Leopold von Ranke

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Leopold von Ranke (Porträt nach Julius Schrader)
Leopold von Ranke 1877

Franz Leopold Ranke, ab 1865 von Ranke (* 21. Dezember 1795 in Wiehe; † 23. Mai 1886 in Berlin), war ein deutscher Historiker, Historiograph des preußischen Staates, Hochschullehrer und königlich preußischer Wirklicher Geheimer Rat.

Familie[Bearbeiten]

Leopold von Ranke wurde als ältester Sohn des Rechtsanwalts Gottlieb Israel Ranke (1762–1836) und seiner Ehefrau Friederike Ranke, geb. Lehmicke (1776–1836), geboren. Er war der Bruder des Theologen Friedrich Heinrich Ranke (1798–1876) und des Theologen Ernst Ranke (1814–1888). Seine Neffen waren der Physiologe und Anthropologe Johannes Ranke und der 1891 ebenfalls geadelte Mediziner Heinrich von Ranke.

Ranke heiratete 1843 Helena Clarissa Graves (1808–1871) aus einer alten englischen Familie: die Tochter des Dubliner Polizeikommissars John Crosby Graves (1776–1835) und der Helena Perceval (1785–1835). Das Ehepaar Ranke hatte drei Söhne Otto (1844–1928), Generalmajor Friedhelm (1847–1917), der seine Cousine Selma von Ranke heiratete, und Albrecht (1849–1850) sowie eine Tochter Maximiliane (1846–1922). Der britische Schriftsteller Robert von Ranke-Graves war ein Verwandter Leopold von Rankes.

Er wurde am 22. März 1865 in Berlin in den preußischen Adelsstand erhoben.

Leben[Bearbeiten]

Gedenkstein für Leopold von Ranke an der Landesschule Pforta

Leopold von Ranke besuchte von 1809 bis 1814 die Landesschule Pforta. Sein Studium absolvierte er von 1814 bis 1818 in der Theologie und Philologie an der Universität Leipzig.

Ab 1818 war er Gymnasiallehrer in Frankfurt (Oder). 1824 wechselte er nach Berlin und wurde an der dortigen Universität außerordentlicher Professor. Von 1827 bis 1831 bereiste Ranke die Archive des ehemaligen Heiligen Römischen Reiches, dazu 1829 das Staatsarchiv Venedig, 1832 nahm ihn die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin als Mitglied auf. 1834 wurde Ranke ordentlicher Professor an der Universität, 1841 von König Friedrich Wilhelm IV. zum Historiographen des Preußischen Staates ernannt (der Ertrag gesammelt veröffentlicht als Zwölf Bücher preußischer Geschichte, 1878/1879).

1871 stellte er, da sehbehindert, seine Lehrtätigkeit ein, arbeitete aber entschlossen weiter an seinem Werk: Er nahm die Umarbeitung und Ergänzung älterer Arbeiten in Angriff, um seine Sämtlichen Werke herauszugeben. 80-jährig begann er, seine Weltgeschichte zu diktieren, von der ab 1880 jährlich ein Band erschien und die nach seinem Tod aus seinen Aufzeichnungen ergänzt wurde. Er starb 1886. Sein Grabmal steht auf dem Sophienkirchhof.

Ehrungen[Bearbeiten]

Im Jahre 1853 erhielt er den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst[1] und 1855 den Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste.[2] 1885 ernannte man ihn zum Ehrenbürger von Berlin und 1888 wurde ihm zu Ehren die Rankestraße benannt.

Berliner Straßenschild der Rankestraße mit Widmung

Bedeutung seines Werkes[Bearbeiten]

Ranke ist einer der Gründerväter der modernen Geschichtswissenschaft. Nach den preußischen Reformen (um 1810) und der Gründung der ersten Berliner Universität unter Wilhelm von Humboldt hatte sich das Wissenschaftskonzept des Historismus durchgesetzt. Der Historismus unterschied sich durch einen systematischen und quellenkritischen Ansatz von der bisherigen vornehmlich philosophischen Geschichtsbetrachtung.

Aufgrund dieses Ansatzes lieferte Ranke eine Methodik, die die alte erzählende Geschichte mit den neuen wissenschaftlichen Grundlagen (mit einer zunehmenden Professionalisierung durch das Geschichtsstudium) verbindet. Der Historiker hat demzufolge die Aufgabe, aufzuzeigen, „wie es eigentlich gewesen“ ist. Ranke geht es um möglichst große Objektivität bei der Wiedergabe der Geschichte.[3] Dieser Wesenszug seiner Geschichtsschreibung führt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der deutschen Geschichtswissenschaft zur Ausprägung sog. „Neorankeaner“. Dazu zählen u.a. Erich Marcks, Max Lehmann und Max Lenz. Sie stehen im Unterschied zu Historikern wie Heinrich von Sybel, Heinrich von Treitschke oder Johann Gustav Droysen, die die Geschichte auch mit einer tagespolitischen Aufgabe sehen, auf dem methodologischen Boden Rankes. Dennoch bleiben auch sie nicht von der anderen Strömung unbeeinflusst. Objektivität in der Geschichtsschreibung bedeutet keineswegs tagespolitische Neutralität. Das gilt übrigens auch für Ranke selbst. Nachhaltigste Wirkung erreichten seine Werke vornehmlich zur Reformation, zu den römischen Päpsten, zur englischen und französischen Geschichte im 17. Jahrhundert. In der internationalen Geschichtsschreibung seiner Zeit gibt es in der Tat nur wenige, die sich mit ihm messen können. Dazu zählen u.a. Jules Michelet und Thomas Babbington Macaulay.

Für Ranke war die Ästhetik der Sprache genauso wichtig wie der eigentliche Inhalt. Verheerend und teilweise bis heute nachwirkend wird ihm von einigen vorgeworfen, dass durch seine ausgefeilte Sprache literarische Form und intellektuelle Entdeckung nicht auseinander gehalten werden.[4]

Ranke hat seiner Bedeutung entsprechend eine Vielzahl bedeutender Schüler, die ihrerseits selbst wieder eigene Schulen bilden. Hier nennen wir als seinen ältesten und wohl auch für die Entwicklung der deutschen Geschichtswissenschaft bedeutendsten Heinrich von Sybel. Auch Jacob Burckhardt, Carl von Noorden und Wilhelm Maurenbrecher haben zeitweilig in Berlin bei Ranke studiert.

Rankes Geschichtsschreibung ist im Wesentlichen politische Staatengeschichte. Die in Erscheinung tretenden Personen haben in irgendeiner Weise politische Bedeutung. Die Erforschung der Staatenwelt ist ihm das Wesentliche. Die sozialen Gesichtspunkte wie die der gesellschaftlichen Unterschichten treten bei ihm meist nicht auf. Eines der wenigen Kapitel in seiner Geschichtsschreibung, wo sie so umwälzend in die Geschichte eintreten, dass sie nicht ignoriert werden können, gilt dem Themenfeld deutscher Bauernkrieg. Diese Auffassung von Geschichte schlägt sich besonders in der Geschichte der Reformationszeit und der des 17. Jahrhunderts nieder. Sie bleibt aber auch für die Geschichte des 19. Jahrhunderts nicht folgenlos. Ende des 19. Jahrhunderts kommt es zwischen den sog. Rankeanern und Karl Lamprecht zum Methodenstreit der Geschichtswissenschaft, der eigentlich weniger ein sachlicher Streit als eine Verunglimpfung des neuen Denkansatzes Lamprechts war.

Von 1833 bis 1836 gab Ranke die Historisch-Politische Zeitschrift heraus. Da Ranke den Großteil der Beiträge der Zeitschrift selbst verfasste, gilt diese heute als „einmalige persönliche Schöpfung ihres Herausgebers von unvergänglicher Wirkung“.[5]

Werke[Bearbeiten]

Sondermarke von Deutschland (1995) zum 200. Geburtstag von Rankes

Literatur[Bearbeiten]

  • Siegfried Baur: Versuch über die Historik des jungen Ranke. Duncker & Humblot, Berlin 1998, ISBN 978-3-428-09115-7.
  • Alfred Dove: Ranke, Leopold von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 27, Duncker & Humblot, Leipzig 1888, S. 242–269.
  • Ulrich Muhlack: Ranke, Franz Leopold von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11202-4, S. 140–142 (Digitalisat).
  • Volker Dotterweich: RANKE, Leopold. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 7, Bautz, Herzberg 1994, ISBN 3-88309-048-4, Sp. 1324–1355.
  • Helmut Berding: Leopold von Ranke. In: Hans-Ulrich Wehler (Hg.): Deutsche Historiker, Band 1, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1971
  • Günter Johannes Henz: Leopold Ranke. Leben, Denken, Wort, 1795-1814. Darstellende Untersuchungen und Edition. Mit allgemeinen archivalischen und bibliographischen Beiträgen. Phil. Diss. Köln 1968.
  • Günter Johannes Henz: Zu Leopold von Rankes Briefwechsel. Forschungsbericht und Nachlese. In: Archiv für Kulturgeschichte 54 (1972), S. 285-324.
  • Günter Johannes Henz: Rankes fälschlich so benannte Vorträge „Über die Epochen der neueren Geschichte“. Eine Untersuchung zu Schein und Sein der Überlieferung. In: Deutsche Vierteljahrsschrift 83 (2009), S. 408-451.
  • Günter Johannes Henz: Zur Kritik neuerer Briefeditoren. Die Ausgabe des Briefwechsels Leopold von Rankes durch die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Eine Denkschrift zu ihrem 150jährigen Bestehen. Jülich 2008 (online).
  • Günter Johannes Henz: Leopold von Ranke in Geschichtsdenken und Forschung. Bd. I: Persönlichkeit, Werkentstehung, Wirkungsgeschichte. Bd. II: Grundlagen und Wege der Forschung. Berlin: Duncker & Humblot 2014.(Mit umfangreicher Bibliographie).
  • Ulrich Muhlack: Leopold Ranke, Rom und „Die Römischen Päpste“. In: Michael Matheus, Martin Wallraff und Jörg Lauster (Hrsg.): Rombilder im deutschsprachigen Protestantismus. Begegnungen mit der Stadt im „langen 19. Jahrhundert“, Internationale Tagung organisiert vom Deutschen Historischen Institut in Zusammenarbeit mit der Philipps-Universität Marburg und dem Centro Filippo Melantone. Protestantisches Zentrum für ökumenische Studien Rom, Facoltà Valdese, Deutsches Historisches Institut in Rom 18.-21. Juni 2009, Tübingen 2011, S. 1-24.
  • Martin Wahler: Leopold von Ranke. In: Mitteldeutsche Lebensbilder, 2. Band Lebensbilder des 19. Jahrhunderts, Magdeburg 1927, S. 171–186.
  • Wolfgang J. Mommsen (Hrsg.): Leopold von Ranke und die moderne Geschichtswissenschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 1988, ISBN 3-608-91472-2.
  • Gesamtausgabe des Briefwechsels von Leopold von Ranke. Herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften durch Klaus Hildebrand. Band 1: 1813–1825. Herausgegeben und eingeleitet von Ulrich Muhlack und Oliver Ramonat. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2007, ISBN 978-3-486-58097-6. Der Hinweis von Günter Johannes Henz auf zahlreiche Fehler „veranlasste die Historische Kommission am 17. April 2008 dazu, die Auslieferung des Bandes vorsorglich auszusetzen, um die Beanstandungen durch unbeteiligte Dritte im Detail nachprüfen zu lassen. Das Ergebnis ... bestätigte die kritischen Einwände.“[6]
  • Ugo Tucci: Ranke and the Venetian Document Market, in: The Courier 22.1 (1987) 27-38.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Leopold von Ranke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Leopold von Ranke – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans Körner „Der Bayerische Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst und seine Mitglieder“ in: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte, Bd. 47 (1984), S. 299-398. Online unter: http://periodika.digitale-sammlungen.de/zblg/kapitel/zblg47_kap28
  2. *  Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste (Hrsg.): Die Mitglieder des Ordens. 1: 1842-1881, Gebr. Mann Verlag, Berlin 1975, ISBN 3-7861-6189-5 (http://www.orden-pourlemerite.de/plm/publikationen/1_mitgliederband.pdf, abgerufen am 18. September 2011).
  3. Vgl. hierzu Rudolf Vierhaus: Rankes Begriff der historischen Objektivität. In: Reinhart Koselleck, Wolfgang J. Mommsen, Jörn Rüsen (Hrsg.): Objektivität und Parteilichkeit in der Geschichtswissenschaft. Dtv, München 1977 (= Beiträge zur Historik. Bd. 1), S. 63–76.
  4. Jonathan Knudsen: The Historicist Enlightenment. In: K. M. Baker, P. H. Reil (Hrsg.): What's Left of Enlightenment? Stanford, California 2001, ISBN 0-8047-4026-7, S. 45.
  5. Theodor Schieder: Die deutsche Geschichtswissenschaft im Spiegel der Historischen Zeitschrift, in: Historische Zeitschrift 189 (1959), S. 2.
  6. Historische Kommission: Jahresbericht 2008, S. 48.