Lion Feuchtwanger

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Lion Feuchtwanger 1909 in München

Lion Feuchtwanger (* 7. Juli 1884 in München; † 21. Dezember 1958 in Los Angeles) war ein deutscher Schriftsteller und einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Briefmarke der Deutschen Post der DDR aus der Serie Bedeutende Persönlichkeiten

Leben in Deutschland bis 1933[Bearbeiten]

Gedenktafel vor dem Haus Regerstraße 8, in Berlin-Grunewald

Lion Feuchtwanger wuchs in einer begüterten Familie als Sohn des jüdisch-orthodoxen Margarinefabrikanten Sigmund Feuchtwanger und dessen Ehefrau Johanna geb. Bodenheim auf. Er war der Bruder des Juristen Ludwig Feuchtwanger und des Journalisten und Schriftstellers Martin Feuchtwanger. Schon früh unternahm Lion Feuchtwanger erste Versuche als Schriftsteller, die ihm bereits als Schüler einen Preis einbrachten. 1903 schloss er die Schule mit dem Abitur am humanistischen Wilhelmsgymnasium München ab. Danach studierte er Geschichte, Philosophie und Deutsche Philologie in München und Berlin, löste sich dabei stark vom Elternhaus. Er promovierte 1907 bei Franz Muncker über Heinrich Heines Der Rabbi von Bacharach. Von einer Habilitation nahm er aufgrund der Beschränkungen für Juden Abstand. [1]

Er gründete 1908 seine eigene Kulturzeitschrift Der Spiegel, dessen erste Ausgabe am 30. April erschien. Nach 15 Nummern und sechs Monaten fusionierte sie jedoch auf Grund finanzieller Probleme mit der von Siegfried Jacobsohn herausgegebenen Zeitschrift Die Schaubühne, für die Feuchtwanger von nun an schrieb.[2] 1912 heiratete er die jüdische Kaufmannstochter Marta Löffler. Sie war bei der Hochzeit schwanger; ihrer beider einzige Tochter starb kurz nach der Geburt. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde er im November 1914 als Ersatzreservist zum Militärdienst eingezogen, aus dem er aus gesundheitlichen Gründen einen Monat später entlassen wurde.[3] Bereits 1918 entdeckte er das Talent des jungen Bertolt Brecht, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. Während der Novemberrevolution 1918/1919 war Feuchtwanger krank und unbeteiligt.

Nach einigen Erfolgen als Dramatiker verlagerte er seinen Schwerpunkt auf den historischen Roman. Am erfolgreichsten war Jud Süß (geschrieben 1921/22, veröffentlicht 1925), der auch international bereits ab 1926 großen Anklang fand, nachdem Feuchtwanger lange in Deutschland vergeblich einen Verleger gesucht hatte. Die antisemitische Thematik schien unpopulär. Sein zweiter großer Erfolg war Die häßliche Herzogin Margarete Maultasch. Aus beruflichen Gründen zog er 1925 nach Berlin, 1932 in eine große Villa am Grunewald. 1932 erschien der erste Teil der Josephus-Trilogie Der jüdische Krieg. Feuchtwanger sprach sich für den Kosmopolitismus aus und damit auch gegen einen jüdischen Nationalismus. Auch richtete er sich gegen den marxistischen Historischen Materialismus.[4] Sein Interesse galt fortschrittlichen Intellektuellen als Schrittmachern der gesellschaftlichen Entwicklung.

Feuchtwanger erkannte sehr hellsichtig als einer der ersten die Gefahren durch Hitler und die NSDAP. Bereits 1920 erscheint in dem satirischen Text Gespräche mit dem Ewigen Juden als Vision, was später als Folge antisemitischen Rassenwahns Wirklichkeit wird:

„Türme von hebräischen Büchern verbrannten, und Scheiterhaufen waren aufgerichtet, hoch bis in die Wolken, und Menschen verkohlten, zahllose, und Priesterstimmen sangen dazu: Gloria in excelsis Deo. Züge von Männern, Frauen, Kindern schleppten sich über den Platz, von allen Seiten; sie waren nackt oder in Lumpen, und sie hatten nichts mit sich als Leichen und die Fetzen von Bücherrollen, von zerrissenen, geschändeten, mit Kot besudelten Bücherrollen. Und ihnen folgten Männer im Kaftan und Frauen und Kinder in den Kleidern unserer Tage, zahllos, endlos.[5]

Wesentlich genauer erscheinen die Figuren des „braunen Münchens“ der 1920er Jahre in dem 1930 erschienenen Schlüsselroman Erfolg, in dem Feuchtwanger in der Figur Rupert Kutzners ein leicht erkennbares Porträt Hitlers zeichnet.

Im November 1932 brach er zu Vorträgen nach London und in die USA auf. Die nationalsozialistische Machtergreifung Ende Januar 1933 machte seine Rückkehr nach Deutschland unmöglich, denn Feuchtwanger galt den Nationalsozialisten als einer ihrer intellektuellen Hauptgegner. Seine Bücher wurden ein Opfer der Bücherverbrennung 1933. Sein Name tauchte im Sommer 1933 in der ersten Ausbürgerungsliste Hitlerdeutschlands auf. Eine literarische Frucht dieser Phase war der Roman Die Geschwister Oppermann.

Exil in Frankreich und den USA[Bearbeiten]

Gedenktafel für die deutschen und österreichischen Flüchtlinge in Sanary, unter ihnen Lion Feuchtwanger
Cover von Feuchtwangers Moskau 1937

Seit 1933 lebte Feuchtwanger in Sanary-sur-Mer, einem Zentrum des deutschsprachigen Exils in Südfrankreich. Aufgrund der hohen Auflagen seiner Bücher insbesondere im angelsächsischen Sprachraum hatte er dort ein gutes Auskommen. Unter anderem als Folge der wenig antinazistischen Haltung der Westmächte näherte er sich weiter dem Sowjetkommunismus an. Als der mit der Sowjetunion sympathisierende André Gide 1936 nach einer Reise dorthin einen kritischen Bericht unter dem Titel „Zurück aus der UDSSR“ verfasste und darin neben vielem anderen die Verfolgung mißliebiger Kommunisten durch Stalin anprangerte, ließ Feuchtwanger sich von der Sowjetunion für eine Propagandaaktion einspannen.[6] Werbewirksam reiste er vom November 1936 bis Februar 1937 durch die Sowjetunion, in der seine Werke mit Hilfe Artemi Chalatows verlegt wurden. Er reiste durch die Sowjetunion, traf mit vielen Menschen zusammen und verfasste einen Bericht darüber. Stalin empfing ihn sogar zu einem Interview. Außerdem durfte er einer Sitzung in einem Prozess gegen einen angeblichen Trotzkisten beiwohnen. Feuchtwanger merkte nicht, dass ihm Potemkinsche Dörfer vorgeführt worden waren. In seinen Reiseeindrücken Moskau 1937 rechtfertigte er unter anderem die Schauprozesse gegen angebliche Trotzkisten. Feuchtwanger erregte damit die Empörung von Arnold Zweig, Franz Werfel und Bruno Frank und vielen kritischen Beobachtern des Stalinismus. Sein Verleger Chalatow wurde noch 1937 verhaftet und später ermordet. Kritik an Feuchtwangers stalinfreundlicher Haltung war der Grund für die Verzögerung seiner Einbürgerung in die USA. In dem Roman Exil, der kurz vor dem deutschen Überfall auf die Niederlande erschien, schildert er das Leben von Intellektuellen im französischen Exil. Dabei spielt die Affäre um die mit Gewalt erfolgte Übernahme des „Pariser Tageblatt“ durch einen Teil der Redaktion eine Rolle, die im Buch die „Pariser Nachrichten“ heißen. In diesem 1939 erschienenen Roman setzte er auch seiner zeitweiligen Geliebten und Freundin, der Malerin Eva Herrmann ein "zweifelhaftes Denkmal (..) in der Gestalt der Lea Chassefierre, einer Halbjüdin, die seit vielen Jahren die Geliebte des Journalisten Erich Wiesener ist".[7]

Nach dem Beginn des deutschen Westfeldzugs im Mai 1940 musste sich Feuchtwanger wie viele andere Deutsche, die sich in Frankreich aufhielten, in das Internierungslager Les Milles begeben, wo er bereits bei Kriegsausbruch 1939 für wenige Wochen interniert worden war. Später wurden die Gefangenen von Les Milles aufgrund des Vorrückens der deutschen Truppen in ein provisorisches Zeltlager nahe Nîmes verlegt. Von dort wurde er von Angestellten des amerikanischen Konsulats in Marseille - als Frau verkleidet - herausgeschmuggelt. Nach Monaten des Wartens in Marseille konnte er mit seiner Frau unter abenteuerlichen Umständen über Spanien und Portugal in die USA fliehen und lebte ab 1941 bis zu seinem Tode in Kalifornien, ab November 1943 in der komfortablen Villa Aurora. Auch durch die Einkünfte durch Filmrechte konnte er sich diese mit einer großen Bibliothek leisten. Feuchtwanger war Mitbegründer des Aurora-Verlages 1944 in New York. Durch seine Werke aus der Zeit in Frankreich und den USA zählt Feuchtwanger zu den großen Schriftstellern der Exilliteratur. Nach dem Krieg wurde er als Linksintellektueller argwöhnisch von den US-Behörden in der McCarthy-Ära beobachtet. 1947 schrieb er ein Theaterstück über die Hexenprozesse von Salem (also Jahre vor Arthur Miller), Wahn oder Der Teufel in Boston, das 1949 in Deutschland uraufgeführt wurde und 1953 in der Übersetzung von June Barrows Mussey („The Devil in Boston“) in Los Angeles und New York aufgeführt wurde. Am Lebensende befasste er sich wieder mit jüdischen Themen (Die Jüdin von Toledo) und befürwortete einen jüdischen Staat als Zuflucht.

1953 erhielt Lion Feuchtwanger den Nationalpreis der DDR 1. Klasse für Kunst und Literatur. Dort wurde er als Antifaschist und kommunistischer Sympathisant hoch in Ehren gehalten.

Lion Feuchtwanger erkrankte 1957 an Magenkrebs.[8] Nach mehreren Operationen verstarb er Ende 1958 an inneren Blutungen. Er ist auf dem Woodlawn Cemetery in Santa Monica beerdigt.[9]

Lion-Feuchtwanger-Preis[Bearbeiten]

Der Lion-Feuchtwanger-Preis wird seit 1971 für historische Prosa vergeben.

Werke[Bearbeiten]

Romane und Erzählungen[Bearbeiten]

Verlagseinband des Erstdrucks von Jud Süß, 1925

Lyrik[Bearbeiten]

  • Pep - J. L. Wetcheeks amerikanisches Liederbuch. Potsdam 1928. Ironische Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Glauben an die Kraft des Kapitals.

Autobiografische Schriften[Bearbeiten]

  • Moskau 1937 : Ein Reisebericht für meine Freunde. Querido Verlag, Amsterdam 1937. - Es gibt zahlreiche Neuausgaben, z.B. Aufbau Verlag, Berlin 1993, ISBN 3-7466-0168-1. Feuchtwangers Sicht der stalinistischen Sowjetunion, die er 1936/1937 besuchte.
  • Unholdes Frankreich, 1942 (später „Der Teufel in Frankreich“), ISBN 3-7466-5018-6, beschreibt Feuchtwangers Erlebnisse in Frankreich 1940 im französischen Internierungslager Les Milles, während die deutsche Front sich auf das Lager zubewegt.

Erzählungen[Bearbeiten]

  • Panzerkreuzer Potemkin. Aufbau Verlag (DDR), 1946, veröffentlicht in der Bundesrepublik 1985 im Fischer Taschenbuch Verlag, ISBN 3-596-25834-0. Enthält verschiedene Erzählungen, darunter auch „Venedig (Texas)“.

Theaterstücke[Bearbeiten]

  • Kleine Dramen (Joel; König Saul; Das Weib des Urias; Der arme Heinrich; Donna Bianca; Die Braut von Korinth) (1905–1906)
  • Der Fetisch. Schauspiel in fünf Akten (1906)
  • Julia Farnese. Ein Trauerspiel in drei Akten (1915)
  • Warren Hastings. Schauspiel in vier Akten und einem Vorspiel (1915)
  • Jud Süß. Schauspiel in drei Akten (1918)
  • Die Kriegsgefangenen. Ein Schauspiel in fünf Akten (1918)
  • Thomas Wendt. Ein dramatischer Roman (1918–1919)
  • Der holländische Kaufmann. Ein Schauspiel (1920)
  • Der Amerikaner oder die entzauberte Stadt. Eine melancholische Komödie in vier Akten (1921)
  • Die Petroleuminsel. Ein Stück in drei Akten (1923)
  • Wird Hill amnestiert? Komödie in vier Akten (1923)
  • zusammen mit Bertolt Brecht:
    • Leben Eduards des Zweiten von England. Historie nach Marlowe (1924)
    • Kalkutta 4. Mai. Drei Akte Kolonialgeschichte (1925) Überarbeitung des Warren Hastings
    • Die Gesichte der Simone Machard (1941–1943)
  • Wahn oder Der Teufel von Boston. Ein Stück in drei Akten (1948). Premiere Frankfurt a. M. 1949, in englischer Übersetzung („The Devil in Boston“) Los Angeles 1953.

Sonstige Schriften und Sammlungen[Bearbeiten]

  • Heinrich Heines »Rabbi von Bacharach«. Eine kritische Studie. Dissertation München 1907. Frankfurt a.M. 1985.
  • Ein Buch nur für meine Freunde. Aufbau, Berlin 1956. Neuausgabe: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-596-25823-5. Sammlung von etwa 100 verstreut veröffentlichten kleineren Werken Feuchtwangers (Studien, Theaterkritiken, Literaturgeschichtliches, Autobiographisches, Erzählungen)
  • Das Haus der Desdemona. Größe und Grenzen der historischen Dichtung. Greifenverlag, Rudolstadt 1961 (aus dem Nachlass)
  • Harold von Hofe (Hrsg.): Briefwechsel 1933–1958: Arnold Zweig − Lion Feuchtwanger. 2 Bde. Aufbau, Berlin 1984. Taschenbuch: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1986
  • Harold von Hofe, Sigrid Washburn (Hrsg.): Briefwechsel mit Freunden 1933–1958. 2 Bde. Aufbau, Berlin 1991, ISBN 3-351-01665-4
  • Nortrud Gomringer (Hrsg.), Lion Feuchtwanger, Briefe an Eva van Hoboken, Wien : Ed. Splitter 1996

Werkausgabe[Bearbeiten]

  • Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Aufbau, Berlin 1959-1989
    • Bd. 1: Die häßliche Herzogin Margarete Maultasch. Jud Süß
    • Bd. 2: Der jüdische Krieg
    • Bd. 3: Die Söhne
    • Bd. 4: Der Tag wird kommen
    • Bd. 5: Der falsche Nero
    • Bd. 6: Die Füchse im Weinberg
    • Bd. 7: Goya oder der arge Weg der Erkenntnis
    • Bd. 8: Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jacques Rousseau
    • Bd. 9: Die Jüdin von Toledo. Jefta und seine Tochter
    • Bd. 10: Erfolg - drei Jahre Geschichte einer Provinz
    • Bd. 11: Die Geschwister Oppermann
    • Bd. 12: Exil
    • Bd. 13: Die Brüder Lautensack. Simone
    • Bd. 14: Erzählungen. Pep - J. L. Wetcheeks amerikanisches Liederbuch
    • Bd. 15: Dramen 1
    • Bd. 16: Dramen 2

Verfilmungen seiner Werke[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Dokumentarfilm
  • Feuchtwanger lebt! Reportage, Deutschland, 2008, 44 Min., Buch und Regie: Herbert Krill, Produktion: 3sat, Erstsendung: 17. Dezember 2008, 44 Min.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Lion Feuchtwanger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Nach seiner Auswanderung entzog ihm die Ludwig-Maximilians-Universität München 1933 aufgrund seiner jüdischen Abstammung den Doktortitel. Erst im November 1952 gab ihm die Universität den Titel wieder offiziell zurück.
  2. W. von Sternburg, Lion Feuchtwanger. Ein deutsches Schriftstellerleben., S. 93ff.
  3. Bayerisches Hauptstaatsarchiv IV, Kriegsstammrolle Nr. 7833 (Ers.-Batl. Res.-Inf.-Regt. N°2)
  4. Wagener, Lion Feuchtwanger, 1996, S. 44f.
  5. Erstausgabe in: Hermann Sinsheimer (Hrsg.): An den Wassern von Babylon. Ein fast heiteres Judenbüchlein. Georg Müller, München 1920. S. 52-92. Nachgedruckt in: Ein Buch nur für meine Freunde. Frankfurt/M. 1984, S. 437-459; Zitat dort S. 453f.
  6. Hans Christoph Buch: Wer betrügt, betrügt sich selbst. In Die Zeit 15/1992
  7. Manfred Flügge: Muse des Exils – Das Leben der Malerin Eva Herrmann . Insel, Berlin 2012, ISBN 978-3-458-17550-6, S. 238
  8. Villa Aurora, Information (pdf)
  9. Grabstätte von Lion Feuchtwanger in Santa Monica