Leuggern

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Leuggern
Wappen von Leuggern
Basisdaten
Staat: Schweiz
Kanton: Aargau (AG)
Bezirk: Zurzachw
BFS-Nr.: 4313i1f3f4
Postleitzahl: 5316
UN/LOCODE: CH LGE
Koordinaten: 658742 / 27043147.5819468.219453332Koordinaten: 47° 34′ 55″ N, 8° 13′ 10″ O; CH1903: 658742 / 270431
Höhe: 332 m ü. M.
Fläche: 13.76 km²
Einwohner: 2136 (31. Dezember 2013)[1]
Einwohnerdichte: 155 Einw. pro km²
Ausländeranteil: 16,3 % (31. Dezember 2013)[2]
Website: www.leuggern.ch
Pfarrkirche und ehemalige Johanniterkommende

Pfarrkirche und ehemalige Johanniterkommende

Karte
Klingnauer Stausee Deutschland Kanton Zürich Bezirk Aarau Bezirk Baden Bezirk Brugg Bezirk Laufenburg Bad Zurzach Baldingen AG Böbikon Böttstein Döttingen AG Endingen AG Fisibach Full-Reuenthal Kaiserstuhl AG Klingnau Koblenz AG Leibstadt Lengnau AG Leuggern Mellikon Rekingen Rietheim AG Rümikon Schneisingen Siglistorf Tegerfelden WislikofenKarte von Leuggern
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Leuggern (schweizerdeutsch: Lüggere, ˈlykərə)[3] ist eine Einwohnergemeinde im Bezirk Zurzach des Schweizer Kantons Aargau. Sie liegt nahe der Mündung der Aare in den Rhein und teilweise an der Grenze zu Deutschland.

Geographie[Bearbeiten]

Die Gemeinde liegt westlich der Aare und besteht aus mehreren Dörfern und Weilern. Der nördliche Teil des rund sechs Kilometer langen und bis zu drei Kilometer breiten Gemeindegebiets liegt in der flachen und fruchtbaren Flussebene der Aare. Am südwestlichen Rand dieser Ebene, ungefähr in der Mitte der Gemeinde, befindet sich der Hauptort Leuggern (332 m ü. M.).[4]

Rund einen Kilometer nördlich davon, getrennt durch den bewaldeten Herdlenhügel liegt am westlichen Ufer des Klingnauer Stausees die Ortschaft Gippingen (320 m ü. M.). Nochmals zwei Kilometer weiter nördlich liegt an der Aaremündung die ehemalige Arbeitersiedlung Felsenau (318 m ü. M.). Der westliche und südliche Teil der Gemeinde wird durch die Ausläufer des Tafeljuras geprägt. Südlich von Leuggern liegen auf einer erhöht liegenden Ebene die Weiler Fehrental (396 m ü. M.) und Schlatt (436 m ü. M.), im Südwesten die Weiler Hettenschwil (369 m ü. M.), Etzwil (415 m ü. M.) und Hagenfirst (478 m ü. M.).[4]

Die Fläche der Gemeinde beträgt 1376 Hektaren, davon sind 510 Hektaren bewaldet und 125 Hektaren überbaut. Der höchste Punkt liegt auf 547 Metern südwestlich von Hagenfirst, der tiefste auf 312 Metern bei Felsenau am Ufer des Rheins.

Nachbargemeinden sind Full-Reuenthal im Nordnordwesten, Waldshut-Tiengen im Norden, Koblenz im Nordosten, Klingnau im Osten, Böttstein im Südosten, Mandach im Süden, Mettauertal im Westen und Leibstadt im Nordwesten.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Johanniterkommende Leuggern nach Matthäus Merian 1654

Früheste Siedlungsspuren stammen aus der Jungsteinzeit. Während der Bronzezeit existierten bei Leuggern und Gippingen zwei Dörfer. Um 500 v. Chr. nahmen die Helvetier, ein Keltenstamm, das Gebiet in Besitz. Ab 58 v. Chr. herrschten hier die Römer, die mehrere Gutshöfe errichteten. Zwischen 259 und 277 hielten die Alamannen das Gebiet um Leuggern besetzt, bevor sie von den Römern zurückgedrängt wurden. Der Rhein bildete die Nordgrenze des Römischen Reichs, bei Felsenau bestand ein Wachtturm. Um 400 zogen sich die Römer endgültig über die Alpen zurück. Die Alamannen besiedelten die Region und verdrängten allmählich die romanisierten Kelten.

Gippingen entstand wahrscheinlich im 7. Jahrhundert, Leuggern im 8. Jahrhundert. Leuggern entwickelte sich im Mittelalter zum Zentrum eines kleinen Herrschaftsgebiets. Die erste urkundliche Erwähnung der Kirche von Lutgern erfolgte 1231, als die Freien von Bernau ihren Grundbesitz dem Johanniterorden vermachten. Der Ortsname stammt vom althochdeutschen Liutgeresrein und bedeutet «leichter Abhang des Liutger».[3] Die Johanniter teilten ihren neu erworbenen Besitz zunächst der Kommende Bubikon im Zürcher Oberland zu. 1250 erfolgte die Gründung der Kommende Leuggern. Diese entwickelte sich zum religiösen und politischen Zentrum des Kirchspiels Leuggern, das die heutigen Gemeinden Leuggern, Böttstein, Full-Reuenthal und Leibstadt umfasste. Im Jahre 1284 schenkten Graf Ludwig von Frohburg-Homberg und dessen Gemahlin die Gräfin Elisabeth von Rapperswil der Johanniterkommende in Leuggern das Dorf Dogern.[5]

1415 eroberten die Eidgenossen den Aargau und lösten die Habsburger als Landesherren ab. Das Kirchspiel Leuggern wurde ein Teil der Grafschaft Baden, einer Gemeinen Herrschaft. Es grenzte nun an Vorderösterreich, das bei den Habsburgern verblieben war, ab 1460 auch an den Berner Aargau. Während des Schwabenkrieges von 1499 wurden die Dörfer des Kirchspiels verwüstet und geplündert. Von 1529 bis 1531 hielten Truppen der reformierten Stadt Bern das Kirchspiel besetzt, die Bevölkerung blieb jedoch katholisch.

Im März 1798 marschierten die Franzosen in die Schweiz ein und das Kirchspiel gelangte zum kurzlebigen Kanton Baden der Helvetischen Republik. Es entstanden die Munizipalitäten Böttstein und Leuggern. Während des Zweiten Koalitionskrieges im Jahr 1799 verlief die Frontlinie zwischen Franzosen und Österreichern mitten durch das Aaretal. Am Zusammenfluss von Aare und Rhein hatten die Franzosen ein Lager errichtet. Durch Requirierungen und Zwangseinquartierungen litt die Bevölkerung grosse Not.

Nachdem 1803 durch die Mediationsakte von Napoleon Bonaparte der Kanton Baden aufgelöst und im Kanton Aargau aufgegangen war, wurden die Dörfer des Kirchspiels in einer einzigen Gemeinde wiedervereinigt. Mit einer Fläche von über 30 Quadratkilometern war sie die grösste des Kantons. Die Kantonsregierung wandelte die Kommende Leuggern zunächst in eine Staatsdomäne um, löste sie aber schliesslich 1819 auf. Nach mehreren Besitzerwechseln wurden die Gebäude der Kommende in ein Spital umfunktioniert.

1816 beschloss das Kantonsparlament die Teilung der Grossgemeinde in die Gemeinden Böttstein, Leuggern und Oberleibstadt. Es war der Meinung, eine derart grosse Gemeinde ohne eigentliches Zentrum sei wirtschaftlich nicht überlebensfähig. 1832 wurden Full und Reuenthal von Oberleibstadt abgetrennt und bildeten die Gemeinde Full-Reuenthal. Oberleibstadt dagegen fusionierte 1866 mit Unterleibstadt. 1902 erfolgte die letzte Grenzbereinigung, als der kleine Weiler Jüppen von Leuggern abgetrennt und der Gemeinde Full-Reuenthal angefügt wurde.

Die Bevölkerung Leuggerns lebte bis ins frühe 20. Jahrhundert weitgehend von der Landwirtschaft, die Industrialisierung hielt nur langsam Einzug. Im Zuge des Eisenbahnbooms in den 1870er Jahren gab es zahlreiche Bahnprojekte, die nie verwirklicht wurden. Die Aargauische Südbahn scheiterte mit ihrem Vorhaben, eine Bahnlinie von Brugg über Leuggern nach Waldshut zu bauen. Am 1. August 1892 wurde die Bahnstrecke Stein-Säckingen–Koblenz eröffnet. Sie berührte die Gemeinde jedoch nur am nördlichen Rand bei Felsenau und wurde am 28. Mai 1994 auf dem Abschnitt KoblenzLaufenburg für den Personenverkehr geschlossen.

Ab 1880 wurde bei Felsenau Gips im Tagebau abgebaut, 1910 entstand sogar ein kleines Bergwerk. Der Gips wurde gleich an Ort an Stelle in einer Fabrik der Schweizerischen Gips-Union verarbeitet. Rund um die Fabrik entstand eine kleine Arbeitersiedlung. 1928 waren die Gipsvorkommen erschöpft und die Fabrik stellte danach Zement her, bis sie 1990 endgültig ihre Tore schloss.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts mäandrierte die Aare bei Gippingen sehr stark. Um die Jahrhundertwende wurde der Flusslauf begradigt. Zwischen 1931 und 1935 entstand durch den Bau eines Wasserkraftwerks der Klingnauer Stausee, der heute ein wichtiger Rastplatz für Zugvögel ist und unter Naturschutz steht. Das Naturparadies war ab 1950 durch Pläne für einen Flusshafen bedroht. Dieser war Teil eines Projekts für eine Schifffahrtsverbindung vom Rhein zum Genfersee (siehe Transhelvetischer Kanal). Es formierte sich heftiger Widerstand, der Ende der 1980er Jahre zum endgültigen Scheitern des überdimensionierten und wirtschaftlich fragwürdigen Projekts führte.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Wappen[Bearbeiten]

Die Blasonierung des Gemeindewappens lautet: «In Rot weisses Malteserkreuz auf weissem Ring.» Das Malteserkreuz wurde 1926 in Erinnerung an den Johanniter- bzw. Malteserorden als Gemeindewappen eingeführt. Der unterlegte Ring kam 1973 hinzu, nachdem sich der Malteserorden wegen der unveränderten Übernahme des Ordenswappens beschwert hatte.[6]

Bevölkerung[Bearbeiten]

Bevölkerungsentwicklung:[7]

Jahr 1798 1850 1900 1930 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010
Einwohner 698 1193 1013 1211 1374 1421 1589 1665 2001 2192 2123

Am 31. Dezember 2013 lebten 2136 Menschen in Leuggern, der Ausländeranteil betrug 16,3 %. Bei der Volkszählung 2000 waren 65,6 % römisch-katholisch und 21,5 % reformiert; 3,6 % gehörten anderen Glaubensrichtungen an.[8] 93,6 % bezeichneten Deutsch als ihre Hauptsprache, 1,8 % Italienisch, 1,6 % Serbokroatisch, 0,8 % Französisch.[9]

Politik und Recht[Bearbeiten]

Die Versammlung der Stimmberechtigten, die Gemeindeversammlung, übt die Legislativgewalt aus. Ausführende Behörde ist der fünfköpfige Gemeinderat. Seine Amtsdauer beträgt vier Jahre und er wird im Majorzverfahren (Mehrheitswahlverfahren) vom Volk gewählt. Er führt und repräsentiert die Gemeinde. Dazu vollzieht er die Beschlüsse der Gemeindeversammlung und die Aufgaben, die ihm von Kanton und Bund zugeteilt wurden.

Für Rechtsstreitigkeiten ist das Bezirksgericht Zurzach zuständig. Auf kommunaler Ebene gibt es einen Friedensrichter, der auch für die Gemeinden Böttstein, Full-Reuenthal und Leibstadt verantwortlich ist.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Gemäss Betriebszählung 2008 gibt es rund 900 Arbeitsplätze in der Gemeinde, davon 19 % in der Landwirtschaft, 14 % in der Industrie und 67 % im Dienstleistungssektor.[10] Industrie- und Dienstleistungsbetriebe sind hauptsächlich in Leuggern, Felsenau und Gippingen konzentriert, während die kleinen Weiler landwirtschaftlich geprägt sind. Wichtigster Arbeitgeber ist das Regionalspital Leuggern in den Gebäuden der ehemaligen Johanniterkommende. Rund drei Viertel der Erwerbstätigen sind Wegpendler und arbeiten in den umliegenden Gemeinden des unteren Aaretals oder in der Region Baden/Brugg.

Verkehr[Bearbeiten]

Leuggern liegt am Schnittpunkt mehrerer Strassen, die wichtigste davon ist die Hauptstrasse 17 von Leibstadt über Döttingen in Richtung Zürich. Die Gemeinde wird durch drei Postautolinien erschlossen: Die Linie Döttingen–Laufenburg führt durch Gippingen und Leuggern, die Linie Döttingen–Mandach durch Leuggern, Hettenschwil und Etzwil. Der Ortsteil Felsenau wird durch die Linie Bahnhof KoblenzLeibstadt erschlossen.

Bildung[Bearbeiten]

Die Gemeinde Leuggern besitzt zwei Kindergärten in Gippingen und Hettenschwil, zwei Primarschulen in Gippingen und Leuggern sowie eine Bezirksschule in Leuggern. Die Realschule und die Sekundarschule können entweder in Leibstadt oder Kleindöttingen (Gemeinde Böttstein) besucht werden. Die nächstgelegenen Kantonsschulen (Gymnasien) befinden sich in Baden und Wettingen.

Sport[Bearbeiten]

Der Ortsteil Gippingen gilt als Radsport-Hochburg der Schweiz. Der 1919 gegründete VC Gippingen organisiert seit 1926 Radrennen. Der seit 1964 durchgeführte Grosse Preis des Kantons Aargau zählt zur UCI Europe Tour und hat sich zum wichtigsten Profi-Eintagesrennen der Schweiz entwickelt.[11] 1974 fand hier ausserdem der Prolog der Tour de Suisse statt (Sieger war damals Eddy Merckx). Seit 1979 führt der VC Gippingen jeweils am 31. Dezember den Gippinger Stauseelauf durch, ein Leichtathletik-Volkssportanlass mit mehr als 1'000 Teilnehmern. Seit 1982, jeweils an der Auffahrt, wird der Johanniterlauf in und um Leuggern durchgeführt.[12]

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Sarah Brian Scherer, Dominik Sauerländer, Andreas Steigmeier: Das Kirchspiel Leuggern, Geschichte von Böttstein, Full-Reuenthal, Leibstadt und Leuggern. 2001.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Leuggern – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bevölkerungsbestand per Ende Dezember 2013, Statistisches Amt des Kantons Aargau
  2. Bevölkerungsbestand per Ende Dezember 2013, Statistisches Amt des Kantons Aargau
  3. a b  Beat Zehnder: Die Gemeindenamen des Kantons Aargau. In: Historische Gesellschaft des Kantons Aargau (Hrsg.): Argovia. Band 100, Verlag Sauerländer, Aarau 1991, ISBN 3-7941-3122-3, S. 250–253.
  4. a b Landeskarte der Schweiz, Blatt 1050, Swisstopo
  5. Aegidius Tschudi: Chronicon Helveticum, Band I., S. 191
  6.  Joseph Galliker, Marcel Giger: Gemeindewappen des Kantons Aargau. Lehrmittelverlag des Kantons Aargau, Buchs 2004, ISBN 3-906738-07-8, S. 202.
  7. Bevölkerungsentwicklung in den Gemeinden des Kantons Aargau seit 1850. In: Eidg. Volkszählung 2000. Statistisches Amt des Kantons Aargau, 2001, abgerufen am 3. April 2012.
  8. Eidg. Volkszählung 2000: Wirtschaftliche Wohnbevölkerung nach Religionszugehörigkeit sowie nach Bezirken und Gemeinden. Statistisches Amt des Kantons Aargau, abgerufen am 24. August 2012.
  9. Eidg. Volkszählung 2000: Wirtschaftliche Wohnbevölkerung nach Hauptsprache sowie nach Bezirken und Gemeinden. Statistisches Amt des Kantons Aargau, abgerufen am 24. August 2012.
  10. Betriebszählung 2008. Statistisches Amt des Kantons Aargau, abgerufen am 24. August 2012.
  11. Radsport in Gippingen
  12. Johanniterlauf des SV Leuggern