Leffmann Behrens

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Leffmann Behrens, jüdischer Name: Elieser (Ezechiel) Lippmann Cohen (* 1634 in Bochum[1]; † 1. Januar 1714 in Hannover), war ein deutscher Hoffaktor, Hof- und Kammeragent (Bankier) der hannoverschen Welfenherzöge des späten 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts.

Leffmann gelang innerhalb von 30 Jahren der Aufstieg vom Schutzjuden (mit dem Recht für sich, seine Familienmitglieder und Hausbediensteten, in der Calenberger Neustadt zu wohnen) zum „Hof- und Kammeragenten“. Dazu ernannte ihn Kurfürst Georg Ludwig 1698.

Leben[Bearbeiten]

Leffmann Behrens war der Sohn des märkischen Judenschaftsvorstehers Issachar b. Jitzchak Hakohen alias Berndt Isaaks, der 1633 bis 1661 in Bochum belegt ist.[2] Leffmann und andere Familienmitglieder wanderten aus dem Westfälischen nach Hannover zu.

Nach seiner Heirat mit Jente Hameln (1629–1695), der Schwägerin der berühmten Memoirenschreiberin Glikl bas Judah Leib (auch Glückel von Hameln) (1645–1724), Witwe des Kaufmanns Salomon Gans[3] und Tochter des vermögenden Kaufmanns Jobst Goldschmidt, gelang es Leffmann Behrens erfolgreich eine Firma aufzubauen, deren erste Gewinne mit der Vermittlung von Luxusartikeln für Herzog Johann Friedrichs Hof gemacht wurden.

Die Firma wuchs weiter – auch unter der Herrschaft von Johann Friedrichs Nachfolgern Ernst August und Georg Ludwig – durch ihre Dienste als Hoflieferant (z. B. von Kutschen), Heereslieferant (Stoffe), bei der Übermittlung von sogenannten Subsidien, den Geldern für die Vermietung von eigenen Truppen an andere Mächte, etwa an das katholische Frankreich (1672–80 und 1690/91), den Kaiser in Wien oder Holland und Großbritannien (ab 1702), bei der Vergabe von Krediten an die Kammerkasse oder die herzogliche Familie, an Hofchargen und Regierungsbeamten.

Großkredite von einigen hunderttausend Talern vermittelte Leffmann Behrens bei der Finanzierung der Kurfürstenwürde für Ernst August 1692 und der polnischen Krone für August den Starken 1697 (die wiederum mit dem Erwerb des Herzogtums Lauenburg durch Hannover verbunden war). Nützlich waren dabei seine auswärtigen Geschäftsbeziehungen nach Hamburg (Manoel Texeira, zu den Mussaphias), Frankfurt am Main, Wien (Oppenheimer, Wertheimer), Lippe-Detmold, Schaumburg-Lippe, Braunschweig-Lüneburg, dem Bistum Münster, Mecklenburg-Strelitz, nach Eichstätt, Sachsen-Gotha und Goslar.

Leffmann Behrens blieb dabei ein frommer Jude, ohne jeglichen Wunsch, sich in seiner christlichen Umwelt zu assimilieren. Der gesellschaftliche Aufstieg wäre ihm in dieser Zeit ohnehin verwehrt geblieben. Er trat aktiv für seine verfolgten Glaubensgenossen ein, etwa im Falle seines Einsatzes für die Sicherung des Jüdischen Friedhofs an der Oberstraße (1671/73), als Initiator des Landrabbinats (1687) und als Stifter der ersten Synagoge in der Bergstraße (1704), finanziert von seinem Sohn Herz Behrens (1657–1709).

Er intervenierte bei seinem Landesherrn auch gegen judenfeindliche Schriften (die von Gulich, 1690, und Eisenmenger, 1700) und war Mitinitiator des berühmten Religionsgesprächs (s. Literatur) mit einem getauften Juden in Hannover im Jahre 1704. Teilnehmer dieses großen Disputs waren der Stadthagener Rabbiner Joseph Samson, der Kurfürst Georg Ludwig, Herzog Georg Wilhelm aus Celle, die Kurfürstin Sophie, deren jüngster Sohn Ernst August d. J., der Loccumer Abt Gerhard Wolter Molanus, Leffmann Behrens selbst, als Zuhörer zahlreiche Hofbeamte und Gelehrte. Er dauerte dreieinhalb Stunden und fand in den Gemächern der Kurfürstenmutter Sophie im Palais in der Leinstraße statt.

Schon seit dem Tode von Leffmann Behrens’ Sohn Herz 1709 war die Firma in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Auch machte ihr die Konkurrenz des Hofjuden Michael David († 1758), einem ehemaligen Angestellten, zu schaffen, der 1714, nach Behrens’ Tod, zum Hof- und Kammeragenten ernannt wurde. Am 30. Januar starb Leffmann Behrens, im Juni die Kurfürstin Sophie, und im August bestieg ihr Sohn Georg Ludwig als König Georg I. den britischen Thron. Die Weiterführung der Firma Behrens durch Leffmanns Enkel Gumpert und Isaac Behrens († 1765) gelang nur bis zum Jahr 1721, in dem die Firma bankrottging. Der Konkursverlust betrug 400.000 Taler. Gumpert und Isaac mussten für fünf Jahre ins Gefängnis, danach wurden sie aus dem Kurfürstentum ausgewiesen.

Leffmann Behrens’ Wohnhaus, in dem er mehreren Gelehrten freie Unterkunft bot, befand sich in der Langen Straße 8 in der Calenberger Neustadt. Es war ein Fachwerkhaus aus dem Jahre 1674, trug die hebräischen Inschriften „Viel Gutes“ und „Durch diese Tür trete kein Ungemach!“[4] und wurde erst im Jahre 1943 durch Bomben zerstört.

Henning Rischbieter weist im Hannoverschen Lesebuch[5] zu Recht darauf hin, dass Leffmann Behrens im Gegensatz zu seinem zeitweiligen Konkurrenten und Geschäftspartner, dem hannoverschen Frühkapitalisten Johann Duve (1611–1697), dem in Hannover bis ins 20. Jahrhundert hinein die falsche Legende eines wohltätigen Unternehmers gestrickt wurde, völlig unterbewertet wird. Behrens, als Hoffaktor gewissermaßen Duves jüdisches Pendant, ist dagegen sehr wohl als Wohltäter anzusehen, vor allem seiner diskriminierten jüdischen Glaubensgenossen. Jedoch: keine Straßenbenennung, keine Tafel, kein Denkmal erinnert an diese bedeutende jüdische Persönlichkeit der Frühen Neuzeit in Hannover. Immerhin ist sein Grab erhalten: auf dem Alten Jüdischen Friedhof an der Oberstraße[6]. Das einzige Porträt Leffmann Behrens' von Andreas Scheidt findet sich farbig reproduziert in Louis and Henry Fraenkels Genealogical tables of Jewish families[7].

Familie[Bearbeiten]

Leffmann war verheiratet mit

  • 1. NN, in Bochum[8]
  • 2. nach 1661[9] Jente Goldschmidt-Hameln (* Hannover 1623, † Hannover 25. Juli 1695), Tochter des Joseph (Jobst) Goldschmidt-Hameln, Witwe des Salman/Salomon Gans († 1654)
  • 3. 1707 Elkele Jakob († 2. November 1710) (seine Cousine)
  • 4. 1711 Feile Dillmann († 17. März 1727), T. d. Jehuda Selke Dillmann

Kinder

  • Naphtali b. Elieser Lipmann Hakohen alias Herz Behrens (* Bochum 1657, † Hannover 23. Februar 1709) war Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Hannover-Neustadt,[10] ∞ Serchen Wertheimer († 9. März 1739), Tochter des Samson Wertheimer
  • Genendel (* Hannover 1658, † Hannover 13. Juni 1712) ∞ David Oppenheim (* Worms 1664, † Prag 12. September 1736), Oberrabbiner in Prag und Weinhändler
  • Moses Jakob (* Hannover 1662, † Leipzig 19. Januar 1697) Talmudgelehrter ∞ Siese Cleve-Gomperz (* 1658, † 17. Dezember 1725), Tochter des Elias Joseph Gomperz und der Sara Miriam Jacob

Enkel:

  • Isaak (Itzig) Behrens (* 1683, 11. September 1765) ∞ Lea Lehmann, Tochter des Issachar Behrend Lehmann, Oberhoffaktor. Er war Sohn von Moses Jacob, also Enkel von Leffmann Behrens
  • Gumpert Behrens († 1726), ∞ 1703 mit Sprinze Kann, Oberhoffaktor in Hannover. Er war Sohn von Moses Jakob, also Enkel von Leffmann Behrens

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinrich Schnee: Behrens, Elieser, genannt Leffmann. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 2, Duncker & Humblot, Berlin 1955, ISBN 3-428-00183-4, S. 12 (Digitalisat). (Überholt und teilweise tendenziös.)
  • Selig Gronemann: Genealogische Studien über die alten jüdischen Familien Hannovers. Berlin 1913.
  • Religionsgespräch, gehalten am Kurfürstlichen Hofe zu Hannover 1704. Nach einer hebräischen Handschrift hrsg. und übers. von A. Berliner (u. a.). Berlin: Lamm 1914.
  • Margret Wahl: Der alte jüdische Friedhof in Hannover. Mit Beiträgen von Ludwig Lazarus (u. a.). In: Hannoversche Geschichtsblätter. N.F. Bd. 15 (1961), S. 1–76 (S. 32: Grab Nr. 159: Leffmann Behrens Cohen, Fotografie des Grabsteins mit Grabinschrift, übersetzt aus dem Hebräischen).
  • Herbert Mundhenke: Ezechiel Leffmann Behrens. In: Leben und Schicksal. Zur Einweihung der Synagoge in Hannover. Hrsg. von der Landeshauptstadt Hannover, Presseamt, in Zsarb. mit der Jüdischen Gemeinde Hannover. Hannover 1963, S. 52–57.
  • Henning Rischbieter: Hannoversches Lesebuch oder: Was in Hannover und über Hannover geschrieben, gedruckt und gelesen wurde. Bd. 1: 1650–1850. 3. Aufl. Schlüter, Hannover 1986, S. 21–26 (Kapitel: I,4: Frühkapitalisten: Duve und Leffmann Behrens – Die Jungfrau von Peinholz).
  • Bernd Schedlitz: Leffmann Behrens. Untersuchungen zum Hofjudentum im Zeitalter des Absolutismus. Hildesheim: Lax 1984 (Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens. Bd. 97.) ISBN 3-7848-3497-3 (Das Standardwerk zu Leffmann Behrens)
  • „… daß die Juden in unsern Landen einen Rabbinen erwehlen ...“ Beiträge zum 300. Jahrestag der Errichtung des Landrabbinats Hannover am 10. März 1987. Henry G. Brandt, Peter Schulze (u. a.). Hannover: Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen und Jüdische Gemeinde Hannover 1987.
  • Waldemar R. Röhrbein: Jüdische Persönlichkeiten in Hannovers Geschichte. Hannover: Lutherhaus-Verlag 1998, S. 96–101.
  • Waldemar R. Röhrbein in: Hannoversches biographisches Lexikon, S. 45–46
  • Louis and Henry Fraenkel: Genealogical tables of Jewish families. 14th - 20th centuries. Forgotten fragments of the history of the Fraenkel family. Transl. from Danish: Glimt af Glemt by: Malene Woodman. 2. Aufl. München: Saur 1999. ISBN 3-598-11426-5
    • Vol. 1.: Text and indexes (S. 15–31: Leffmann Behrens; auf Seite 28: Porträt Leffmann Behrens von Andreas Scheidts)
    • Vol. 2.: Genealogical tables
  • Bernd-Wilhelm Linnemeier: Eines Rätsels Lösung. Zur westfälischen Herkunft des hannoverschen Hof- und Kammeragenten Leffmann Behrens. In: Westfalen 90 (2012) S. 75-91.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Frage der Herkunft wurde abschließend geklärt durch Bernd-Wilhelm Linnemeier, Eines Rätsels Lösung. Zur westfälischen Herkunft des hannoverschen Hof- und Kammeragenten Leffmann Behrens, in: Westfalen 90 (2012) S. 75-91
  2. Linnemeier, Rätsels Lösung (2012), S. 77-79 und Stammtafel S. 91; Stadtlexikon Hannover…, S. 54
  3. Zu seiner Familie: Bernd-Wilhelm Linnemeier, "Waßgestalt meine Eltern und Voreltern alhie in dieser loblichen Stadt Minden ihre Wohnung gehabt ...". Die jüdische Familie Gans aus Lippstadt und Minden und ihr verwandtschaftlicher Umkreis vom 16. bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Geschichte der jüdischen Oberschicht Nordwestdeutschlands in der frühen Neuzeit, in: Beiträge zur westfälischen Familienforschung 53 (1995) S. 323-341.
  4. Vgl. Arnold Nöldeke: Kunstdenkmale, S. 537
  5. Bd. I, S. 21–26
  6. Grab Nr. 159, Abbildung des Grabsteins in Wahl und im Hannoverschen Biographischen Lexikon, S. 45
  7. München 1999, S. 28
  8. Nach Linnemeier, Rätsels Lösung (2012), S. 86-87 und Stammtafel S. 91, sehr wahrscheinlich die Mutter des ältesten Sohnes Naphtali/Herz.
  9. Linnemeier, Rätsels Lösung (2012), S. 86-87, bes. Anm. 87.
  10. Nach Linnemeier, Rätsels Lösung (2012), S. 86-87 und Stammtafel S. 91, sehr wahrscheinlich Sohn aus erster Ehe in Bochum.