Leichenschmaus

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Für das Buch des Tierrechtsautors Helmut F. Kaplan siehe Leichenschmaus – Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung, für das Album von Zombie Nation siehe Leichenschmaus (Album).

Ein Leichenschmaus (lateinisch epulum funebre[1]) ist das gemeinschaftliche Speisen der Trauergäste im Anschluss an eine Beerdigung, das von der Familie des Verstorbenen ausgerichtet wird. Diese weltweit vorkommende Sitte war bereits in vorgeschichtlicher Zeit bekannt und ist das im interkulturellen Vergleich am weitesten verbreitete Ritual bei Begräbnissen.[2]

Weitere Bezeichnungen sind Beerdigungskaffee[3], Flannerts[4], Leidessen[5], Traueressen[6] oder Leidmahl[7], Leichenmahl[8], Raue[9], Trauerbrot[10] oder Tröster[11]; im süddeutschen Sprachgebrauch auch Leichentrunk[12]; im rheinischen Sprachgebrauch Reuessen[13]; in Altbayern Kremess[14]; in Österreich Zehrung[15]; in Ostösterreich Totenmahl[16].

Bedeutung[Bearbeiten]

Der Leichenschmaus in Teilen des deutschsprachigen Raumes soll den Hinterbliebenen signalisieren, dass das Leben weitergeht und der Tod nur eine Station des irdischen Lebens darstellt. Das gemeinsame Essen soll im Gedenken an den Toten stattfinden und einen zwanglosen Rahmen bieten, in dem Geschichten rund um den Toten erzählt werden können, in Ergänzung zur formellen Trauerfeier selbst. Das Erzählen von Anekdoten dient zur Auffrischung der positiven Erinnerungen aus besseren Zeiten des Beerdigten und soll so die unmittelbaren und oft schmerzhaften Erinnerungen an die Zeit kurz vor dem Tode verdrängen (z. B. im Fall einer längeren Krankheit). Die dabei oft entstehende Heiterkeit kann helfen, Emotionen abzubauen und die Trauernden wieder positivere Gedanken fassen zu lassen. Der Leichenschmaus kann daher helfen, Abstand vom traurigen Anlass zu gewinnen und wieder eine gewisse Normalität zu erreichen.

Ein wichtiger Aspekt des Rituals ist auch hier die Festigung sozialer Bindungen, indem Angehörige länger Zeit haben, miteinander umzugehen, einander Wertschätzung zu signalisieren.

Wie viele andere Rituale geht es auch um einen Übergang, der durch die Gemeinschaft beglaubigt wird. Die Hinterbliebenen werden nicht allein gelassen, sondern sind weiter Teil ihrer sozialen Gemeinschaft. Verwandte Rituale im Zusammenhang mit ähnlichen Anlässen sind Ehe- und Geburts-Mahle[17], sowie Festmahle zum Geburtstag.

In frühen Formen des Leichenschmauses wurden mit Gewürzen bestreute Gebildebrote verzehrt, um böse Geister abzuwehren.[18]

Die mit dem Leichenschmaus als traditionellen Bestandteil der gesamten Beerdigungszeremonie einhergehenden Kosten waren in der Vergangenheit immer wieder der Grund für Einschränkungen oder Verbote.

Weblink[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Friedrich Wolfgang Reiz: Reiz' s Vorlesungen über die Römischen Alterthümer: Nach Oberlins Tafeln. Leipzig 1796, S. 341.
  2. Johannes Engels: Funerum sepulcrorumque magnificentia. Begräbnis- und Grabluxusgesetze in der griechisch-römischen Welt mit einigen Ausblicken auf Einschränkungen des funeralen und sepulkralen Luxus im Mittelalter und in der Neuzeit. Stuttgart 1998, S. 28.
  3. Wolfgang Stöcker: Die letzten Räume: Sterbe- und Bestattungskultur im Rheinland seit dem späten 18. Jahrhundert. Köln Weimar 2006, S. 157.
  4. Albert Freybe: Das alte deutsche Leichenmal in seiner Art und Entartung. Gütersloh 1909, S. 61.
  5. Paul Drechsler: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. Schlesiens volkstümliche Überlieferungen Band 2, Ausgabe 1, Leipzig 1903, S. 306.
  6. Jakob Ebner, Hans Bickel, Ulrich Ammon: Variantenwörterbuch des Deutschen Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin 2004, S. 888.
  7. Jakob Ebner, Hans Bickel, Ulrich Ammon: Variantenwörterbuch des Deutschen Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin 2004, S. 888.
  8. Albert Freybe: Das alte deutsche Leichenmal in seiner Art und Entartung. Gütersloh 1909, S. 61.
  9. Jakob Ebner, Hans Bickel, Ulrich Ammon: Variantenwörterbuch des Deutschen Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin 2004, S. 888.
  10. Herbert Clauss: Das Erzgebirge: Land und Leute. Frankfurt 1967, S. 141.
  11. Bavaria. Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern. 4. Band, 1. Abtheilung: Unterfranken und Aschaffenburg. München 1866, S. 273.
  12. Eucharius Ferdinand Christian Oertel: Gemeinnütziges Fremdwörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der in unsrer Sprache vorkommenden fremden Wörter und Ausdrücke. 4. Aufl., Band 2, Ansbach 1830, S. 670.
  13. Wolfgang Stöcker: Die letzten Räume: Sterbe- und Bestattungskultur im Rheinland seit dem späten 18. Jahrhundert. Köln Weimar 2006, S. 157.
  14. Anselm Forster: Karge Kindheit: Erinnerungen an Niederbayern. Starnberg 2002, S. 86.
  15. Jakob Ebner, Hans Bickel, Ulrich Ammon: Variantenwörterbuch des Deutschen Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin 2004, S. 888.
  16. Jakob Ebner, Hans Bickel, Ulrich Ammon: Variantenwörterbuch des Deutschen Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin 2004, S. 796.
  17. Andreas Müller: Lexikon des Kirchenrechts und der römisch-katholischen Liturgie, Band 2. 2. Auflage, Würzburg 1838, S. 440.
  18. Manfred Heim: Von Ablaß bis Zölibat: Kleines Lexikon der Kirchengeschichte. München 2008, S. 265.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Leichenschmaus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen