Lebensphilosophie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung. Näheres ist auf der Diskussionsseite angegeben. Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung.

Lebensphilosophie ist eine im 19. Jahrhundert entstandene Richtung der Philosophie, die in Frankreich von Henri Bergson und in Deutschland von Wilhelm Dilthey als Gegenentwurf zum Positivismus nach Art der Naturwissenschaften und zum Neukantianismus mit einseitiger Betonung der Rationalität entwickelt wurde. Das Werden des Lebens, seine Ganzheitlichkeit kann demnach mit Begriffen und Logik nur unzureichend erfasst und beschrieben werden. Zu einem umgreifenden Leben gehören ebenso nicht-rationale, kreative und dynamische Elemente.

Von der Lebensphilosophie kategorial abzugrenzen ist der Vitalismus, verstanden als biologische Theorie. Dem Vitalismus zufolge ist Leben das Produkt nicht der primär leblosen Materie, sondern einer eigenständigen Lebenskraft (vis vitalis, Entelechie). Die Lebensphilosophie, der ein antisystematischer Charakter eigen ist, erklärt als metaphysische Lehre das Phänomen des Lebens. Als Kritik des Rationalismus und der Aufklärung ist sie schon bei Schopenhauer und Nietzsche angelegt, die daher als Vorläufer der Lebensphilosophie angesehen werden können, auch wenn sie den Terminus noch nicht kannten. Die Lebensphilosophie beeinflusste Vertreter der Existenzphilosophie.

Wurzeln[Bearbeiten]

Die Wurzeln der Lebensphilosophie gehen zurück auf die von Christian Wolff getroffene Unterscheidung zwischen theoretischer Schulphilosophie und einer Philosophie, die aus dem Leben selbst kommend auf das praktische Leben zielt. Lebens- und Weltweisheit waren im ausgehenden 18. Jahrhundert in höheren Gesellschaftskreisen Modebegriffe. Die Lebensphilosophie war weniger eine spezifische philosophische Lehre als eine bestimmte kulturelle Stimmung, die weite Teile der Intelligenz beeinflusste. Charakteristisch für diese Lebensphilosophie steht Goethes Vers:

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum.“

Johann Wolfgang von Goethe: Faust I

Neuen Zuspruch erhielt die Lebensphilosophie in der romantischen Bewegung. Für Romantiker wie Novalis ist nicht die Vernunft, sondern das dem Leben enger verwandte Fühlen und Glauben vorrangig. Als erklärter Gegner dieser Salonphilosophie trat 1794 Immanuel Kant mit einer Schrift Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis in Erscheinung.

Die Lebens- und Weltweisheiten werden häufig in Aphorismen dargestellt.

Zu breiterer Beachtung verhalfen der Lebensphilosophie 1827 Friedrich Schlegels gegen die Systemphilosophen Kant und Hegel gerichtete Vorlesungen über die Philosophie des Lebens.

Besonders um die Wende vom 19. Jahrhundert auf das 20. Jahrhundert wurde die Lebensphilosophie in Deutschland und Frankreich eine Modeströmung mit Wirkungen in die Soziologie (Georg Simmel).

Georg Lukács kritisierte die Lebensphilosophie, marxistisch inspiriert, als Vernunftfeindschaft, Irrationalismus und den Standpunkt der „imperialistischen Bourgeoisie“ vertretend.[1]

Lebensphilosophie als Fachbegriff[Bearbeiten]

Zu einem philosophischen Fachbegriff wird die Lebensphilosophie erst am Ende des 19. Jahrhunderts durch Wilhelm Dilthey und Henri Bergson ausgebaut. Edmund Husserl gehörte zwar nicht zu dieser Richtung, trug aber durch die Fortentwicklung der Phänomenologie zur „Wissenschaft von der Lebenswelt“ ab 1913 stark dazu bei. Eine Folge davon war, den Alltag als philosophisch relevant zu deuten.

Wilhelm Dilthey[Bearbeiten]

Das Leben ist für Wilhelm Dilthey (1833–1911) eine Grundtatsache. Ein zentraler Begriff seiner Philosophie ist das Erlebnis. Dilthey wendet sich vor allem gegen die deterministische naturwissenschaftliche Variante von John Stuart Mill, Herbert Spencer und andern. Erleben ist ein Erleben von Zusammenhängen, die nicht einfach in Einzelelemente zergliedert werden können. Diltheys Interesse galt vor allem geschichtlichen Betrachtungen. Hierzu führte er die heute noch übliche Unterscheidung zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften ein. Während das wissenschaftliche Prinzip der ersteren das Erklären ist, muss in den Geisteswissenschaften das Prinzip des Verstehens zugrunde gelegt werden.

Die Naturwissenschaften versuchen aus einzelnen Phänomenen eine allgemeine Regel zu finden. In den Geisteswissenschaften befasst man sich hingegen gerade mit dem einzelnen Phänomen wie einem historischen Ereignis oder einer Biographie. Ein Eckpunkt der Philosophie Diltheys ist der Zusammenhang von Erlebnis, Ausdruck und Verstehen. Das Prinzip und die Theorie des Verstehens, die Hermeneutik, ist dabei nicht nur auf Texte anzuwenden, sondern auch auf Kunstwerke, religiöse Vorstellungen oder Rechtsprinzipien. Im Verstehen wirkt nicht nur das kognitive Denken, sondern auch das emotive Wollen und Fühlen des Betrachters. Es bedarf einer ganzheitlichen Betrachtungsweise, die z. B. durch eine analytische Psychologie, die Einzelaspekte untersucht, nicht geleistet werden könne. Infolge der Gedanken Diltheys entwickelte sich die Gestaltpsychologie, die vor allem deskriptiv angelegt ist.

Henri Bergson[Bearbeiten]

Henri Bergson (1859–1941) macht einen Unterschied zwischen der erlebten Zeit der Psyche und der messbaren Zeit der Naturwissenschaft, die eine am Raum orientierte Vorstellung von der Zeit hat. Ihm zufolge nimmt das menschliche Bewusstsein Strukturzusammenhänge wahr, die unteilbar sind. Dementsprechend ist für ihn die naturwissenschaftlich analytische Psychologie, die einzelne psychische Elemente zu erfassen sucht, nicht geeignet, ein Gesamtbild eines Seelenzustandes zu erfassen. Bewusstsein könne man nur qualitativ erfassen. Physikalisch gemessene Zeit sei dagegen determiniert und kausal. Erlebte Zeit als Dauer sei die Voraussetzung für Freiheit. Wahrnehmung erfolge ursprünglich in Bildern und enthalte immer zugleich Erinnerung und Bedürfnis, also Vergangenheit und Zukunft. Auch zur Erkenntnis des ganzheitlichen Wesens von Dingen bedürfe es demnach der ergänzenden Intuition.

Georg Simmel[Bearbeiten]

Für Georg Simmel (1858–1918) enthält das Erkennen Kategorien a priori, die jedoch im Zuge der Evolution und der Person eine Entwicklung durchmachen. Im Erkennen wird das Chaos der Erlebnisse geordnet. Unser individuelles Denken kann aber nicht die Einheitlichkeit der Totalität voll erfassen. Ideen, wie beispielsweise Wahrheit, sind von der Psyche unabhängig. Die Vorstellung der Wahrheit veranlasst den Menschen zu nützlichem Verhalten entsprechend den Lebensanforderungen. Wahr ist, was sich in der Selektion im Laufe der Evolution bewährt habe und zweckmäßig sei. Das Sollen ist eine ursprüngliche Kategorie, wenn auch in der Praxis die Inhalte wechseln. In ihm kommt der Wille der Gattung zum Ausdruck. Altruismus ist Egoismus der Gattung. Simmel war neben seiner philosophischen Tätigkeit auch einer der Begründer der deutschen Soziologie.

Hans Driesch[Bearbeiten]

Hans Driesch (1867–1941) stellte aufgrund seiner biologischen Forschungen fest, dass Keime, die gespalten werden, sich wieder zu vollwertigen neuen Keimen ausbilden. Hieraus schloss er, dass es in der Natur eine nicht kausal bestimmte Naturkraft gebe, die er zwar in terminologischer Anlehnung an Aristoteles, begrifflich aber in erklärtem Gegensatz zu diesem Entelechie nannte. Aufgrund seiner Auffassungen gilt Driesch als Vertreter des Neovitalismus.

Ludwig Klages[Bearbeiten]

Ludwig Klages (1872–1956) betonte die leibseelische Einheit und deren Gegensatz zum Geist (Ratio). Im Denken des Geistes lösen wir für einen endlichen Moment den Gegenstand aus seiner phänomenalen Wirklichkeit, aus einem stetigen raumzeitlichen Kontinuum. Von der Ausbildung her Chemiker, stand Klages als Philosoph und Dichter den Naturwissenschaften kritisch gegenüber. Erkenntnistheorie war für ihn Wissenschaft des Bewusstseins. An Nietzsche schätzte er die Aufdeckung von Selbsttäuschung, Wertfälschungen und kompensatorischen Idealen, lehnte aber dessen Erkenntnistheorie grundlegend ab. Durch sein ganzheitliches Leben mit ständigem Einsatz für den Naturschutz gilt er als einer der Urväter der modernen Ökologiebewegung.

Ferdinand Fellmann[Bearbeiten]

1993 hat Ferdinand Fellmann den Versuch unternommen, die Lebensphilosophie zu rehabilitieren, da sie infolge ihrer ideologischen Instrumentalisierung während der Zeit des Nationalsozialismus nach dem Zweiten Weltkrieg als Zerstörung der Vernunft von akademischen Philosophen abgelehnt wurde. In Fellmanns Ansatz erschöpft sich die Selbsterfahrung des Menschen nicht im Cogito von Descartes, sondern umfasst auch die rational nicht auflösbaren Bereiche der körperlichen und emotionalen Existenz. Damit gewinnt der Mensch ein realistisches Bild von sich selbst und von der Welt. Auch die sprachanalytische Philosophie ist von der Lebensphilosophie abgegrenzt; heute zeigt die Philosophie des Geistes in den USA deutliche Anleihen bei den Klassikern der Lebensphilosophie.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Lebensphilosophie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft.Werke Bd. 9. Neuwied am Rhein 1968