Sendero Luminoso

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Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) ist eine terroristische peruanische maoistische Gruppierung, die Ende der 1960er aus einer Studentenbewegung an der Universität von San Cristóbal de Huamanga im peruanischen Departement Ayacucho entstand. Ihre Selbstbezeichnung lautet: Partido Comunista del Perú – por el Sendero Luminoso de José Carlos Mariátegui, deutsch: Kommunistische Partei Perus – auf dem Leuchtenden Weg José Carlos Mariáteguis, hieraus leitet sich die Kurzbezeichnung Sendero Luminoso ab. Beziehungen der Gruppe zu dem 1930 verstorbenen peruanischen Politiker, Journalisten und Schriftsteller José Carlos Mariátegui bestanden jedoch zu keiner Zeit. Die Gruppe löste für zehn Jahre bürgerkriegsähnliche Zustände in Peru aus, die fast 70.000 Menschen das Leben kosteten, mehrheitlich Angehörige der quechuasprachigen Landbevölkerung. Anders als in Chile oder Argentinien war hier nicht grundsätzlich die Regierung, sondern vor allem die linke Guerillabewegung für die vielen Toten verantwortlich. Die EU führt die Organisation auf ihrer Liste der Terrororganisationen.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Sendero Luminoso trat erstmals Ende der 1960er Jahre durch politische Agitation an der Universität von Ayacucho in Erscheinung. Sein Gründer und Anführer, der Philosophieprofessor Abimael Guzmán, hatte Ende der 60er Jahre das China der Kulturrevolution bereist und begann unter diesem Eindruck, Anhänger unter den Studenten zu sammeln.[2] Ayacucho war eine der ärmsten Provinzen Perus. Die schlechte Situation und geringe Entwicklungsmöglichkeit der verarmten Bevölkerung im Andenhochland und deren karge Lebensumstände wurden von den verschiedenen Regierungen in Lima nie durchgreifend verbessert. Die Öffnung des Bildungssystems in den 1970er Jahren weckte in der überwiegend indigenen Bevölkerung große Hoffnungen auf Besserung der sozialen Lage, die aber oft enttäuscht wurden: Mit indigenem Aussehen und ohne die notwendigen Beziehungen fand man trotz eines Hochschulabschlusses oft keinen Arbeitsplatz. Dies und die Vernachlässigung der Hochlandregionen verschafften dem Sendero eine gewisse Zustimmung, als er zu Beginn der 1980er Jahre zunächst mit vereinzelten Anschlägen in den Untergrund ging. Sein politisches Ziel war von Anfang an der völlige Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung durch einen Volkskrieg.[3]

Bewaffneter Kampf[Bearbeiten]

Gebiete in Peru mit Aktivitäten des Sendero Luminoso

Während nach dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1980 die Mehrheit der Linksparteien sich im Bündnis Izquierda Unida (IU) zusammenschloss und an den Wahlen teilnahm, rief Sendero Luminoso zum Wahlboykott auf und erklärte stattdessen den bewaffneten Kampf. Im Frühjahr dieses Jahres verbrannten sie als eine der ersten Aktionen die Wahlurnen in einem kleinen Dorf in der Nähe von Ayacucho. Es folgten Überfälle auf Polizeistationen und Dörfer. Ende 1982 wurde von der Regierung in der Provinz der Ausnahmezustand ausgerufen und Militäreinheiten in das Gebiet versetzt. Ideologie und Praxis der Senderisten waren von einer in Lateinamerika bis dahin unbekannten Radikalität. Abimael Guzmán, der sich Presidente Gonzalo oder „Das vierte Schwert der Weltrevolution“ (nach Marx, Lenin und Mao) nennen ließ, verlangte absolute Unterwerfung unter seine Führung. Obwohl viele Kader des Sendero bäuerlicher Abstammung waren, nahm er auf indigene Traditionen keinerlei Rücksicht, sondern verlangte von den Bauern bedingungslose Unterstützung. Wenn diese dazu nicht bereit waren, wurden sie durch Gewaltanwendung bis zum Mord zur Unterstützung gezwungen, was wiederum Vergeltung von Seiten des Militärs nach sich zog. In den von Sendero kontrollierten Gebieten wurden oft unter Gewaltandrohung Kämpfer aus der Bevölkerung rekrutiert. Für die Armee galt auf der anderen Seite jeder Bauer im Hochland als potenzieller Terrorist. In den abgelegenen Regionen des Berglandes kam es zu zahlreichen Massakern an der mehrheitlich indigenen Landbevölkerung. Sowohl die Guerilleros wie auch das Militär bestraften die Zusammenarbeit der Dorfbewohner mit dem jeweiligen Gegner. Dabei wurden zahlreiche Menschen gefoltert, ermordet oder verschleppt und ganze Dörfer ausgerottet.[4] Dies führte zu einer Massenflucht aus den betroffenen Regionen nach Lima. Dadurch weitete der Sendero seinen Aktionsradius aus.[5] In Lima kontrollierte er mit einem dichten Spitzel- und Sympathisantennetz die Elendsviertel, verübte Bombenanschläge, besonders auf die Stromversorgung, und Mordanschläge auf Aktivisten anderer linker Organisationen; so wurde María Elena Moyano Delgado, eine Führungspersönlichkeit der Selbstverwaltung von Villa El Salvador, vom Sendero durch einen Sprengstoffanschlag ermordet.[6]

Im Jahr 1990 war Sendero Luminoso in der Hälfte des Landes aktiv. Die Situation der damaligen Zeit beschreibt der Roman Tod in den Anden des peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa, der 1990 bei der Präsidentenwahl dem japanischstämmigen Alberto Kenya Fujimori unterlag.

Festnahmen und Entwaffnung[Bearbeiten]

Zwei Jahre nach seiner Amtseinführung putschte Fujimori mit Hilfe des Militärs gegen seine eigene Regierung. Gestützt auf Geheimdienst und Militär sowie die Bewaffnung von Bürgerwehren (Comités de Autodefensa) in den betroffenen Gebieten, aber auch einer Politik der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung, gelang es schließlich, den Sendero Stück für Stück zu zerschlagen. Im September 1992 wurden ihr Anführer Abimael Guzmán sowie weitere führenden Köpfe (u. a. José Arcela Chiroque alias "Ormeño", Florentino Cerrón Cardozo alias "Marcelo", Jaime Zuñiga alias "Dalton") der Gruppen Sendero Luminoso und MRTA festgenommen. Die peruanische Regierung entwaffnete schließlich einen großen Teil der Kämpfer durch ein „Reuegesetz“ (Ley de Arrepentimiento),[7] welches allerdings zur Bedingung hatte, dass die Betroffenen ihr Bedauern über ihr Agieren bei Sendero ausdrückten und ihnen bekannte Informationen über Namen und Aufenthaltsort anderer Senderisten bekanntgeben mussten. Durch diese Amnestie gaben bis Ende 1994 6.400 Rebellen ihre Waffen ab.

Nach seiner Verhaftung bot Guzmán der Regierung die Zusammenarbeit an, was zu einer Abspaltung einer kleinen Gruppe von der Organisation führte, die unter dem Namen Sendero Rojo den bewaffneten Kampf weiterführen wollte. Ende der 1990er Jahre waren jedoch nur noch ca. 100 Personen (geschätzt) aktiv.[8]

Die peruanische Regierung verkündete im August 2013 die Führungspersonen der Guerilla, Orlando Borda Casafranca und Martín Quispe Palomino bei einer Kommandoaktion in der Umgebung von Llochegua getötet zu haben.[9]

Aufarbeitung[Bearbeiten]

Nach dem Rücktritt Alberto Fujimoris wurde eine Untersuchungskommission eingesetzt, die sich mit den Menschenrechtsvergehen von Sendero Luminoso, MRTA, dem Militär und dem Geheimdienst seit den 1980er Jahren befassen sollte. Die Gesamtzahl der Toten im Sendero-Krieg schätzt diese Wahrheitskommission (Comisión de la Verdad y de Reconciliación) in ihrem 2003 vorgelegten Abschlussbericht auf fast 70.000.[10]

Des Weiteren kam die Kommission zu dem Ergebnis, dass Sendero Luminoso sowohl die Hauptschuld für den Ausbruch des Konflikts wie auch für alle begangenen Menschenrechtsverletzungen während dieser Periode zukommt; sie warf jedoch auch den Regierungen Garcías und Fujimoris systematische Menschenrechtsverletzungen vor.

Am 14. September 2011 rief die peruanische Regierung einen 60-tägigen Ausnahmezustand in der Provinz Leoncio Prado und den Distrikten Cholón und Monzón aus. Als Grund nannte sie die Aktivitäten der ehemaligen Mitglieder von Sendero Luminoso in den Regionen. Diese sollen demnach dem Drogenhandel und anderen kriminellen Aktivitäten wie illegalem Abholzen nachgehen.[11]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Carlos Iván Degregori: Harvesting Storms: Peasant „Rondas“ and the Defeat of Sendero Luminoso in Ayacucho. In Steve Stern (Hrsg.): Shining and Other Paths: War and Society in Peru, 1980–1995. Duke University Press, Durham/London 1998. ISBN 0-8223-2217-X.
  • Martin Koppel: Peru's Shining Path: Anatomy of a Reactionary Sect. Pathfinder, 1994.
  • Jean-Michel Rodrigo: Der dritte Sendero: weder Leuchtender Pfad noch Fujimori, die Alternative der peruanischen Volksbewegungen. Rotpunktverlag, Zürich 1994. ISBN 978-3-858-69090-6.
  • Gustavo Gorriti: Shining Path: A History of the Millenarian War in Peru. University of North Carolina Press, 1999, ISBN 0-8078-4676-7.
  • John M. Bennett (Hrsg.): Sendero Luminoso in Context: An Annotated Bibliography. Scarecrow Press, 1998.
  • James F. Rochlin:Vanguard Revolutionaries in Latin America: Peru, Colombia, Mexico. Lynne Rienner Publishers, Boulder/London 2003. ISBN 1-58826-106-9.
  • Lewis Taylor, Shining Path. Guerilla War in Peru's Northern Highlands. Liverpool University Press, 2006, ISBN 1-84631-016-4.
  • Salomón Lerner Febres, Josef Sayer (Hrsg.): Wider das Vergessen: Yuyanapaq. Bericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission Peru. Matthias-Grünewald-Verlag, Ostfildern 2008, ISBN 978-3-7867-2720-0.
  • Sebastian Chávez Wurm: Der Leuchtende Pfad in Peru (1970 - 1993). Erfolgsbedingungen eines revolutionären Projekts. Böhlau, Köln 2011, ISBN 978-3-412-20720-5. (zugl.: Univ. Diss., Hamburg 2010).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. europa.eu EU-Liste der Terrororganisationen vom 29. Mai 2006 (PDF; 45 kB) 30. Mai 2006
  2. Goedeking, Ulrich, v. Oertzen, Eleonore: Peru. München 2004 (Beck'sche Reihe Länder), ISBN 3-406-50457-4, S. 99 f.
  3. AKUF Uni Hamburg, Krieg in Peru; Goedeking/ v.Oertzen 2004, S. 100ff., 148
  4. Goedeking/v. Oertzen 2004, S. 100–102
  5. AKUF
  6. Goedeking/ v.Oertzen 2004, S. 118f.
  7. Peruanisches Reuegesetz
  8. AKUF, Bewaffneter Konflikt in Peru
  9. Regierung meldet Tod zweier Anführer von "Leuchtender Pfad" SPIEGEL ONLINE vom 13. August 2013
  10. Goedeking/ v.Oertzen,, S. 132
  11. Peru verhängt den Ausnahmezustand. In: Neue Zürcher Zeitung. 14. September 2011, abgerufen am 14. September 2011 (deutsch).