich und die Schweiz gültigen amtlichen Regeln. 9. Auflage. Bibl. Inst., Leipzig/Wien 1915 (Gesetzt in Fraktur), S. XII
  4. Duden, 11. Auflage, 1934, S. 46
  5. DDR-Duden, 16. Auflage (1967), 10. Nachdruck, S. X, Punkt 1.3.2
  6. Ralf Herrmann: Schriftgeschichten: Die Ehmcke-Antiqua, die Schrift mit dem großen langen s. In: typografie.info. 2. Dezember 2013, abgerufen am 31. März 2014.
  7. Röschenhof oder Rös´chenhof. Abgerufen am 18. September 2014 (Ein Zuhörer des MDR Radios regt sich über die Grüße für den Röschenhof auf, weil dessen Name angeblich falsch ausgesprochen wird.).
  8. Gustav Michaelis: Die Ergebnisse der zu Berlin vom 4. bis 15. Januar 1876 abgehaltenen orthographischen Konferenz. Barthol, Berlin 1876, S. 92–93 (Online in der Google-Buchsuche-USA)
  9. Friedrich Forssman, Ralf de Jong: Detailtypografie – Nachschlagewerk für alle Fragen zu Schrift und Satz. 2. Auflage. Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2004, ISBN 978-3-87439-642-4
  10. http://www.stiftung-buchkunst.de/de/die-schoensten-deutschen-buecher/2012/wettbewerb/book/9724/
  11. 25. Auflage des Duden, 2009
  12. Proposal to encode Latin letters used in the Former Soviet Union (in Unicode) (PDF; 19,3 MB)
  13. Frings, Andreas: Sowjetische Schriftpolitik zwischen 1917 und 1941 – eine handlungstheoretische Analyse. Stuttgart 2007, ISBN 978-3-515-08887-9
  14. Text: Unicode-Werte der 8859-Zeichensätze
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Dieser Artikel wurde am 3. Dezember 2006 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.