Leyenda negra

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung. Näheres ist auf der Diskussionsseite angegeben. Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung.
Detail aus „Die Geschichte Mexikos“, von Diego Rivera, (1929–1935)

Der Begriff Leyenda negra, „Schwarze Legende“, bezeichnet ein seit dem 16. Jahrhundert verbreitetes antispanisches Geschichtsbild, das die Spanier als fanatisch, brutal, menschenverachtend, faul und rückständig darstellt und im Zusammenhang mit der spanischen Dominanz im frühneuzeitlichen Europa von politischen Gegnern im vorwiegend nord- und mitteleuropäischen Ausland in diversen Medien verbreitet wurde. Der Begriff wurde 1914 vom Journalisten Julián Juderías (1877–1918) geprägt und enthält folgende Kernpunkte:

  • die einseitige Anprangerung der von Spanien begangenen Verfehlungen, während jene von anderen Ländern verschwiegen oder kaum thematisiert werden. Als Beispiel kann die Behandlung der Eingeborenen in Süd- und Mittelamerika durch die Spanier gegenüber jener der Eingeborenen Nordamerikas durch Angelsachsen oder der Eingeborenen Afrikas durch Briten, Niederländer, Franzosen sowie Belgier herangezogen werden.
  • die Dämonisierung spanischer Institutionen und Handlungen im Vergleich zu den entsprechenden Einrichtungen anderer Staaten. So besteht z. B. noch heute gemeinhin die Ansicht, die spanische Inquisition habe massive Hexenverfolgung betrieben, obwohl sie diese als Aberglauben bekämpft hat, während gerade protestantische Geistliche, darunter Luther, zu ihr aufriefen.
  • das Auslassen positiver Aspekte der spanischen Geschichte. Beispielsweise wurde auf die Werke von Las Casas verwiesen, dabei aber nicht gewürdigt, dass eine solche massive Kritik der Politik des eigenen Landes in Spanien möglich war und positive Veränderungen zur Folge hatte.
  • die ungenaue, fehlerhafte und übertriebene Darstellung spanischer Gewalttaten. Unter Berufung auf Las Casas lastete man die sinkende Zahl amerikanischer Indigener spanischen Massakern an, während die von den Europäern eingeschleppten Krankheiten als Erklärung außer Acht gelassen wurden, gegen welche die Indios über keine Immunabwehr verfügten.
  • die vom historischen Kontext losgelöste Betrachtung spanischer Aktionen. So werden die Konquistadoren an modernen ethisch-moralischen Grundsätzen gemessen, die Menschenopfer, Kriegszüge und streng hierarchischen Gesellschaftsordnungen der Azteken und Inkas aber mit dem kulturellen und zeitlichen Kontext erklärt.

Mittelalterliche Vorläufer[Bearbeiten]

Seit dem 13. Jahrhundert dominierte die Krone Aragón das spanische Königreich, dessen Hauptstadt Saragossa war, das Katalonien mit Barcelona als der wichtigsten Stadt des Königreichs beherrschte. Auch Neapel, Sardinien und Sizilien wurden von Saragossa beherrscht, was in Süditalien einen großen Hass gegen die Katalanen erzeugte. Der valenzianische Papst Alexander VI. wurde zu einer Schurkengestalt mythisiert, mit dessen Namen sich zahllose Legenden und Anekdoten verbanden. Kardinal Giuliano della Rovere charakterisierte Alexander VI. folgendermaßen: ein Katalane, Marrane und beschnitten. Sverker Arnoldsson (1908–1959[1]) folgend, beruhten die italienischen Vorurteile gegen Spanier (neben wirtschaftlichen und politischen) überwiegend auf kulturellen und rassistischen Gründen: Jahrhundertelange Mischung der Spanier mit Orientalen und Afrikanern plus jüdischen und islamischen Einfluss auf die spanische Kultur bewirkte die weitverbreitete Ansicht, die Spanier seien eine minderwertige Rasse von zweifelhaftem Glauben. (zum islamischen Einfluss siehe Geschichte Spaniens#Islamische Reiche (711-1492))

Entstehung in der frühen Neuzeit[Bearbeiten]

Spaniens Aufstieg zur Großmacht im 16. Jahrhundert (siehe Geschichte Spaniens#Spanien als mittelmeerische und Weltmacht) und seine antiprotestantische Außenpolitik hatte einen vorwiegend durch niederländische und englische Pamphletisten entfachten Propagandakrieg zur Folge, der zur eigentlichen Entstehung der Leyenda negra führte.

Die spanische Inquisition war das wichtigste und beliebteste Thema der leyenda negra im 16. Jahrhundert. Dabei existierte die Inquisition bereits in vielen europäischen Ländern, bevor sie von Ferdinand II. in Spanien eingeführt wurde, um gegen Conversos, konvertierte Juden und Muslime, vorzugehen und sie zu bestrafen, wenn die Aufrichtigkeit ihrer Konversion zum Katholizismus bezweifelt wurde.

Möglicherweise um die in Italien und anderswo verbreiteten o. g. Vorurteile zu widerlegen, sicher aber um die in Regionen, unterschiedliche Monarchien und verschiedene Religionen aufgeteilte, neu entstehende Nation zu erzwingen, erließen die katholischen Könige Isabella I. und Ferdinand II. ein Edikt, das alle Juden vor die Wahl stellte, sich entweder taufen zu lassen oder das Land zu verlassen. Etwa 50.000 Juden ließen sich taufen. Als offenkundig wurde, dass viele Juden emigrieren wollten, wurden die ohnehin harten Bestimmungen des Erlasses nicht mehr eingehalten. Viele der Emigranten wurden ihrer Vermögen beraubt und mussten das Land mittellos verlassen. Etwa 20.000 Juden starben in den Wirren der Vertreibung (siehe auch Antijudaismus#Spanien). Nicht wenige Conversos ließen sich zwar nach außen hin als Christen taufen und besuchten die Messe, hielten sich jedoch innerlich nicht an die Dogmen der Kirche, sondern an die traditionellen jüdischen Zeremonien und Speisevorschriften, heirateten untereinander, besuchten heimlich die Synagoge und erzogen ihre Kinder nicht allein im katholischen, sondern im jüdischen Glauben. Der erste Erzbischof von Granada, Hernando de Talavera, bemühte sich um religiöse Unterweisung der überwiegend moslemischen Bevölkerung, um arabische Sprachkenntnisse seines Klerus und um Übersetzungen von Katechismus und Kirchenliedern. Er lehnte die Inquisition und die Ausübung von Druck ab. 1499 setzte jedoch Kardinal Jiménez de Cisneros als Großinquisitor Zwangsmaßnahmen und Repressalien gegen Moslems durch, aber nicht nur gegen sie: Jene ca. 50.000 Juden, die sich im Zuge der Reconquista hatten taufen lassen, wurden von den cristianos viejos, den alten Christen, als cristianos nuevos oder Marranos bezeichnet und ihre rassische Diskriminierung gefordert (limpieza de sangre). Auf Betreiben Cisneros wurden schon am 18. Dezember 1499 in Toledo 4.000 Mauren öffentlich getauft und der Koran in Granada verbrannt. Eine unvollständige Namensliste aus Granada berichtet von über 9.000 Personen, die sich in panischer Furcht taufen ließen. 1502 nahm ein Edikt jetzt auch offiziell die in der Kapitulationsurkunde zehn Jahre zuvor den Moslems gewährte Religionsfreiheit. Alle conversos (also mehr als 300.000 Juden und Mauren, die zum katholischen Glauben übergetreten waren) sahen sich nun einem tödlichem Misstrauen ausgesetzt.

Einige der wichtigsten Beiträge für die Legende kamen von zwei Protestanten: John Foxe, Autor des Book of Martyrs (dt. ,Buch der Märtyrer‘, 1554) und Reginaldo González de Montes, Autor der Exposición de algunas mañas de la Santa Inquisición Española (dt. ,Bericht über einige Listen der Heiligen Spanischen Inquisition‘, 1567).

Zur Legende trug auch spanische Selbstkritik bei. Das spanische System der Encomienda und des Repartimiento war immer wieder Gegenstand von Kritik und Polemik vor allem durch Dominikanermönche. 1511 hielt der Dominikaner Antonio de Montesino in Santo Domingo eine aufsehenerregende Predigt gegen die grausame Behandlung der Indígenas: Mit welchem Recht und welcher Gerechtigkeit haltet ihr diese Indios in solch grausamer und schrecklicher Dienstbarkeit? Mit welcher Autorität habt ihr solche verabscheuenswürdigen Kriege gegen diese Menschen geführt, die still und friedlich in ihren Landen gelebt haben und wo ihr Unzählige von ihnen mit Tod und unerhörten Verheerungen zugrunde gerichtet habt? Wie könnt ihr sie so bedrückt und beschwert halten, ohne ihnen zu essen zu geben und ihre Krankheiten zu heilen, Folgen der übermäßigen Arbeit, zu der ihr sie zwingt und durch die sie euch wegsterben, besser gesagt, ihr tötet sie, um jeden Tag Gold zu graben und zu erwerben?

Damit war die Legitimität der spanischen Kolonisierung Amerikas in Zweifel gezogen worden, was für großes Aufsehen sorgte. König und Ordensgeneral rügten Montesino öffentlich, doch der beugte sich nicht. Die Kontroverse ließ sich nicht auf die theologisch-moralische Ebene begrenzen, sondern stellte ein Politikum dar, dessen Konsequenz im Dezember 1512 die Gesetze von Burgos waren: Darin wurde festgelegt, dass die Indígenas als freie Menschen behandelt und zum katholischen Glauben bekehrt werden sollten.

1542 veröffentlichte der Dominikanermönch Bartolomé de las Casas (1484/85–1566) sein Brevísima relación de la destrucción de las Indias (dt. ,Kurzgefasster Bericht über die Verwüstung der westindischen Länder‘) – eine polemische Streitschrift, die Exzesse und gewohnheitsmäßig verübte Gräueltaten während der Kolonisierung anprangerte, in der er die Indígenas mit wehrlosen Lämmern verglich und die Spanier für den Mord an zahlreichen Arawaks auf der Insel La Española verantwortlich machte. Diese Schrift wurde in verschiedene Sprachen übersetzt und fand in den mit Spanien verfeindeten Ländern große Verbreitung. Man sah dort in der Tatsache, dass ein Spanier solche Anklagen öffentlich verbreitete, einen Beleg für deren Wahrhaftigkeit.

Eine weitere frühe Quelle ist Girolamo Benzonis Buch Historia del Mondo Nuovo (dt. ,Geschichte der Neuen Welt‘); es wurde erstmals 1565 in der Republik Venedig publiziert.

Das brutale spanische Niederschlagen des Aufstands der Niederlande im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts gab der leyenda negra weitere Nahrung, insbesondere die europaweit kritisierte Statthalterschaft des „eisernen Herzogs“ Fernando Álvarez de Toledo, Herzog von Alba (Amtszeit 1567–1573). 1576 griffen beispielsweise spanische Truppen Antwerpen an und plünderten es drei Tage, eine Tat, die als „spanische Raserei“ in die Geschichte einging. Die Soldaten plünderten die Stadt, forderten Geld von den Bürgern und brannten die Häuser derjenigen ab, die nicht zahlten. Der niederländische Gegenspieler der Spanier, Wilhelm von Oranien, brach eine Propagandaschlacht gegen die spanische Politik los, die über die Grenzen der Niederlande hinaus erfolgreich war, vor allem im ebenfalls protestantisch geprägten England, wo das Narrativ aufgegriffen wurde, um den eigenen Kampf gegen Spanien zu unterstützen.

Eine weitere Stimme im Narrativ war Antonio Pérez, der nach seinem Sturz als Sekretär des Königs Philipp II. nach England floh und 1594 einige Schmähschriften gegen die spanische Monarchie unter dem Titel Relaciones (dt. ,Berichte‘) veröffentlichte.

Die verzerrte Darstellung der Gefangennahme des geistig labilen und zu Grausamkeit neigenden Prinzen Don Carlos (1545–1568) durch seinen Vater, König Philipp II., und der anschließende mysteriöse Tod des Prinzen trugen ebenfalls zur Leyenda negra bei. Die Gefangennahme und der Tod Don Carlos’ inspirierten Friedrich Schiller 1787 zu seinem Theaterstück Don Carlos, Infant von Spanien und später Giuseppe Verdi zu der Oper Don Carlos. In diesen Werken wurde Don Carlos zum Freiheitshelden verklärt und Philipp zum unmenschlichen Despoten gestempelt.

Im 17. Jahrhundert, als Barcelona, die Hauptstadt Kataloniens, nicht von der kastilisch dominierten spanischen Monarchie absorbiert werden wollte, wurden hier viele Schmähschriften produziert.

Aufklärung[Bearbeiten]

Im Zeitalter der Aufklärung bildete das etablierte negative Bild Spaniens eine beliebte Negativfolie. Dadurch erhielt die Leyenda negra erneut und nachhaltig Auftrieb. 1770 veröffentlichte Guillaume Thomas François Raynal L’Histoire philosophique et politique des établissements et du commerce des Européens dans les deux Indes (dt. ,Die philosophische und politische Geschichte der Gründung und des Handels der beiden Indien‘, womit Ostindien, also Asien und Westindien, also Amerika gemeint waren).

Romantische Reisende[Bearbeiten]

Im 19. Jahrhundert konstruierten viele Schriftsteller ein mythisches Andalusien: Washington Irving, Prosper Mérimée, George Sand, Theophile Gautier, Wassili Botkin u. a. In ihren Schriften wurde Spanien zu einem Orient der westlichen Welt (Afrika beginnt in den Pyrenäen), einem exotischen Land voll von Banditen, wirtschaftlichem Niedergang, Zigeunern, Ignoranz, machismo, Matadoren, Mauren, politischem Chaos, Armut und fanatischer Religiosität. In der Musik trugen Georges Bizet mit Carmen (1875) und Nikolai Rimski-Korsakow mit Capriccio espagnol (1887) zur Persistenz dieses Topos bei.

Rezeption in den Vereinigten Staaten[Bearbeiten]

In seinem Buch Tree of hate (dt. ,Baum des Hasses‘) beschrieb Philip Wayne Powell 1971 detailreich, wie sich die Leyenda negra ab dem 16. Jahrhundert ausgebreitet hat und über England in den USA insbesondere von den White Anglo-Saxon Protestants aufgenommen und verbreitet wurde. Die Vorurteile gegen die Spanier seien im 19. Jahrhundert auf die Mexikaner übertragen und in Massenmedien popularisiert worden. Bisweilen wurden sie als Rechtfertigung von Kriegen gegen Spanien bzw. lateinamerikanische Staaten, z. B. im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg, Spanisch-Amerikanischen Krieg oder bei der Kolonisierung der Philippinen nach dem Philippinisch-Amerikanischen Krieg herangezogen. In zahlreichen Romanen und Hollywood-Filmen haben die Spanier bzw. Mexikaner die Rolle der Bösen, wodurch das antispanische Geschichtsbild in breiten Bevölkerungskreisen verfestigt wurde.

Empirische Gegenbefunde[Bearbeiten]

Marcel Bataillon wies 1937 in seinem Buch Erasme et L’Espagne (dt. ,Erasmus und Spanien‘) den Einfluss nach, den der Humanist Erasmus von Rotterdam und seine Ideen in Spanien genossen, was den Stereotyp des ungebrochen fanatischen Katholizismus hinterfragte.

Genetische Untersuchungen widerlegen das Postulat des spanischen Völkermords in der Karibik. Eine Analyse der Mitochondrien und Y-Chromosomen zeigte, dass 62 % der Puertoricaner indigene Vorfahren haben und über 70 % zudem auch eine europäische Herkunft.

Leyenda rosa[Bearbeiten]

In Spanien gab es u.a. Tendenzen, nicht nur die Leyenda negra zu bekämpfen, sondern die eigene Geschichte in besonders günstigem Licht erscheinen zu lassen. Diese Geschichtsbetrachtung wurde bisweilen als Leyenda rosa oder auch als White Legend bezeichnet. Allerdings hat sie außerhalb Spaniens kaum Wirkung entfaltet.

Literatur (nicht ausgewertet)[Bearbeiten]

  • Friedrich Edelmayer: Die „Leyenda negra“ und die Zirkulation antikatholisch-antispanischer Vorurteile. In: Europäische Geschichte Online. Herausgegeben vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz), 2011, Zugriff am 13. Juli 2011.
  • Ingrid Schulze Schneider: La leyenda negra de España: Propaganda en la guerra de Flandes (1566–1584). Editorial Complutense, Madrid 2008, ISBN 978-84-7491-928-8. (Rezension von Britta Tewordt bei H-Soz-u-Kult, November 2010.)
  • Judith Pollmann: Eine natürliche Feindschaft. Ursprung und Funktion der schwarzen Legende über Spanien in den Niederlanden, 1560–1581. In: Franz Bosbach (Hrsg.): Feindbilder. Die Darstellung des Gegners in der politischen Publizistik des Mittelalters und der Neuzeit (= Bayreuther historische Kolloquien. Bd. 6). Böhlau, Köln u. a. 1992, ISBN 3-412-03390-1, S. 73–93.
  • Konrad W. Swart: The Black Legend during the Eighty Years War. In: John S. Bramley, Ernest H. Kossmann (Hrsg.): Some Political Mythologies. Papers Delivered to the Fifth Anglo-Dutch Historical Conference (= Britain and the Netherlands. Bd. 5). Nijhoff, Den Haag 1975, ISBN 90-247-1763-9, S. 36–57.
  • Philip Wayne Powell: Tree Of Hate: Propaganda and Prejudices Affecting United States Relations with the Hispanic World. University of New Mexico Press, Albuquerque 2008, ISBN 978-0-8263-4576-9.
  • Charles Gibson (Hrsg.): The Black Legend. Anti-Spanish Attitudes in the Old World and the New. Knopf, New York NY 1971, ISBN 0-394-30289-3.
  • William S. Maltby: The Black Legend in England. The Development of anti-Spanish Sentiment, 1558–1660. Duke University Press, Durham NC 1971, ISBN 0-8223-0250-0.

Belege[Bearbeiten]

  1. Nachruf