Lieder eines fahrenden Gesellen

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Die Lieder eines fahrenden Gesellen sind Gustav Mahlers erster Liederzyklus, den er zwischen 1884 und 1885 komponierte, zunächst mit Klavierbegleitung. Erst später (etwa 1893–1896) instrumentierte er die Lieder. Die Uraufführung unter Mahlers Leitung erfolgte in Berlin am 16. März 1896 mit dem Berliner Philharmonischen Orchester und dem Bariton Anton Sistermans als Solisten.

Entstehung[Bearbeiten]

Identisches Thema in Mahlers 1. Sinfonie und im zweiten Lied der Lieder eines fahrenden Gesellen

Der Liedzyklus entstand 1883-85, als Gustav Mahler in Kassel Chorleiter und Kapellmeister war und die Sopranistin Johanna Richter kennenlernte. Mahler verliebte sich leidenschaftlich in die junge Sängerin, da Johanna aber seine Liebe nicht erwiderte, scheiterte die Beziehung.

Aus dieser Situation heraus schuf Mahler in der Zeit von 1884 bis 1885 die Lieder eines fahrenden Gesellen, in denen er vier Gedichte vertonte, die er für die Geliebte verfasst hatte. Ein Teil des Textes zu dem ersten Lied Wenn mein Schatz Hochzeit macht findet sich jedoch auch in der Sammlung Des Knaben Wunderhorn.

Orchesterbesetzung[Bearbeiten]

Piccoloflöte, 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten in B, Bassklarinette, 2 Fagotte, 4 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Pauken, Schlagzeug, (Große Trommel, Becken, Triangel, Glockenspiel, Tamtam), Harfe, Streicher, Singstimme: Bariton.[1]

Aufbau und Tonarten[Bearbeiten]

Der Zyklus besteht aus vier Liedern:

  • Wenn mein Schatz Hochzeit macht
  • Ging heut’ morgen über’s Feld
  • Ich hab’ ein glühend Messer
  • Die zwei blauen Augen von meinem Schatz

Diese sind tonartlich folgendermaßen aufzufassen:

  • Wenn mein Schatz Hochzeit macht beginnt in d-Moll und endet in g-Moll.
  • Ging heut’ morgen über’s Feld startet in D-Dur und führt über H-Dur nach Fis-Dur.
  • Ich hab’ ein glühend Messer führt über d-Moll chromatisch aufsteigend nach es-Moll.
  • Die zwei blauen Augen von meinem Schatz steht zu Anfang in e-Moll und wendet sich im zweiten Teil nach F-Dur, endet jedoch in f-Moll.

Interpretationen und Beziehung zu anderen Werken[Bearbeiten]

Die Lieder schildern die Gedanken eines Gesellen, der in der Zeit seiner Wanderschaft zugleich versucht, eine unglückliche Liebschaft zu verarbeiten. Das Sujet des Liederzyklus weist insoweit Ähnlichkeiten mit Franz Schuberts Zyklen Die schöne Müllerin und Winterreise auf, die vom Komponisten beabsichtigt sind.

Der Liederzyklus steht in engem inhaltlichen Zusammenhang zu der wenig später entstandenen 1. Sinfonie Mahlers: das Hauptthema des 1. Satzes (Takt 62 bis 71 in den Celli) ist identisch mit dem Thema des Lieds Ging heut’ morgen über’s Feld (Takt 2 bis 9 der Gesangsstimme), und das Trio des 3. Satzes ist der „Lindenbaum“-Passage (3. Strophe) von Die zwei blauen Augen entlehnt.

Weltendualismus[Bearbeiten]

Nach dem Musikwissenschaftler Peter Revers zeigt Mahler in seinen Liedern zwei gegensätzliche Welten, nämlich die reale Welt und eine Traumwelt. Die reale Welt stellt Gustav Mahler als leiderfüllte Realität dar, in der er seinen seelischen Schmerz zum Ausdruck bringt. Dies zeigt sich im dritten Lied dieses Zyklus sehr deutlich. Kontrastierend hierzu stellt sich eine Traumwelt, die Gustav Mahler als musikalischen Raum zur imaginären Erfüllung seiner Sehnsuchte nutzt. Die Traumwelt lässt sich im zweiten und vierten Lied erkennen. Peter Revers bezeichnete die Traumwelt jedoch auch als emotionale Sackgasse, da Gustav Mahler durch sie nicht glücklich werden konnte.

Mahlers Klänge[Bearbeiten]

Nach dem Musikwissenschaftler Hubert Wißkirchen zeigt Gustav Mahler in seinen Liedern drei verschiedene Klangtypen, nämlich:

  • Zivilisationslaute wie Trommelwirbel, Marschpunktierungen und Molltonarten; Die Zivilisationslaute zeigen Mahlers reale Welt und drücken sein Leid aus.
  • Naturlaute wie Naturklangnachahmungen, Naturtöne und Durtonarten; Mit den Naturlauten unterstreicht Gustav Mahler die Ästhetik seiner Traumwelt und baut dadurch einen Locus amoenus auf.
  • Kunstlaute wie Chromatismen, Dissonanzen und Dur-Moll-Wechsel; Damit beschreibt Gustav Mahler seine Gefühlswelt. Oft werden die Kunstlaute auch benutzt, um von der einen in die andere Welt überzugehen.

Die vier Lieder[Bearbeiten]

„Wenn mein Schatz Hochzeit macht“[Bearbeiten]

Das erste Lied ist in nach dem Schema A – B – A′ eines in allen Aspekten stark kontrastierenden A- und B-Teils angelegt. Wie häufig in Mahlers Liedern beruht der musikalische Gegensatz zwischen A und B auf der Gegenüberstellung von Leid und Trauer angesichts der eigenen realen Befindlichkeit und dem erträumten stärker erfüllten Dasein.[2]

Die anfängliche Gesangslinie des A-Teils im 2/4-Takt ist durch das im weiteren Verlauf häufig wiederkehrende Wechselmotiv (a – g – f – g – a) in Achteln sowie den aufwärts gerichteten Quartsprung (a – d) gekennzeichnet. Harmonisch überwiegen unalterierte Moll-Akkorde der funktionstheoretisch zugehörigen Tonart. Irriterend bzw. ironisch in Bezug auf die im Text benannte Hochzeit anspielend wirkt im Rahmen des vorherrschenden Moll und den getragenen und unrhythmisch gestalteten Streicherklang ein immer wieder einfallendes kurzes in Terzen primär von den Holzbläsern getragenes, in Sechzehnteln abwechselnd aber auch zusammen mit der Gesangslinie vorgetragenes Dur-Motiv (Takt 1–4, 8–13, 17–21, usw.). Relevant und deutlich spürbar ist auch der Wechsel zwischen zweiteiligem (4/8 bzw. 2/4) und dreiteilig empfundenem (3/8 bzw. 6/8) Metrum. Dieser Wechsel tritt schon in der instrumentalen Einleitung (Takt 1 bis 4) und auch im weiteren Verlauf des Stückes wiederholt (z. B. in Takt 39 und 44) und auch in den letzten sieben Takten auf. Dieser Wechsel kann nach Peter Revers auch als Gegensatz des durch die Heirat bedingten Glücks der Geliebten zum gerade daraus resultierenden eigenen Schmerz aufgefasst werden.[2]

Der weite Verlauf des A-Teils ist durch diatonische Abstiege (Takt 14 bis 28) und das nun mehrmals abwärts transponierte Wechselmotiv (Takt 26 bis 33) geprägt. Ab „Geh ich in mein Kämmerlein“ (Takt 22) und spätestens ab „Weine, Wein’“ (Takt 30) ergeben sich mit einer stärker alterierten Harmonik und Chromatik Assoziationen an Richard Wagners Werk.

Der B-Teil (Takt 44 bis 56) im 6/8-Takt hebt sich vom A-Teil mit einer abwechselnd in Viertel und Achteln primär in Dur gehaltenen fast nur auf Sekundschritten aufbauenden Melodie ab. Schnelle Läufe der Streicher in hoher Lage, Sechzehnteleinwürfe der Oboen und Klarinetten in selbiger, sowie Triller der ersten Violine unterstützen den unbeschwerten Charakter der wenigen Takte.

Der Teil A′ (Takt 57 bis Ende) bringt die aus A bekannten Motive in verkürzter, reprisenartiger Form.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Peter Revers: Mahlers Lieder. Ein musikalischer Werkführer. C.H. Beck, München 2000, S. 48.
  2. a b Peter Revers: Mahlers Lieder. Ein musikalischer Werkführer. C.H. Beck, München 2000, S. 61

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Revers: Mahlers Lieder. Ein musikalischer Werkführer. Beck, München 2000, ISBN 3-406-44806-2.
  • Hubert Wißkirchen: Wort-Ton-Analyse. Musikpraxis in der Schule, Band 8. Bosse, Kassel 2002, ISBN 3-7649-2698-8.

Weblinks[Bearbeiten]