Leontief-Paradoxon

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Das Leontief-Paradoxon ist das Ergebnis einer empirischen Untersuchung, welche 1953 durch Wassily Leontief veröffentlicht wurde und dem bis dahin unumstrittenen Heckscher-Ohlin-Theorem (Faktorproportionentheorem) vollkommen widerspricht.[1] Das Leontief-Paradoxon löste eine Vielzahl von empirischen Folgestudien zum Widerspruch zwischen Empirie und Theorie aus.

Aussage des Heckscher-Ohlin-Theorems[Bearbeiten]

W. Leontief beschäftigte sich mit dem Heckscher-Ohlin-Theorem (neoklassisches Modell), welches bis nach dem Zweiten Weltkrieg in der Außenwirtschaftstheorie unumstritten war. Nach diesem Theorem ist die Ursache für die Richtung und das Ausmaß des Außenhandels die unterschiedliche Ausstattung mit Produktionsfaktoren in den einzelnen Ländern. Ein Land, das – im Vergleich zu anderen Ländern – reichlich mit einem bestimmten Produktionsfaktor ausgestattet ist, wird diesen verstärkt nutzen. Dadurch kann es nämlich verhältnismäßig billiger als das Ausland produzieren. Nach dem Heckscher-Ohlin-Theorem werden sich also am internationalen Handel beteiligte Länder im Export auf solche Güter spezialisieren, deren Produktionsfaktor im eigenen Land sehr stark in Relation zu anderen Ländern vorhanden ist. Die exportierten Güter sind nämlich dann gegenüber dem Ausland billiger.[2]

Leontiefs Untersuchung der Wirtschaftsstruktur der USA[Bearbeiten]

Wassily Leontiefs empirische Untersuchung der Wirtschaftsstruktur der USA führte zu dem 1953 veröffentlichten Ergebnis, dass die zu diesem Zeitpunkt reichlich mit Kapital ausgestatteten USA entgegen anderen Ländern im internationalen Handel Produkte exportierten, welche mit einer relativ hohen Arbeitsintensität hergestellt wurden, und Güter importieren, die relativ kapitalintensiv produziert wurden.[3]

Input-Output-Tabellen[Bearbeiten]

Bei seiner empirischen Untersuchung verwendete Leontief Input-Output-Tabellen und Handelsstatistiken aus dem Jahre 1947, um die durchschnittliche Kapitalintensität der Exporte aus den USA zu bestimmen. Die Kapitalintensität der bezogenen Importe der USA zu ermitteln, war schwieriger, da Leontief keine Input-Output-Tabellen der Herkunftsländer zur Verfügung hatte. Daher verglich er die Kapitalintensität der amerikanischen Exporte mit der Kapitalintensität amerikanischer Industrien, die mit amerikanischen Importen konkurrierten.[3]

In seiner Veröffentlichung von 1953, mit den auf 1947 basierenden Werten, kam Leontief zu folgenden Ergebnissen:

Leontief's Input-Output Tabelle von 1947.svg

So stellte sich heraus, dass die Konkurrenz-Importe der USA einen um 30 % höheren Umfang an Kapital pro Arbeitseinheit zu ihrer Herstellung benötigen als die Exporte des gleichen Wertes (R, Spalte 4).[2]

Zusammengefasst: Die USA exportierten „Arbeit“ und importierten „Kapital“. Dieses Ergebnis, welches dem bis dahin unumstrittenen Heckscher-Ohlin-Theorem vollkommen widerspricht, ging als das sogenannte Leontief-Paradoxon in die Außenwirtschaftstheorie ein.

In einer weiteren Untersuchung ermittelte Leontief für das relativ arbeitsreiche und kapitalarme Japan einen Wert von R=0,644, der ebenfalls als Widerspruch zum Heckscher-Ohlin-Theorem anzusehen ist, da zu erwarten gewesen wäre, dass Japan eher relativ arbeitsintensive Produkte exportiert. In der Folge wurde das Heckscher-Ohlin-Theorem zum sogenannten Neo-Faktorproportionentheorem weiterentwickelt, welches zwischen Arbeit, Humankapital und Sachkapital unterscheidet.[4]

Begründung für das Leontief-Paradoxon[Bearbeiten]

Für die Unterschiede zwischen den empirischen Untersuchungen von Wassily Leontief und dem Heckscher-Ohlin-Theorem gibt es folgende Begründungen:

  • Die Produktionstechnologien sind nicht gleich:
    Unterschiede bestehen nicht nur in der Faktorausstattung, ebenso gibt es erhebliche relative Unterschiede in den Faktorproduktivitäten.
  • Die Produktionsfaktoren sind nicht homogen:
    Industrieländer wie zum Beispiel die USA besitzen eine relativ gute Ausstattung mit hochqualifizierter Arbeit. Deshalb exportieren sie Güter, bei deren Produktion relativ viel von diesem Faktor benötigt wird. Dieses führte zur Neo-Faktorproportionen-Theorie.
  • Natürliche Ressourcen werden neben den Faktoren Arbeit und Kapital mit eingesetzt:
    Durch den Einsatz natürlicher Ressourcen wird ein hoher Anteil an Kapital gebunden. Dies hat zur Folge, dass vergleichbar produzierte Güter oft auch zusätzlich importiert werden.
  • Die Nachfragepräferenzen sind nicht gleich:
    Die Länder, die im internationalen Handel tätig sind, haben eine unterschiedliche Nachfragepräferenz, zum Beispiel die amerikanische Industrie ist insbesondere auf der Suche nach kapitalintensiv hergestellten Gütern.
  • Je nach Produktionsmenge können die Faktorintensitäten variieren:
    Hier ist kein eindeutiger Zusammenhang zwischen relativen Faktorpreis und relativen Güterpreis festzustellen.
  • Maßnahmen des Protektionismus:
    Im Zeitraum der empirischen Untersuchung von Wassily Leontief wurden Veränderungen von zollpolitischer Maßnahme in den USA vorgenommen. Diese beinhalteten zum Beispiel den Schutz von Produktionssektoren mit relativ hoher Arbeitsintensität[5].[6]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Leontief, Wassily (1954) Domestic Production and Foreign Trade - The American Capital Position Reexamined, Economia Internazionale, (VII): S. 1.
  2. a b Borchert, Manfred (1975) Das Leontief-Paradoxon, Wirtschaftswissenschaftliches Studium, 4.Jg., (Heft 6): S. 295.
  3. a b International Trade - Evolution in the Thought and Analysis of Wassily Leontief (Abgerufen: 8. April 2008, 11:47 MEZ; PDF; 32 kB)
  4. Borchert, Manfred (1975) Das Leontief-Paradoxon, Wirtschaftswissenschaftliches Studium, 4.Jg., (Heft 6): S. 296.
  5. International Trade - Evolution in the Thought and Analysis of Wassily Leontief (Abgerufen: 8. April 2008, 11:47 MEZ; PDF; 32 kB)
  6. Borchert, Manfred (1975) Das Leontief-Paradoxon, Wirtschaftswissenschaftliches Studium, 4.Jg., (Heft 6): S. 297–298.

Literatur[Bearbeiten]

  • Manfred Borchert: Bemerkungen zur empirischen Analyse des Leontief-Paradoxons. In: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. 4(124), Heft 3 1968, S. 430ff.
  • Manfred Borchert: Das Leontief-Paradoxon. In: Wirtschaftliches Studium. 4.Jg., Heft 6 1975, S. 295–298.
  • Wassily Leontief: Domestic Production and Foreign Trade - The American Capital Position Reexamined. In: Economia Internazionale. (VII) 1954, S. 1ff.

Weblinks[Bearbeiten]