Lenkrollradius

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Lenkrollradius

Als Lenkrollradius oder auch Lenkrollhalbmesser bezeichnet man an lenkbaren Achsen von Fahrzeugen den Abstand einer gedachten, verlängerten Linie der Lenkdrehachse zur Mitte der Radaufstandsfläche.

Der Lenkrollradius wird durch den Sturz, die Spreizung und die Einpresstiefe der Felge bestimmt.

Begriffsbedeutung[Bearbeiten]

Trifft die gedachte Linie der Lenkdrehachse genau die Mitte der Radaufstandsfläche, so spricht man von einem Lenkrollradius 0. Trifft sie weiter außen auf, spricht man von einem negativen Lenkrollradius, trifft sie weiter innen auf, ist von einem positiven Lenkrollradius die Rede.

Fahrverhalten[Bearbeiten]

  • Ein Fahrzeug mit positivem Lenkrollradius hat auf ebener Fahrbahn einen guten Geradeauslauf, reagiert aber empfindlich auf Spurrillen und neigt beim Bremsen mit unterschiedlicher Reibhaftung auf den einzelnen Spurseiten dazu, zur Seite mit der besseren Haftung zu ziehen, so dass der Fahrer gegenlenken muss.
  • Ein Fahrzeug mit negativem Lenkrollradius hat einen selbststabilisierenden Geradeauslauf, beim Bremsen auf Fahrbahnen mit unterschiedlicher Reibhaftung wird das Rad durch die Bremskraft zur schwächer gebremsten Seite gelenkt. Dadurch wird das Fahrzeug ohne ein Eingreifen des Fahrers stabilisiert und ein Ausbrechen des Fahrzeugs verhindert. Ferner führen Hindernisse auf der Straße nicht zu einem starkem „Durchschlagen“ in die Lenkung. Das 1951 vorgestellte Fuldamobil und der erste Audi 80 von 1972 waren die beiden ersten deutschen Fahrzeuge mit negativem Lenkrollradius. Um das Adjektiv „negativ" zu vermeiden, bezeichnete Audi ihn in der Werbung als „spurstabilisierend“. Um das Traggelenk weit nach außen verlegen zu können, hatte der neue Audi wie der 1974 präsentierte Golf I, tief ausgeformte Radschüsseln und Schwimmsattelbremsen, die wenig Platz in der Felge benötigen. Der spurstabilisierende Effekt des negativen Lenkrollradius ermöglichte auch den Einsatz einer Zweikreisbremse mit diagonaler Aufteilung, d. h. die Bremsen eines Vorderrades und des diagonal gegenüberliegenden Hinterrades sind in einem Bremskreis zusammengefasst.
  • Ein Fahrzeug mit Lenkrollradius 0 überträgt fahrbahn- oder fahrzeugbedingte Kräfte (Reifendefekt) nicht an die Lenkung, erfordert jedoch einen höheren Kraftaufwand beim Lenkeinschlag des stehenden Fahrzeuges. Der Lenkrollradius 0 ist praktisch schwer zu verwirklichen, da jede Änderung des Reifendurchmessers durch Luftdruckänderung, Reifenverschleiß, Beladung oder Bremsverzögerung (=Laständerung auf der Vorderachse) wegen der Spreizung den Lenkrollradius vergrößert oder verkleinert. Dies trifft nur dann nicht zu, wenn die Lenkachse genau senkrecht steht und sich in der Radmitte befindet, wie etwa bei der Citroën DS. Wie beim Alfa Romeo Alfasud, VW K 70, Audi 100 (bis 1974), Audi F103, NSU Ro 80, Citroën SM und GS und anderen Modellen waren bei der DS die Scheibenbremsen nicht (wie heute bei fast allen Fahrzeugen) in den Rädern, sondern innen an beiden Seiten des Differentialgetriebes angeordnet. Dadurch wurde zum einen die ungefederte Masse vermindert und zum anderen durch den Raumgewinn in den Rädern (bei DS, GS und SM) der Lenkrollradius null möglich. Bei allen Fahrzeugen mit innenliegenden Bremsen übertragen die Gelenkwellen die Bremskraft und werden daher stärker beansprucht.

Geschichte[Bearbeiten]

Frühere Automobile hatten alle einen positiven Lenkrollradius, da die Lenkachse fast senkrecht zum Untergrund stand und aus Platzgründen nicht innerhalb der Felge untergebracht werden konnte. Die Lenkung war daher sehr verschleißanfällig.

Das vermutlich erste Fahrzeug mit negativem Lenkrollradius war das von Norbert Stevenson 1950 entwickelte dreirädrige Fuldamobil. Ein Patent wurde erst 1958 an Fritz Ostwald ausgegeben, jedoch danach zunächst nicht weiter verfolgt. 1965 wartete der Oldsmobile Toronado mit diesem Detail auf, 1972 der neue Audi 80. Die im gleichen Jahr präsentierte Mercedes S-Klasse der Baureihe 116 hatte eine vorn eine Doppelquerlenker-Radaufhängung mit Lenkrollradius Null.

Sonstiges[Bearbeiten]

Bei der Entwicklung von Serienfahrzeugen werden alle Komponenten des Fahrwerks aufeinander abgestimmt, um den gewünschten Lenkrollradius zu erzielen. Durch nachträgliche Veränderungen an Fahrzeugen in diesem Bereich kann sich das Fahrverhalten eines Fahrzeugs grundlegend ändern. Schon das Nachrüsten eines Fahrzeugs mit breiteren Reifen und den dazugehörigen Felgen kann ausreichen, um den negativen Lenkrollradius in einen positiven umzuwandeln.