Leonard Nelson

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Leonard Nelson

Leonard Nelson (* 11. Juli 1882 in Berlin; † 29. Oktober 1927 in Göttingen) war ein pädagogisch und politisch engagierter deutscher Philosoph mit den Arbeitsschwerpunkten Logik und Ethik.

Leben[Bearbeiten]

Leonard Nelson war der Sohn des Rechtsanwaltes Heinrich Nelson (* 9. März 1854 in Berlin; † 1929) und der Malerin Elisabeth Nelson, geb. Lejeune-Dirichlet (27. Februar 1860 in Klein-Bretschkehmen bei Königsberg; † 1920), einer Enkelin des Mathematikers Peter Gustav Lejeune Dirichlet und Nachkommin des Philosophen Moses Mendelssohn. 1907 heirateten Leonard Nelson und Elisabeth Schemann (1884–1954) in Berlin-Wilmersdorf. Nach der Heirat bezog das Ehepaar in Göttingen eine Wohnung im Nikolausberger Weg, wo Nelson bis zu seinem Tod wohnte. Die Ehe, der der Sohn Gerhard Nelson (* 7. Mai 1909; † 1944 im Zweiten Weltkrieg in Italien) entstammte, wurde am 5. April 1912 geschieden. Elisabeth Nelson heiratete 1917 den Philosophen Paul Hensel.[1]

In Berlin besuchte Leonard Nelson das Französische Gymnasium, wo er im März 1901 sein Abitur ablegte. Er studierte zunächst an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, wo er ein philosophisches, naturwissenschaftliches, juristisches und literaturwissenschaftliches Studium begann und Vorlesungen u.a. bei dem Mathematiker Leo Koenigsberger, dem Philosophen Kuno Fischer und dem Logiker Paul Hensel besuchte. Zum Wintersemester 1901 wechselte er an die Humboldt-Universität zu Berlin, wo er bis zum Sommersemester 1903 blieb, um dann nach Göttingen an die Georg-August-Universität zu gehen. Hier wurde er 1904 mit der Dissertation Jakob Friedrich Fries und seine jüngsten Kritiker vom Philosophen Julius Baumann promoviert und stieß in seiner akademischen Karriere auf Schwierigkeiten.

Vor allem Edmund Husserl, der in Göttingen ein Extraordinariat hatte, suchte Nelsons akademische Laufbahn zu behindern. Nachdem Nelson 1908 jedoch zusammen mit Kurt Grelling die Grelling-Nelson-Antinomie, ein semantisches Paradoxon als Variante der Russellschen Antinomie, formuliert hatte, gelang ihm 1909 mit Unterstützung des Mathematikers David Hilbert die Habilitation. Als Georg Misch 1919 Ordinarius für Philosophie wurde, setzte Hilbert sich auch für die dadurch möglich gewordene Ernennung Nelsons zum außerordentlichen Professor ein.

Leonard Nelson war ein eminent politischer Denker: Philosophie und Praxis bildeten für ihn eine Einheit. Der Übergang von der gedanklichen Reflexion zur ethischen Lebensführung war vom philosophischen Programm her gefordert. Nelson formulierte das Konzept eines ethisch begründeten Sozialismus, wie es schon im Marburger Neukantianismus vorformuliert worden war. Allerdings geriet er mit dem 1917 von ihm gegründeten Internationalen Jugend-Bund (IJB) in Konflikt zur Parteilinie der SPD. 1925 fasste der Parteivorstand einen Unvereinbarkeitsbeschluss, was in der allgemeinen Rezeption bis heute Spuren hinterlassen hat. Nelson gründete nach dem Ausschluss den Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), der seit 1933 im Widerstand gegen den Nationalsozialismus wirkte.

In dem Kampfbund engagierte sich auch Grete Hermann, die seit ihrer Dissertation im Jahr 1925 für Nelson als Privatassistentin arbeitete. Gemeinsam mit Minna Specht gab Grete Hermann aus dem Nachlass den Band System der philosophischen Ethik und Pädagogik heraus.

Aktivitäten[Bearbeiten]

Bereits als junger Student begründete Nelson in Berlin und Göttingen mit Freunden die Neufriesische Schule[2] als einen philosophischen Diskussionskreis. Seine Aufgabenstellung war die Pflege und Fortbildung der kritischen Philosophie Immanuel Kants, nachdem Nelson ihre wissenschaftliche Weiterbildung durch den Philosophen Jakob Friedrich Fries (wieder)entdeckt und in ihrer Bedeutung erkannt hatte. Mitglieder des Kreises waren:

1913 überführte Nelson den Kreis in eine Jakob-Friedrich-Fries-Gesellschaft und bestimmte Arthur Kronfeld zum stellvertretenden Vorsitzenden und Schriftführer. Den Ersten Weltkrieg überstand die Gesellschaft nur geschwächt. Lediglich 1921 hielt sie noch einmal eine Tagung zum Thema Relativitätstheorie und Kritische Philosophie ab.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gründete Nelson in Anlehnung an die Platonische Akademie der Antike eine Philosophisch-Politische Akademie. Sie wurde Trägerin des 1924 bei Kassel eröffneten Landerziehungsheims Walkemühle, in der Gustav Heckmann bis zum Verbot durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 als Lehrer tätig war.

Weitere Gründungen Nelsons waren die Gesellschaft der Freunde der Philosophisch-Politischen Akademie sowie der Internationale Jugendbund.

Zu Leonard Nelsons Schülern und politischen Begleitern im Internationalen Sozialistischen Kampfbund gehörten:[3]

Nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligten sich seine ehemaligen Begleiter am Wiederaufbau demokratischer Institutionen in der Bundesrepublik Deutschland. So war Fritz Eberhard ein Mitglied des Parlamentarischen Rates.

Positionen[Bearbeiten]

Im Anschluss an Jakob Friedrich Fries verstand Leonard Nelson seine Philosophie als theoretische und praktische Fortführung des an mathematischer Exaktheit und Stringenz orientierten Kritizismus Immanuel Kants. Nelson forderte vom philosophischen Denken rigorose Wissenschaftlichkeit und Wahrhaftigkeit sowie eine konsequente Umsetzung gewonnener Einsichten in die eigene und politische Praxis.

In der Schrift Die Unmöglichkeit der Erkenntnistheorie vertrat Nelson die Auffassung, dass eine wissenschaftliche Erkenntnistheorie nicht möglich sei. Denn es lasse sich die objektive Gültigkeit von Erkenntnis nicht begründen, ohne diese Gültigkeit selbst bereits vorauszusetzen.

In seinem bekanntesten Vortrag Die sokratische Methode aus dem Jahr 1922 empfahl Nelson eine modifizierte sokratische Unterrichtsmethode für den Philosophieunterricht wie auch als Methode zur Wiederbelebung der philosophischen Forschung. Sein Standpunkt wird auch als "neosokratisch" bezeichnet (siehe auch: Mäeutik und Sokratisches Gespräch).

Der philosophischen Ethik schrieb Nelson eine wichtige Rolle beim Wandel gesellschaftlicher Moralvorstellungen zu. Zentral in seinen moralphilosophischen Überlegungen war der Begriff der Interessen. Nelsons Grundsatz der persönlichen Würde zufolge hat jedes Wesen, das Lust und Unlust empfinden kann, auch grundsätzlich einen Anspruch auf die Achtung seiner Interessen. Daher gehörten für Nelson auch Tiere zu den Lebewesen, denen gegenüber direkte Pflichten erwachsen.[4]

Nelson sah sich selbst als einen ethischen, antiklerikalen und nichtmarxistischen Sozialisten. Von dieser Position aus beeinflusste er insbesondere den Sozialdemokraten Willi Eichler, einen der Hauptverfasser des Godesberger Programms.

Auch vertrat Leonard Nelson in der Öffentlichkeit eine vegetarische Lebensweise.

Werke[Bearbeiten]

Gesamtausgabe[Bearbeiten]

  • Gesammelte Schriften in neun Bänden. Herausgegeben von Paul Bernays u. a. Meiner, Hamburg 1970–1977.
    • Band I: Die Schule der kritischen Philosophie und ihre Methode
    • Band II: Geschichte und Kritik der Erkenntnistheorie
    • Band III: Die kritische Methode in ihrer Bedeutung für die Wissenschaft
    • Band IV: Kritik der praktischen Vernunft
    • Band V: System der philosophischen Ethik und Pädagogik
    • Band VI: System der philosophischen Rechtslehre und Politik
    • Band VII: Fortschritte und Rückschritte der Philosophie von Hume und Kant bis Hegel und Fries
    • Band VIII: Sittlichkeit und Bildung
    • Band IX: Recht und Staat

Einzelschriften[Bearbeiten]

  • Ethische Methodenlehre. von Veit & Comp., Leipzig 1915
  • Die Rechtswissenschaft ohne Recht. von Veit & Comp., Leipzig 1917.
  • Die sokratische Methode. Vortrag, gehalten am 11. Dezember 1922 in der Pädagogischen Gesellschaft in Göttingen. In: Abhandlungen der Fries’schen Schule. Neue Folge. Hrsg. v. Otto Meyerhof, Franz Oppenheimer, Minna Specht. 5. Band, H. 1. Öffentliches Leben, Göttingen 1929, S. 21–78.
  • Demokratie und Führerschaft. Öffentliches Leben, Berlin 1932.
  • Ausgewählte Schriften. Studienausgabe. Hrsg. und eingeleitet von Heinz-Joachim Heydorn. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1974.
  • Vom Selbstvertrauen der Vernunft: Schriften zur krit. Philosophie und ihrer Ethik. Hrsg. von Grete Henry-Hermann (Philosophische Bibliothek. Band 288). Meiner, Hamburg 1975.

Nachlasspublikationen[Bearbeiten]

  • Kritische Naturphilosophie. Mitschriften aus dem Nachlass. Hrsg. von Kay Herrmann und Jörg Schroth (Beiträge zur Philosophie, Neue Folge 233). Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2004.
  • Typische Denkfehler in der Philosophie. Nachschrift der Vorlesung vom Sommersemester 1921. Mit einer Einleitung von Dieter Birnbacher. Aus dem Nachlass hrsg. von Andreas Brandt und Jörg Schroth. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2011 (Philosophische Bibliothek, Bd. 623). ISBN 978-3-7873-2149-0

Literatur[Bearbeiten]

  • Beiträge zur Friedensforschung im Werk Leonard Nelsons. Meiner, Hamburg 1974.
  • Armin Berger, Gisela Raupach-Strey, Jörg Schroth (Hg.): Leonard Nelson - ein früher Denker der Analytischen Philosophie? Ein Symposion zum 80. Todestag des Göttinger Philosophen (PPA-Schriften, Bd. 2), Berlin-Münster-Wien-Zürich-London, 2011 ISBN 978-3-643-11002-2
  • Andreas Brandt: Ethischer Kritizismus. Untersuchungen zu Leonard Nelsons 'Kritik der praktischen Vernunft' und ihren philosophischen Kontexten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2002 ISBN 3-525-30517-6
  • Holger Franke: Leonard Nelson. Ein biographischer Beitrag unter besonderer Berücksichtigung seiner rechts- und staatsphilosophischen Arbeiten. Verlag an der Lottbek, Ammersbek bei Hamburg 1991 ISBN 3-926987-61-8
  • Gustav Heckmann: Das sokratische Gespräch. Erfahrungen in philosophischen Hochschulseminaren. Schroedel, Hannover 1981 ISBN 3-507-39014-0.
  • Grete Henry-Hermann: Die Überwindung des Zufalls. Kritische Betrachtungen zu Leonard Nelsons Begründung der Ethik als Wissenschaft. Meiner, Hamburg 1985 ISBN 3-7873-0658-7.
  • Ekkehard Hieronimus: Theodor Lessing - Otto Meyerhof - Leonard Nelson. Bedeutende Juden in Niedersachsen. Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, Hannover 1964
  • Detlef Horster: Nelson, Leonard. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 19, Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 60–62 (Digitalisat).
  • Rainer Loska: Lehren ohne Belehrung. Leonard Nelsons neosokratische Methode der Gesprächsführung. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 1995, ISBN 3-7815-0790-4.
  • Gisela Raupach-Strey: Sokratische Didaktik: die didaktische Bedeutung der Sokratischen Methode in der Tradition von Leonard Nelson und Gustav Heckmann. Münster, Hamburg, London: Lit 2002 (Sokratisches Philosophieren Bd. 10) ISBN 3-8258-6322-0.
  • Minna Specht u. Willi Eichler (Hrsg.): Leonard Nelson zum Gedächtnis. Verlag Öffentliches Leben, Frankfurt a.M. u. Göttingen 1953.
  • Udo Vorholt: Die politische Theorie Leonard Nelsons. Eine Fallstudie zum Verhältnis von philosophisch-politischer Theorie und konkret-politischer Praxis. Nomos-Verlags-Gesellschaft, Baden-Baden 1998 ISBN 3-7890-5550-6.
  • Jürgen Ziechmann: Theorie und Praxis der Erziehung bei Leonard Nelson und seinem Bund. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 1970.
  • Biographisches Lexikon des Sozialismus Band I Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH Hannover S.230-231

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Leonard Nelson – Quellen und Volltexte

Quellen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Holger Franke: Leonard Nelson. Verlag an der Lottbek, Ammersbek bei Hamburg 1991, S. 93.
  2. Georgi Schischkoff (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. Kröner, Stuttgart 1991, Lemma Nelson.
  3. Detlef Horster: Das Sokratische Gespräch in Theorie und Praxis. Leske + Budrich, Opladen 1994, S. 30.
  4. Leonard Nelson: Vorlesungen über die Grundlagen der Ethik. Zweiter Band. System der philosophischen Ethik und Pädagogik. Göttingen-Hamburg: Verlag Öffentl. Leben, 1949. S 10.