Lee Miller

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel handelt von der Fotografin Lee Miller; für den Fußballspieler siehe Lee Miller (Fußballspieler).
David E. Scherman: Lee Miller (1944)
Signatur von Lee Miller

Elizabeth „Lee“ Miller, Lady Penrose (* 23. April 1907 in Poughkeepsie, New York, USA; † 21. Juli 1977 in Chiddingly, East Sussex, England) war eine US-amerikanische Fotografin und Fotojournalistin. Als Kriegsfotografin lieferte Miller Bilddokumente vom London Blitz und von der Invasion der Alliierten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Ihre Fotografien werden zu den wichtigen Fotoarbeiten des 20. Jahrhunderts gezählt.

Leben[Bearbeiten]

Elizabeth Miller wurde als Tochter von Theodore und Florence Miller 1907 in Poughkeepsie geboren. Ihr Vater machte sie schon sehr früh mit den künstlerischen und technischen Aspekten der Fotografie vertraut, indem er sie portraitierte. Sie erlitt ein traumatisches Kindheitserlebnis, als sie als 7-Jährige von einem nahen Verwandten, eventuell sogar ihrem Vater, missbraucht wurde. Sie wurde dabei mit Gonorrhoe infiziert.[1]

1926 schrieb sie sich in der New Yorker Art Students League ein, um Bühnenbild und Beleuchtung zu studieren.[2] Im selben Jahr entging sie einem Autounfall in Manhattan, bei dem sie beinahe vor ein herannahendes Fahrzeug gelaufen wäre. Im letzten Moment wurde sie von einem Passanten zurückgezogen, der ihr damit das Leben rettete. Es war zufällig der Verleger Condè Nast, der die Zeitschriften Vanity Fair und Vogue herausgab. Nast war fasziniert von Millers aparter Erscheinung und ihrer eleganten Kleidung – zudem sprach sie Französisch – und so bot er ihr spontan einen Vertrag als Fotomodell an.[2]

Modellkarriere[Bearbeiten]

Ab 1927 arbeitete Lee Miller in den USA zunächst als Fotomodell für Vogue mit renommierten Fotografen wie Edward Steichen und George Hoyningen-Huene. 1929 reiste sie nach Paris,[Anmerkung 1] um sich der progressiven Kunstszene - insbesondere den Surrealisten - anzuschließen. Sie traf auf den Maler, Filmemacher und Fotografen Man Ray, mit dem sie einige Zeit zusammenarbeitete und auch kurz liiert war.

Lee Miller fotografiert von Man Ray
Auswahl externer Weblinks
[Anmerkung 2]

Mit Man Ray entstand eine Vielzahl von gemeinsamen Fotoprojekten: so experimentierten beide mit den Möglichkeiten der Solarisation. Gemeinsam produzierten sie das Portfolio Electricité (1931), mit Miller als Modell, für die Pariser Elektrizitätswerke CPDE.

Fotografin[Bearbeiten]

Nach der Trennung von Man Ray entschied sich Miller, selbstständig als Fotografin mit eigenem Studio in Frankreich zu arbeiten. Anfangs arbeitete sie als Porträt- und Modefotografin; ihre Leidenschaft für metaphysisch-surreale Sujets und Stilelemente blieb indes ungebrochen. Enttäuscht von Liebesbeziehungen wie von der auseinanderdriftenden Kunstszene in Paris kehrte Lee 1932 zurück nach New York, um bald erneut ein eigenes Fotostudio zu eröffnen. Zwei Jahre arbeitete sie sehr erfolgreich als Fotografin in der Metropole, bis sie den vermögenden ägyptischen Geschäftsmann Aziz Eloui Bey kennen und lieben lernte. Um 1935 zog sie mit ihm zusammen nach Kairo. Dort entstanden einige ihrer eindrucksvollsten, weitgehend vom Surrealismus inspirierten, Fotografien. Beeindruckt von der kargen Wüstenlandschaft und den verlassenen Pharaonenstätten fotografierte sie die Ruinen und Tempel. Die energische Frau kletterte mit ihrer kompletten Kamera-Ausrüstung auf die Cheops-Pyramide in Gizeh, um sie im Bild festzuhalten. Doch auch die Ehe mit Aziz Eloui Bey hielt nicht lange. 1937 begegnete Miller bei einer Reise nach Paris dem surrealistischen Künstler Roland Penrose, der in diesem Jahr von seiner Frau Valentine geschieden worden war. Der Brite Penrose sollte später ihr zweiter Ehemann werden. Die beiden durchquerten gemeinsam halb Europa, und erneut entstanden beeindruckende Fotoarbeiten. Sie trafen Pablo Picasso, der sechs Porträts von Miller schuf.[3] 1939 verließ Miller Ägypten endgültig, um mit Penrose kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nach London zu ziehen. Penrose wurde einberufen, und Miller kehrte kurzzeitig als Fotografin für die amerikanische Ausgabe des Magazins Vogue nach New York zurück.

Kriegsfotografin[Bearbeiten]

1944 wurde Lee Miller von der US-Army als Militärkorrespondentin akkreditiert und arbeitete eng mit dem Time-Life Fotografen David E. Scherman zusammen, der für kurze Zeit ihr Lebensgefährte war. Miller war eine der wenigen Frauen, die als Kriegsberichterstatterin eingesetzt wurden. Mit Scherman fotografierte sie die Kriegsaktivitäten in Europa. In der Schlacht um Saint-Malo hielt sie einen der ersten Einsätze von Napalm im Bild fest. Sie dokumentierte die Befreiung von Paris. Die Filme entwickelte sie in einer improvisierten Dunkelkammer in ihrem Hotelzimmer. Weitere Fotodokumentationen waren das Zusammentreffen der US-Armee mit den sowjetischen Truppen in Torgau und die Einnahme von Adolf Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg in Berchtesgaden.

Eine sehr bekannte Aufnahme von Scherman zeigt Lee Miller in einem gestellten Foto in Hitlers Badewanne in dessen Münchener Residenz nach der Einnahme Münchens 1945.[4] Millers Berichterstattung über die Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau indes dokumentierte das Elend der Inhaftierten und das Grauen über den Massenmord. Diese traumatischen Erlebnisse hinterließen bleibende Spuren in der Psyche der Fotografin.

Spätere Jahre[Bearbeiten]

Farley Farm House im Jahr 2011

Nach Kriegsende zog sie sich vom aktiven Bildjournalismus zurück und heiratete am 3. Mai 1947 den surrealistischen Künstler Roland Penrose. Das Paar bezog ein Cottage in der ländlichen Gegend Englands. Am 9. September des Jahres wurde der Sohn Antony geboren.[5] 1949 zog die Familie in das Farmley Farm House in Chiddingly. Noch in den 1950er Jahren arbeitete Miller gelegentlich freiberuflich für verschiedene Magazine wie Vogue oder Life, vernachlässigte aber nach der Geburt ihres Sohnes ihre Arbeit und litt mutmaßlich infolge der nicht verarbeiteten Erlebnisse zunehmend an einer Kriegsneurose, bekam Depressionen und begann übermäßig zu trinken.[6]

Lee Miller verstarb am 21. Juli 1977[Anmerkung 3] auf ihrem Anwesen, dem Farley Farm House in East Sussex, an einer Krebserkrankung. Ihre Asche wurde über dem Kräutergarten der Farm ausgestreut.

Farley Farm House[Bearbeiten]

Plakette am Farley Farm House

Das Anwesen von Lee Miller und Roland Penrose, Farley Farm House, umgeben von einem Skulpturengarten, gestaltet von Penrose, ist heute ein Museum mit zum Teil unveränderten Räumen wie Küche und Ateliers. Es enthält neben den Archiven die Kunstsammlung des Ehepaars. Neben eigenen Werken findet sich beispielsweise eine Sammlung von Werken befreundeter Künstler wie Pablo Picasso, Man Ray, Max Ernst und Joan Miró. Antony Penrose, der Gründer des Museums, schloss ebenfalls eine Galerie an, die lokale und aufstrebende Künstler in ihren Räumen zeigt.[7]

Werk[Bearbeiten]

Dass Lee Millers Arbeiten heute noch bekannt sind und in Bildbänden veröffentlicht werden, verdankt sie ihrem Sohn Antony Penrose, der seit den frühen 1980er Jahren ihren Nachlass verwaltet. Antony sagte einmal über seine Mutter, „sie habe viele verschiedene Leben gelebt, vieles sei ihm selbst geheimnisvoll geblieben, weil sie es geschickt verstand sich – selbst von der eigenen Familie – zu ihrem Selbstschutz abzuschotten.“[8] Er hat dies in dem Essay „Das Rätsel Lee Miller“ beschrieben.[9] Millers bewegtes Leben wurde dem Sohn erst nach dem Tod der Mutter bewusst. Aus den zahlreichen gefundenen Briefen, Dokumenten und Fotografien ihres Nachlasses versuchte Antony Penrose, zusammen mit Zeitzeugen, eine schlüssige Biografie zu skizzieren. Vieles über Lee Millers Person verbleibt durch in Kriegszeiten verloren gegangenes Material jedoch unbekannt.

image trouvèe[Bearbeiten]

Für die surrealistischen Fotografien seiner Mutter führt Antony Penrose in seinem Essay den Begriff des image trouvèe, als „Kontrapunkt“ zum objet trouvé der Surrealisten, wie beispielsweise Man Ray, ein: „Sie hat die Bilder aus ihrem Kontext gelöst und mit einer Bedeutung versehen, die über ihre ursprüngliche Aussage hinausging.“ Penrose stellt sogar in Frage, wie viele Fotografien wirklich Man Ray zuzuschreiben sind, der viele Arbeiten lieber seiner Assistentin überließ, um sich der Malerei zu widmen. Diese „wechselseitige Beeinflussung“ sei schwer zu unterscheiden, meint Penrose.[10]

„Lee Miller’s War“[Bearbeiten]

Zu Lee Millers Hauptwerk zählt indes die fotojournalistische Berichterstattung vom Ende des Zweiten Weltkriegs für die Magazine Life und Vogue, die größtenteils postum unter den Titel Lee Miller's War 1992 von Antony Penrose, mit einem Vorwort von David E. Scherman, veröffentlicht worden ist. Die überaus eindringliche, an manchen Passagen aber seltsam unbefangene Fotoreportage beginnt mit den Vorbereitungen zur Invasion der Alliierten in die Normandie, berichtet 1944 über die Befreiung von Saint-Malo und Paris und zeigt mit einem Besuch Pablo Picassos in dessen Pariser Atelier sowie den Porträts von Paul und Nusch Éluard, Cocteau oder Colette die verbliebenen Künstler aus Millers Bekanntenkreis. Behelfsmäßige Modefotografien im winterlichen Paris 1944/45 und Features von Schauspielern wie Maurice Chevalier oder Marlene Dietrich sowie Fred Astaire bei der Truppenbetreuung vermitteln das Wiedererwachen der Kunst- und Kulturszene und implizieren gleichzeitig den „American Way of Life“ eines „normalen“ Nachkriegs-Alltags. Die Bildreportage führt im Januar 1945 weiter durch die Ardennen, zeigt das zerstörte Elsass, die Überquerung des Rheins, Bilder der von Bomben zerstörten Städte Köln, Ludwigshafen und Frankfurt, das Zusammentreffen der 69. Division des 273. US-Infanterieregiments mit den Sowjet-Truppen am 26. April 1945 in Torgau. Lee Millers Kriegsbericht schließt mit der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau. Die erschütternden Bilddokumente spiegeln das Leid der ausgemergelten, zerlumpten Gefangenen wider und zeigen die offensichtliche Fassungslosigkeit der überwältigten, tumb wirkenden Lageraufseher, die mit blutverschmierten Gesichtern in die Kamera starren. Einige Fotos zeigen tote SS-Offiziere, die sich durch Suizid der Verantwortung entzogen hatten. Millers und Schermans Fotografien lassen das gesamte Ausmaß des Holocausts anhand der gezeigten Leichenberge und der menschlichen Gebeine in den geöffneten Krematoriumsöfen erahnen. Die Reportage endet mit einer Aufnahme des brennenden Berghofs auf dem Obersalzberg – von Lee Miller als „Adlernest in Flammen: der brennende Scheiterhaufen des Dritten Reichs“ betitelt.[8]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Der Krieg ist aus. Elefanten Press, Berlin 1995, ISBN 3-88520-546-7.
  • Lee Miller – Begegnungen. Die Porträts einer großen Fotografin des 20. Jahrhunderts, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2002, ISBN 978-3-87584-472-6
  • Antony Penrose (Hrsg.), David E. Scherman (Vorwort): Lee Miller’s War: Photographer and Correspondent with the Allies in Europe 1944–45. Thames & Hudson, New York 2005 [Neuauflage, Erstveröffentlichung bei Condé Nast Books 1992], ISBN 0-500-28558-6.
    • dt., aus dem Englischen von Andreas Hahn und Norbert Hofmann: Krieg. Mit den Alliierten in Europa 1944-1945. Reportagen und Fotos, Edition Tiamat, Berlin 2013, ISBN 978-3-89320-178-5; Rezension von Walter van Rossum im Büchermarkt Deutschlandfunk (DLF) vom 1. Mai 2014: Lee Miller. Ein Supermodel als Kriegsfotografin
  • Lee Miller – Köln im März 1945, mit einführenden Texten von Kerstin Stremmel und Walter Filz, hrsg. von der Historischen Gesellschaft Köln e. V. und dem Zentral-Dombau Verein zu Köln von 1842, Greven Verlag, Köln 2013, ISBN 978-3-7743-0618-9.[11] und Rezension von Walter van Rossum im Büchermarkt Deutschlandfunk (DLF) vom 1. Mai 2014: Lee Miller. Ein Supermodel als Kriegsfotografin

Literatur[Bearbeiten]

  • Becky E. Conekin: Lee Miller. Fotografin, Muse, Modell (aus dem Englischen von Claudia Kotte und Harriet Fricke), Scheidegger & Spiess Verlag, Zürich 2013, ISBN 978-3-85881-386-2.
  • Mark Haworth-Booth: The Art of Lee Miller. Yale University Press, 2007, ISBN 978-0-300-12375-3 (englisch).
  • Katharina Menzel-Ahr: Lee Miller - Kriegskorrespondentin für Vogue - Fotografien aus Deutschland 1945. Jonas Verlag, 2005, ISBN 3-89445-352-4.
  • Antony Penrose: The Lives of Lee Miller. Thames & Hudson, New York 1999, ISBN 0-500-27509-2 (englisch).
  • Jane Livingston: Lee Miller – Photographer. Thames & Hudson, New York 1998, ISBN 0-917571-07-X (englisch).
  • Apropos Lee Miller – mit einem Essay von Antony Penrose. Verlag Neue Kritik, Frankfurt a. M. 1995, ISBN 3-8015-0278-3

Film[Bearbeiten]

  • Lee Miller: Through the Mirror. Französische Dokumentation von Sylvain Roumette aus dem Jahr 1995 (55 Min.).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Lee Miller – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Anderen Quellen zufolge war sie bereits 1925 nach Paris gereist, vgl. Jane Livingstone: Lee Miller. Photographer. Thames & Hudson, New York, 1989, ISBN 0-917571-07-X, S. 28
  2. Extern verlinkte Abbildungen sind durch ein Copyright geschützt und unterliegen nicht der GNU-Lizenz für freie Dokumentation
  3. Einige Biografen nennen den 27. Juli 1977 als Sterbedatum, vgl. Jane Livingston: Lee Miller Photographer. Thames and Hudson, ISBN 0-917571-07-X, S. 168
  4. Die Lebensdaten in der IMDb stimmen nicht mit den offiziellen Angaben überein.

Einzelnachweise und Quellen[Bearbeiten]

  1. David Leafe: Dark secret of the woman in Hitler's bathtub. Daily Mail online, abgerufen am 19. März 2013.
  2. a b Antony Penrose: Apropos Lee Miller, S. 46; vgl. Jane Livingston: Lee Miller – Photographer, S. 28
  3. Picasso portrays Lee Miller, museupicasso.bcn, abgerufen am 24. April 2013
  4. Schermans Foto von Lee Miller in Hitlers Badewanne
  5. Chronology, leemiller.co.uk, abgerufen am 12. Februar 2013
  6. Antony Penrose: Apropos Lee Miller. S 14
  7. Webseite Farley Farm House
  8. a b Anthony Penrose, David E. Scherman: Lee Miller’s War: Photographer and Correspondent With the Allies in Europe 1944-45. Bufinch Press, 1992, ISBN 0-8212-1870-0
  9. Antony Penrose: Apropos Lee Miller, 1995
  10. Antony Penrose: Apropos Lee Miller, 1995, S. 22f
  11. Bilder von erbarmungsloser Nüchternheit (Kölner Stadtanzeiger)