Leichte Sprache

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Leichte Sprache ist eine speziell geregelte sprachliche Ausdrucksweise des Deutschen, die auf besonders leichte Verständlichkeit abzielt. Das Regelwerk wird von dem seit 2006 bestehenden Netzwerk Leichte Sprache (Verein seit 2013)[1] herausgegeben. Es umfasst neben Sprachregeln auch Rechtschreibregeln sowie Empfehlungen zu Typografie und Mediengebrauch.[2] Die Leichte Sprache soll Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen über eine geringe Kompetenz in der deutschen Sprache verfügen, das Verstehen von Texten erleichtern. Sie dient damit auch der Barrierefreiheit.

Ein ähnliches Konzept ist die weniger strikt geregelte und näher an der Standardsprache liegende Einfache Sprache,[3] zu deren Zielgruppe neben Personen mit kognitiven Einschränkungen auch ausdrücklich Personen zählen, deren Erstsprache nicht Deutsch ist.[4]

Regelwerk[Bearbeiten]

Die vom Netzwerk Leichte Sprache aufgestellten Grundsätze der Leichten Sprache sind:[2]

Sprachregeln[Bearbeiten]

  • Es werden kurze Sätze verwendet.
  • Jeder Satz enthält nur eine Aussage.
  • Es werden Aktivsätze eingesetzt.
  • Im Interesse der Verständlichkeit besteht ein Satz aus den Gliedern Subjekt + Prädikat + Objekt, z. B. Das Kind streichelt den Hund.
  • Der Konjunktiv wird vermieden.
  • Der Genitiv wird in den meisten Fällen durch den Dativ ersetzt, z. B. Das Haus des Lehrers. oder Des Lehrers Haus. durch Das Haus von dem Lehrer. oder Das Haus vom Lehrer.
  • Leichte Sprache ist nicht Kindersprache, speziell werden die Anreden „Du“ und „Sie“ wie in der Standardsprache verwendet.

Rechtschreibregeln[Bearbeiten]

  • Bei Zusammensetzungen wird durch Bindestriche deutlich gemacht, aus welchen Wörtern die Zusammensetzungen bestehen, z. B. Welt-All, Bundes-Tag.

Regeln zum Textinhalt[Bearbeiten]

  • Abstrakte Begriffe werden vermieden; wo sie notwendig sind, werden sie durch anschauliche Beispiele oder Vergleiche erklärt.
  • Bildhafte Sprache (z. B. Rabeneltern) wird vermieden.
  • Wenn Fremdwörter oder Fachwörter vorkommen, werden sie erklärt.
  • Abkürzungen werden beim ersten Vorkommen durch die ausgeschriebene Form erklärt.

Empfehlungen zu Typografie und Mediengebrauch[Bearbeiten]

  • Wörter werden nicht in durchgehenden Großbuchstaben geschrieben. Kursive Schrift wird nicht verwendet.
  • Texte werden übersichtlich gestaltet, z. B. steht jeder Satz in einer eigenen Zeile.
  • Bilder helfen, einen Text besser zu verstehen.

Umsetzung[Bearbeiten]

Leichte Sprache soll die selbstständige Informationssuche und damit Selbstbestimmung von erwachsenen Menschen verbessern, die aus unterschiedlichen Gründen, vorübergehend oder dauerhaft, Probleme mit einem komplexen Satzbau haben und Fremdwörter nicht verstehen. Amtliche Mitteilungen sollen zur Barrierefreiheit ergänzend die Leichte Sprache verwenden. Die Übersetzung in die Leichte Sprache kann sehr zeitaufwendig sein, da z. B. eine Schwierigkeit darin besteht, dass die Übersetzung vieldeutiger Worte von der im Text gemeinten Bedeutung ausgehen muss.[5] Einige Behörden, beispielsweise der Deutsche Bundestag, verwenden auf ihrer Webseite neben der normalen Sprache auch die Leichte Sprache.[6]

Vertreter und Förderung[Bearbeiten]

Signet von Inclusion Europe für Texte in Leichter Sprache

Das Netzwerk Leichte Sprache, dem unter anderem die Bundesvereinigung Lebenshilfe und die Selbsthilfegruppe Mensch zuerst angehören, fördert die Verwendung der Leichten Sprache. Für seinen Einsatz mit dem Ziel der Verwendung Leichter Sprache erhielt der Verein Mensch zuerst im Jahre 2009 den Initiativpreis des Vereins Deutsche Sprache.[7]

Der Bundesverband Alphabetisierung hat besondere Empfehlungen für die Leichte Sprache in Alphabetisierungskursen herausgegeben.[8]

Am Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation der Universität Hildesheim wurde im Januar 2014 die Forschungsstelle Leichte Sprache gegründet. Sie stellt es sich zur Aufgabe, Leichte Sprache in sprach- und übersetzungswissenschaftlicher Perspektive zu erforschen, und sieht sich als Scharnier zwischen universitärer Forschung und praktischer Anwendung der Leichten Sprache in Behörden und Unternehmen. Sie führt forschungsbegleitete Übersetzungsprojekte durch (Schwerpunkt juristische und administrative Texte) und bietet Workshops sowie die Prüfung von bereits übersetzten Texten an. Gemäß den Prüfergebnissen überarbeitete Texte erhalten das „Prüfsiegel Leichte Sprache“ der Forschungsstelle.[9]

Als Gütesiegel für Texte in Leichter Sprache hat der Verein Inclusion Europe ein „Europäisches Logo für leichte Sprache“ geschaffen.[10].

Kritik[Bearbeiten]

Die Hildesheimer Forscherinnen Christiane Maaß und Ursula Bredel kritisieren die Regel, dass abweichend von der Standard-Orthografie des Deutschen Bestandteile von Komposita durch Bindestriche zu trennen seien (wie als Beispiel Rechts-Anwalt), da dadurch falsche Lernimpulse gesetzt würden. Sie schlagen deshalb vor, dass stattdessen der von ihnen Mediopunkt genannte Mittelpunkt ohne folgende Großschreibung verwendet wird (also z. B. Rechts‌·anwalt), um so überall dort Lexemgrenzen zu signalisieren, wo ein Bindestrich nicht der Standard-Orthografie entspräche. Gemäß diesem Vorschlag können in einem Kompositum beide Zeichen vorkommen (Beispiel Leichte-Sprache-Regel·werk).[11]

Von Kritikern des Leichte-Sprache-Konzepts wird generell befürchtet, dass es zunehmend dazu tendiere, Standardniveau zu werden – sich der Leichten Sprache nicht zu bedienen, könne womöglich als Versuch bewertet werden, „künstlich“ Verständigungsbarrieren und damit Privilegien zu schaffen: „Texte in 'Leichter Sprache'... wandeln sich unter der Hand zu einer neuen Norm, deren Regeln alsbald den durchschnittlichen Sprachstandard definieren könnten. Sprache, so suggerieren es diese Konzepte, dient nur der Übermittlung simpler Informationen. Dass ... es in einer Sprache so etwas wie Rhythmus, Stil, Schönheit und Komplexität als Sinn- und Bedeutungsträger gibt, wird schlicht unterschlagen oder als verzichtbares Privileg von Bildungseliten denunziert... Selbst wenn man die Sprache unter pragmatischen Gesichtspunkten sehen und als 'praktisches Bewusstsein' deuten wollte - bedeutete eine stark vereinfachte Sprache nicht auch ein stark vereinfachtes Bewusstsein?“[12]

Unterschiede zur Einfachen Sprache[Bearbeiten]

Die Leichte Sprache geht in der Vereinfachung weiter als die Einfache Sprache.[3][13] So beträgt die maximale Satzlänge bei der Einfachen Sprache meist 15 Wörter, bei der Leichten Sprache sollen Sätze „kurz“ sein. Nach Ansicht der Aktion Mensch sollen Sätze in Leichter Sprache auf 8 Wörter beschränkt sein, das Netzwerk Leichte Sprache und das Deutsche Historische Museum hingegen verfassten auch längere Sätze in Leichter Sprache.[14][15][16][17] Einfache Sprache vermeidet komplizierte Sprachelemente, macht aber einen normalsprachlichen Eindruck. Leichte Sprache hingegen weist Eigenheiten auf, die in der Normalsprache nicht vorkommen, wie z. B. Trennstriche in zusammengesetzten Wörtern und zusätzliche Zeilenumbrüche.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.): Leichte Sprache. Ein Ratgeber. BMAS, Berlin 2014 (Druckausgabe bestellbar auf www.bmas.de/DE/Service/Publikationen/a752-leichte-sprache-ratgeber.html, PDF; 3,5 MB, abgerufen am 28. September 2014).
  •  Europäische Vereinigung der ILSMH (Hrsg.): Sag es einfach! Europäische Richtlinien für die Erstellung von leicht lesbaren Informationen für Menschen mit geistiger Behinderung für Autoren, Herausgeber, Informationsdienste, Übersetzer und andere interessierte Personen. Europäische Vereinigung der ILSMH, Brüssel 1998, ISBN 2-930078-12-X (PDF, 51,7 KB, abgerufen am 3. August 2012).
  •  Inclusion Europe (Hrsg.): Informationen für alle. Europäische Regeln, wie man Informationen leicht lesbar und leicht verständlich macht.. Inclusion Europe, Brüssel 2009, ISBN 2-87460-111-X (PDF; 1,0 MB, abgerufen am 3. August 2012).
  •  Mensch Zuerst – Netzwerk People First Deutschland e. V. (Hrsg.): Das neue Wörterbuch für leichte Sprache. 1. Auflage. Mensch Zuerst – Netzwerk People First Deutschland, Kassel 2008, ISBN 978-3-937945-08-8.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Mitgliederliste. Netzwerk Leichte Sprache, abgerufen am 5. Juni 2014.
  2. a b Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Bremen e.V.: Regeln für Leichte Sprache. Netzwerk Leichte Sprache, 2013, abgerufen am 5. Juni 2014 (PDF; 3,7 MB).
  3. a b Leichte Sprache – Einfache Sprache. Klar und Deutlich – Agentur für Einfache Sprache, 2014, abgerufen am 5. Juni 2014.
  4. Einfaches Deutsch. Klar und Deutlich – Agentur für Einfache Sprache, 2014, abgerufen am 5. Juni 2014.
  5. Artikel Leichte Sprache ist gar nicht so leicht in Kehrwieder am Sonntag, Hildesheim, 3. Februar 2013, Seite 5. (Online-Version)
  6. Was macht der Bundes-Tag?
  7. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatCornelia Funke ist Trägerin des Jacob-Grimm-Preises Deutsche Sprache. Verein Deutsche Sprache, 12. Mai 2009, abgerufen am 16. November 2009.
  8. Sven Nickel: Funktionaler Analphabetismus – Ursachen und Lösungsansätze hier und anderswo (PDF; 1,3 MB) Was ist einfach zu lesen? Kriterien leicht lesbarer Lektüre S.16
  9. Forschungsstelle Leichte Sprache. Stiftung Universität Hildesheim, abgerufen am 6. Juni 2014.
  10.  Europäische Vereinigung der ILSMH (Hrsg.): Sag es einfach! Europäische Richtlinien für die Erstellung von leicht lesbaren Informationen für Menschen mit geistiger Behinderung für Autoren, Herausgeber, Informationsdienste, Übersetzer und andere interessierte Personen. Europäische Vereinigung der ILSMH, Brüssel 1998, ISBN 2-930078-12-X (http://www.webforall.info/wp-content/uploads/2012/12/EURichtlinie_sag_es_einfach.pdf, abgerufen am 16. Mai 2013). (PDF, 52 KB); [ About the use of the European easy-to-read logo] auf der Website von Inclusion Europe, abgerufen am 4. August 2010
  11. Christiane Maaß: Mediopunkt statt Bindestrich. Forschungsstelle Leichte Sprache der Universität Hildesheim, 31. Mai 2014, abgerufen am 6. Juni 2014.
  12. Konrad Paul Ließmann: Analphabetismus als geheimes Bildungsziel, FAZ, 24. Sept. 2014
  13. Faktenblatt Einfache Sprache der Aktion Mensch (PDF; 198 KB)
  14. Leichte Sprache – Einfache Sprache bei Klar und Deutlich: „Einfache Sprache [...]: Die Sätze sind meist nicht länger als 15 Wörter.“
  15. Faktenblatt Einfache Sprache der Aktion Mensch (PDF; 198 KB):
    • „Das ist Einfache Sprache [...]: Ein Satz hat in der Regel maximal 15 Wörter und höchstens ein Komma.“
    • „Unterscheidung Einfache Sprache – Leichte Sprache [...]: Leichte Sprache besteht aus sehr kurzen Sätzen. Die Satzlänge ist beschränkt auf acht Wörter.“
  16. Regeln für Leichte Sprache (PDF; 3,7 MB) vom Netzwerk Leichte Sprache
    • „Schreiben Sie kurze Sätze.“
    • Beispiele für Sätze in Leichter Sprache, die länger als 8 Wörter sind: „Sie können am Ende vom Text ein Wörter-Buch machen.“, „Nur sie können sagen, ob ein Text leicht genug ist.“, „Sie dürfen einen Text beim Schreiben in Leichter Sprache verändern.“, „Schreiben Sie eine Adresse so wie auf einem Brief.“ und „Wenn Sie etwas nicht verstehen, dann ist der Text nicht gut.“ (9-11 Wörter).
  17. Deutsches Historisches Museum: Leichter Sprache: „Das Deutsche Historische Museum ist das Museum für die Geschichte von ganz Deutschland.“ (13 Wörter)