Lewis Henry Morgan

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Lewis Henry Morgan.

Lewis Henry Morgan (* 21. November 1818 in Aurora, New York; † 17. Dezember 1881) war ein US-amerikanischer Anthropologe und Mitbegründer der Ethnologie. Er vertrat eine evolutionistisch orientierte Anthropologie.

Leben[Bearbeiten]

1840 schloss Morgan sein Studium am Union College in Schenectady, New York, ab und ging zurück nach Aurora, wo er sich für die Rechtswissenschaften einschrieb. Er studierte die griechischen und römischen Klassiker.

Bekanntheit erreichte Morgan durch seine Feldforschungen bei den Irokesenvölkern. Stark betroffen von der Ungerechtigkeit, mit der die Indigenen Völker von der Amerikanischen Regierung behandelt wurden, half Morgan den Seneca juristisch in ihrem Kampf gegen die Odgen Land Company. Er wurde von den Seneca als einer der Ihren adoptiert. Sie gaben ihm den Namen "Tayadaowuhkuh" - "einer der Brücken baut" (zwischen Indianern und Weißen).

Morgans Evolutionismus[Bearbeiten]

Morgan vertrat die Theorie einer monoton aufsteigenden Entwicklung der menschlichen Kultur. Demnach durchlaufen alle Kulturen drei Entwicklungsstufen: von der Stufe der „Wildheit“ im Urkommunismus über die Stufe der Barbarei bis zur höchsten Stufe, der Zivilisation. Nach Morgans Theorie müssen alle Völker diese Entwicklung durchlaufen.

  • Wildheit: Die niedrigste kulturelle Entwicklungsstufe kennt keine Viehhaltung und keine Nahrungskonservierung, sondern nur grundlegende Ernährung durch wildwachsende Pflanzen und die Jagd.
  • Barbarei: Landwirtschaft und Viehhaltung
  • Zivilisation: Die Stufe der Zivilisation zeichnet sich durch die Entwicklung der Schrift, d.h. der Geschichtsschreibung aus. Dadurch können Vergangenheit und Zukunft verbunden werden und eine weitere Entwicklung wird ermöglicht.

Daneben vertrat Morgan die Idee, dass zu Beginn der Menschheitsentwicklung alle Völker matrifokal (siehe auch matrilinear und matrilokal) gelebt hätten und die Entwicklung zum Patriarchat gleichzusetzen sei mit dem Erreichen der Zivilisation. Seiner Theorie nach ging die matrifokale Kulturstufe einher mit kollektivem Eigentum. Als sich Privateigentum mehr und mehr herausbildete, entstanden parallel dazu patriarchale Gesellschaftsstrukturen. Im ungebremsten Wachstum des Privateigentums sah er eine Gefahr für die Zivilisation: "Seit dem Eintritt der Zivilisation ist das Wachstum des Reichtums so ungeheuer geworden, …, dass dieser Reichtum dem Volk gegenüber eine nicht zu bewältigende Macht geworden ist. Der Menschengeist steht ratlos und gebannt da vor seiner eigenen Schöpfung. … Die bloße Jagd nach Reichtum ist nicht die Endbestimmung der Menschheit, …. Die Auflösung der Gesellschaft steht drohend vor uns als Abschluss einer geschichtlichen Laufbahn, deren einziges Endziel der Reichtum ist; denn eine solche Laufbahn enthält die Elemente ihrer eigenen Vernichtung." .[1]

Friedrich Engels übernahm diese Theorie von Morgan und verfeinerte sie.

Ancient Society (Die Urgesellschaft)[Bearbeiten]

Morgans Hauptwerk, Ancient Society, Or: Researches in the lines of human progress from savagery through barbarism to civilisation („Die Urgesellschaft oder Untersuchung über den Fortschritt der Menschheit aus der Wildheit durch die Barbarei zur Zivilisation“), erschienen 1877 (deutsch 1891) begründet seinen kulturellen Evolutionismus, wie er auch von Herbert Spencer, Edward B. Tylor und Friedrich Engels vertreten wurde. Die Theorie basiert auf einem Vergleich zwischen Gesellschaften verschiedener Entwicklungsstufen. Dabei unterscheidet Morgan insbesondere zwischen einer auf persönlichen Beziehungen beruhenden "Societas" und einer auf Besitz und Region beruhenden "Civitas", womit er eine theoriegeschichtliche Vorlage für Ferdinand Tönnies' Unterscheidung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft lieferte.

Aus heutiger Sicht und nach heutigem Forschungsstand ist diese Betrachtungsweise von monoton ansteigenden Kulturen ungenügend, um die Entwicklung der Kulturen zu erklären. Diese Sichtweise wird allerdings oft fälschlicherweise als lineare Geschichtsauffassung kritisiert. Gemeint ist dabei aber meistens eine Kritik hinsichtlich des monoton ansteigenden Charakters, den der Geschichtsverlauf habe. Sie gilt als eurozentristisch und beinhaltet eine Wertung, die die westliche, zivilisierte Welt an die Spitze der Entwicklung stellt und gleichzeitig andere Kulturen als unterentwickelt und primitiv einstuft.

Ehrungen[Bearbeiten]

Morgan wurde in die American Association for the Advancement of Science aufgenommen und war ein Mitglied der National Academy of Sciences. Das sind die zwei höchsten Ehrungen, die ein Anthropologe in der amerikanischen Wissenschaft erhalten kann.

Literatur[Bearbeiten]

  • Christian Feest, Michael Oppitz, "Lewis Henry Morgan". In: Christian Feest, Karl-Heinz Kohl (Hrsg.), Hauptwerke der Ethnologie, Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 2001, S. 308-320. ISBN 3-520-38001-3
  • Burkhard Ganzer, "Lewis Henry Morgan". In: Wolfgang Marschall (Hrsg.), Klassiker der Kulturanthropologie, München: Beck, 1990, S. 88-108. ISBN 3-406-40740-4
  • Thomas R. Trautmann, Lewis Henry Morgan and the Invention of Kinship, New Edition, University of Nebraska Press, 2008. ISBN 978-0-8032-6006-1

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lewis Henry Morgan: Die Urgesellschaft, Nachdruck der ersten deutschen Übersetzung von 1908, Lollar/Lahn, 1979, S. 474 ff.